Er blieb plötzlich stehen, nachdem er während der ganzen Unterhaltung ziemlich erregt im Zimmer auf- und abgegangen war und sah mich betroffen ort.

Solche Gewaltstreichc liegen mir nicht, sagte er schließlich. Was einer tut, fällt auf ihn selbst zurück.

Ich erwiderte nichts mehr. Es hätte keinen Sinn gehabt ... Vielleicht hatte er recht. Eines schickt sich nicht für alle. Und seine Abneigung gegen alle Gewalt war mir ja schließlich bekannt.

Ich habe oft an seine Schlußnntwort denken müssen, und ich habe mir oft überlegt, wie er wohl mit dem Leben zurechtgekommen wäre, wenn er sich auch seine äußere Position hätte erkämpfen müssen ... Und immer bin ich zu dem gleichen Ergebnis gekommen: er wäre dann eben nicht mit dem Leben zurechtgekommen. Er hätte ja dann häufig unduldfam sein müssen: und gerade dies wäre ihm ganz unmöglich gewesen. Denn er war von Natur aus einer der duld- santsten und humansten Menschen, die ich kannte.

Beide Worte, duldsam und human, sind heute bei vielen Deutschen verpönt als Bestandteileliberalistischen" Denkens. Der Fanatismus politisch begrenzten Wollens begreift nicht ihre universale und ewige Geltung. Um so stärker, um so ergreifender ist ihre Wirkung durch das Medium des von ihnen ganz durchdrungenen menschlichen Bildes.

Woher soll man eigentlich das Recht nehmen, sagte er einmal zu mir, als ich ihm von meiner Abneigung gegen das mir unerträgliche Buch von Wolters:Herrschaft und Dienst" gesprochen hatte, die Forderungen, die man im besten Falle an sich selbst stellen kann, anderen aufzuerlegen?

Woher soll man das Recht nehmen: in dieser Frage war dieser ganze Mensch ... Nein, er maßte sich wirklich niemals ein Recht an. Und auch, wo er innerlich ablehnte, machte er keinen Gebrauch von dem Gegenargu­ment. Er enthielt sich dann der Aeußerung oder Stellungnahme. Er schwieg ... Aber das hieß nicht, daß ihn das ihm Artfremde nicht in seinem Nachdenken beschäftigt hätte! Im Gegenteil! Es beschäftigte ihn außerordentlich. und es war rührend, wenn man zuweilen erfuhr, wie er sich um Freunde sorgte, deren Tun und Lassen er sich nicht ausdcuten konnte. Duldung, welche noch das Geduldete versteht wenigstens objektiv versteht ist schließlich nicht allzu schwer. Duldung aber, welche das Andere" nicht mehr erfaßt, ist eigentlich erst wahre Duldung. Und eine solche war die seine. Wer von ihr beseelt ist, muh unpathetisch sein. Seine Kraftquelle und sein Regulativ sind das große Fragezeichen: sein oberster Gott ist die Moira, der alle anderen Götter, auch die, denen er selber dient, unterworfen sind.

Um dieses großen Fragezeichens willen, das über seinem geheimsten Denken stand und nur wenigen fühlbar wurde, habe ich ihn am meisten geliebt. Um dieses Nicht-Endgültigen willen, das ihn über alle not­wendigen Schwächen hinaus Schwächen, wie sie jedes menschliche Wesen haben muß in einehöhere Ordnung Mensch" wies. Er hatte nichts von jener gefährlichen Sucht des Abstempelns, die gerade dem Deutschen so oft verhängnisvoll wird. Er hatte das innere Lächeln, in dem mehr Wahrheit und Weisheit liegt als in aller großen Geste und allem lauten Wort. Wenn jrf) ihn im Geiste vor mir sehe, ist es immer so: Den Kopf leicht gehoben, die Augen unmittelbar in die Augen seines Gegenüber gerichtet und über den schmalen Lippen jene ganz leichte Schürzung, welche die physionornische Umschreibung des seelischen Fragezeichens ist: stärker als alle Antworten/ die ihm gegeben werden konnten. So viel er auch fragte: im Grunde brauchte er gar keine Antworten. Denn er hatte das allerletzte Wissen wenn auch unbewußt: das Wissen, daß es in unserem Leben überhaupt keine Antworten gibt.

Alte süddeutsche Gtadtwinkel.

Bon Dr. Margot Rieß.

Wer eine Reise durch die alten Städte Süddeutschlands unternimmt, ist in dem fast bedrückenden Bewußtsein, uralten hochwertigen Kultur­boden zu betreten, oft in ähnlicher Art eingestellt wie ein Museumsbe­sucher: er läßt die einzelnen Kunstdenkmäler aus sich wirken, auf die er sich mit Fleiß und Mühe historisch oder kunstgeschichtlich vorbereitet hat, man strebt größtmögliche Vollständigkeit an, doch meistens nur io weit es sich eben auf die einzelnen hervorragenden Monumente bezieht. Man ist zufrieden mit sich, wenn es einem gelingt, den romanischen Kern einer Kirche aus einer komplizierten Verkleidung jüngerer Umbauftn herauszuschälen. Der oder jener berühmteDurchblick" steht wohl aus dem Programm, den man so mitnimmt wie ein schönes Kunstwerk mehr.

Aber das ist nicht die rechte Art, nicht so erschließt sich einem das Heimlich-hintergründige Wesen der alten Städte, daß man nur zukalt­staunendem Besuch" sie aussucht. Man muß in uni) mit ihnen gelebt haben, sich für eine Weile einmal ihrem la ng s a m -b eha b ig e n Satt ange= paßt haben, den Atem ihrer landschaftlich durchleuchteten Atmosphäre gefühlt, die schwerfälligen Glockenschläge als Zeichen für feinen eigenen Werktag vernommen haben. Denn alles, was zwischen den Zeilen dieser alten und kostbaren vor uns wie zum Lesen ausgeschlagenen Bucher steht, ist wesentlich: der Gang an Mauerwänden entlang,deren leise Unregelmäßigkeiten man mehr fühlt als sieht. Das geschwätzige Plät­schern der Brunnen, der Reiz alter Straßenbeschriftungen und z>er- voller Schilder, die sich in die Fassadenarchitektur so genau empassen wie ein Bild in die Zimmerwand. Das allenthalben spürbare heimliche Bezogensein des einen zum andern, des Kleinen zum Großen. Dies ge­rade hat das 19. Jahrhundert bedauerlicherweise mißachtet, als man da­mals, die Konsequenz aus einem mißverstandenen Individualismus ziehend, alle wichtigeren Baudenkmäler nach Möglichkeitfrellegte . Das zutraulich-nahe, wie schutzsuchende Sich-anschmiegen halbverfallener Häuser und winkliger Gäßchen an große Dome wurde tomit EUlchtet, und so mußte der eigentliche Symbolcharakter solcher Bmiformen - korengehen. So daß man mit Recht gesagt hat, die alten Städte . deutschlands hatten drei Feinde: das Feuer, die Franzosen und die Zerstörungswut der neuen Zeit. Wie überwaltigenddieWirkung an Stetten, die von solchen verfehlten Renovierungsmaßnahmen verschont geblieben sind, noch iit weih jeder, der nur einmal das gewaltige Emporragen

und Herauswachsen des Straßburger Müiifters oder auch der Münchener Frauenkirche aus einem bizarren Gewirr von Dächern erlebt hat.

WievielGesicht" und sprechenden Charakter hat auch so ein altes Rothenburger Burgtor, wieviel bergend Mütterliches, gütig Zuverläs­siges. Nachgiebig in der Form, wirken solche sich langsam senkenden Dächer fast wie mit der Hand modelliert. Von ganz besonderer Art ist auch die ästhetische Rolle, die ein bei einer Straßenbiegung direkt vor uns aus dem Boden schießender Turm in einer Stadt als orien­tierender Blickpunkt und Halt spielt. Aufweckend und straffend ist die Wirkung einer so betonten Vertikale, an der man sich unwillkürlich auf« richtet und ordnet, der eines plötzlich emporfahrenden Hornruss ver­gleichbar. Und wieviel Heimliches und Stilles webt als unfaßbare Stim­mung um einen verfallenden Mauerrand, dem anspruchsloses Gesträuch feine Hinfälligkeit und Kahlheit roegtröftet. Aber wieviel wissen auch die konzentrisch um den Kern der Anlage gelegten Mauern, die wie Jahres­ringe eines Baumes das allmähliche Wachstum einer alten Stadt kenn­zeichnen, von weit- und kulturgeschichtlichen Ereignissen zu erzählenl Wer sie umwandelt," schreibt Ricarda Huch in ihrenStädtebildern", ,/denkt nicht, daß da brinnen einst scharf gehaßt und gekämpft wurde. Unter den lockeren Wölbungen der alten Bäume, unter den steilen Gie­beln, den braunroten Dächern maltet in langen Atemzügen der Friede, der die Denkmäler ausgelebten Lebens umgibt."

Sehr wesentlich ist immer das Hineinschwingen der Landschaft in die Stadt, das warm befreundete (Eingebettetfein der Häuser in bewaldete Hügel, die zitternden Spiegelungen der Formen im Wasser, besonders da, wo es wie imKlein-Venedig" in Bamberg eine direkte Straße bildet. Immer wieder ist der Gegensatz des harten, spröden Mauerstoffes und des nachgiebigen Elementes von einer überraschenden traumähn­lichen Wirkung. Vor allem aber müssen'wir die saalartige Geschlossen­heit von Plätzen und Märkten bewundern, auf denen Rathaus, Kirche, Brunnen obwohl oft in verschiedenen Jahrhunderten entstanden in so selbstverständlicher gegenseitiger Abstimmung zueinander und zur räumlichen Proportion des Ganzen stehn, daß sie mit b?r gleichen architektonischen Notwendigkeit wirken wie die bewußt gestaltete Ein­richtung eines Raumes. Denn Werke von wirklich ausgesprochenem Charakter vertragen sich, wachsen gleichsam aufeinander zu, werden sich familienähnlich, trotz verschiedenster Bildung im Einzelnen.

Eindrücke solcher Art vermitteln einem vor allem Städte, deren Ur­sprung nicht wie bei den späten Renaissance- und Barockgründungen auf den Willensakt eines einzelnen weltlichen ober geistlichen Fürsten zurück­geht, bie vielmehr scheinbar aus eigener Kraft treibend, gleichsam schick- fallos entstanden sind, wie Rothenburg, Dinkelsbühl, Hall und andere. Daß wir eben diese Städte immer wieder aufsuchen müssen, ist nicht nur dem Interesse für ein beherrschendes Bauwerk zu danken, das zu­gleich durch feine besondere kulturelle Ausstrahlung die ganze Atmo­sphäre der Stabt bestimmt, wie etwa bie Dome von Worms und Speyer und wenn auch nicht mehr funktionell, so doch noch stimmungsmäßig die Schlösser von Würzburg, Karlsruhe und Stuttgart. Sondern ge­rade wir, die wir mehr oder weniger widerstrebend schließlich alles anzubeten gelernt haben, was nach Schematisierung, Rationalisierung, Entpersönlichung drängt, wir reagieren heute wieder ganz besonders positiv auf das ausgesprochen Unzeitgemäße, physiognomisch Betonte, das in dem behäbigen und breitspurigen Sich-darbieten, dem friedvollen Gelagertsein der Formen so eigenwillig und charakteristisch für süddeut­sches Wesen uns anspricht.

Gerade durch die Diktatur der neuen Sachlichkeit sind wir heute wieder besonders empfindlich für die Reizealter Herzlichkeit" geworden, wie sie uns durch bie intime Geschlossenheit, prägnante Physiognomie und substantielle Greifbarkeit ber Formen der so alten unb uns bei jebem Besuch doch immer wieder so neuen süddeutschen Städte vermittelt werden.

, Durch die verschiedene ©tammesart der Bewohner und die geo­graphische Lage wird der Charakter der süddeutschen Städte sehr wesent­lich mitbestimmt. Z. B. sind bie fränkischen Städte durchweg zierlicher unb anmutiger in Bauart unb Straßenführung als die schwäbischen oder bayrischen Städte des Alpenvorlandes. Auch macht sich die Einwirkung der großzügigeren italienischen Baukunst mit ihren Kolonnaden, pati- nierten Kuppeln und flachen Dächern an Orten, die am Ausgangspunkt italienischer Straßen liegen, schon überall bemerkbar: in Lindau, Augs­burg, Passau, aber auch in den kleinsten Marktfleckchen. Zudem hat die südliche Sitte der Fassadenbemalung hier vielfach Eingang gesunden, wodurch auch dem dunkelsten Stadtbild ein lichter, liebenswürdig spiele­rischer Ton verliehen wird.

Für die am Unken Rheinuser liegenden Städte ist wiederum bas in Frankreich geborene Mansardendach charakteristisch, für die bayerischen Orte dagegen die wuchtige überhöhte Fassade. Alle diese Unterschiede ver­halten sich in ganz auffälliger Weisekonstant", so daß wir in dieser Vielfalt einmal eine wirklich sympathische Kehrseite ber viel geschmähten deutschen Eigenbröbelei lieben dürfen. *

Nicht jede Zeit hat übrigens ein Organ für die oft ans Absurde gren­zendeunansehnliche Schönheit" ber alten Städte Süddeutschlands ge­habt. Erst durch den Gegendruck der Großstädte wurde das Gefühl für bie besonderen Werte des Echten, kräftig und still Gewachsenen wach, etwa zur Zeit von Wackenroderskunstliebenbem Klosterbruder", ber er­griffen vor dem Anblick Nürnbergs steht. Seitdem ist trotz aller Kunst­krisen und ästhetischen Meinungskämpfe das Singen unb Sagen von bem unerschöpflichen Reichtum, den bie alten fübbeutschen Stabte in all ihrer verschlafenen Abseitigkeit und Bescheidenheit barstellen, nicht mehr verstummt. Den schwebenden Stimmungsgehalt dieser Erlebnisse hat noch besonders der Dichter Rainer Maria Rilke erfaßt, als er Hans Thomas BildMondnacht" in Worten auszudeuten suchte:Süddeutsche Nacht, ganz breit im reifen Monde und mild wie aller Märchen Wiederkehr!"