roenir man auch freilich In ihnen nie einen Hauptwert seines Schassens wird sehen dürfen.
Buick ist nie ein bloßer Spaßmacher gewesen; vielmehr haben ihn alle Probleme und künstlerischen Richtungen seiner Zeit beschäftigt. Er hat der Tendenzdichtung, dem Nachklang des „jungen Deutschland, zu Anfang seinen Tribut gezahlt, dann im strengsten Gegensatz zu der schonseligen Salonkunst des Historismus und der Münchener Tichterschule seinen absichtlich primitiven, groben Stil gebildet, der hckisig eine direkte Varobie L= lyrischen Reimgeklingels ist. Ein Grübler, Sinnierer und Nachdenker ist er immer gewesen, hat von Kants „Kritik der Vernunft , der er bescheiden eine „Kritik des Herzens" an die Seite stellte, fruh^einen starken Eindruck erhalten und ist den pessimistischen Gedankengang Schopenhauers von den positiven Eigenschaften des Schmerzes und den negativen der Lust nicht kosgeworden. Alle seine Geschicken gehen ja darauf aus, zu zeigen, wie viel Ungemach, Malheur, und Pein der Mensch erleidet, und wie er zufrieden sein muß, wenn er nur ruhig und ohne besondere Plackereien still sitzen kann. Auch seinen Glauben an die menschliche Willensfreiheit hat er aufgeben müssen, und so ist ihm der^.menschliche,-ebens- lauf als ein gar eintöniges, von seltsamen Zwischenfällen unterbrochenes Nacheinander erschienen, in dem das arme Erdentier in verzweifelte! Anstrengungen am Faden des Geschicks zappelt und unbarmherzig doch dahin gezogen wird, wohin es muß.
Die Welt ist nur ein Puppentheater, an dem wenige Auserlesene die Strippen sehen und niemand den Direktor, der die Figuren leitet; immer aber wirft uns die „T ü cke des Objekts den Knüppel zwischen die Beine, wenn wir am stolzesten und aufrechtesten daherrommen. Dieses krause Weltbild, das die Naivität kindlicher Auffassung mit einem skeptischen Tiefsinn verbindet, wird durch seine vollendete Kunst der knappen Reime und der leicht hingestrichelten, fabelhast ausdrucksreichen Bilder geläutert. Er legte selbst Wert darauf, festzustellen daß seine Sachen, „trotz dümmlichsten Aussehens, doch teilweise im -eben geglüht, mit Fleiß gehämmert und nicht unzweckmäßig zusammengesetzt find . Was nun aber das Kunstwerk betrifft", meint er em andermal, „meine Lieben, so meine ich, es sei damit ungefähr so, wie mit dem Sauerkraut. Ein Kunstwerk, möchk ich sagen, müßte gekocht sein am Feuer der Natur, dann hinqestellt in den Vorratsschrank der Erinnerung, dann dreimal au - gewärmt im goldenen Topfe der Phantasie, dann serviert von wohl- qeformten Händen, und schließlich müßte es dankbar genossen werden mit gutem Appetit." In diesem Sinne werden wir uns auch im zweiten Jahrhundert seines Fortlebens an seiner Schöpsung erfreuen, ine langst aus der Kinderstube und vom Familientisch in jene verklarten Regionen emporgestiegen ist, in denen die Weltmeister des Humors, Cervantes und Swift, Dickens und Raabe, Brouwer und Daumier, zu Hause find.
Das Zahnweh.
Von Wilhelm Busch.
Das Zahnweh, subjektiv genommen, Ist ohne Zweifel unwillkommen; Doch hat's die gute Eigenschaft, Daß sich dabei di« Lebenskraft, Die man nach außen oft verschwendet, Auf einen Punkt nach innen wendet Und hier energisch konzentriert. Kaum wird der erste Stich verspürt. Kaum sühlt man das bekannte Bohren, Das Rucken, Zucken und Rumoren — Und aus ist's mit der Weltgeschichte, Vergessen sind die Kursberichte, Die Steuern und das Einmaleins, Kurz, jede Form gewohnten Seins, Die sonst real erscheint und wichtig, Wird plötzlich wesenlos und nichtig. Ja, selbst die alte Liebe rostet — Man weiß nicht, was die Butter kostet — Denn einzig in der engen Höhle Des Backenzahnes weilt die Seele, Und unter Toben und Gesaus Reift der Entschluß: Er muß heraus!!
Wilhelm Busch und die Frauen.
Von Kurt M e y e r - R o t e r m n n d.
In die Reihe der berühmten Hagestolze, die in Kant, Schopenhauer, Nietzsche, Grillparzer, Keller usw. ihre hervorragendsten Vertreter unter den Philosophen und Dichtern besitzen, gehört auch der Weise von Mechtshausen, der große philosophische Zeichner Wilhelm Busch. Grundsätzlich war dieser scheue Niedersachse den Frauen nicht abhold gewesen, wie solches die gemütvolle Aufgeschlossenheit gegenüber seiner „Briesfreundin Maria 'Anderson deutlich erkennen läßt. Von der Weiblichkeit im allgemeinen spricht der damals (1875) noch stark unter Schopenhauers Einfluß stehende Sonderling von Wiedensahl zwar mit Sarkasmus, aber den unbefangenen Gedankenaustausch mit der holländischen Schriftstellerin führt der sonst so herbe Busch in einer Liebenswürdigkeit, die bei feiner üblichen Reserviertheit geradezu überraschend wirkt. Sogar die verfängliche Frage, warum er Junggeselle geblieben sei, hat er der Dame beantwortet: „Ich denke nie daran, zu heiraten. Als ich gern geheiratet hätte, da mußte ich von 400 Gulden im Jahre leben und studieren, und das habe ich auch, ohne Schulden zu machen, fertiggebracht. Später, als ich pekuniär in der Lage gewesen wäre, zu heiraten, da war das Mädchen, das ich liebte, gestorben." Allerdings ist dieses junge Mädchen nicht gestorben, wie Frau Anderson gemeint hat, sondern es hat einen anderen geheiratet. In der „Kritik des Herzens" hak Busch seiner „unglücklichen" Liebe ein Denkmal gesetzt:
„Sie war ein Blümlein hübsch und fein, Hell aufgebläht im Sonnenschein. Es war ein junger Schmetterling, Der selig an der Blume hing.
Ost kam ein Bienlein mit Gebrumm Und nascht und säuselt da herum. Ost kroch ein Käfer kribbelkrabb Am hübschen Blümlein auf und ab. Ach Gott, wie das dem Schmetterling So schmerzlich durch die Seel« ging. Doch was am meisten ihn entsetzt, Das Allerschlimmste kam zuletzt: Ein alter Esel fraß die ganze Bon ihm so heiß geliebte Pflanze."
Seine „Brieffreundin" hak Wilhelm Busch nur einmal im Leben persönlich gesehen, und zwar traf er sich mit ihr, die im Januar 1875 erstmalig an ihn geschrieben hatte, am 6. Oktober 1875 gelegentlich einer Rheinreise in Mainz. An der dortigen Landungsstelle fand fie Busch bereits vor, der ihr erzählte, der Bahnhof sei weiter nichts als eine hölzerne Scheune und so zum Rendezvousplatz wenig geeignet. Busch selbst war im „Holländischen Hof" abgestiegen, da man ihm gesagt hatte, jenes fei das einzige Hotel — ohne Wanzen. Nach Wiesbaden, wo damals Frau Anderson wohnte, hätte er nicht kommen wollen, weil «r gesiirchtet hätte, dort „vorgestellt" zu werden. Gemeinsam wandelten die beiden zum „Holländischen Hof" und fetzten sich dort bald zum Souper. Eine magere Engländerin, die steif und würdevoll vor ihrem leeren Teller saß, gab Bu'sch oleich Anlaß zu einer launigen satirischen Bemerkung. Bis zwei Uhr nachts zog sich die angeregte lebhafte Unterhaltung hin, in der die mannigfaltigsten Themen berührt und behandelt wurden.
Vor allem machte Busch seinem Unwillen darüber Luft, daß sein Gedichtband „Kritik des Herzens" — offenbar, weil di« Karikaturen fehlten — bei weitem nicht den Anklang im großen Publikum fand, wie feine anderen Schriften. Busch äußerte sich auch über das eigene Verhältnis zu seinen Werken. Im Anfang mache ihm alles selbst sehr viel Spaß; der verringere sich aber gewaltig, sobald die Drucklegung beginne. Das Korrekturlesen schien ihm sehr wenig behagt zu haben. Gar manches, was sie brieflich angeschnitten hatten, erörterten die beiden während ihres Soupers; sogar aus das Gebiet der Seelenwanderung gerieten fie.
Am nächsten Tage machte das merkwürdige Paar wegen des schönen Wetters einen Ausflug nach Hochheim. Man fuhr in einejn offenen Wagen auf der alten Schiffsbrücke über den Rhein, deffen landschaftliche Schönheiten Busch, der sie von feiner Düsseldorfer Studienzeit her kannte, begeistert pries. In Hochheim trank man einen guten Tropfen. Es jchloß sich ein Erlebnis an, das in seiner Drastik wie eine Szene aus den Werken des Meisters sich ausnahm. Dem Kutscher hatte Busch ein Silberstück in die Hand gedrückt, damit sich jener ein wenig „stärke". Bei der Verwirklichung dieser freundlichen Aufforderung hatte der Beschenkte weniger auf die Qualität, als auf di« Menge Werk gelegt, und er war bei der Rückfahrt nicht mehr ganz nüchtern. Infolge der Unsicherheit des Rosselenkers schwankte der Wagen bedenklich hin und her. Das fünfjährige Söhnchen von Frau Anderson saß neben dem angetrunkenen Kutscher auf dem Bocke. Die ängstlichen Befürchtungen der Mutter beschwichtigte Busch mit den fatalistischen Worten: „Wenn er nicht fallen soll, wird er nicki fallen." Die Gefahr ging denn auch glücklich vorüber, und wohlbehalten traf man wieder" in Mainz ein. Unter den Kastanienbäumen des Bahnhofgartens in Staffel fand der Abschied statt.
Der letzte Brief, den Busch seiner Freundin geschrieben hat, tft aus Wiedensahl vom 9. August 1878 datiert. Einsiedlerisch, aber keineswegs menschenfeindlich, wie häufig fälschlich zu lesen ist, hat Wilhelm Busch zunächst zwanzig Jahre lang in seinem oben genannten Geburtsorte und bann noch ein Jahrzehnt lang bis zu feinem Tod« (1908) in Mechtshausen verbracht.
Der Untergang der „Titania.
Von Eugen S z a t m a r i.
Nachdruck verboten.
Sechs Tage verlief di« Fahri der „Titanic" ohne jeden Zwischenfall. Es war Sonntag, der 14. April 1912. Mit Volldampf fuhr die „Titanic" durch die sternklare, eiskalte Nacht. Die Geschwindigkeitsmesser zeigten 21 Knoten, die Schiffsschrauben arbeiteten mit dem Maximum von 78 Umdrehungen in der Minute, »ergebens hatte man den Kapitän Smith vor treibenden Eisbergen gewarnt — Bruce Jsmay, der Präsident der White- Star-Linie, bestand auf schneller Fahrt, die „Titanic" sollte einen neuen Rekord schaffen, fie sollte den Deutschen und der Cunard-Linie den Rang ablaufen im Kampfe um das Blau« Band des Ozeans — der größte Dampfer der Welt sollte auch der schnellste fein.
1400 Passagiere hatte die „Titanic" an Bord, neben 1000 Mannschaften und Offizieren. 7 Millionen Briefe in„3500 Postsäcken lagen in den Posträumen. Millionenwerte waren dem Schiff anvertraut — allein die 29 Juweleniendungen, die in einer besonderen Stahlkammer mitgesührt wurden, repräsentierten einen Wert von mehr als 7 Millionen Mark.
Das Meer war spiegelglatt. Im großen Salon der ersten Klasse spielte die Musik die neuesten Onestepschlager. Man verabschiedete sich von der Reis« mit einem Ball — es sollte ja die letzte Nacht auf hoher See werden, die „Titanic" befand sich bereits auf der Höhe von Cap Race, Neuyork war nicht mehr weit, am Montag oder spätestens am Dienstag sollte man ankommen. Im Rauchsalon spielte man Karten. In der Bar trank man seinen Whisky. Auf den Decks flirteten die jungen Leute, in Plaids gehüllt, denn die Nacht war kalt, eiskalt.
Der Kapitän Mr. Smith faß mit einigen Passagieren im Rauchsalon — auf der Kommandobrücke stand der erste Offizier, Mr. Mudlock. Der Aus- luger meldete ihm, daß das Schiff sich einem großen Eisberg nähere, aber Mr. Mudlock kümmerte sich nicht viel darum. Was sollte wohl ein Eisberg diesem Titanen aus Eisen und Stahl anhaben! Mr. Mudlock


