GieheimZamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1932 Zreitag, den15.April Nummer29
Oer Einsame.
Von Wilhelm Busch.
Wer einsam ist, der hat es gut. Weil keiner da, der ihm was tut Ihn stört in seinem Lustrevier Kein Tier, kein Mensch und kein Klavier. Und niemand gibt ihm weise Lehren, Die gut gemeint und bös zu hören. Der Welt entronnen, geht er still In Filzpantoffeln, wann er will. Sogar im Schlafrock wandelt er Bequem den ganzen Tag umher. Er kennt kein weibliches Verbot, Drum raucht und dampft er wie ein Schlot Geschützt vor fremden Späherblicken, Kann er sich selbst die Hofe flicken. Liebt er Musik, so darf er flöten, Um angenehm die Zeit zu töten, Und laut und kräftig darf er prusten. Und ohne Rücksicht darf er husten, Und allgemach vergißt man seiner. Nur allerhöchstens fragt mal einer: Was, lebt er noch? Ei fchwerenot. Ich dachte längst, er wäre tot.
Kurz, abgesehen vom Steuerzahlen, Läßt sich das Glück nicht schöner mal: Worauf denn auch der Satz beruht: Wer einsam ist, der hat es gut.
Wilhelm Busch.
Zu seinem 100. Geburtstage: 15. April.
Bon Dr. Paul Landau.
Es scheint, als ob Humor und befreiendes Lachen nur aus Schmerzen und Bitternis geboren werden können. Fast alle Komiker ^nd Pefstmrsten Jedenfalls ist der Urgrund aller echten Heiterkeit em Uefes Erkennen und Verstehen der dunkeln Seiten des Lebens. Nur wenigen Künstlern >!t es gegeben, diese erdenhaste Dumpfheit ganz zu überwinden. Ein greller schneidender Ton, wie ein unterdrückter Aufschrei, milcht sich in 'hre sonst so helle Fröhlichkeit, und dieser mitklingend« Wehlaut gehör aufs engste zu der künstlerischen Wirkung, erfüllt das leichte, gleichsam inhaltslose Spiel mit einem Strom echten Herzblutes. Wilhelm Bu ch gehört zu diesen Humoristen, deren scheinbar harmlos drollige Possen durch den pessimistischen Unterton einen Bezug auf das Ewige erhalten. Die sx> ß.g Arabesken und Reime, an denen sich der ahnungslose Bu^er erstellt erhalten plötzlich einen sehr ernsthaften Hintergrund, wenn sich hinter der derben Komik Abgründe der Menschennatur auftun, ein Einblick m das Bestialische, in die „dunkle Purpurmuhle der Leidenschaften eröffnet wird. Aber das dauert nur einen Moment, daß ein Z'pfel stch lüstete. „Ratsch man zieht den Vorhang zu und weiter geht s im Sauseschritt. In diesem Hintergründe der menschlichmllzumenschttchen ^ragikomodie, vor dem die Erdenkinder im putzigen Durcheinander ihre Sprung«zachen, liegt die künstlerische Wirkung der Bistchychen Schnaken und Schnurren. Er ist darin in der ganzen Weltliteratur wohl am ehest«" mit Jonathan Swift zu vergleichen der in ähnlicher Grobartigkeit aber El pathetl!cher feine bunten Phantasiegebilde, seine Allegorien und Geschichten vor den Leser hinstellt. In allgemeinen, ewigen Typen haben beide grandios Bilder menschlicher Dummheit, Eitelkeit und Niedertracht gesoffen frei, lich zumeist in völlig verschiedener Form; nur einmal, i ,, ,
Traum", hat Busch die phantastische Reiseerzahlung Emsts nufgenom- men. Noch mit einem andern galligen bes 18.30^^06^5
mit Voltaire und seinem „Candide", berührt sich hier Busch. Candide ist das Urbild des optimistischen Gutsbesitzers bei Busch, der die Gute Gottes lobt, und dem ein Bein dafür abgefahren wird, das Urbild> des Unglu^- raben Hans Huckebein: er ist der Pechvogel, der die Leibnizsche „beste der Welten" preist und dabei verprügelt, emgesperrt gemartert, gepeinigt wird. Eine Verspottung alles „ruchlosen Optimismus ä la Leibniz ist auch jedes Werk Buschs, der Verehrers von Schopenhauer.
Zu dieser pessimistisch-ironischen Stimmung kommt nun in seiner Kunst noch ein echt deutsches, gemütlich behagliches Element, eine Freu e genrehaften Ausmalen alltäglicher Begebnisse, eine charme Stimmung, wie sie in den Bildern der Niederländer und den ä W Romanen eines Fielding oder Smollett herrschen. An den alten » -
dern gefiel ihm „ihre göttliche Leichtigkeit der Darstellung malenscher Em- sälle, verbunden mit stofflich juwelenhaftem Reiz, dies« ü .
eines guten Gewissens, welches nichts zu vertuschen braucht . Was er von den Brouwer, Ostade, Teniers — besonders aus ihren Zeichnungen und Radierungen — gelernt hat, das ist neben manchen Einzelheiten den ruhig ihr Pfeifchen schmauchenden Bauern, den sich balgenden Klndrrn, dem Wirrwarr allgemeiner Raufereien, vor allem die gegenständliche Sachlichkeit und die nie moralisierende, aber immer lehrhafte, Spnch- wörter Sentenzen illustrierende Objektivität. Wenn er aus einem der Operationsbilder von Brouwer die heilsame Lehre entnimmt:
„Ja, lieber Freund, wir haben unsere Schwäre Meist hinten, und voll Seelenruh
Macht sie ein anderer auf. Es rinnt die Zähre Und fremde Leute sehen zu",
so ist das eine echte Buschschen Wendung des einzelnen Vorgangs ms Tief- innig-Betrachtsame. Mit der Welt der englischen humoristischen Romane haben feine Geschichten das Kunterbunt der Verwechselungen und Verwicklungen, der Mißgeschicke und Unglückssalle, der engen Stuben und boshaften Taugenichtse gemein, jenes „wahnsinnige Spiel des Zufalls und die Aufhebung aller Naturgesetze", bei denen Menschen Tiere und Gegenstände jäh durcheinander kollern, kugeln, stürzen, aus kleinem Anlaß tollste Revolutionen geschehen und alles in einem Chaos endet. Das ganz Eigenartige an Buschs Humor ist die vollendete Verbindung scharf realisti- scher Beobachtung und symbolisierender Stilisierung, überlegener Satire und karikaturistischer Verzerrung. Und das ist ein Geschenk seiner nieder- deutschen Heimat. Seine Kunst bedeutet eine Hohe niederdeutschen Humors die ebenbürtig neben der so ganz andersartigen und doch blutsverwandten Welt seines Landsmannes Raabe steht.
Die niederdeutsche Sinnesart hat sich von je durch gesunden Mutterwitz und urwüchsige Derbheit ausgezeichnet Eine holzichnitaAlg grobe Manier der Darstellung ging mit scharfer Satire und moralischer Welt betrachtung Hand in Hand. Mit Eulenspiegel, dem dumm-pstsstgen Schalksnarren, tritt dieser Humor in die Literatur em und schafft bald >im Reineke Fuchs" ein klassisches Werk der komischen Tier- und Menschen- beobachtunq des bittern Spottes und befreienden Lachens. Im 17. Jahrhundert erheben sich zuerst in Niederdeutschland Männer, die gegen den allaemeinen Schwulst, das „Alamode"-Wesen und die Verbildung mit den derben Waffen des Hohnes, der Karikatur zu Felde ziehen. Wie köstlich find in den „Scherzgedichten" Laurembergs, den Satiren Rachels die menschlichen Torheiten verhöhntl Mit diesen großen Ahnen niederdeutschen Humors ist das Werk Wilhelm Buschs aufs engste verknüpft. Alle Elemente seines Bolksstammes leben in ihm auf und vereinigen sich, um seine originelle Kunst hervorzubrrngen, in der die bittere Lebensweisheit des Reineke ebenso anklingt wie der grobe Bauernwitz de? Culeit- [nieqel und die behäbig derbe Stimmung des Lauremberg. Wilhelm Busch ist Niederdeutscher in feiner ganzen Persönlichkeit, und mag er auch als Künstler und moderner Mensch unter vielen Einflüssen über die Enge seiner Heimat hinausgewachsen fein, so ist doch der Grundton seines Schaffe?« stets die geruhige Weltbetrachtung, das breite etwas grimmige Lachen und die resolut zupackende Darstellung einer echten Bauernkunst acwesen Ein Dust der sinnlichen Frische und unverwüstlichen Gesundheit, eines vrimitiven ober höchst eindruckvollen und überzeugenden Sichabfm- dens mit der Welt strömt erquickend aus seinen Werken entgegen, der würzige Geruch der niederdeutschen Erde.
Was aber seine Kunst so ganz einzigartig macht, das ist die. organische Verschmelzung von Bild und Wort. In seinen „Bildergeschichten hat
ben stärksten Eindruck seiner eigentümlichen Begabung geschaffen, em Genre für das er wohl bei dem Schweizer Topser und auch bei d m Franzosen Sore Vorbilder sand, das aber erst durch zum runden, vollgültigen, klassischen Kunstwerk ausgestaltet wurde. Wie die Zeichnungen bei der Entstehung dieser Werke das Primäre waren, sohat er auch^ stets auf sie den Hauptwerk gelegt, und unvergleichlich melsterhaft stt der haarscharfe Schmiß dieser „Konturwe en", die impressionistische Beobachtung und Wiedergabe fluchtigster Einzelheiten, die ab^ hinter ^m Momentanen stets das Typische ahnen laßt, die drastische Charaktensle- runa Der Tert erschien ihm zunächst nur als „Eselsbrücke zum Verständnis notwendig, doch in ihm ist seine Persönlichkeit ebenso gemal ausaedrückt. Er war ein ebenso großer Künstler der Sprache wie des Strichs. Deshalb tritt neben die ungeheure Poprckontat ft,ner Vers- Zeichnungen immer bedeutsamer, je tiefer die Wirkung seines Werkes wird feine reine Dichtung, vor allem feine Prosa, die ihn unter die großen deutschen Schriftsteller einreiht. Da sind — außer den wehmütig gedampften und doch so fest zupackenden Gedichten -■ bie beiden tiefsinnigen, rn einem so unvergeßlich zarten Zwielicht schwebenden Erzählungen „Der S ck m etterl ing" und „Eduards Trau m" und dann seine herrlichen Briefe, die den ganzen Zauber, die ganze Warme, Weisheit und Fülle seiner Persönlichkeit atmen. Auch den Maler Busch hat man in neuester Zeit aus der von ihm beabsichtigten Verborgenheit hervorzogen, und selbstverständlich sind seine Bilder Zeugnisse seiner Gestattungskraft,


