sie hören und welchem Geblase sie den Dorzug geben Tollte. Neben dem k eiaeiuiiuvtiL Äeiocge tirui.gieu diene -uui-, mit vorwärts unb liegen | nur allemal eine schmale Gasse frei, wenn reitende Schutzleute von der Queue her bis an die Spitze des Zuges und dann wieder zurück! prengten. , „Wer es nur is?" dachte Olga, in deren Herzen etwas wie Neid aufteimte, I jo schon begraben zu roeroen; aber soviel sie horchte, sie konnte es bet den mit ihr auf der Steintreppe Stehenden nicht mit Bestimmtheit in Erfahrung bringen. (Einer verficherte, daß es ein alter Maurerpolier, ein anderer, daß es ein reicher Ratszimmermeister sei, wahrend eine mit braunem Torsstaub ganz überdeckte Frau, die der herannahende Zug sichtlich beim Abladen unterbrochen hatte, von nichts Geringerem als von j einem Minister für Maurer und Zimmerleute wissen wollte. „Dummes , Zeug", unterbrach sie der nebenan wohnende Butiker, „so was gibt es ja gar nid)." Aberdas Torfweib ließ sich nicht stören und sagte nur: „Warum nich, warum [oll es [o was mch geben?" Und fo [tritt man [ich hin und her. Endlich aber war der Zug vorüber, und Olga passierte nun den Damm und bog hundert Schritte weiter abwärts in die Tieckstraße ein.
Nummer 27a war das dritte Haus von der Ecke: fünf Fenster Front, I drei Stock und eine kleine Manfarde. Der Wirt, ein Kupferschmied, hatte den Hof in eine halboffene Werkstatt verwandelt, in der nun den ganzen Tag über auf oft zweimannshohen Braukesseln herumgehämmert wurde, bei welchem Gedröhn und Gehämmere Wanda ihre Rollen lernte. Es . tat ihr nichts; ja, sie hätte nirgends lieber wohnen mögen, und der Kupfer- i fchmiedegefelle, der auf der obersten Kesfelrundung oft stundenlang Herumritt und sich dabei in platonischer Liebe (der einzigen, die Wanda so kleinen Leuten gestattete) verzehrte, war jedesmal ihr guter Freund. Ihre von Glasermeister Schlichting abgemietete Wohnung lag nämlich nach dem Hose hinaus und hatte hier ihren eigentlichen Aus- und Eingang. Hier | befand sich denn auch ihre Klingel und ihre Karte: „Wanda Grützmacher, Schauspielerin am Nordend-Theater."
Und dieses Titels durfte sie sich rühmen, wie manche Berühmtere. War sie doch ein Liebling der Bühne, die das Glück hatte, sie zu besitzen, und nicht nur ein Liebling des Publikums, sondern auch des Direktors, der, persönlicher Beziehungen zu geschweigen, vor allem bas art ihr schätzte, daß sie, mit Ausnahme der Gage, vollkommen prätensionslos war und alles spielte, was vorkam. „Immer tapfer in die Bresche!" war einer ihrer Lieblingssätze. Sie war überhaupt für Leben und ßebenlaffen, behandelte delikate Vorkommnisse von einem gewissen höheren Standpunkt aus und hatte stereotype, dem urältesten Berliner Witzfond entnommene Wendungen, in denen sich ihre Stellung zum „Ideal" ausdrückte. Sie zog dementsprechend „ein gutes Gehalt einer schlechten Behandlung vor", und wenn ihr bei Soupers mit Bourgeoiswitwern, einer ihr besonders sympathischen Gesellschaftsklasse, die Speisekarte gereicht wurde, so zeigte sie mit einem sie kleidenden und seine Wirkung nie versehlenden Ernst auf das rasch als bestes und teuerstes Erkannte, jedesmal feierlich hinzufetzend: „Dafür laß ich mein Leben."
So Wanda Grützmacher, Tieckstraße 27a. 1
Olga, die sonderbarerweise noch nie Bestellungen bei der Schauspielerin zu machen gehabt hatte, klingelte zunächst vorn bei Schlichtings, und Fräulein Flora Schlichting erschien denn auch, halbverschlafen, an der Tur . und öffnete.
„Is Fräulein Wanda zu Haus?"
„Zu Haus is sie; ich glaube, sie schläft. Hast du was abzugeben?
„Ja. Aber ich soll es ihr selber geben."
„I, gib man ..." Und damit griff sie nach dem Brief.
Olga zog aber energisch zurück. „Nein, ich darf nich ..."
„Na, denn komme morgen wieder!"
Wanda, trotzdem sie nicht Wand an Wand mit der Schlichtingschen Vorderstube wohnte, muhte trotzdem von diefer Unterhaltung gehört haben, denn als eben die Tür zugeworfen werden sollte, war sie, wie aus der Erde gewachsen, da und sagte: „Gott, Olgachen. Was bringst du denn, Kind? Mutter is doch nich krank?" Olga hielt ihr statt aller Antwort den Brief entgegen. „Ach, ein Bries. Na, denn komm in meine Stube, daß ich ihn lesen kann. Hier is es ja stockdufter und wahrhaftig nicht zu merken, daß man bei 'nem Glaser wohnt."
Dabei nahm sie das Kind bei der Hand und zog es mit sich durch die mit jedem Schritte dunkler werdende Schlichtigsche Wohnung, bis in ihre Hinterstube hinein. Hier mußte sie lachen, als sie den fonberbaren Briesverschluß ihrer Freunbin Pauline sah; bann aber öffnete sie die , verklebte Stelle mit einer aus ihrem bicken, schwarzen Zopf genommenen Haarnabel und las nun mit sichtlicher Freube:
„Liebe Wanba! Er kommt heute roieber, was mir sehr verkwehr is, denn ich mache gerabe reine. Sott, ick) bin so ärgerlich und bitte Dich bloß: Komm! Ohne Dir is es nichts. Stine kommt and). Komm Klocker 8, aber nicht später und behalte lieb
Deine Freundin
Pauline Pittelkow, geb. Rehbein."
Wanda steckte den Brief unter die Taille, schnitt Olga ein großes Stück von einem in einer Fayenceterrine mit Decket aufbewahrten altdeutschen Napfkuchen ab und sagte dann: „Un nu grüße Mütterchen und sag ihr, ick) käme punkt acht. Mit 'm Schlag. Denn wir vons Theater sind pünktlich, sonst geht es nid). Un wenn du wiederkommst, Olgachen, so kannst du gleid) die kleine Hoftreppe raufkommen, bloß drei Stufen, da brauchst du vorn nid) durch und is kein Fräulein Flora nich da, die dich anschreit und wegschicken will. Hörst du?" Und in einer Art Selbstgespräch setzte sie hinzu: „Gott, diese Flora; je weniger Bildung, je mehr Einbildung. Sch begreife diese Menschen nich."
Olga versprach, alles zu bestellen, und eilte mit ihrem Beutestück ins Freie. Kaum draußen, sah sie sick) nach einmal um und biß bann herzhaft ein und schmatzte vor Vergnügen. Ader schnöber Unbank keimte bereits in ihrer Seele, unb währenb es ihr noch ganz vorzüglich schmeckte, sagte sie schon vor sich hin: „Eigentlich is es gar kein richtiger... Ohne Rosinen... Einen mit Rosinen eß ich lieber."
(Viertes Kwpilei.
Als Olga nach Erlebigui.g aller ihr abgetragenen Gänge, den zu , Kaufmann Mui^ahn an der Ecke natürlich mit eingereu.mt, u,ie„c. na* Hause kam, fand sie hier alles verändert und Tante Stine damit besa>af- I tigt, die rote Wollschnur der Tüllgardinen in die messingblechenen Halter einzuhaken. Ueberalt herrschte Sauberkeit unb Orbnung — nur in der Nebenstube war man nicht fertig geworden —, und bas einzige, was als Störung gelten konnte, war ein eben abgegebener Korb mit Weinflaschen unb eine vorläufig auf einen danebenstehenden Stuhl gesetzte Hummermayonnaise. . . s
: Olga berichtete, daß Wanda kommen würde, was von leiten der
। Pittelkow mit sichtlicher Freude vernommen wurde. „Wenn Wanda nich da is, is es immer bloß halb. Ich möckste mir nich alle Tage hinstellen un Prinzessin spielen; aber bas muß wahr fein, alle vons Theater haben so was un kriegen einen Schick un können reden. Wo's ihnen eigentlich sitzt, ich weiß es nich unb am wenigsten bei Wanda. Wanba war immer die Faulste von uns un bie Klügste auch nich un ließ sich vorsagen, und l ohne Lehrer Kulike ... na, mit dem hatte sie's. Ueberhaupt, es war ’ne pfiffige Kröte, was sonst die Dicken eigentlich nich sind. Ader immer gut unb kein Neibhammel unb gab immer was ab."
Währenb dieser Rede, bie sich nur halb an Stine richtete, war die mitten auf bem Sofa stehenbe Witwe mit Geraberückung breier Silber ; beschäftigt unb trat, als sie bamit fertig war, vorn Sofa her bis an die Türschwelle zurück, um von hier aus noch einmal alles überblicken und sich von bem Gelungenfein ihres Arrangements überzeugen zu können. Wegen solcher Dinge gelobt zu werden, war ihr, bei ihrer im Grunde genommen ganz auf Wirtschaftlichkeit und Ordnung gestellten Natur, ein j wahres Herzensbedürfnis; unb wenn sie je zuvor einen Anspruch auf ein ' bafür einzuheimsenbes Lob gehabt hatte, so sicherlich heute. Alles, was aus bem ihr zur Verfügung stehenben Material gemacht werben konnte, war baraus gemacht worden und ließ wenigstens momentan übersehen, wie sehr unb zum Teil auch in wie komischer Weise sich bie hier auf- gestellten Sachen untereinander widersprachen. Ein Büfett, ein Sofa und ein Pianino, die hintereinanderweg bie von keiner Tür unterbrochene Längswanb bes Zimmers einnahmen, hätten auch bei „Geheimrats" stehen können; aber die von der Pittelkow eben gerade gerückten drei Bilder stellten bas im übrigen erstrebte Ensemble wieber stark in Frage. Zwei davon: „Entenjagd" unb „Tellskapelle", waren nichts als schlecht kolorierte Lithographien allerneuesten Datums, während bas bazwifchen hängenbe brüte Bilb, ein riesiges, stark nodjgebunfeltes Delporträt, wenigstens hundert Jahre alt war unb einen polnischen ober litauischen Bischof verewigte, hinsichtlich bessen Sarafiro schwor, baß bie schwarze Pittelkow in direkter Linie von ihm abstamme. Gegensätze wie diese zeigten sich in der gesamten Zimmereinrichtung, ja, schienen mehr gesucht als vermieden zu sein, und während sich an einem der Wandpfeiler ein prächtiger I Trumeau mit zwei vorspringenden goldenen Sphinxen breitmachte, standen ! auf dem Bücherschrank zwei jämmerliche Gipsfiguren, eine Polin und ein Pole, beide kokett unb in Nationaltracht zum Tanze onsetzenb. Am interessantesten aber präsentierte sich ber eben erwähnte Bücherschrank selbst, . besten vier Mittelfächec leer waren, währenb auf seinem obersten Brett zwölf prachtvoll in Leder gebundene Bände von Humes History of England und achtzehn Bände Oeuvres posthumes de Frederic le Grand standen unb einen wunbervollen Gegensatz zu dem „Berliner Psennig- magazin" bildeten, bas, in zwei Haufen übereinanber getürmt, unten im Schrank lag. All dies Einrichtungsmaterial, kleines und großes, Kunst und Wissenschaft, war an ein und demselben Vormittage gekauft und mittels Handwagens, der ein paarmal fahren mußte, von einem Trödler in der Mauerstraße nach der Jnvalidenstraße geschafft worden. Auf die vor allem verwunderlichen französischen unb englischen Prachtbänbe hatte der, aus dessen Mitteln dies alles kam, eigens unb mit besonberem Nachdruck bestanden, „auf daß", wie er sich in feiner spöttisch huldigenden Weise auszubrücken liebte, „bie Welt erfahre, wer Pauline Pittelkow eigentlich sei".
Das waren bie Schätze, bie jetzt von ber Tür her einer letzten Musterung unterworfen wurden, und als schließlich auch noch bie Fransen bes vor bem Sofa liegenben Brüsseler Teppichs gerabe gezupft waren, sagte bie Pittelkow: „So, Stine, nu komm, nu kochen wir uns einen Kaffee, bas heißt, einen amtlichen. Un Olga holt uns was bazu. Willst du . Streusel ober bloß mit Zucker unb Zimt?"
„Ach, Pauline, bu weißt ja..."
„Na, bann Streusel ... Olga!"
Unb biefe, bie, weil bie Tür aufstanb, jebes Wort gehört unb sick) nur zum Schein, aber eben deshalb auch um so zudringlich-liebevoller mit dem „Brüderchen" beschäftigt hatte, stürzte jetzt wie besessen aus ber Hinterstube nach vorn unb war ganz Ohr unb Auge.
„Da, Olga. Nu geh! Aber von Katzfuß, nid) von Zachow. Un nasche nid) wieber und rede nachher von Krümel!"
„Un nu, Stine", fuhr die Pittelkow fort, während Olga verschwand unb bas längst blank geworbene Treppengeländer im Nu hinunterrutschte, „nu roirbs auch wohl Zeit, uns fein zu machen. Aber komme nich wieder in deinem grünen Kamlott. Du weißt, so was kann er nich leiden. Unb solang es so is, wie es is, muß man doch machen, was er will. Und denn bringt er ja auch das ausgepustete Ei mit. Und die kenn ich, die verlangen immer am meisten, und roenns weiter nichts is, wollen sie wenigstens was sehn un Augen machen. Unb bas weiß auch bie Wanba. Paß mal auf, bie kommt roieber mits schwarze Samtlleib unb ’ne Rose vorn. Ich muß immer lachen."
Unb wirklich, Wanba kam in schwarzem Samt unb sah sehr stattlich aus. Ihr Kopf hatte nichts von ber frappierenben Schönheit ihrer alten Schul- unb Jugenbfreunbin, aber an „Pli" war sie biefer, wie bie Pittelkow selbst zugestanb, sehr überlegen. „In Pli kann ich gegen Elisabetten nich an." Das war bie letzte Rolle, worin sie Wanba gesehen und beinahe widerwillig bewundert hatte.
(Fortsetzung folgt.)
Verantwortlich: Dr. Hans Thhrivt. — Druck unb Verlag: Brühl'sche Universitäts-Vuch- unb Steinbruckerei, V. Lange, Gießen.


