Willkommen und Abschied.
Von I. W. von Goethe.
Es schlug mein Herz: geschwind zu Pferde! Es war getan säst eh' gedacht.
Der Abend wiegte schon die Erde, Und an den Bergen hing die Nacht: Schon stand im Nebelkleid die Eiche, Ein aufgetürmter Riese, da. Wo Finsternis aus dem Gesträuche Mit hundert schwarzen Augen sah. Der Mond von einem Wolkenhügel Sah kläglich aus dem Dust hervor, Die Winde schwangen leise Flügel, Umsausten schauerlich mein Ohr; Die Nacht schuf tausend Ungeheuer, Doch frisch und fröhlich war mein Mut: In meinen Adern welches Feuer! In meinem Herzen welche Glut!
Dich sah ich, und die milde Freude Floß von dem süßen Blick auf mich: Ganz war mein Herz an deiner Seite Und jeder Atemzug für dich.
Ein rosensarbes Frühlingswetter Umgab das liebliche Gesicht, Und Zärtlichkeit für mich — ihr Götter! Ich hofft' es, ich verdient' es nicht!
Doch ach, schon mit der Morgensonne Verengt der Abschied mir das Herz: In deinen Küssen welche Wonne! In deinem Auge welcher Schmerz! Ich ging, du standst und sahst zur Erden, Und sahst mir nach mit nassem Blick: Und doch, welch Glück, geliebt zu werden! Und lieben, Götter, welch ein Glück!
Träume.
Von Dr. B. Hausen.
Der Volksmund berichtet recht Entgegengesetztes über die Bedeutung des Traumes. „Träume sind Schäume", sagt er einmal skeptisch, nichtige Gaukelei also, hinter der keine Wirklichkeit steht. Anderseits aber sind im Volke zahlreiche Traumdeutungen lebendig: Was bedeutet es, wenn man von einem schwarzen Hund, ausfallenden Zähnen, Feuersbrunst. Ungeziefer usw. träumt? Traumdeutung ist auch ein beliebtes Mittel in der Weltliteratur. Homer, die Bibel, das Nibelungenlied, Shakespeare schicken bedeutungsschwere Träume voraus, wenn sie die Stimmung für kommende wichtige Ereignisse vorbereiten wollen. In den Traumbüchern gar, auf deren Einband meist ein stattlicher Magier in priesterlichen Gewändern von geheimnisvollen Symbolen umgeben, abgebildet ist, wird dem Traumleben eine so hohe prophetische Kraft zugemessen, daß man für alle Dinge, die man nur im Traum zu sehen bekommen kann, das Schicksal ausgezeichnet findet, das sie ankündigen.
Cs wäre aber falsch, diese Traumbücher nur als baren Unsinn zu bezeichnen, sie sind Ueberrest« uralter heidnischer Vorstellungen. Noch von den hochkultivierten Griechen wurde der Traum als ein G ö t t e r - bote angesehen, der dem Menschen^ Nachricht von kommenden Dingen bringen — oder ihn irresühren soll. Die alten Griechen haben also an die Wahrheit des Traums nur bedingt geglaubt, aber nur deshalb bedingt, weil sie überhaupt mit ihren Göttern auf vertrautem, fast menschlichem Fuß verkehrten. Wichtig ist aber, daß auch sie den -raum als den Ausfluß Übernatürlicher, göttlicher Kräfte ansahen, wie >a überhaupt in alten Zeiten alle Vorgänge in Natur und Menschenleben, deren Ursache man nicht erkennen konnte, als Handlungen von Gottern erklärt wurden, die den Menschen freundlich oder feindlich gesinnt seien. Als dann un Europa der Aufklärungszeit alles Uebernatürliche abgeleugnet wurde, mußte auch der Traum von den Aufklärern als völlig bedeutungslos betrachtet werden und aus diesem Geiste ist denn auch das Wort „Traume find Schäume" entstanden. . .
Für die moderne Wissenschaft ist der Traum ganz undgarkeme Gaukelei; sie hat erkannt, daß im Traumleben tiefe Wahrheiten offenbar werden. Insofern nähern wir Menschen der Gegenwart uns wieder den uralten Zeiten der Traumdeutung. Aber ein erheblicher verschied besteht darin daß wir den Traum nicht als Ausfluß einer übernatürlichen Kraft werten, daß für uns darin nicht geistige Kräfte zum Ausdruck kommen, die dem wachenden Menschen nicht zur Vertagung stehen nein, dw Wahrheit des Traums erklärt sich für uns auf ganz natürlichem Wege. In doppeltem Sinne haben wir die Bedeutung des Traums erkannt, a Enthüller von Seelenregungen, deren man sich im Wachleveii nicht bewußt ist und die zurückqedrängt werden und als geistigen «chopfer. Für die Erkenntnis des wirklichen Seelenlebens ist der Traum für die moderne Seelenlehre von grundlegender Bedeutung geworden, wieja wettgeheno bekannt ist; alle Wünsche und Aengste, Enttäuschungen und Erwartungen spiegeln sich im Traumleben wieder, und über dm Traum gewinnt der moderne Seelenarzt einen Zugang zum inneren Leben seines Patienten, der es gewöhnlich vor den Augen seiner Mitmenschen ängstlich behütet.
Weniger Klarheit besteht dagegen in der Oeffentlichke t über den Traum als aeistigen Schöpser. Wohl mancher Vater hat schon seinem Sohne scherzhaft geraten, wenn er ihn sich mühsam über Ewer schweren Schulausgabe abguälen sah: leg dir nur nachts das Buch unter den Kopf dann wirft du es im Schlafe lernen^ Oder das gutmütige Spottens Ihm hat es der Herr im Schlafe gegeben. Em wahrer Kern ist lögn diesen Worten. Schlaf bedeutet >a nicht, daß a l I e gttstigen Kraft- untätig sind; je nach der Tiefe des Schlafes liegen sie mehr oder weniger
still. Hat man sich nun lange Zeit intensiv mit einer Arbeit beichoftigt. ohne an des Rätsels Lösung gelangt zu fein, dann werden durch die starke Konzentration die auch im Schlaf freien geistigen Kräfte sich mit der gleichen Aufgabe weiter beschästigen, und es ist durchaus möglich un» nicht im geringsten unnatürlich, daß die vielgesuchte Lösung gerade der im Schlafe ausgeübten geistigen Tätigkeit gelingt. Man darf also Schulern ruhig glauben, die erzählen, wie sie trotz langen Lernens am Abend em Gedicht nur sehr ungenau aufsagen konnten, während es am nächsten Morgen ohne anzustoßen frisch von ihren Lippen ging; darin liegt keine Juqendprahlerei. Eine Umfrage, deren Ergebnisse die geistige Leistung un Traum in aufschlußreicher Weise beleuchtet, hat Prof. Hoch«, Freiburg, an über 100 Hochschullehrer gerichtet. U. a. berichtete ein Professor, daß er bei seiner Doktorarbeit aus erhebliche mathematische Schwierigkeiten gestoßen sei. Er habe wochenlang umsonst gearbeitet und fei eines Abends recht niedergeschlagen zu Bett gegangen. Nach schlechtem Schlafe sei er aufgewacht, und die Lösung seiner Aufgabe fei ihm klar gewesen. Hier haben wir sehr deutlich den Fall einer unausgesetzten höchstkonzentrierten geistigen Tätigkeit, die auch im Schlafe fortbauert — »nd zwar lebhaft fortdauert, wie man daran erkennen kann, daß der Betreffende schlecht geschlasen hat — und die während des Schlafes zur Losung geführt hat. Auch an einem anderen Beispiel aus dieser Umfrage erkennt man, daß der Traum als geistiger Schöpfer nicht neue, im Wachleben unbekannte und unwirksame Kräfte wachruft, sondern daß er eine tfort- setzung der geistigen Tätigkeit im Wachzustände darstellt. Em anderer Professor erzählt nämlich, wie er bei der Entzifferung einer koptischen Handschrift auf ein besonders schwieriges Wort gestoßen sei, dessen Erklärung ihm trotz großer Anstrengung nicht gelingen wollte. Im Traum habe er die Handschrift betrachtet, und es sei ihm dabei plötzlich eingefallen, daß die schwierige Wortform an einer bestimmten Stelle des Lexikons zu finden sei. Er erwacht, steht auf und findet im Lexikon die Lösung. Hier sieht man ganz klar, daß im Schlafe keine Unterbrechung der geistigen Tätigkeit stattgefunden hat.
Stine.
Roman von Theodor Fontane.
lFortfetzung.)
„Wer ist denn der Nesse?" {ragte Stine.
„Weih ich nicht. Wer kann alle Reffens kennen? Denkst du, daß ich mich um seinen Stammbaum kümmere? Jott, wie mag es damit aus- sehen! Na, überhaupt Stammbäume!"
„Laß ihn das nich hören!" .
„Oh, der hört noch ganz andres. Oder denkst du, daß ich mir wegen eine Treppe hoch mit Klavier un Diwan un wegen ’nen Schreibtisch, der immer wackelt, weil er dünne Beine hat, ein Pechpflaster auskleben [oll. Nein Stinechen, da kennst du deine Schwester schlecht. Oder wegen den blaffen Neffen? Ich denk ihn mir so." Und dabei zog sie das Gesicht in die Länge und drückte mit Daumen und Zeigefinger die beiden Backen ein.
Stine lachte. „Ja, damit wirst du's wohl getroffen haben. Und überhaupt, ich sind es unpassend und ungebildet, daß er den jungen Menschen mitbringt Ein Onkel ist doch immer so was wie 'n« Respektsperson. Fiir sich mag er ja tun, was er will; aber solchen jungen Menschen ...ich weih nich, Pauline. Find'st du nich auch?" .
Na ob ich finde. Natürlich; erst recht. Aber, Kind, wenn wir davon erst "reden wollen, denn is kein Ende. Das is nu mal so; sie taugen alle nichts und is auch recht gut so; wenigstens für unsereins (mit dir is es was anders) und für alle, die so tief drinfitzen un nich aus noch ein wissen. Denn wovon soll man denn am End« leben?"
„Von Arbeit." .
Ach Jott, Arbeit. Bist du jung, Stine. Gewiß, Arbeiten is gut, un wenn ich mir so die Aermel aufkremple, is mir eigentlich immer am wohlsten Ader du weiht ja, denn is man mal krank un elend, un Olga muß in die Schule. Wo soll mans denn hernehmen? Ach, das is ein langes Kapitel, Stine. Na, du kommst doch? So Klocker acht oder lieber noch ein bißchen eh'r."
Drittes Kapitel.
Während die Pittelkow oben bei Stine war, um sich dieser für den Abend zu verfichern, ging Olga die Jnvalidenstraße hinauf, um erst den Brief abzugeben und dann auf dem Rückwege bei Konditor Bolzan, die Torte zu bestellen. Es war ihr Eile besohlen, aber sie kehrte sich nicht dran freute sich vielmehr, eine Stunde lang ohne mütterliche Kontrolle zu sein, und getröstet« sich, „daß es noch lange hin sei bis Abend . An allen Läden blieb sie stehen, am längsten vor dem Schaufenster eines Putmeschästs, aus dessen buntem Inhalt sie sich abwechselnd eine rote Schärpe mit Goldfransen und dann wieder einen braunen Kastorhut mit Reiherfeder als Schönstes wünschte. Diesen Wunsch in Erfüllung gehen zu sehen, war freilich wenig Aussicht vorhanden, aber es schadete nicht viel weil sich ihre nächste Zukunft unter allen Umstanden angenehm qenüa gestalten mußte. Wanda, wie sie von Tante Stine her wußte, hatte meistens Sandtorte, ja mitunter sogar Schokoladenplatzchen in ihrem Schrank; und wenn sich beides auch nicht erfüllte, so blieben doch immer noch die Gerstendonbons. „
Solchen Betrachtungen hingegeben, kam Olga bis an die Chaiisfee- ftrafte wo, wie gewöhnlich in dieser kirchhofreichen Gegend, ein großes Begräbnis die Strahenpaffage hemmte. Olga, weitab davon, irgendwelchen Anstoß an dieser Wegestörung zu nehmen, wünschte ganz >m Gegenteil dieselbe so lange wie möglich andauern zu sehen, und stellte fid) besseren UeberbUcks Halder, auf eine vor einem Oel- und Spiritus» aeidräft angebrachte Steintreppe. Der Wagen mit dem Sarge war chon eine Weile vorüber, so daß sie nur noch das versilberte Kreuz über einem Meer von schwarzen Hüten hin und her schwanken sah Kutschen fehlten im Zuge (so wenigstens schien es), dafür aber folgten allerlei Baugewei.e mit Bannern und Musik; und während noch aus der Front her der Trauermarfd) der Zimmerleute bis weit nach rückwärts tönte, klang sckwn aus der Mitte des Zuges und vom Oranienburger Tor her ein zweiter und Dritter Trauermarsch herauf, so daß Olga nicht wußte, woran'


