Schanghai.
Don Erich von S a l z m a n n.
Der japanisch-chinesische Konflikt lenkt wieder einmal die allgemeine Aufmerksamkeit auf die Vorgänge im Fernen Osten. Eg wird deshalb für unsere Leser von Interesse sein, von einem der besten Kenner Chinas, Erich von S a l z m a n n , dem langjährigen Korrespondenten einer der größten Zeitungen Deutschlands in China, eine Betrachtung über den Schauplatz dieser Kämpfe, Schanghai, zu lesen, die auch besonders aus die Lage der Deutschen in dieser Stadt eingeht. Der Ab- j schnitt, den wir hier auszugsweise wiedergeben, ist dem heute besonders wichtigen Buche des Berfassers: „China siegt" (Hanseatische Verlagsanstalt, Hamburg 36. Kart. 5 Mk., Leinen 6 Mark) entnommen.
Als Ueberschrift einer Betrachtung über Schanghai müßte man eigentlich das bekannte amerikanische Schlagwort wählen: „Keep smiling“ (Lächle stets!), denn Schanghai ist nur ein Platz für Leute voll Optimismus. Pessimisten werden hier nicht gebraucht. Vertrauen ist die Grundforderung. Schanghai muh wachsen. Schanghai muh sich weiterentwickeln. Schanghai wird immer eine breite Stätte der Arbeit und damit des normalen Verdienstes sein. Schanghai wird mit der Zeit aus ganz natürlichen Gründen der stärkste und größte Hafen Asiens für Einfuhr und Ausfuhr werden, zugleich Finanzierungszentrum, Stapelplatz und industrielle Verarbeitungs- und Praduktionshauptstätte, denn in Schanghai . konzentriert sich zu einem sehr hohen Prozentsatz die wirtschaftliche Fortentwicklung eines Volkes, das wohl noch zu Lebzeiten des Lesers die , fünfhundert Millionen erreicht haben wird. Schanghai wird daher für die , nächste Zeit zugleich die politische Zentrale sein, denn das Chinageschäft, das Schanghai darstellt, ist noch siir geraume Zeit von der Chinapolitik nicht zu trennen. Da die Chinapolitik aber zur Zeit ein sehr düsterer Sumpf ist, so möchte ich noch einmal für Schanghai fordern: „Keep smiling“.
Die heutige universale Chinastellung Schanghais prägt sich in seinem Gesicht und in (einer Seele aus und muh ihm bei der Ungeheuerlichkeit des Chinabegriffes noturgemäh von vornherein den Stempel des Welt- , Hafens geben. Während Tientsin, Dairen, Hankau, Kanton, Tsingtau und , die andern zahlreichen chinesischen Hasenplätze alle mehr ober minder j einen lokalen Eindruck machen, während ihre nationalen ober internationalen Gemeinschaften etwas ausgesprochen Provinzial-Lokales haben, . ist Schanghai ein sprühenber internationaler Weltplatz, der ber Welt in \ Zukunft noch gewaltige Ueberraschungen bringen wirb, benn Schanghais j historische Entwicklung muh erst in bie neueste Gesamtentwicklung Chinas i hineingepaht werben. !
Damit komme ich zur Hauptfrage.Schanghais, nämlich: Wem gehört f Schanghai eigentlich? Was stellt Schanghai eigentlich bar? — Die Frage | ist aus Grünben, bie dem alten Asiaten, ber sich von Propaganba- {hüben sreigehalten hat, geläufig, boch nirgenbs in Buchform ausgebrückt worben. Es gibt fein neutrales Buch über Schanghai, über feine geschicht- ließe Entwicklung, über seinen Geist. Cs gibt eine Unzahl von tenben- ziösen Veröffentlichungen über Schanghai, bie alle Partei finb, bie um ; ben Kern ber Dinge herumgehen. Dieser Kern ist nämlich bie Tatsache, | daß Schanghai auf chinesischem Grund und Boden liegt. Das will vor- । läufig das Gros der in China handeltreibenden Menschen aus aller Herren i Ländern nicht recht wahr haben, und weil dem so ist, schreibt man ten- , deliziöse Bücher, tendenziöse Pamphlete, tendenziöse Zeitungsartikel, lobt, i was man selbst getan hat, beschimpft den Andersdenkenden als Lugner, behandelt ihn sozial als Outcast (Außenseiter) und versucht die Tatsache zu verschleiern, dah vierhundertundfünfzig Millionen chinesische Menschen | sich in dem einen 'Punkt restlos einig sind, nämlich, dah Schanghai j wieder chinesisch werden muh und dah die Ueherzahl denkender Menschen j felsenfest davon überzeugt ist, dah der Tag, an dem Schanghai ebenso chinesisch sein wird wie bie englische Niederlassung in Hankau ober bie deutsche in Tientsin, nicht mehr allzu fern ist. Mit ber Feststellung bie[es Gedankens, an besten Gültigkeit bas billige Nach-bem-Munb-Gerebe einiger opportunistischer chinesischer groher und kleiner Kaufleute in Schanghai selbst nichts änbert, setze ist mich sicherlich bereits in Wiberspruch zu ben meisten Fremben in China, barunter vielen guten Freunben von mir. Ich bitte darum, mich nicht mit ber Tatsache selbst zu indentifizieren, wie es besonbers meine englischen Jreunbe gern zu tun pflegen. Ich habe den Lauf der Dinge in China nicht geschaffen, besitze aber den in China nicht mehr sehr häufigen Mut, das Kind beim Namen zu nennen, obwohl ich mir besten voll bewußt bin, dah bie dalbige Uebernahrne Schanghais burch bie Chinesen vorläufig tueber ein Glück für diese, noch sehr viel weniger für die Fremden wäre, weil die Chinesen für diese Uebernahrne total unvorbereitet finb, weil sie unferm kodifizierten Denken, unfern mebergefchriebenen, auf dem römischen Recht bnfierenben Gesetzesbegriffen weltenfern finb, weil rein technisch-wirtschaftlich die Uebernahme-Erfah- rungen von Tientsin, Hankau und Kiukiang nicht sehr versprechend sind. Schanghai als Objekt in jeder Hinsicht ist aber fo ungeheuer groß, und es stehen so außerordentlich grohe internationale und chinesische Werte in Gefahr, dah man aus rein technischen Gründen bei aller Sympathie für die Chinesen und vollem Verständnis für ihre nationale Aspiration den Prozeh der Uebernahrne Schanghais durch bie Chinesen selbst möglichst verlangsamt sehen möchte, um ben Chinesen bamit bie । genügende Zeit zur Vorbereitung für ihre schwere neue Pflicht und Ausgabe zu geben, benn wenn bie Chinesen Schanghai so behandeln, wie sie es zum Beispiel mit der deutschen Konzession in Tientsin ober mit ber englischen in Hankau getan haben, bann schneiden sie sich ins eigne Fleisch und schaden sich nur selbst, ruinieren zugleich jene obengezeichneten internationalen Riesenwerte.
Schanghai ist daher ein Widerspruch in jeder Hinsicht. Es ist äußerlich und innerlich eine englische Kolonialgründung. Aber auf bem Papier ist
es eine mternauonale kaufmännische Niederlassung lediglich zum Zweck des Hanbelstreibens, an bie sich eine französische Äolonialgrünbung, bie sogenannte Französische Nieberlassung, anschließt.
Die Deutschen in China sind nun immer noch in einer bedenklichen Zwitterstellung, deren Klärung zur Gesamtstellung Schanghais beitragen wird. Ms der Deutsche verstohlen aus Schleichwegen zwei Jahre nach dem Kriege nach Schanghai zurückkehrte, war er noch immer oerfeßmt. Die antideutsche Propaganda hatte ihre vergiftende Wirkung furchtbar getan. Diese Versehmung in der englischen Presse hielt bis Locarno an, das heißt dis Ende 1926. v
Die Zwitterstellung des Deutschen ist hauptsächlich das Resultat der verlorengegangenen Exterritorialität, benn bie kodifizierte Aufgabe dieses ; Rechtes durch den Friedens- und Freundschaftsvertrag von 1921 kan» man doch wohl nicht als freiwillig bezeichnen. Dieser Vertrag von 1921 kennzeichnet sich insofern als ein Spezialiftenwerk, als die Unterhändler überhaupt nicht zu erkennen vermochten, daß das Jntereffe diesen Vertrag zu zeichnen weit mehr auf Chinas Seite lag als auf der deutschen. Untere Unterhändler in Peking 1920/21 müssen fraglos noch unter dem Druck der blindmachenden Kriegspsychose gestanden haben. Sie kamen aus dem geistigen Wirtschaftsgefängnis Deutschland in eine ihnen ganz unwahrscheinlich erscheinende Freiheit. Der Schwung ihrer Gedanken war . eingeengt. Einen Gedankenaustausch mit Angehörigen anderer Machte . und Anregungen von anderer Seite gab es damals noch so gut wie gar nicht, mit Ausnahme der Japaner, die — wie ich aus bester Quelle roeif) — durch ihren hervorragenden Gesandten Odata tue deutsche Kommission warnte, zuviel und zu unnötig gegenüber den Chinesen nach, zugeben. Um mich englisch auszudrücken: „getrieben durch den Wunsch, eine friedliche Losung zu sinden", womit bekanntlich jebe englisch« Der- qeroaltiqunqsforberung gegenüber einem anberen Lanbe beginnt, ergaben sich bie Deutschen vollkommen ben Chinesen, trotzbem btefe Versailles nicht unterzeichnet hatten. In Deutschlanb und wohl auch bei der deutschen Kommission hat augenscheinlich die rührende Ansicht geherrscht daß bie Chinefen Versailles aus irgenbwelchem internationalen Gerechtigkeitsgefühl nicht gezeichnet hätten, bas heißt, es protestiert gegen die Vergewaltigung Deutschlands. Ob und wie Deutschland vergewaltigt oder nicht vergewaltigt wird, ist ben Chinesen total gleichgültig. D.« Chinesen fühlten sich ihrerseits in Versailles durch den englilch-französisch-itahenischen Geheimvertrag von 1917 vergewaltigt, der den Japanern Schantung dafür zusprach, daß sie China mit zur Kriegserklärung an Deutschland ver- aillaßten. Nur aus diesem Gesichtspunkt heraus unterschrieben tu« Chinesen ben Versailler Vertrag nicht unb lösten in ihrem üanbe jene ver- heerenbe Stubentenpropaganba aus, die bereits im selben Monat von Peking nach Versailles übersprang unb heute Schanghai zur uberspru- belnbcn Quelle chinesischen Nationalismus gemacht hat. Die deutschen Unterhändler in Peking, ausnahmslos Spezialisten, bie Paris, Lonbog, Washington nicht kannten, sahen diese Zusammenhänge nicht und gaben leicht alles hin, tauschten nur bie Berechtigung ihres Daseins in China ein an bem bie Chinesen boch ihrerseits in Verfolg ihrer eigenen Versailles-Entwicklung bas benkbar größte Interesse hatten, um ben Deutschen als Versuchskaninchen gegenüber ber Welt herauszustecken. Das hat man in Deutfchlanb nie begriffen, unb heute ist es viel zu spat um noch etwas baraus zu machen. Wo ich mich für biefe Frage auftlarcnb ein- gefebt habe, bin ich nur angegeriffen worben, sowohl von chmestzcher wie be onbers von beutscher Seite, weil man meine Forderung auf Auswertung unserer Chinastellung als unbeguem empfand. Schließlich ist eben gar nichts geschehen. Die Dinge Haden sich, weiterrollend durch die Klugheit, den Geschäftssinn, die Anpassungsfähigkeit, die Landeskenntnis unserer kaufmännischen Landsleute, in Firmen oder Individuen, gut ober schlecht entwickelt. Die Politik hat in Peking mehr ober minber nichts getan, konnte auch nichts tun, weil sie ihre Hauptgelegenheit unbenutzt hatten vorübergehen lassen. ,
Unter diesen Verhältnissen lebt nun ber Deutsche in Schanghai aus sogenanntem internationalen Boben, ber hauptsächlich van englischen Kriegsschiffen unb Solbaten geschützt wirb. Dieser Deutsch« steht unter chinesischem Recht, beim er hat ja feine Könsulargerichtsbarkeit aufgegeben. Wie weit bas chinesische Recht auf bem internationalen Boben angeroenbet wirb kann sich jeher ausmalen. Der Zustand ist einfach unhaltbar und unwürdig dazu. Der Deutsche verkehrt mit den Engländern, Amerikanern und Franzosen usw. geschäftlich, finanziell für Schiffahrt unb fo weiter durchaus auf gleich zu gleich, trotzdem ihm die wirkliche Rechtsgrundlage mangelt, benn bie neuen Rechtsbegriffe sind in Chma vorläufig nicht mal bas Papier wert, auf bem sie gedruckt finb. Wenn es anders wäre, ber chinesische Rechtsbegriff ehern baftänb«, hätte ber Deutsche nicht notwenbig, Einigungs- und Schiedsgerichtshöse zu gründen, die begreislicherweis« ihr Aeußerstes tun, StreitfäUe nicht erst vor den chinesischen Richter kommen zu lassen. Der Deutsche genießt materiell alle Vorteile ber fremben Niederlassung, ber internationalen sowohl wie ber französischen, besonbers ben Schutz für tieben unb Eigentum. Der Deutsche trägt durch feine Steuern unb Abgaben zum internationalen Heer der Niederlassung bei, dem er selbst nicht beitreten kann, denn sonst hängen ihn bie Chinesen als Ausrührer. Welche seelischen Konflikte bebrütet basl Stellen Sie sich vor, bah bas Freiwilligenheer ausmarschiert mit allem Klimbim unb Trara, mit reitenben Batterien und Maschinengewehren, mit Tanks unb Feuerwehr durch die Straßen Schanghais marschiert, bewundert von ber weißen Bevölkerung, männlich unb weiblich, unb mit l angenehmem Kitzel von ben Chinesen empfunben, bie ben größten Skandal gegen die Fremden machen. Der Deutsche bars nicht mit Militär spielen. Ich selbst hatte mich 1925 innerhalb 24 Stunben na chbem Ausbruch der ' großen Unruhen in «changhai sofort gegen die durchaus verständlich« Tendenz unserer jungen Leute gewendet, mit den Waffen in der Hand den chinesischen Unruhestiftern entgegenzutreten. Glaubt jemand, daß das mir als Sohn einer preußischen Solbatenfamilie, als Offizier aus drei Kriegen leichtgefallen ist? Trotzbem konnte ich nicht anbers unb werbe auch in Zukunft nicht anbers können, bis ber Zustanb Schanghais vollkommen geklärt ist, was wohl erst unsere Enkel erleben werben.
bei E. SBi
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