SiehenerZamilienvMer
Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger
Nummer 15
Montag, den <5. Kebruar
Jahrgang <932
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Irur ein paar Minuten.
Von Lothar Knud Fredrik.
Im Jahre 1916, bei dem großen Durchbruchsversuch der Russen am Naroczsee, habe ich ein Auge verloren, das linke. Es war ein gutes scharfes Auge, das so gut sah wie sein.Awillingebruder. Beide zusammen haben mir einmal am Apernkanal auf 700 Meter auf einer Pappel einen Feind gezeigt, der mit seiner Zielrohrbüchse unsern Graben entlang streute. Etliche Sekunden, nachdem ich ihn entdeckt hatte, kam keine französische Kugel mehr aus der Daumhöhe zu uns herübergezwitschert.
Ich habe noch mehr mit meinen beiden Augen gesehen, alle männlichen Eigenschaften der kühnen Tat und alle des todesmutigen Ausharrens, viele Schmerzen, stilles Heldentum, größte Not, Dualen, die wortlos blieben, und alle Schrecken des Krieges. Soldatenaugen, die oft das Weiße im Auge des Feindes sahen, haben einen eigenen Blick, einen Fernblick, wie ihn der Seemann hat. Nur daß sie nicht über das glatte oder wogengekrönte Meer sahen, sondern über das, was war und ist, hinweg in das, was sein kann und sein wird. Sie verloren den Fernblick nur dann, wenn der Kolben in der Schulter ruhte, wenn Auge, Kimme, Korn und Ziel eine Gerade bildeten und mit der Kugel ein Heller Augen-
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Wie Gott es fügt.
Bon Paul Fleming.
Laß dich nur nichts nicht dauern Mit Trauern, Sei stille;
Wie Gott es fügt, So sei vergnügt Mein Wille.
Was willst du heute sorgen Auf morgen?
Der eine Steht allem für. Der gibt auch dir Das Deine.
Sei nur in allem Handel Ohn Wandel, Steh feste!
Was Gott beschleußt, Das ist und heißt Das Beste.
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habe. Jeder Sonnenstrahl lächelt ihnen; jede Blume blüht ihnen; jedes Mädchenwinken gilt ihnen. Ihnen gehört die Welt, weil sie sich ihnen anbietet, nicht weil sie sie mit Gewalt sich untertänig machen. Diese stille Heiterkeit herrschte auch bei uns, in unserem Wagen der Schwerverwundeten mit den Hängebetten an den Sprungfedern.
Vielleicht war es diese Freude, die mir den Kopf heiß gemacht hatte. Ich hielt es auf meiner Lagerstatt nicht mehr aus, setzte mich in einen Faulenzer. Wir hatten eben zu Mittag gegessen, punkt 12 Uhr; wir hatten gut gegessen und mit Appetit. Ich weiß nicht, ob ich müde wurde. Meine Gedanken flogen fort aus dem ratternden Zuge in den blauen Frllhlingshimmel über uns; meine Sinne ertranken in dem goldgesättigten Sonnenglanz. Mein rechtes Auge verlernte mit einem Male das Seyen. Ich war wohl eingenickt.
Durch irgendeinen plötzlichen ober auch nur eingebildeten härteren Ruck des Zuges schreckte ich empor.
Es war dunkel um mich. Tote Nacht.
Ich begriff erst nicht. Dann löste sich ein eisiger Schrecken aus dem Hirn, der mir die Glieder lähmte. Ich glaube, daß ich gezittert habe; daß Angstschweiß auf meine Stirn trat, weiß ich gewiß. Du bist blind ... ratterten die Räder des Zuges, und hohnvoll hinterdrein ... blind geworden ... vor Freude blind geworden... Du bist blind, blind, blind... Ich wagte fiium zu atmen. Meine Hände krampften sich um die Armlehnen meines Stuhles. Die ungeheuerlichsten Gedanken rasten durch mein Hirn. Ich wollte sprechen, rufen, schreien, brüllen — und konnte doch keinen Laut von mir geben. Entsetzen lag über mir. Ein Entsetzen, wie ich es noch nie empfunden habe. Ich war bekannt als hart, entschlossen, rücksichtslos. Jetzt war ich zerbrochen, vernichtet, zermalmt von einem unsäglich schweren Schicksal...
Da hörte ich einen Kameraden sprechen; ich weiß nicht, was «r sagte. Aber ich fühle, wie der menschliche Laut langsam die Erstarrung in mir löste, wie man einen Tuchbezug von einem «esset in der guten Stube nimmt. Ich handelte vielleicht noch nicht überlegt, als ich mit der Hand mein rechtes Auge rieb. Ich hätte mir vernunftgemäß sagen müssen, daß das Reiben mir hie Sehkraft nicht wiedergeben würde, wenn sie erloschen war. Aber ich rieb doch; ich handelte eben instinktiv und war froh, daß ich wenigstens handelte. Ich glaube, hätte jener Kamerad nicht irgend etwas gesagt, das Räderwerk in meinem Schädel wäre bös aus der Ordnung gekommen...
Doch nun war schon die Denkmaschine wenigstens etwas in Gang gebracht. Und wenn auch nicht das ungeheuere Entsetzen von mir gewichen war, so suchte ich es doch bereits zu ergründen. Ich schloß krampfhaft das Auge, öffnete es wieder — es blieb dunkel um mich. Nun hörte ich jemanden lachen. Vor dem Lachen erstarb der Mut in mir; ich wurde feige; ich hatte Angst vor der Gewißheit. Lauter rollten mir die Räder die furchtbaren Worte: Du bist blind, blind, blind ... geworden ... vor Freude blind geworden...
Wieder drohte mich das Entsetzen zu übermannen. Diesmal war es ein glühend heißer Strom, der mir vom Herzen zum Hirn emporstieg. Ich krampfte die Finger um die Armstützen des Liegestuhls, meine Kinnladen erstarrten. Das rechte Auge zusammengepreßt, kämpfte mein Wille mit dem Entsetzen seinen schwersten Kampf...
Endlich hatte ich mich wieder soweit in der Gewalt, daß sich der Griff meiner Finger lockerte, daß der Krampf der Kiefern nachließ, daß mein Auge sich leise öffnete.
Unb fast wäre ich vor freudigem Schrecken gestorben — es wurde licht um mich. Dämmerlicht. Aber doch schon Licht; ein Etwas von der köstlichen Himmelsgabe. Mein Auge umflorte sich beinahe. Noch einmal schloß ich es fest, ganz fest. Jetzt mußte ich Gewißheit haben: jetzt hatte ich den Mut für jede Gewißheit; jetzt mußte ich wissen, ob das jetzt oder das vorhin ein Trugspiel der Natur, meiner erregten Sinne oder Gott weiß welcher Kraft gewesen war. Fest, ganz fest schloß ich mein Auge. Minutenlang.
Endlich öffnete ich es: es war heller Tag um mich. Lachender Sonnenschein lag auf den srühlingsjungen Feldern, genau wie vordem. Blau grüßte der Himmel durch die Scheiben des Wagens, genau wie vordem. Die Kameraden lagen in den Betten, genau wie vordem; unterhielten sich, genau wie vordem. „
Sollte ich irre werden an meinem Verstand? ... Der Sanitäter kam durch den Wagen. Ich hielt ihn am Aermel fest. Er sah mir erstaunt in das erregte Gesicht, das voller Schweiß stand.
„Kamerad, sag mal, was war das?" sagte ich. „Ich habe vorh'.n eine ganze Weile nichts sehen können? ..
Da lachte er! ... „ , .
„Jawohl, das glaube ich. Wir auch nicht — wir sind durch den Tunnel gefahren!" m ,
Im einzigen Tunnel auf der Strecke zwilchen Wilna und Posen, auf der Fahrt in die Heimat mußte ich aufwachen, um das Entsetzen kennenzulernen, das mir der Krieg erspart hatte, wurde mir das grauenvollste Erlebnis zuteil...
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Doch das nebenbei. Ich habe also im Felde mein linkes Auge verloren, und es tat nicht einmal weh. Wirklich nicht. Es war wie ein berber ! Faustschlag, der mich nicht einmal von ben O'üßen brachte, mehr nicht. Und alles, was nebenbei noch an Verwundungen kam, tat auch nicht weher als Nadelstiche, weder die Schüsse durch die rechte «chuUer noch i der Riß am Hals oder der Streifer am Kinn — wenigstens zunächst nicht. Aber daß mein linkes Ange durch den Prellschuß durchrissen wurde und : sich so plötzlich von seiner Höhle nbfr ntierte, daß ich, sekundenlang, den tragikomischen Eindruck hatte, ich könnte von der Hüfte aus sehen, — bas war mir sofort besonders schmerzlich; aber ich tröstete mich auch sogleich wieder, ich hatte ja noch das andere Auge, ich konnte ja noch Jetten.
Als ich dann im Feldlazarett mit einer dicken, gualenden Linde um den Kopf tag, wurde mir langsam anders zumute. Aus Gespra^n horte ich allerhand. Daß bei Augenverletzungen oft das anbere m -JltJetbcn= schäft gezogen werde, daß bisweilen sogar nach längerer Zeit eine Schwächung der Sehkraft eintrete, daß man nie wissen könnte ... Herrgott was hörte ich nicht da alles, teils weil ich es Horen wollte, als einmal der unselige Keim der Angst vor dem Erblinden gepflanzt worben war, teils weil ich Mißverstanbe'nes obenbrein falsch auslegte.
Ich hatte Wunbsieber. Das war eine ganz natürliche Cricheinung, ' wenn einer ein halbes Dutzend Kugeln durch den Körper bekommen hat die neben kleinen, kaum sichtbaren Spuren auch noch andere von guter Handtellergröße äußerlich hinterlassen haben, so muß er eben Wunbfieder bekommen. Die Folge davon war - letzt wem sch es, daß es die /zolge war; damals aber wußte ich es nicht —, daß ich hm und wieder ba rosenrote, bald graue Schleier vor meinem unverbundenen Auge halle
Doch das ging so hin. Das Fieber gab sich: der Schwerverwunde e wurde transportfähig. Die Natur siegte, und die Freude lawohl, bi ganz gemeine Kinderfreude, daß es heimwärts ging machte gesund. In Wilna, genauer in Antokol, wurden mir die Hef.faden aus der «lugen- wunde entfernt. Nach drei Tagen ging es im Lazarettzug weiter, der deutschen Heimat zu. Unsere Herzen pochten einen frohen Takt. Man war vergnügt, lustig, heiter. Verwundete Soldaten, tue zur H^mat kamen, waren die heitersten Menschen, die ich le in meinem Leben kennengelen
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