Nummer 5

Montag, den U-Januar

Jahrgang {952

damals drüber gewundert, wieso ich nicht merkte, daß Jehann jahrelang auf meinem Hof lange Finger machte. Ich hab's wohl gemerkt. Aber ich hab niemals einen besseren Taglöhner beim Vieh gehabt, nicht vorher nicht nachher, als meinen Stiezjehann. Solang er sich bloß die Taschen vollproppte, hab ich ein Auge zugemacht. Sein Schwein, auf das jeden Winter zwölf Mäuler warteten, wurde ebenso wie meine zwanzig bis dreißig vom Korn fetter als von Wasser und Diesteln. Wenn er aber wiedermal anfing, an den vollen Taschen nicht genug zu haben, dann paßte ich ihm im Dunkeln auf. Nahm ihm seinen Stiezbeutel weg. Schlug ihm damit rechts und links um die Ohren. Brauchte auch wohl mal meinen eichnen Handstock. Jehann setzte sich nicht zur Wehr. Er nahm auf sich, was er verdiente. Ging vom andern Morgen an auch alles wieder seinen ordentlichen Gang. Bis zum nächsten Beut«l-um-die-Ohren- hauen.

Als aber die Rostocker Jehann ertappten, daß er bei einer Bude auf ihrem Weihnachtsmarkt einen Spickaal klaute und feststellten, daß es nicht die erste Bude war, bei der solches geschah, alldieweil er seine sämt­lichen Taschen schon voll hatte und bei .dem vorsorglicherweis mitgebrach­ten Stiezbeutel am Vollwerden auch nicht mehr viel fehlte da haben sie ihm leider nicht hundert hintenvor gezählt, sondern ihn huppjupp aus­gehängt und unter ihrem Galgen eingescharrt. War an dem Abend, als meine Schwester mich nicht weglassen wollt, grad «ine Woche her. Das Cinscharren mein ich. Denn vorher mußte Jehann sich vierzehn Tage lang im Fliegen üben. In welcher Kunst er's aber nicht weit gebracht hat. Denn obgleich er di« Erde für seine Bein« nicht mehr brauchte, von der Stelle kam er trotz alles Armschwenkens numal nicht. Und jetzt, nach­dem er endlich doch begraben war, sollte Jehann, mein braver Jehann, umgehn!

Ich ließ mich natürlich dadurch in Barnstorf nicht festhalten. Sagte vielmehr: Wenn ich Jehann treff, werd ich ihn von Frau und Kind, von Kuh und Kalb grüßen. Wobei das letzte sicher mehr Eindruck auf ihn machen wird als das erste. Immerhin: Ueber dem Bitten und Betteln meiner Schwester, über meinem Lachen und Lästern war Zeit vergangen. Hatte schon Halbeins geschlagen, als ich mit meinem Braunen losritt. Um Rostock rum! versteht sich. Am Galgen vorbei! Run grade.

Es war eine tolle Nacht. Ich bin gewiß nicht abergläubisch. Obgleich ich meiner Frau eines hinter die Ohren langen mürb, wenn sie sich ein« fallen ließ, in den Zwölften draußen Wäsche aufzuhängen. Denn ich will nicht daß sie vor mir wegstirbt. Also: ich bin nicht abergläubisch! In jener Nacht aber hab ich mehr als einmal zu mir gesagt: Woode mit seiner Wilden Jagd! Im Kalender stand allerdings Mondschein. Am Himmel sah man ihn zwischen den Wolken immer nur, damit man erst recht merkte: wie dunkel! Und wenn der Sturm schließlich doch mal die Luft anhielt, so war's nicht, damit man denken sollte: wie still heut nacht!, sondern: wie laut!

Als ich an dem Galgen vorbeireit, unter dem Jehann begraben liegt mein guter Jehann, der keinen Fehler gehabt hat, als daß dem lieben Gott seine Finger zu lang geraten waren, so daß immer wieder fremi^s Gut dranbacken blieb war so ein Augenblick, wo der Mond sich sehn ließ der Sturm verschnaufte. Und da ich weiß heut noch nicht, was mich trieb da schrei ich:Jehann, wull du mit?"

Ick kaam jo all!" antwortete Jehann.

Wirklich __ ich seh's, obwohl der Mond wieder in die Wolken rein«

saust wirklich: der Kerl krabbelt unter dem Galgen aus der Erde! Ich hau meinem Braunen die Stiefelhacken in die Weichen. Der im Galopp ab. So sicher fühl ich mich, daß ich ohne umzusehn ruf:Mußt dir öwer ilen (muht dich aber eilen), Jehann!"

Ick sitt jo all!" (ich sitz ja schon) antwortete Jehann.

Und wenn ich mich vorhin vielleicht auch versehn hab, daran, daß der Kerl auf meinem Braunen sitzt hinter mir, nicht wie ich im Reit- sin mit herabhängenden Beinen, sondern in der Hocke mit gekrümmten Knien daran ist kein Zweifel. Denn er hat, damit er nicht runterfallt, seine Arme um mich gelegt. , ____

Abschütteln? Unmöglich. Auf die Erde stoßen? Bon Minute zu Minute umklammert er mich fester. Nur eine Rettung: reiten, was ich reiten kann! Daß ich den Hof erreich, eh er mich mit seinen Armklammern um- aebracht hat. Denn in den Frieden eines Hofes, sagte mein Großvater immer, dürfen sie nicht einbrechen, die Gehängten. Ich reit also wahr­haftig! um Tod und Leben. Reih, was das Leder halten will, an dem Zügel. Hau, so oft's geht, meinen Braunen mit den Hacken. Eigentlich unnötig. Senn bet (Soul merFt, bflfj bet 2ob ouf ifym tniet. ^betid) kann's nicht lassen. Los, Brauner, was wir beide an allerletzter Kraft hergeben können! Mehr! Noch mehr!

Glücklicherweise hat der Kerl die Arme um meinen Bauch gelegt. Was soll da schon passieren! Weih der Halunke, was ich denk? Seme Arme schieben sich höher. Er will mir den Brustkasten eindrucken Veizuch Bauernrippen sind nicht mirnichts-dirnichts zu knicken! Aber ich muß doch mit aller Macht pumpen, daß ich genug Luft in mich reinkrieg.

2Ra6e im Schnee.

Bon Anton Schnack.

Dunkel sitzt der Rabe in dem Winterschnee, Schweigsam, lauernd, alt;

Wie ein Trauernder in Weh Kauert sich des Bogels Nachtgestalt.

Unbeweglich mit gesträubtem Kleid Starrt er nach dem Wald Und es schneit

Auf den Vogel, frosterstarrt und alt ...

Stiezjehann.

Von Hans Franck.

Ihr mögt's glauben oder nicht! sagte wie mein Großvater, der Vater meiner Mutter, der Schäfer, mir mehrfach erzählt hat eines Abends im Krug zu Bentwisch bei Rostock der Bauer Facklamm zu seinen Zechbrüdern. Ich hab's an meinem eignen Leib erlebt. Und von meinem Leib laß ich mir nichts runterreben. Auch nichts runterlachen! Zehn Jahre lang hab ich mit keinem Menschen bauon gesprochen. Nicht mit meiner Frau. Nichtmal mit meiner Schwester! Aber heut abenb muh ich s erzählen. . r, , .

Besoffen, meint ihr? Jawohl, ich halt' über ben Durst getrunken! Doch nicht soviel, bah ich nicht mehr wußte, was ich sah unb hörte unb s^Es war in den Zwölften. Zwei Tage nach Weihnachten. Ich bin dann immer einen Abend bei meiner Schwester in Barnstorf. Sie hat kurz vor dem Fest geschlachtet. Ich muß rüberkommen und die frische Wurst pro­bieren. Denn ihr Mann, sagt sie, frißt alles weg. Ganz gleich, ob s gesalzt ober geschmalzt ist. Und wenn sie aus Schabernack Kartoffeln aus dem Schweinegraapen mittags auf den Tisch bringt er merkt s nicht. Ich aber, sagt sie, hab die Zunge von meinem Vater. Gern reit ich zu ihr rüber. Die Wurst schmeckt bei ihr numal besser als bei meiner grau! Am Rezept kann's nicht liegen. Sie brauchen beide dasselbe. Das vom Vater meines Schäfergroßvaters. Aber meine Schwester muß wohl akkurater damit umgehn. Weil man nun an solchem Abend alles hinter« einanderweg probieren muß, Grützwurst unb Blutwurst, Leberwurst unb Zungenwurst, Bratwurst unb Preßkopf, bas Schwarzsauer unb Weih- sauer nicht zu vergessen, was bleibt einem, wenn man mit dem tfett fertig werden will, anders übrig, als Doppelkümmel noch Doppelkümmel dazwischen zu gießen. Ich sah denn zuletzt die Kanten vom Ofen und der Tür, vom Schrank unb der Uhr nicht mehr ganz genau. Aber noch niemals hab ich einen Ofen für einen Schrank gehalten. Auch nicht heut vor zehn Jahren. ., , , . , .

Meine SÄwester hatte wiedermal für mich aufgetragen, daß der Tisch knackte. Schmeckte die frische Wurst besonders gut, hott ich doch einige Doppelkümmel zuviel gekippt, wären wir beim Kloonen vom festen Weg abgekommen? Ich kann's nicht sagen. Jedenfalls, ich verpahte die Zeit. Ich saus nämlich bet meiner Schwester jedesmal Schlag elf hoch, fetz mich auf meinen Braunen, reit um Rostock rum unb bin vor zwölf in Bentwisch. Mir würd's nichts ausmachen, burch bie Spukstunbe zu traben. Aber den Fraun! Warum soll man sie ängstigen? Alte Regel also: Uhr elf ist Schluß mit Wurstprobieren unb Kümmelkippen! Auf ben Braunen! Nach einer Stunbe hat man roieber einen klaren Kopf.

Bor zehn Jahren aber schlug's in der Stube zu Barnstorf, als es elf ^^Mc?ne°Schwest° r fieht mich oerbaaft an und bittet: Diesmal bleiben! Erft am andern Morgen reiten! Ich: Aengftigt meine Frau sich haGtot! Sie: Von Mitternacht bis eins soll man niemals draußen fein. Ganz gewiß aber nicht zwischen Weihnachten und Neujahr, in den Zwölften. Weil dann Woode (der wilde Jäger) durch die Luft lagt. Einem das Genick stehn bleibt, wenn man zur Seite guckt. Und abgedreht wird, wenn man sich nicht um ihn kümmert. Ich: Auch wenn s so gewiß ist !wie Sonn­tags das Amen in der Kirche, daß mir unterwegs die Wilde Jagd mit Hhl> und Huffah begegnet es wird geritten! Dann wenigstens nicht um Rostock rum. Sondern querdurch! Ich: Ueber Stabtsteine weg wenn man Gotts Erde unter, Gotts Himmel über sich hoben kann? Nee! Und warum Überhaupt! Sie: Weil du dann nicht am Salgen Dorbetbraudjft Alle sagen fie's, Jehann geht um! Ich lach, daß die Wände wackeln: Ich werd ihm gesegneten Schlaf wünschen, wenn ich ihn treff, unferm gewann.

Tins mar wie einige unter euch wohl nicht mehr wissen, jener Jehann oon meinen oTekn Änns, dem die Rostocker den Aufenthalt, zwtzchen Himmel und Erde beibringen wollten. Was er weil sie ihm d>^steisrig bunt) einen Strick zu Hilfe kamen, auch wirklich gelernt hat Mit einem kleinen Fehler allerdings, daß er dabei das Atmen vergaß. Ihr habt euch

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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger