GiehenerKMilieMNer
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1952 Montag, den 8. August Nummer 6t
Sommerbild.
Von Friedrich Hebbel.
Ich sah des Sommers letzte Rose stehn. Sie war, als ob sie bluten könne, rot: Da sprach ich schauernd im Vorübergehn: So weit im Leben ist zu nah am Tod!
Es regte sich kein Hauch am heißen Tag, Rur leise strich ein weißer Schmetterling: Doch ob auch kaum die Luft sein Flügelschlag Bewegte, sie empfand es und verging.
Oie Brüder vom guten Vollmondgesicht.
Flämische Legende von Charles de Co st er.
I.
Zu der Zeit, da in Brabant der gute Herzog regierte, saßen zu Uccle in der Herberge zur Trompete die Brüder vom guten Vollmondgesicht, also wohl benannt: denn ein jeder hatte ein fröhlich Gesicht, geziert zum Zeichen eines satten Lebens mit wenigstens einem Doppelkinn: also war es bei den Jungen: die Alten aber hatten deren mehr.
Folgendermaßen ward ihre Bruderschaft gestiftet:
Als Pieter Eans, der Herbergswirt oben erwähnter Trompete, sich eines Nachts entkleidete, um schlafen zu gehen, vernahm er in seinem Garten eine klägliche Stimme, die da rief: „Die Zunge verdorrt mir, netze, netze! Ich sterbe schlimmen Durstes."
Er dachte zuvörderst, es sei dies irgendein Zecher, legte sich gar friedlich nieder, trotzdem es immerzu im Garten rief: „netze, netze, ich sterbe schlimmen Durstes!" und also kläglich, daß Pieter Gans sich erheben mußte und an das Fenster trat, um zu erfahren, wie denn der Dürstende beschaffen sei, der also heftig schrie. Und er erblickte eine breite, helle Flamme von hoher und seltsamer Art, die über den Rasen dahinlief: da wähnte er, dies könnte wohl die Gestalt einer angstgequälten Seele aus dem Fegefeuer sein. So betete er mehr denn hundert Litaneien: aber umsonst, denn er vernahm immerzu den Rus: „Netze, netze, ich sterbe schlimmen Durstes!"
Beim Hahnenschrei vernahm er nichts mehr und sah zu seiner Freude die Flamme erloschen.
Als es Tag geworden, ging er zur Kirche: dort erzählte er dem Pfarrer das Erschaute und ließ eine schöne Messe lesen für die Ruhe der armen Seele, gab dem Geistlichen einen Goldpeter, daß man ihrer noch mehr läse, und gestärkt kehrte er heim.
Aber in der folgenden Nacht hob wiederum die Stimme an zu klagen und also jämmerlich, wie ein Mensch im letzten Lebenskämpfe. Und desgleichen während mehrerer Nächte.
Darüber ward Pieter Gans gar trübsinnig.
Wer ihn vorher gesehen hatte, mit seinen rosigen Wangen, dem |atten Bäuchlem und dem fröhlichen Gesicht, wie er die Frühmetie mit Flaschen und die Vesper mit Kannen las, der hätte ihn sonder Zweifel nicht wiedererkannt. r ...... m
Denn er wurde so welk, dürr, hager und von so kläglicher Gestalt, daß die Hunde bei seinem Anblick bellten, wie sie solches bei den Bettelleuten tun.
II.
Dieweil er sich nun also in Trübsinn und Verzweiflung verzehrte und ganz allein in einem Winkel wie ein Aussätziger saß, kam von ungefähr zur Herberge Meister Jan Blaeskaek, der Bierbrauer, ein fröhlicher und ganz verschmitzter Kumpan.
Als dieser sah, wie Peter Gans ihn stumpf und wirr anblickte, trat er zu ihm, schüttelte ihn und sprach: „Auf, wach' auf, Kumpan, ich mag dich nicht gleich einem Leichnam sehen." — „Wehe", erwiderte ihm Pieter Gans: „ich bin kaum viel mehr wert, Gevatter.
„Und woher kommt dir diese schwere Melancholie?"
Da versetzte Pieter Gans: „Komm an einen Ort, da uns niemand vernehmen kann. Dort will ich dir die Geschichte weitläufig berichten.
Und sie taten also. — Wie Blaeskaek alles wohl vernommen, sagte er: „Mitnichten ist solches eines armen Christen Seele, sondern des Teufels Stimme heißt es befriedigen. Daher geh in deinen Keller und bringe ein gutes Faß voll Bier: das wollen wir in deinen Garten rollen, bis zur Stelle, wo die helle Flamme geleuchtet hat."
„So werde ich tun", versetzte Pieter' Gans. Aber zur Vezperzeit vermeinte er, daß das Bier allzu kostbar sei, dem Teufel hinauszugießen, und stellte an den Ort, wo die Flamme geleuchtet hatte, em großes Beeten voll klaren Wassers.
Um die Mitternacht vernahm Pieter Gans eine noch kläglichere Stimme, welche rief: „Netze, netze, oder ich sterbe schlimmen Durstes."
Und er sah die helle Flamme wie besessen auf dem Wasser des Beckens tanzen, und zugleich war dasselbige unter großem Gepolter so heftig zertrümmert, daß die Stücke bis an die Fenster des Hauses flogen.
Da begann er vor Angst zu schwitzen und zu meinen und klagte: „Es geht mit mir zu Ende, mein lieber Gott, zu Ende geht es mit mir. Was bin ich nicht dem Rate des weisen Blaeskaek gefolgt, denn er ist ein Mann von klugem Rat. Herr Teufel, der Ihr Durst habt, tötet mich nicht diese Nacht, Ihr sollt morgen feines Bier trinken, Herr Teufel. Ja, es ist weit berühmt im ganzen Lande, denn es ist des Königs Bier und des guten Teufels, der Ihr das gewißlich seid."
Die Stimme aber rief unaufhörlich: „Netze, netze!"
„Wehe, wehe: habt ein klein wenig Geduld, Herr Teufel: Ihr werdet morgen mein also gutes Bier trinken. Es hak mir manchen Goldpeter gekostet, und ich will Euch ein volles Faß geben. Seht Ihr denn nicht, daß Ihr mich nicht diese Nacht umbringen dürft, sondern erst morgen, so ich nicht Wort halte?
Und so jammerte er bis zum Hahnenschrei, und als er diesen vernahm und bemerkte, daß er nicht gestorben sei, sprach er fröhlich die Morgenmette.
Bei Sonnenaufgang machte er sich auf und holte selbst das Faß voll Bier aus seinem Keller, stellte es auf den Rasen und sprach: „Da ist frischeres und besseres zum trinken, habt somit Erbarmen mit mir, He» Teufel."
III.
Zur dritten Stunde kam Blaeskaek zu hören, was sich Neues zugetragen'habe. Wie er aber fortgehen wollte, ward er von Pieter Gans zurückgehalten, und dieser sprach zu ihm: „Ich habe das Geheimnis meinen Dienern verheimlicht, besorgend, sie möchten es dem Geistlichen hinterbringen, ich bin daher fast allein im Hause. Ihr braucht daher nicht vorschnell aufzubrechen, denn es könnte sich hier Schlimmes ereignen, und dazu wird es gut sein, Mut im Leibe zu haben. Allein habe ich keinen, aber zu zweien haben wir dessen übergenug. Auch geziemt es sich, uns kriegsmäßig zu rüsten. Und anstatt zu schlafen, wollen mir lustig zechen und trinken."
— „Aber vom Alten, wenn ihr mir vertrauen wollt", sagte Blaeskaek. Ungefähr um Mitternacht hörten die beiden Gesellen, die in einer niedrigen Halle mit aufgenefteltem Wams, jedoch nicht ohne Besorgnis zechten, die gleiche Stimme, aber nicht mehr kläglich, sondern heiter, wie sie Lieder in einer seltsamen Sprache sang: auch vernahmen sie gar liebliche Weisen, gleichwie von Engeln stammend, die (mit Verlaub zu sagen) im Paradies zu viel Ambrosia getrunken hätten, desgleichen himmlische Frauenstimmen, Tigergebrüll, Seufzer, das Geräusch von verliebten Küssen.
„Heda", rief Pieter Gans, „was mag das fein? lieber Jesus! Das find Teufel ganz sicherlich. Sie werden mir die Tonne völlig leeren. Und sie werden mein Bier köstlich finden und werden von neuem davon trinken wollen, und jede Nacht werden sie stärker rufen: Netze! netze! Und ich werde noch zum armen Manne werden, weh mir! weh mir! Höre, Geselle Blaeskaek" — und bei diesen Worten zog er seinen Knyf, das ist, wie ihr wissen werdet, ein starkes, gut geschliffenes Messer —, „höre, wir müssen sie mit Gewalt verjagen, aber den Mut dazu habe ich nicht."
— „Ich gehe", antwortete Blaeskaek, „aber nicht gleich, erst beim Hahnenschrei. Man sagt, daß die Teufel dann nicht beißen."
Vor Sonnenaufgang krähte der Hahn.
Und er hatte an diesem Morgen eine so kriegerische Stimme, daß es gleich schmetternden Trompeten klang.
Und wie sie die Trompeten vernahmen, siehe, da hielten alle zechenden Teufel mit ihrem Gebaren und Liedern ein.
Pieter Gans und Blaeskaek waren darob sehr froh und liefen mit großer Eile in den (Barten.
Pieter Gans suchte flink seine Tonne: er fand sie zu Stein verwandelt: und oben darauf saß wie auf einem Gaul ein Knäblein, splitternackt: ein feines und hübsches Knäblein, zierlich bekränzt mit Weinlaub, und Trauben hingen ihm Über die Ohren. Und er hielt in der rechten Hand einen Stab, mit einem Tannenzapfen am Ende und rings umwunden von Weinlaub und Reben.
Und obgleich das Knäblein von Stein war, so schien es doch lebend, solch ein gutes Vollmondgesicht war ihm zu eigen.
(Bar heftig waren Gans und Blaeskaek bestürzt, als sie besagtes Knäblein betrachteten.
Und sie befürchteten Teufelsspiel und Buße durch den Geistlichen und schworen, keinem ein Work zu jagen, und stellten die Gestalt, die nicht sonderlich groß war, in einen schwarzen Keller, wo es nichts zu schlürfen gab.


