' „Ich weiß nicht. Er bleibt nur ein Jahr bei uns. Ein feinerer Herr. Es heißt, er will uns Jungens und di« Mädchen studieren. Das hab ich gern." „
Der Junge nickte zweimal, kräftig bejahend, mit dem Kopf, utn esj sich selbst zu bestätigen, wie gern er es hatte, wenn em feinerer Herr ihn studieren wollte. .
„Ich spanne mächtig, was für einen fliegenden Hund p« uns da wieder einmal vorsetzen werden. Aber wenn er nicht Pfötchen gibt und schon macht, werden wir ihn mit seinen Flossen an di« Wand nageln.
„So", sagte ich. , L k ,, „
Vor Koburg trafen wir einen kühlen Abendwind. Es wurde schnell dunkel. ~ ~, ...
„Jetzt wird es dunkel", sagte der Junge. „Ich'mochte ausfteigen.
„Willst du hier schon übernachten?
„Ja. Irgendwo."
Der Junge nahm seinen Ranzen. Ich hielt den Wagen an.
„Du hast sicher noch einen weiten Weg. Ich nehme dich gern eine Stunde oder zwei mit."
„Ich bedanke mich für die Fahrt", sagte der Junge, und er stieg aus, ohne mir die Hand zu reichen.
„Nichts zu danken." .
Der Junge machte eine ausladende Bewegung mit den Armen, da die Riemen -des Ranzens ihn an den Schultern kniffen.
„Sie fahren noch weit?"
„Nicht mehr weit, vielleicht bis Hildburghausen."
Der Junge richtete einen aufmerksam-verwunderten Blick auf mich.
„Was wollen Sie denn in Hildburghausen?"
„Ich will mir da etwas ansehen, morgen früh."
„In Hildburghausen gibt es nichts anzusehen", sagte der Junge argwöhnisch und grob.
„Du mußt es ja wissen."
„Das weiß ich auch", entgegnete der Junge streitsüchtig. „Ich kenne Hildburghausen."
„Sei stolz darauf."
„Ich bin nicht stolz darauf. Aber der Weg von hier nach Hildburghausen ist einsam und bergig und schmal, und er geht fast die ganze Zeit durch dichte Wälder. Vielleicht bin ich stolz darauf, daß ich nicht dumm bin."
Ich sah auf den Ranzen des Jungen.
„Du hast recht. Wenn man ungeschliffene Brillanten im Rucksack trägt —"
„Was?"
Der Junge riß die Augen auf. Fast mußte ich über seine Ohrmuscheln lachen: wie flammende Fragezeichen sahen sie aus.
„Oder etwa nicht? Wenn man so ein mißtrauischer Knochen ist wie du, dann trägt man doch wohl Brillanten im Rucksack über die Landstraße!"
Der Junge stellte sich gegen meine Maschine auf, als wolle er mit ihr oder mit mir boxen. Er faßte das mit den Brillanten wohl als eine ungeheure Beleidigung auf.
„Ich habe keine Brillanten im Rucksack!" rief der Junge stolz und empört. „Meine Eltern sind arm, alle sind wir arm!*
„Aber anstellen tust du dich, als ob du Gott weiß was für Schätze mit dir über die Landstraßen schleppst!"
„Ich weiß, was ich zu tun habe!" rief der Junge erhitzt und zornig. „Ich weiß, was ich versprochen habe!"
Ich lachte.
„Du hast deinen Eltern versprochen, dich von keinem fremden Mann im Auto mitnehmen zu lassen?
„Das habe ich auch versprochen!" rief der Junge, entrüstet über mein Lachen.
„Aber du hast es schlecht gehalten, — dein Versprechen!"
„Ich weiß, was ich zu tun habe! Bei hellem, lichtem Tage auf der Staatsstraße, — da kann man mich nicht verbrennen und verkohlen!"
Ach so! Verbrennen und verkohlen! In Barcelona hatte ich davon gelesen, als ich dort an den Kiosken zum erstenmal wieder seit Monaten die deutschen Zeitungen kaufte.
„Du hattest recht, vorsichtig zu sein. — Leb wohl und grüß mir Waldeshut!"
Zum zweitenmal an diesem Tage sah ich den Jungen von mir fort« gehen, und zum zweitenmal beobachtete ich heimlich von meinem Sitz aus feinen bestimmten, schnellen, fast männlichen Gang. Und alles dies tat ich, während ich mir eine neue Pfeife stopfte und auch zuweilen den beginnenden Sternenhimmel betrachtete. —Siehe da, genau (o bestimmt, schnell und männlich, wie der Junge von mir fortgegangen war, kehrte er um und ging zu mir zurück.
, "Was haben Sie eben gesagt?" fragte der Junge. „Haben Sie nicht gesagt: und grüß mir Waldeshut?"
„Ja. Das habe ich gesagt."
„Woher wußten Sie denn, daß ich zum Schulheim Waldeshut gehöre?" Ich zeigte auf den Ranzen.
„Da, wo die Brillanten drin sind —*
„Wie?"
„Ein Zipfel eurer Mütze!"
Der Junge sah mich entgeistert an.
„Sie kennen unsere Mützen?"
„Allerdings"
„Sind Sie denn mal in Waldeshut gewesen?"
„O ja!"
„Wann denn?"
„So vor siebenundzwanzig Jahren. Als Schüler, wie du. — Jetzt muß ich aber weiter. Auf Wiedersehen!" U
„Fahren Sie denn nach Waldeshut?"
„Also bann auf Wiedersehen", sagte der Junge trotzig und entschlossen.
„Auf Wiedersehen. — Ich fordere dich gar nicht mehr auf, wieder einzusteigen. Du würdest ja auch einen ganzen Tag zu früh in der Schule ankommen!" ~ ..
„Ja, allerdings", sagte der Junge ärgerlich, „ßeben tote wohl!
Ich fuhr ganz langsam an, und ich verblieb auch noch einige Zeit in einem ganz mäßigen Tempo. Plötzlich hörte ich, wie der Junge hinter mir herlief. Er sprang aus das Trittbrett meines Wagens, — wie ein Bettler, den di« Not allzu kühn gemacht hat.
„Nicht wahr. Sie sind doch nicht? ... Oder sind Sie etwa? ... Nicht wahr, Sie sind doch nicht? ..."
Ich packte den Jungen, ich zog ihn neben mich.
„Jetzt bleibst du hier sitzen bis Waldeshut und muckst dich nicht!"
„Ja gern", sagte der Junge ganz unterwürfig und schnell, und er sah mir durch die matt erhellte Sternennacht ängstlich ins Gesicht. „Richt wahr", bettelte er, „Sie sind doch nicht etwa? ... Oder sind Sie etwa doch ..."
Ich schaltet«, und gewaltig gab ich Gas. Die Maschine heulte und braust« auf. Den Rauch meiner Pfeife blies ich dem Jungen in die Augen. ......
„Ich muß mich jetzt beeilen, damit ich es noch bis übermorgen lerne: wie' man Pfötchen gibt und schön macht, sonst werde ich mit meinen Flossen an die Wand genagelt."
In einer Wolke von Tabak sah ich einen Mund, der zu einem grinsenden Weinen verzogen war.
„Oder sind Sie etwa doch?"
„Natürlich! Wer denn sonst? — Ich bin der fliegende Hund.
3n deutschen Dörfern am Mississippi.
Von Josef Ponten.
Vor sechs Jahren (Mai 1926) veröffentlichte ich in der „Kölnischen Zeitung" einen Aussatz: In deutschen Dörfern an der Wolga (auch in meinem europäischen Reisebuch, Bremen, Schünemann-Verlag), handelnd von alter deutscher Siedlung dort draußen in der Landschaft von „Mütterchen Wolga", wie ein verliebter russischer Ausdruck heißt. Ich will ein Gegenstück dazu geben und von einer jüngeren Siedlung in der Landschaft des Mississippis, des „Vaters der Wasser", wie indianischer Naturgeist sich ausdrückt, erzählen.
Wir kamen im Automobil die 1000 Kilometer her von Florida, in dessen glücklichem Klima wir den Winter verbracht hatten. Es ging auf den amerikanischen, für Automobile gebauten Prachtstraßen, den Highways, durch den langen Westkorridor Floridas, ein Gebilde, das an den nun im politischen Meer untergegangenen „Caprioizipsel" Südafrikas erinnert. Wir sahen di« Neger dieser ehemaligen Sklavengegend auf hellen Aeckern arbeiten in Baumwollfeldern und Tabakpflanzungen. Die Neger sagten, daß es ihnen so gut ginge, wie sie nur wünschen könnten, auf den Veranden der Holzhütten an der. Straße spielte ihre vielköpfige, niedliche Brut — und dann wurde die herrliche Straße und das üppige Bild glücklichen pslanzenhasten Menschenlebens abgelöst durch surchtdarc, wagenmörderische Wege und Bilder der Zerstörung und des Jammers. Denn die aus den Südstaaten Georgia und Alabama in den Golf von Mexiko sich ergießenden Flüsse mit den klangvollen indianischen Namen Apalachicola und Choctawhatchee hatten, vom Frühjahr geschwellt, ihre Urwaldniederungen in braune Schlammseen verwandelt, die Brücken zerrissen, die Straßen verspült und ihre Deckentafeln von Zement zerkrümelt und die Holzhäuser der Negersiedlungen an den Uebcrgängen weggetragen, über- und durcheinandergeworfen, verbogen und zerbrochen. Oh, du berühmte alte Kontinentstraße, old Spanish trail! Aber im Staat Mississippi wurde es besser und gut und gar herrlich, unter den ehrwürdigsten alten immergrünen Eichen (schönere Bäume sind schwer zu denken) lagen die ^rnehmsten Häuser einer alten Kreolenaristokratie von Neuorleans im weißen verhaltenen Kolonialstil — nie sah ich einen Badeort von solcher Würde wie Biloxi. Abends gingen durch das seichte Meer Neger: der eine trug eine flammende Pechfackel, der andere eine zinkige Gabel, sie waren auf der Jagd nach Flundern. Es folgten — aber in der Langsamkeit, mit der sich auch für einen schnellen Wagen in diesem Meilenland die geographischen Dinge folgen — auf dem ungeheueren Delta des Mississippi di« weiten lichten Kiefernwälder und die Siedlungen darin; sieh da, da heißt jemand Hafner und Butsch, und als ich gar Wilhelm Döring lese, da halte ich und steige aus und stehe vor dem blauäugigsten Schmied aus Oldenburg. Es geht ihm gut, er repariert Automobile, er „macht" viele Dollar, er ist vor vierzig Jahren ausgewandert, er wünscht nicht nach Deutschland zurückzukehren, er kann aber nickst verstehen, warum Deutschland den Krieg verlieren mußte. Er erzählt von vielen Leiden in der Kriegszeit hier zwischen den Kreolen, Abkömmlingen von Franzosen; damals haben diese Schurken von Deutschen bekanntlich geplant, die Brunnen zu vergiften, und ihr« Arbeit und alle Produkte aus Deutschland waren nichts wert. Heute aber ist beides wieder geschätzt. Wir besuchen einen deutschen Pfarrer — ja, die Deutschen haben bereits eine kleine Holzkirche, aber mit deutscher Sprache in der Schule sieht es schlecht aus. Englisch braucht der hier Lebende, — und dann der Krieg und seine Folgen! Und wir kommen nach Neuorleans.
Aber wir verlassen bald die weit und leicht gebaute Stadt und kreuzen den Mississippi. Er enttäuscht uns, die Wolga vor dem inneren Auge, hinsichtlich seiner Breite; aber er ist tief durch hohe Dämme, und hier, im oberen Delta, hat er schon, wenn auch nur ein Zwölftel feiner Wassermasse, durch bereits abgeneigte Mündungsarme verloren. Und dann geht es viele Meilen hinter dem majestätischen Deich durch ein üppiges Marschland, in dem von Kreolen gefarmt wird. Einst müssen hier wohl Deutsche gesessen haben, es gibt einen Lac des Allemands. In der Frühnacht hält uns ein Mann an, sein Auto hat schweren Schaden, er bittet um das Licht der Scheinwerfer des unjern, um darin zu reparieren. Gern! Wie wir unseren Motor ^abstellen, hören wir, daß wir in einem Sumpf sind; es rührt sich sacht im Wasser, der Ochsenfrosch gibt in Abständen seinen


