Nummer 27
Zreitag, den 8. April
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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
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„Was haben Sie vorhin gejagt?
„Allerlei. Ich kann mich nicht mehr entsinnen.
„So", jagte der Junge, und er zog unwillig die Augenbrauen zusammen. „Dann auf Wiedersehen."
„Aus Wiedersehen", sagt« ich.
„Haben Sie nicht vorhin gesagt, datz Sie mich mitnchmen wollen?
„3a — jetzt besinne ich mich. Aber ich besinne mich auch, daß du gesagt hast: Nein, danke."
, Bitte, fragen Sie mich noch einmal", sagte der Junge mit einem ernsthaften Gesicht, aber in den Winkeln seiner Augen lachte irgend etwas, wie man es manchmal bei Hunden sieht, wenn sie sehr erhitzt sind und die feuchte Zunge hängen lassen.
„Gut. — Willst du mitkommen?"
„Ja, danke", sagte der Junge, und er stieg ein.
„Leg deinen Ranzen nach hinten zum Gepäck."
„Ja, danke", sagte der Junge, und er tat, wie ihm geheißen war.
Nun fuhren wir eine ganze Strecke schweigend nebeneinander her. Jch enttäuschte den Jungen wohl, ich fuhr recht langsam; ich war so glücklich, so eingehüllt in diesen warmen Frühlings-Spätnachmittag tm Obermaintal. , . . n -l
„Fahren Sie zu Ihrer Herrschaft?" fragte der Junge nach einiger Zeit.
Ich dachte über diese Frage nach. Zu meiner Herrschaft? War das ein mundartlicher Ausdruck für „Besitz", „Rittergut" oder dergleichen?
„Zu welcher Herrschaft?"
Der Junge wurde plötzlich rot, bis zu den Ansätzen seiner Haare.
„Ich sehe schon. Sie sind gar nicht Schofför. Der Wagen gehört Ihnen?"
Ach so.
„Ja. Der gehört mir." „ ,
Der Jung« sah sich im Wagen um. Auch die Sitze hinter ihm betrachtete 6r Alles tadellos fein. Ich habe gar nicht gedacht, daß einem so etwas gehören kann."
Da hatte ich sie: die Sprache dieser Zeiten!
„Wo willst du denn hin?"
„Nach Thüringen. In die Schule zurück."
„Wolltest du heute noch weit nach Thüringen hineinkommen?"
,Mein. In Lichtenfels wollte ich übernachten."
„Warum fährst du nicht Eisenbahn?"
„Lausen ist billiger." ,.
„Aber wenn du in Lichtenfels übernachten wolltest, das ist doch fast ebenso teuer, wie eine Fahrkarte vierter?"
Der Junge lächelte. , „
„Fürs Uebernachten habe ich noch nie was bezahlt.
„Diese Kunst möchte ich auch einmal erlernen."
Der Junge hielt seinen lächelnden Mund dem Winde hm.
„Fahren Sie auch nach Thüringen?"
Ja."
"Dann können Sie mich wohl, wenn es Abend wird, da im Gebirge irgendwo absetzen, — ja?" . ..
„Du kannst auch noch in der Nacht ein ganzes «tuck mit mir mn- tommen^, -tn &er Nacht fahre ich nicht mit", sagte der Jung«, und er war wieder schroff und feindselig.
„Wie du willst." nn
Wir schwiegen. Dann aber hatten wir große Gespräche über den Wagen seine Leistungskraft, Höchstgeschwindigkeit, ich wurde tüchtig aus- gefragt wie ich über Schwingachsen dächte, über Zentralschmierung und Vorderradantrieb, lieber die Beschaffenheit der Straßen in Oesterreich und Italien mußte ich Auskunft geben, von den französischen Kolonien mußte ich erzählen, von den Autostraßen in Marokko.
„Da oben liegt eines der schönsten Kloster von Deutschland — Vier- xebnheiligen —, wollen wir es ansehen?"
Der Junge sah mich unter buschigen Augenbrauen schars von der «ecke an. Sogleich war er wieder in der Abwehrstellung.
Wenn Sie von der Staatsstraße abbiegen, steige ich aus.
Das war alles, was er über Vierzehnheiligen zu sagen hatte Ich verblieb also auf der Staatsstraße. Unauffällig und schnell sah ich mir zuweilen den Jungen von der Seite an.
„Worüber denkst du denn nach, wenn du so tagelang wanderst?
^Worüber hast du zum Beispiel nachgedacht, wie ich dich ansprach?" Der Jung« überlegte. . ■ . , . .
®s kommt ein neuer Lehrer zu uns tn die Schule. Der wird mein Klassenlehrer. Ich habe nachgedacht, was für eine Nummer das sein
^Run? Was meinst du, was für eine Nummer das [ein wird?"
Aprilabend im Einkehrgasthof.
Von Edmund Finke.
Der Blick ist schon ganz hinab in die Tiefe geglitten, wo ein Traum das Fliehende stillstehn heißt, wir träumen den Tisch und die Gläser inmitten, auch der Schatten am Türstock ist wohlgelitten, und die Herren sind nicht mehr so ganz verwaist.
Die Türe ist offen, der Ostwind weht heiter an Autos vorbei und zerrissenen Schuh'n, der April ist so freudig, der Himmel wird breiter, die Wolken ziehn wie geharnischte Reiter in silbernen Panzern nach Avalun.
Die Wünsche sind still, und der Mensch ruht geborgen, die Luft ist würzig und schwer wie Wein, und ein Lächeln steht selig über den Sorgen, Warum verzagen? Vielleicht wird schon morgen der Frühling wieder im Lande sein.
Oer fliegende Hund.
Novelle von Wilhelm Speyer.
Alle Rechte im Rowohlt-Verlag.
Ich hielt meinen Wagen an.
„Willst du mittommen?"
Der Junge sah mich erstaunt an. .
„Ich könnte dich ein Stück mcknehmen. Schwer genug hast du es ja }u schleppen." .
„Nein, danke", sagte der Junge feindselig.
Ich'stttg Ä Wagen. Ich wollte sowieso am Vergaser etwas richten. r , .
Der Junge ging nicht weiter. Er jah mir zu.
Nach einer Weile steckte er seinen Kops neben meinen unter die Motorhaube.
„Funktioniert der Vergaser nicht? . [nnr[nmer
„Ich brauche zuviel Benzin. Ich will zusehen, ob ich ihn sparsamer einstellen kann." .. . .
„Um wieviel Striche drehen Sie die «chraube suruct . ,
„Um zwei. Ich will beobachten, ob er dann noch dieselbe Leistung ha wie vorhin." ,
Der Junge legte die Hand auf den Kühler.
„Sie fahren schon lange hintereinander weg?
Ja "
"Und schnell sind Sie wohl auch gefahren?"
„Ja, auch schnell".
„Darf ich fragen, von wo Sie kommen.
„Heute morgen um drei bin ich aus Bozen fortgefahren.
Der Junge wollte es nicht glauben. . ,
„Aus Bozen in Südtirol?" Er machte ein Gesicht, als sei em kaum beschwichtigtes Mißtrauen wieder wach gerooröen. sroip.heriet)eni"
„3a, aus Südtirol." Ich stieg in den Wagen. „Aus^Wiedersehen.
„Auf Wiedersehen", sagte der Junge, und er ging n>ei er. eg
Mit dem Hut grüßen, das hätte er nicht. Sef°n.nt’J.p J »it)tc[ ieiner gewollt hätte, denn er hatte feinen. Aber ich M J-1™1 PJ 1 yanb= Mütze in seinem Ranzen. Sein braunes Haar war staubig von der Lano sstraße und hart von der dörrenden Sonne. hpfrnchtete den
Ich stopfte mir erst noch meine Pfeife zündet« sie an betrachtete den Zungen, der davonging, und dann betrachtete ich mir i ~ &
Fülle eines von attersher gehegten und gepflegten Landes! In den Wattigen Winkeln der Dörfer standen Stemhe, lige des lrank.schen Barocks Alte Türen mit geschwungenen Ornamenten ®h aian , f(nute5 Moose in den Ritzen der Steinfassungen; auf dem1 ® < J it
bauten Störche ihr Nest. Ich kam von großen Wanderungen(lange<je War ich nicht in Deutschland gewesen. Wie gut war es, pnrn^rlicb weh zusehen und diese Sprache zu hören! Es tut manchma r f P '«in ganzes Jahr lang nur die Sprachen anderer Volker z h •’ _kern
Ich fuhr langsam an, ich überholte den Jungen, d
-als mit mir fahren wollte. Fünfzehn Jahre mochte er alt (ein.
Da aber kehrte er sich um, er hob die Hand.
„Nun?"


