Nummer 2

Zreitag, den 8. Januar

Jihrgang (932

seh

gleicht.

den Saal umgaben,

' Nur in den Wangen war eine sanfte Röte,

Winternacht im Dorf.

Von Uli Wieselmann.

Der Saum der kleinen Häuser war so kantig, daß Sie aus dem Schnee wie schwarze Zacken standen. Eis klirrte hart in Zapsen, spröd wie Glas,

Sie zum Reiten abholen?

Ja, bitte."

Um welche Zeit?"

um 16 Uhr "

Sie gaben"sich die Hand, dann schieden sie. Er schritt zur Garderobe, ließ sich den Pelz reichen, setzte eine Zigarette in Brand und ging in die schneehelle Winternacht hinaus, in der die endlosen Sterne klar, klar an einem dunkelblauen Himmel standen.

SiehenerZamilienbMer

Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger

WnÄS'dktam an'ber kühlen Marmorsäule und sah dem Getümmel ,u gCbt fiel sein Auge bei einer Wendung in einen rechts von 'hm aus weißem Grunde hängenden Kristallspiegel, der, an den^Rändern breit S"L. *?, s» ew'Ä "ch'N'-7 nS seltsam und komisch vor. Er haßte diese glänzenden Feste, diese Massen

veraessm hat, ohne noch ihren Namen recht gewußt zu haben, wo man einzig dazu da ist, die ernste Pflicht zu erfüllen, mit den Damen, die man fennt9 sein bestimmtes Pensum herunterzutanzen und vielleicht noch em

roe,Sieme?rba5 alles verachtete. Er tanzte ungern, obwohl er ein vor- trefflicher Tänzer war; er begriff nicht recht, wie dieLeute am Tanz so viel Vergnügen finden konnten. Wo er sich wohlsuhlen sollte, muß es andersh ergehen Wenige, die sich verstanden, in behag icher Stube in der das prasselnde Feuer aus dem Kamin rote Streiflichter, über den Teppich warf Dazu eine ungezwungene Unterhaltung oder eine inter­essant Erzählung oder der Vortrag eines schonen Liedes das mochte er Und wenn dann die Frauen das Rauchen gestatteten, erreichte d e Behaglichkeit für ihn den Höhepunkt. Dann zündete er sicheine ÄGarette an soa mit e nem inneren Wohlgefühl den aromatischen Duft in sich auf -und nun l°a7n ihm die Gedanken nur so zu und die Worte gingen ihm noch einmal so leicht von den Lippen. Wenn er dann erzählte lauschten ihm alle Anwesenden mit Vergnügen. Erverstand'ausgezeichne

erzählen Die schlichtesten Geschichten umkleideten fid) tn seinem ^unde mit einem warmen Glanz von Poesie^ Aber was sollte er hier? Er fühlte sich befangen. In dieses Getriebe paßte er md)t ~ ,

Seine Augen gingen schon eine Weile suchend durch den Saal. Jetz ' schienen sie gefunden zu haben, wonach sie verlangten. Sie wurden ein wenig größer und nahmen ein lebhafteres Leuchten an. «rsn»«.«

Das Mädchen, auf dem fein Auge lag, ging am Anne ihres Talers langsam durch den Saal und fächelte sich Kühlung zu. Sie trug em Mech aus himbeerfarbener Seide, bas ^)als unb Ülacfen oy।in i ß* schien 7art wi- Samt und war so blendend weiß, wie die Narz, sen- bläten die duftend auf ihrer Brust lagen. Auch die Stirn war bleich Nur in den Wangen war eine sanfte Rote, so sanft und heimlich, wie s aus jungen ApfAblüten glänzt. Sie sprach wenig und schien nie zu fragen Jetzt legte sie ihren Arm auf die Schulter des Mannes neben dem sie schritt um den Tanz wieder aufzunehmen da setzte die Musik das Spiel aerobe ab. Er sagte ihr Worte des Bedauerns und führte sie aul ihren Platz, wo sie sich mit einem leichten Gruß von iljm trennte

Die Augen des Mannes an der Marmorsäule ruhten noch immer auf ihr. Da setzte die Musik wieder ein, mit einem prickelnden Walzer von Strauß. Er zupfte flüchtig an seiner Weste, trat aus dem Schatten

II.

Punkt 16 Uhr ritt er bei ihr vor. Es mar eine klingende Kälte. Der frisch gefallene Schnee knirschte unter den Hufen des Gauls, über dessen Fell sich eine Reifkruste gezogen hatte. Ihr Pferd, ein Rappe, wurde schon von einem Reitknecht auf- und abgesuhrt.

(£r sprang aus dem (Sattel unb übergab bte Äugel bem Knecht. Da trat sie aus der Tür. Sie trug ein schwarzes Kostüm unb einen flachen Hut, um ben ein hinten heradhängenber Kreppschleier geschlungen war Die Augen brannten groß barunter hervor. Sie sah bleich aus. Ihre Züge waren marmorn still, wie immer, wenn sie ihm gegenuberftanb.

Er zog ben Hut, unb sie reichte ihm die Hand. Er half ihr auf den Rücken ihres Tieres, bann faß er selbst auf. Nun ritten sie nebeneln- anber davon. Sie sprachen blutwenig unb bas ©lei$gultigfte oon ber Welt. Wohin sie zu reiten befehle? Sie nannte ein Wäldchen, das etwa eine halbe Stunde vor der Stadt lag, bann waren sie roieber ftttt. Als sie durch das Stadttor geritten waren, lag eine wette schnurgerade Landstraße vor ihnen. Sie war mit alten Pappeln bestanden, die kahl in die Winterluft ragten. n ..

Die Rettenden hatten einen kurzen Galopp emgeschlagen, den sie bis zu dem Wäldchen beibehielten, das nun mit feinen schneebehangenen Tannen dicht vor ihnen lag. Die Landstraße durchschnitt es Sie machten kehrt. Es wurde Zeit, daß sie an den Heimweg dachten Und sie schw^- aen Rur das Schnauben und das Getrappel der Pferde und manch­mal der Ruf einer Krähe zog durch die Winterlust kein Laut e ner menschlichen Stimme. In seiner Brust tobte es. Er hatte sich gestern Abend geschworen, heute ein Ende zu machen. Run?

Er sah erregt geradeaus. Da bemerkte er, wie sich die Lichter der nebelumhüllten Stadt langsam aus der Dämmerung losten - immer mehr und mehr, immer heller und heller. Es stieg ihm siedend heiß den Rücken hinauf. Wenn es heute nicht geschah, geschah es niemals. Und die Stadt war schon so nahe ...

Und bann, nach ber langen Stille sprach er die Worte, über die, als sie über seine Lippen tarnen, er selbst erschrak:Sie mären fo Won gestern Abend, Anni, ich hätte sie m ine Arme nehmen und küssen mögen." . , u

Warum haben Sie s ... , , , ,,.

Da bereute sie's schon, noch ehe sie's ausgesprochen hatte. Sie biß die Lippen zusammen, stieß dem Pferde die Sporen ,n die Weichen und sah nach rechts, ihm abgemanbt, zu Boden. Dort flogen ihre Schwiten über das bläulich glänzende Schneefeld, gespenstisch groß und scharf umrissen: zwei schlanke Tiere, und darauf zrnei lugenbliche Menschen­leiber. Sie etwas vor ihm und höher als er. Ihr Schleier hinter ihr

Richtwaage blickte sie so. Sie fühlte plötzlich, wie sich ein Arm um ihre Höste legte. Und sie war gar nicht entrüstet darüber sie zuckte nicht einmal zusammen, es schien ihr ganz m der Ordnung so Sie lache1 und streckte nun auch den Arm nach ihm aus, so daß er ihre Rechte in

hervor und durchguerte das Parkett. Run bemerkte sie ihn. Sie fuhr leise zusammen, unb ihre Brust hob und senkte sich schneller, so baß bie Narzissen in ein leises Zittern kamen. , _ _..

Er drang noch rechtzeitig zu ihr, ehe em anderer kam. Sie erhob sich. Er fragte:Aber Sie sind wohl schon verpflichtet?

Sie entgegnete nichts. Sie nahm seinen Arm, und nun tanzten sie. Es tanzte kein anderes Paar so gut. Viele Augen richteten sich mit Wohl­gefallen, manche mit Neid auf sie.

Sie sprachen kein Wort. Sie fühlten sich, sie spurten ihre Nahe unb schwiegen. Er merkte, wie sie zuweilen bebte, unb hatte ihr am liebsten ins Ohr geflüstert:Ich habe dich lieb" unb auch ihr war so, als müßte sie es tun. Aber sie unterließen es beibe. Es war ihnen schon oft so ergangen. Sie wußten, sie liebten sich, und wenn sie sich fern waren, so. waren sie voll Sehnsucht nacheinander. Aber die erlösenden Worte fanden sie nicht. Es waren zwei wunderliche Menschen. Sie schämten sich, ihre Regungen laut werden zu lassen Sie empfanden so stark aber sie waren zu verstockt, ihre Empfindungen m Worte zu kleiden. Ihr war, als müsse sie meinen. Warum waren sie sich gegenüber in Worten so ungeschickt? Er mar es doch sonst nicht.

Als bie Instrumente verstummten, hatten sie noch kern Wort ge­metzelt. Aber er hatte einen Entschluß gefaßt: es sollte ein Ende wer- ben Waren sie denn törichte Kinder? Wollten sie sich denn durchaus Znguälen, bis es zu spät wurde? Bis sie sich w-rlnren hatten?

Er fragte sie, als er sich verabschiedete:Darf ich morgen kommen. Sie zum Reiten abholen?"

Und Drähte waren festliche Girlanden. Die Straße schlief und summte. Vor mir Ich, wie ein Kater über Zäune streicht; Ich' gehe langsam über knirschen Schnee, Erstaunt, wie wenig mir mein Schatten

Winternovelle.

Von Hans Bethge.

I.

Er lehnte an einer der kühlen Marmorsäulen die ...

und sah in das Gewimmel. Es war ein Wirrsal ohnegleichen Flutende Gewänder in Seide und Spitzen, Perlen und blitzende Sterne, Blumen, köstliche Blumen an reizenden Schultern und schön gewelltes Stauen« haar Unb bann'biTrnngengeröteten Gesichter. Die einen mit bem holden rainm her ^uaend andere auch noch junge, mit ben Mienen der Men- f*on^nnn Welt bie ihre Erfahrungen hatten, die so gern hatten jung ch "nen?en' bi ab er die Spuren bes Daseins unverlöschlich in ihren 'Zwen tnigen' Endlich mübe, abgebrauchte, die gar nicht mehr Luft Nn?en anders zu erscheinen, als sie waren. Auf bem Ganzen lag der hcUe Schimmer einer Fülle elektrischer Lampen. Das eintönige Stimmen- a stirr b sw^ len dÜrch ein Lachen ober einen Zuruf unterbrochen würbe Longen Klängen eines Orchesters übertönt, zu denen sich d.e Paare mit