Da prustete das Mädchen heraus: „Ich hätte nie geglaubt, daß der ' Herr Studiosus em Wort herausbringen konnte! Wie stumm ist er an uns vorbeigega-ngen, wenn er uns begegnete. Nicht einen guten Abend hat er uns geboten oder einen guten Tag!"
„Das wär' auch nicht ganz geziemend gewesen!" sagte die Mutter.
In dem Augenblick wurden Schritte im Gang hörbar, und Klara rief: „Emma, komm doch heraus! Er kann wirklich reden! Er hat eine Zunge im Munde — sie ist ihm nicht fcstgewachsen!"
Jetzt nun trat die von Heinrich Angebetete herfür. Während die Schwester das Mäulchen lausen ließ, stand sie groß und errötend da, schlug die Augen zu Boden und faltete die Hände über der Schürz«.
„Ich habe die Bekanntschaft mit unserm Herrn Nachbar gemacht", sagte bi« Mutter. „Komm, Emma, reich dem jungen Herrn die Hand. Nimm dir an Klara ein Beispiel. Die ist mobil und nicht verschämt!"
Also ward dann die Bekanntschaft gemacht. Wer Heinrich brachte kein Wort mehr heraus; er stotterte nur, er müsse noch des Abends eine Lektion vorbereiten, fo er einem jungen Herrn zu halten hätte, und bäte um Pardonierung.
Unter mehrfacher Verbeugung verabschiedet« er sich, kam in sein äimmer und meinte voller Entrüstung vor sich selbst, er hätte die schönst« elegenheit seines Lebens verloren, das Mädchen, das er «rsehnte, zu sprechen. Und als er zu Bett ging, war es ihm, als schleppe er eine große Last.
Am andern Tag« traf er di« beiden Mädchen auf der Straße. Klara winkte ihm zu; Emma sprach nur mit den Augen. Er wagte es, „Guten Tag!" über die Gasse zu rufen.
Abends saß wieder die Pastorin auf der Bank und rief ihn an, und die beiden Mädchen kamen heraus und setzten sich mit Handarbeiten dazu. Sie plauderten und sprachen dies und das, und auch Emma erzählte, wie schön es in ihrem Thüringer Pfarrhaus gewesen. „Ach", sagt« sie, „hier vermisse ich alles! Wie gern hab' ich auf einem grünen Rasenfleck im Garten unsre Wäsche gebleicht! Die Vöglein hüpften in den Obstbäumen, und die Blumen dufteten. Di« Sonne schien warm; mir haben nie die Wäsche länger liegenlassen als bis zehn; denn di« Mittagssonne verbrennt zu leicht das Linnen und die Spitzen."
Di« Mutter lobte das Mädchen, zeigte die feinen Handarbeiten vor, die sie machen konnte, und sagte: „Für einen jeden Mann, der sie heimführt, wird sie ein Schatz fein!" —
Schon des Morgens schaute Heinrich ängstlich aus, ob das Wetter auch halten würde; denn die abendliche Plauderstund« auf der grünen Bank war ihm ein« liebe Gewohnheit geworden. Aber nach zwei Wochen, als «s während des Gesprächs zu regnen anfing, nötigte die Pfarrerin ihn, ins Haus einzutreten.
Das Zimmer, das sie vor ihm öffnete, war spärlich eingerichtet. Ein Kanapee mit grünem Brokat an der Längswand, davor ein runder Tisch mit vier Stühlen; zwischen den Fenstern stand ein Spiegel, dessen Rahmenvergoldung bereits abblätterte; an den Wänden hingen ein paar Kupferdrucke.
Der schönste Schmuck des Zimmers war ein Cembalo, an dem Emma stand und Noten zusammenlegte. Heinrich sah, wie das Mädchen errötete.
Die Pfarrerin aber, rief eifrig: „Zeig doch, was im gelernt hast!" utrb wandte sich an Heinrich, indem sie ihn mit einer Handbewegung bat, Platz zu nehmen: „Immer ist sie töricht und stellt ihr Licht unter den Scheffel! Hat die schönste Stimme und ist so musikalisch, daß sie sogar Lieder in Musik setzt!"
„Liebe Mutter!" bat das Mädchen und schlug die Hände zusammen.
Indem trat Klara ein: „Aber gewiß mußt du uns etwas vorspielen!" Und eifrig wandte sie sich an den Besucher: „Ganz reizend hat sie ein Gedicht des göttlichen Gellert komponiert! Gleich such' jch's heraus!"
Emma begann ein kleines Vorspiel und Hub mit einem leisen, aber wohllautenden Sümmchen an zu singen:
»Der Tod der Flieg« heißt mich dichten. Der. Tod der Mücke heischt mein Lied; Und kläglich will ich dir berichten. Wie jene starb und die verschied.
Sie setzte sich, die jung« Fliege,
Voll Mut auf einen Decher Wein, Entschloß sich, tat drei gute Züge, Und sank vor Lust ins Glas hinein.
Die Mücke sah die Freundin liegen.
.Dies Grabmal', sprach sie, .will ich scheu'n;
Am Lichte will ich mich vergnügen Und nicht an einem Becher Wein.'
Allein verblendet von dem Schein«, Ging fie der Lust zu eifrig nach, Verbrannte sich die kleinen Beine Und starb nach einem kurzen Ach.
Ihn, die ihr, euren Trieb zu nähren, In dem Vergnügen selbst verdarbt, Ruht wohl und laßt zu euren Ehren Mich sagen, daß ihr menschlich starbt!"
Heinrich bemerkte, wie das Mädchen, während «s sich ganz seiner Auf- gabehingab, freier wurde und ihn zum Schluß mit dem schönsten Blick beschenkte.
Die Frau Pfarrerin konnte sich nicht genugtun, das Kind zu loben. So gerieten sie in ein Gespräch über die Vorzüge und poetischen Schönheiten des Dichters Gellert. Die Pfarrerin rühmte, wie er das Menschenherz kenne; sie fragte Heinrich, ob er sich auch schon mit diesen seinen neumodischen Gedichten beschäftigt hätte.
Er geriet durch diese Frage 'in Verlegenheit, da er sämtliche Fabeln uuö Poeme des Leipziger Poeten auswendig konnte und bedacht war
jedes Blatt von ihm beim Buchhändler zu kaufen. Bescheiden fragte er: „Ist Ihnen eines der neuesten Erzeugnisse, „Die Guttat", bekannt?" Und da die Mutter mit den Tächtern aushorchte, stand er auf, hielt sich mit der Linken an der Stuhllehne fest, entbreitete die rechte Hand und deklamierte:
„Wie rühmlich ist's, von seinen Schätzen
Ein Pfleger der Bedrängten sein Und lieber minder sich ergötzen, 2(1 s arme Brüder nicht erfreun!
. Beaten fiel heut ein Vermögen
Von Tonnen Golds durch Erbschaft zu. .Nun', sprach sie, .hab ich einen Segen, Von dem ich Armen Gutes tu’.'
Sie sprach's. Gleich schlich zu feinem Glück«
_ Ein siecher Alter vor ihr Haus
Und bat, gekrümmt auf seiner Krücke, Sich eine klein« Wohltat aus.
Sie ward durchdrungen von Erbarmen
Und fühlte recht des Armen Not.
Sie weinte, ging und gab dem Armen
Ein großes Stück verschimmelt Brot."
„Was für Töne doch der Göttliche auf feinem Saitenspiel beherrscht!" rief die Mutter. „Wie neckisch er sein kann! Freilich, manchmal ist er ein ungezogener Spötter, und ich fürchte fast, er hält von uns Frauen nicht viel. Frivol Ms, daß er Claris für ihre Eifersucht durch Venus in ein Täubchen verwandeln läßt!"
Emma fetzte sich wieder ans Cembalo und spielte Lieder. Und auss angenehmste verlief dies« Stunde des Abends.
Von dem Tage an war Heinrich regelmäßiger Gast im Pfarrhause, ob es gut Wetter war oder regnete. Sie lachten, scherzen, gaben sich Scharaden und Rätsel auf, und wer das Rechte zuerst erriet, erhielt zum Preise, da es mitwsilen Herbst geworden war, Walnüsse oder Pflaumen.
An Sonntagen bewirtete die Frau Pastorin ihren Gast mit Bratäpfeln und selbstgebackenem Kuchen: oder sie reichte einige Tassen Warmbier und eine trocken« Semmel dazu. Dann und wann fordert« Heinrich die Fam li« auf, mit ihm des Sonntagsnachmittags einen Spaziergang auf ein Dori in der Umgegend zu machen. Dort zahlte er dann selbst, was genoffen ward: ein paar Schüsseln saurer Milch, Obst und etwas Brot. Auf dem Heimweg sangen sie, während sie über die Fluren durch di« laue Nacht dahinschritten, Lieder, am liebsten den schönen Sang: „Guter Mond, du gehst io stille ..."
Wem Gott Glück leiht, dem gibt er es gern ganz. So fand Heinrich ein paar reiche Studenten für Privatstunden, und dieser Zuschuß kam ihm wohl zustatten, so daß er jeder der beiden Schwestern zum Heiligen Christabend ein kleines Geschenk machen konnte: eine mit Pelz eingefaßte Haube, wie sie damals die Bürgertöchter in Halle häufig als Schutz gegen Kälte und schlechtes Wetter trugen. Der Frau Pastorin überreichte er eine in Horn gefaßte Brille, di« sie beim Lesen sehr benötigte. Seiner Mutter schickte er ein warmes Wintertuch, das er vom Postillon in Luckenwalde hatte kaufen lassen, nach Kolberg.
Einen so vergnügten Weihnachtsabend wie den des Jahres 1752 hatte er feit dem Tod seines Vaters nicht mehr erlebt. Di« Frau Pastorin hatte eine Krippe aufgebaut und sie rechts und links mit einer Mandel Lichter beleuchtet. Zart goto, blau und rot schimmerten die schönen Figuren der Könige und der Hirten. Es war ein künstlicher Hintergrund gemalt, um den Stall anzuzeigen, aber Ochs und Eselein waren fein säuberlich aus Holz gedreht, und fromm kniete Vater Joseph neben der Krippe, in der das Kindlein lag, behütet von seiner lieben Mutter Marie.
Die Pfarrerin sang mit ihren Töchtern, während Heinrich vor diesem Wunder stand: „Es ist ein' Ros' entsprungen ..." Das war ein Lied, das aus dem Süden heraufgekommen war und toas er noch nicht kannte. Dan» erhielt er zur Bescherung von jeder der Töchter zwei Paar wollens Winterstrümpfe und von der Frau Pastorin ein Paar Handschuhe, rot und schwarz, die fie selbst gestrickt hatte. Hernach gab es das Festgericht: Karpfen mit einer polnischen Biersoße und dazu ein Gläschen Punsch.
Die Mutter räumte mit Klara den Disch ab. Heinrich und (Emma traten an die Krippe, deren Lichter im Niederbrennen waren. Er fühlt« des Mädchens Schulter an der feinen — da gaben sie sich den erste» Kuß-...
Als am nächsten Tag Heinrich vor dem Haus der Pfarrerin stand, um seinen Besuch zu machen, trat Klara heraus und bedeutet« ihm, sie ausj der Gasse zu begleiten. Er erfuhr, -daß Emma viel geweint hätte und sich krank fühl«. Sie habe der Mutter den Kuß gebeichtet und schäme sich nun.
Heinrich kam sich selbst sehr verwerflich vor. Zaghaft trat erZns Haus, klopfte an die Tür des Wohnzimmers, in dem er die Pfarrerin beim Kaffee, das Gesangbuch lesend, fand. Sie begrüßte ihn mit großem Blick, und er brachte seine Entschuldigung vor: Die Liebe hätte ihn so weit! gebracht, daß er das Mädchen des abends geküßt hätte; aber er sah« wohl ein, es wäre ein Unrecht für all die Siebe und Güte, die er im Haufe der Pfarrerin genossen; er bäte sie um Verzeihung und um bi« Hand ihrer Tochter, so sie es ihm oerftatte.
Die Pfarrerin nickte sehr ernst mit dem Kopfe und sagte, sie musst es überdenken und mit Emma besprechen. — So lebte er ein paar lagern großer Pein, erfuhr nur, was drinnen im Hause geschah, von Klara, die sich zu ihm hinausstahl, wenn sie ihn erblickte.
Endlich, am Silvesterabend, ward er eingeladen. Die Mutter vermahnte die beiden, sich nicht den Trieben zu überlassen, wenn sie fid)1 auch liebten; sie sollten sich als anverlobt betrachten und die Hand geben, und warten, bis ihr Bund gesegnet würde durch den Pfarrer. — Und. fie reichten sich die Hände, versprachen sich's. Die Mutter trocknete ihre Tränen; Klara aber lachte, wofür sie von der Pfarrerin geziemend verwiesen wurde.
(Fortsetzung folgt.)
verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. — Druck und Verlag: Drühl'sche Univerf itäts-Duch« und ©teijibruderei, R. Lange, Gießen.


