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808 Rufe, die man gern hört.

Au» den Erinnerungen eine» Bordfunkers.

Von Kurt Henschel.

Die drei Buchstaben SOS, die von Seeschissen in höchster Not gefunkt »erden, genießen eine gewisse Popularität als Unheilskünder weit über »ie Seefahrerkreise hinaus. Aus die Gefahr hin, die schicksalsschwere Be­deutung des SOS herabzufetzen, will ich aus meinen Funkerfahrungen verraten, daß man beim Klang des SOS bisweilen auch ungetrübte Freude empfinden kann. Trotz der Erinnerungen an grausige Kata- chophen geht der SOS-Ruf dem Funker im allgemeinen nicht so durch Mark und Bein wie der menschliche Hilferuf einem einsamen Wanderer n sinsterer Nacht, und zwar deswegen nicht, weil man sich wegen seiner verhältnismäßigen Häufigkeit an ihn gewöhnt hat. In einer einzigen Drkannacht auf dem Nordatlantik hörte ich ihn von vier verschiedenen stellen. Diese Art allerdings, also die bei hoher See und die damit häufig verbundene Aussichtslosigkeit von Rettungsmaßnahmen gesandten Ruse jört man jedoch bei aller Gewohnheit nur in tiefer Erschütterung. Aehn- ich verhält es sich mit dem SOS von Passagierdampfern.. Wenn man nach bei dem heutigen Stand der Sicherheitseinrichtungen erstaunt sein muß über den Umfang von Katastrophen, wie ihn die des französischen .Georges P h i l i p p a r" und der italienischenP r i n c i p e s s a Mafalda" bei spiegelglatter See aufwiesen, so ist doch hier ehrliche Beforgnis angebracht. Nach Ansicht der Seeleute ist der Passagier ja ein Wesen, das noch aus dem sicheren Rettungsboot herausfallen und er- sinken kann. Natürlich sprechen alle SOS-Rufe von' schwerer Gefahr, mindestens für das Schiff allein, doch lassen sie sich meist mit einem nassen und einem trockenen Auge betrachten, wenn nicht gelegentlich überhaupt das zufällig an der Waterkante beheimatete Sprichwort von t«er Uh! und der Nacktigall gilt.

Jährlich sinken zahlreiche Schiffe in die Tiefe, ohne daß die Oeffent- | Weit davon erfährt, besonders, wenn nicht das kostbarste Schisfsgut, der Sassagier, vom Unglück betroffen wird. Nach den Berichtszahlen des ermanischen Lloyd .gingen 1931 380 Handelsschiffe mit insgesamt >41824 Bruttoregistertons gänzlich verloren, 118 im Sturm, 94 durch ' Strandung, 35 durch Brand usw. Beschädigt wurden dagegen 12 075 Schisse. Weit größer als die Zahl der verlorenen ist demnach die der geretteten Fahrzeuge«, und das Reiten ober fachmännischBergen" ist iS, was dem Seemann Vergnügen bereitet, und zwar so großes, daß ler wachthabende Offizier, wenn ich ihm ein SOS meldete, elektrisiert zur Sorte stürzte und freudig erregt ausrcchnete, ob und wann wirihn" laben können. Trafen wir einen Dampfer, der einen Unglückswurm im ' Schlepp hatte, so begegnete ich stillen oder vernehmlichen Vorwürfen: Warum hast du ihn nicht gehört?" Es fehlte auch nicht an gelegentlichen k Ermahnungen. Gewiß erklärt sich dieser Eifer zum guten Teil aus Mchstenliebe und Kameradschaftlichkeit, an denen es dem in Nähe der Zefahr lebenden Seemann gewiß nicht mangelt, doch das Geheimnis, ueshalb das SOS für ihn oft auch einen angenehmen Klang hat, ist in :nbern Ursachen zu suchen. Zum Verständnis hierfür muh ich vom Wesen ks SOS-Ruses, dem die Bedeutung vonSave our ship" oderSave eur souls" unterlegt wird, noch anführen, daß er nur ausgesandt werden krf, wenn ein Schiff sich tatsächlich in Gefahr, ohne fremde Hilfe ver­loren zu gehen, befindet. Das kann natürlich schon der Fall fein, ehe kebensgefahr für die Menschen an Bord besteht. Ein Dampfer mit schwerbeschädigter Hauptmaschine, ohne Ruder ober Schraube, mit Wellen- euch usw. ist hilflos dem Spiel ber Elemente ausgeliefert. Unter ben er­mähnten beschäbigten Schiffen befnnben sich neben 2020 mit Maschinen­schäden, 587 gestrandete und 2456 kollidierte. Ein großer Teil von diesen nußte, wenn sich nicht andere Hilfe bot, das SOS-Signal ausfenöen.

Ist dies aber einmal ausgerufen worden, so besteht die Verpflichtung, sich retten zu lassen; ber Kapitän des Unglücksdarnpfers ist nur berech- igt, sich einen ober einige Retter auszusuchen, wenn er sich davon Vor­teile verspricht und die Gefahr das zuläht. Ist.die Gefahr etwa neunzig- iwzentig, so bleibt dem betroffenen Schiff die Möglichkeit, unter Ve- mtzung des sog. Dringlichkeitszeichens mit Vorrang zu {unten und zu­nächst einmal die Aufmerksamkeit aller Nachbarn auf sich zu lenten. We­niger die Strafbestimmungen der Seebehörden sind es, die einen SUimtan Mm sparsamsten Gebrauch des SOS-Rufes zwingen, fonbern derKosten- | Htntt ist ausschlaggebend. Für die Bergung eines Schiffes wirb ein f Sergelohn fällig, dessen Höhe vom Werte des Schisses, seiner Ladung und \ wn ber Größe ber Gefahr abhängt, es handelt sich in ber N^gel um Su n- l «en, die ein Vermögen barstellen. Vom Nettobergelohn, "°^?zug aller I ^kosten, erhält wiederum die Besatzung des bergenden Sch ffes einen I wesentlichen Anteil. Hiervon entfallen auf den Kapitän fünf, auf den I ffunter ein bis eineinhalb Prozent ufm. Daher also die Sreube> ctrn SOS, I las für manchen Seemann dasselbe bedeutet, wie für den Landbewohner F In Treffer in der Lotterie; es ist glücklicherweise auch ebenso selten [ »le dieser. Ich hatte jedenfalls tein Gluck in diesem Spiel. Ms em großer | Holländer vor Estlands Küste im Sturm "us einem Felsen fa6, eine f stunde Fahri von uns entfernt, hatte ich einen Bampfer fW) I Maschine unter ben Füßen, daß wir dem H°ll°nber auf seinem Felsen i| ochstens hätten Gesellschaft leisten tonnen unb baher einem ezmizcyen

»en Ozean überholte uns ein flinker amer.tanisch r Kreuzer ausge ! !^)net in bem Augenblick, in bem ein stolzer M°g'fdampfer, weng^ I -feiten vor uns, im Gewitter auf ein Rifs lief- . mocfeis

lVS-Fall hatten wir bas Gespenst, im Hgufe: W r trieben im V°ckew [ zwischen den sinnischen Schären; em starker russischer Eisbrecher youe l'V, Ts'k"-Mck«ch-»'E »-Mlich »«« Mil Iltetet dem Seesehrer nicht nur hufullsgewiiinig^ze Reedereien, d |^rgungsgesellschaften, leben vorwiegenb von ben Pechvögeln dr ee I Wahrt. Diese Gesellschaften besitzen>

[ afte bis zu 3000 Pferben stark sind unb bte guntftatwnert mu -p | prät unb allen Schikanen ununterbrochen tm ^tried haben. V «m m, s« ' cbel und anderen Gefahrenmomenten liegen sie in den Flutzm . 9

unter Dampf unb lauschen durch das Ohr des Funkers auf das Meer hinaus. Kern Mann der Besatzung darf an Land und auf ein Signal des Funkers auf einzelnen Dampfern mittels Lichtanlagen stürzt jeder auf feinen Posten und hinaus geht die wilde verwegene Jagd. Wer zuerst die Seine am Unglücksschiff festmacht, hat Anspruch auf Bergung und Lohn, was nicht ausschließt, daß dieKonkurrenz" zur Hilfe herangezogen werden kann. Selbstverständlich kämpfen diese kleinen Fahrzeuge selbst oft mit schwersten Gefahren, und manche stille Helden­tat wird hier gewohnheitsmäßig vollbracht. Ja wenigen Nachkriegsjahren find mir allein drei Untergänge deutscher Bergungsdampfer im Norb- feegebiet bekannt geworden: einer stieß mit dem zu bergenden Schiff zusammen, einer riß sich an bem im Wasser gesunkenen ben Boben auf, unb ein dritter versank im Sturm, nachdem er einen Norweger von Gibraltar bis vor die heimatliche Küste geschleppt hatte.

Bei den Bergungskosten und der vertragsgemäßen Heiligkeit des SOS-Rufes wird jeder Kapitän ihn nach Möglichkeit vermeiden. Ueber seine Notwendigkeit können die Meinungen an Bord auseinandergehen, und so kann ein Funker zwischen zwei Parteien und in eine Gefahr geraten, die mit der eigentlichen Seenot wenig zu tun hat, wie es meinem Dienstvorgänger auf einem hochbetagten kleinen Frachtdampfer, der oft in seenotähnliche Sagen geriet, erging. Das Dampferchen hatte in ber Norbsee mehr Wasser geschluckt, als es vertragen konnte. Schon ftanb das Wasser ziemlich hoch im Maschinenraum, und zum Uebersluß ver­sagten die Pumpen. Die Leute bildeten eine Kette zum Deck herauf unb gossen eimerweise bie See zurück. Die Heizer aber glaubten, daß ihr letztes Stündlein nahe sei und drangen mit Vorschlaghammer und an­derem Handwerkszeug auf Kapitän unb Funker ein, um bas SOS zu erzwingen, bas ber Kapitän nicht für erforderlich hielt. Der Kapitän wehrte die Meuternden mit der Waffe ab, unb ber Funker gehorchte seinem SOS-Verbot ungeachtet ber schweren Bedrohungen, wofür er später öffentliche Belobigung erntete; denn das Schiff erreichte Cux­haven mit Mühe unb Not, währenb es bei Aufgabe Der Selbsthilfe ver­mutlich versunken wäre. Allerbings war es auf ber letzten Strecke nicht allein geblieben; einige Bergungsdampfer, aufmerksam geworden durch ben Telegrammverkehr zwischen Schiss unb Reeberei, folgten in ge­ziemender Entfernung, wie Füchse einem kranken Wild.

Ein weiteres Sicht auf die materielle Seite des Bergungsdienstes wirst folgende hübsche Geschichte, von ber ich zwar nicht weiß, wie weit sie Seemannslatein barstellt. Ein Italiener sand sich bei schlechtem Wet­ter an ber Norbseeküste nicht mehr zurecht. Er lockte einen Bergungs- bampfer heraus, teilte ihm bei dessen Erscheinen aber mit, baß er des Beistandes nicht mehr bedürfe und dampfte hinter dem heimkehrenden Schlepper hinterher, in ber Hoffnung, auf diese kostenlose Weise den Hafen zu erreichen. Das ärgerte ben Bergungskapitän, ber sich geprellt fühlte, unb er nahm Kurs auf bas Wattenmeer. Böse Zungen rebeten ihm später nach, baß er sich den fetten Biß nicht entgehen lassen wollte und den schwerbeladenen Italiener deshalb auf die Untiefe lockte. Beide Kapitäne waren sich aber gewachsen; denn dem Italiener kam das Wasser auf einmal nicht mehr geheuer vor, er drehte wieder nach der offenen See und entging der sicheren Strandung (mit nachfolgender Bergung).

Zusammenfassend läßt sich wohl sagen, baß ber SOS-Ruf nicht nur Grauen verbreitet, unb je mehr ber Verbienst Zahl unb Eile ber Retter vergrößert, um so geringer wirb das Grauen zum Segen der Beteiligten werden. Den Bergungsdampfern sei daher eine gewisse Beutelust wegen ihrer außerordentlichen Gemeinnützigkeit gern ver­ziehen. Es ist eigentlich überflüssig, noch zu sagen, daß alle, ob Ozean­riese ober Bergungsbampfer, ben Wettlauf nach bem Hilferufenben auch bann, unb dann erst recht, antreten, wennnur" Menschenleben zu retten sinb, wosiir kein materieller Sohn winkt.

Der Kriegskommissar des Königs.

Roman von Friebrich F r e k s a.

Copyright 1931 by August Scherl, G. m. b. H., Berlin.

(Fortsetzung.)

Da die Abende wärmer wurden, fetzte sich die Frau Pastorin, eine rundliche, bewegliche Frau, nach damaliger Sitte häufig auf die grün- gestrichene Bank vor ihrer Haustür, um di« frische Luft zu genießen. An einem solchen Abend geschah es, daß sie Heinrich anredete, als er vorbeikam und artig bie Mütz zog.Er scheint mir ein sehr fleißiger Studiosus zu sein, mein Lieber! Ich sehe von meinem Fenster aus, daß Er den ganzen Tag hinter den Büchern sitzt und nicht mit anderen Kol­legen auf der Straße herumstolziert und Unfug treibt. Darin gleicht Er ganz meinem seligen Eheherrn, als ich ihn Anno 1720 hier zu Halle kennenlernte. Auch er wohnte uns gegenüber, und wenn ich aus dem Fenster schaute, sah ich ihn, wie er den Kops über die Bücher beugte, und er schaute nicht auf. Fünf Monate hatte gedauert, bis endlich sein Blick auf mir ruhen blieb."

Heinrich wußte nicht, was er antworten sollte. Er fand nur bas Wort:Auch ich habe meinen Vater leider allzufrüh verloren; auch er mar Pfarrer unb lebte heute noch, wenn nicht der schreckliche Brand ge­wesen wäre."

Ein Brand?" rief die Pastorin.Setz' Er sich neben mich erzähl Er mir! Ein Brand ist etwas Schreckliches. Ich habe zweimal einen erlebt: hier zu Halle in meiner frühen Jugend, als des Oelkaufmanns Dahlmann Speicher ab brannte; und dann in unjerm Pfarrdorf. Da kam in Kretscham Feuer aus, weil sie Pfeifentobak im Bett geraucht!"

Heinrich mußte nun des langen und breiten berichten, und die Pfarrerin fragte ihn dabei genau nach feiner Familie und seiner Mutter. Und wie er dann aufftanb und sich geziemend verabschiedete, sagte sie: Ich hoffe, ich werde mit Ihm noch des öfteren eine so aimable Kon­versation haben wie heute abend!"

Als er sich verbeugt hatte und aufschaute, hörte er ein Kichern. Die Pfarrerin wandte sich hastig um, und Heinrich gewahrte bie jüngere der beiden Schwestern in ber Tür; sie bog sich vor verhaltenem Lachen.

Klara, hast du etwa Bauchweh?" fragt die Mutter.