Indessen fließt die Zeit, und der Mond geht still unter. Zwei Men- Ken, die aus dem oberen Rand des Theaters sitzen, hat er als Silhouetten sein gelbes Licht genommen.

In der Pause mutz ich aus meinem Platz kleine Sprünge machen, um nicht steif zu werden. Stellenweise bin ich nur noch Haut und Knochen. Brötchen werden verkauft (panino fresco!) und Photographien der Arena während des Spiels. Man setzt sich auf Pfirsichkerne. Ich möchte morgen hier nicht kehren. Die Stimmung steigt und die Müdigkeit. Die Männer ziehen die Kragen aus und die Frauen die Schuhe. Ein schöner Junge sammelt die leeren Flaschen ein und steckt sie alle lachend in sein Hemd. Ungeduldige Rufe:Gigli!" Eine Fledermaus sitzt an dem weißen Pfeiler hinter uns. Was hält sie von der Veränstaltung?

Um Mitternacht beginnt ein neuer Akt. Ein riesiges Gedränge. Un­übersehbares Massen aller Rassen bevölkern die Bühne in Aufzügen und Tänzen, Chören und Arien. Bis schließlich alle zurückweichen und in der Mitte den längst erwarteten Herrn Gigli im Gewand der Oper, kurze braune Joppe zurücklassen: Auf den Schrei der Begeisterung, der ihn empfängt, antwortet er in einer sympathischen einfachen und leichten Art und singt nun, als Einlage:Marrta! Marrta! ..." Durch eine voll­kommene Stille trägt seine reiche und natürliche Stimme klar jedes Wort. Ihr; beherrschte Kraft kann jede Rührseligkeit auf sich nehmen. Während der eleganten Schlußfigur seiner Arie ein spürbarer Kampf in der Masse: zwischen dem Wunsch, atemlos noch zu lauschen, und der Begierde, den Beifall loszulassen, der so lange schon drängt. Und so setzt sein letzter Ruf unmittelbar sich fort in dem ersten des Volkes.

Er singt nun noch ein viel gehörtes Volkslied ein Flügel ist in­zwischen herangerollt gekommen, an dem ein winziger schwarzer Herr ihn begleitet bei dem viele leise mitsingen und sich wiegen, und dann rufen sie ihm zu, was er nun fingen soll. Viele Vorschläge! AberMarrta Marrta" verlangen sie vor allem.

Erfolglos. Die Zeit scheint nicht zu reichen. Ein Schmerzensschrei, als er dis Oper weitersingt! Bis zwei Uhr muh sie zu Ende fein.

Wir gehen um ein Uhr. In ein anderes, noch größeres, noch längeres Schauspiel: Mit dem Rachtschnellzug nach Venedig.

Marie Antoinettes letzte Fahrt.

Von Stefan Zweig.

Ein Abschnitt aus dem im Insel-Verlag zu Leipzig erschie­nenen neuen BuchM arte Antoinette" von Stefan Zweig, worin der Dichter in einer meisterhaften Darstel­lung das erschütternde Schicksal der Frau schildert, die leicht­sinnig und ahnungslos Krone und Leben verspielt.

Gegen 11 Uhr werden die Türen der Conciergerie geöffnet. Draußen steht der Schinderkarren, eine Art Leiterwagen, dem ein mächtiges, schweres Pferd vorgespannt ist. Ludwig XVI., er war noch in seiner ge­schlossenen Hofkarosse feierlich und respektvoll zum Tode geführt worden, beschützt durch die gläserne Wand vor der gröbsten Neugierde, dem schmerzhaftesten Haß. Inzwischen ist die Republik in ihrem feurigen Lauf unermeßlich weiter geschritten; sie verlangt Gleichheit auch für die Fahrt zur Guillotine: eine Königin braucht nicht bequemer zu sterben als jeder andere Bürger, ein Leiterwagen ist gut genug für die Witwe Capet. Als Sitz dient einzig ein zwischen die Sprossen geschobenes Brett ohne Polster oder Decke: auch Madame Roland, Danton, Robespierre, Hebert, alle, die Marie Antoinette in den Tod schicken, werden auf dem gleichen harten Brette die letzte Fahrt machen; nur ein kurzes Stück Weges ist die Ge­richtete ihren Richtern voraus.

Zuerst treten Offiziere aus dem büftern Gang der Conciergerie, hinter ihnen eine ganze Wachkompanie, die Hand am Gewehr, dann kommt ruhig und sicheren Schrittes Marie Antoinette. Der Henker Samson hält sie an dem langen Strick, mit dem man ihr die Hände auf den Rücken gebunden hat, als ob Gefahr bestünde, daß fein Opfer, umringt von Hun­derten von Wächtern und Soldaten, ihm noch entlaufen könnte. Unwill­kürlich sind die Umstehenden von dieser unvermuteten und unnötigen Erniedrigung überrascht. Keiner der üblichen höhnischen Schreie erhebt sich. Ganz lautlos laßt man die Königin bis zum Karren schreiten. Dort bietet ihr Samson die Hand zum Aufstieg. Neben sie setzt sich der Priester Girard im bürgerlichen Gewände, aufrecht aber bleibt mit un­beweglichem Gesicht der Henker stehen, den Strick in der Hand: wie Charon die Seelen der Verstorbenen, führt er unbewegten Herzens feine Fracht täglich zum andern Ufer des Lebens. Aber diesmal halten sowohl er wie seine Gehilfin während der ganzen Fahrt den Dreispitz unter dem Arm, als wollten sie sich vor der wehrlosen Frau, die sie zum Schafott bringen, für ihr trauriges Amt entschuldigen.

Der erbärmliche Wagen rattert langsam über bas Pflaster. Man läßt sich absichtlich Zeit, jeber soll genau bas einzigartige Schauspiel betrachten können. Auf bem harten Sitz spürt die Königin jedes Holpern des groben Karrens über das schlechte Pflaster bis ins Mark, aber, unbewegt das blasse Gesicht, mit ihren rotgeränderten Augen starr vor sich hinschauend, gibt Marie Antoinette kein Zeichen von Angst oder Schmerz der eng- gereihten Neugier preis. Alle Seelenkraft strafft sie zusammen, um bis zum Ende stark zu bleiben, und vergebens spähen ihre grimmigsten Feinde, sie bei einem Augenblick des Versagens oder Verzagens zu er­tappen. Aber nichts macht Marie Antoinette irre, nicht, baß bei ber Kirche Saint-Roch bie angesammelten Weiber sie mit ben üblichen Hohnrusen empfangen, nicht, daß der Schauspieler Grammont, um Stimmung in die düstere Szene zu bringen, in der Uniform eines Nationalgardisten vor dem Totenkarren einherreitet und, den Säbel schwenkend, ausruft:Da ist sie, die infame Antoinette! Jetzt wird sie hin, meine Freunde." Ihr Antlitz bleibt ehern verschlossen, sie scheint nichts zu hören, nichts zu sehen. Die auf ben Rücken gebundenen Hände steifen ihr nur den Nacken höher empor, geradeaus blickt sie vor sich hin, und all die bunten und

wilden Bilder der Straße bringen nicht mehr ein in ihre Augen, die von innen her überschwemmt sind von Tob. Kein Zittern regt ihre Lippen, kein Schauer bebt über ihren Leib; ganz Herrin ihrer Kraft sitzt sie da, stolz und verächtlich, unb selbst Hsbert muß am nächsten Tage in seinemPere Duchesne" gestehen:Die Dirne ist übrigens kühn und frech bis zum Tode geblieben."

Der riesige Revolutionspalast, bie heutige Place de la Concorde, ist schwarz von Menschen. Zehntausende stehen seit ftühmorgens auf ben Beinen, um bas einmalige Schauspiel nicht zu versäumen, wie eine Königin, nach bem groben Worte Heberts,vom nationalen Rasier- Messer halbiert wirb". Stunbenlang wartet schon bie neugierige Menge. Um sich nicht zu langweilen, plaubert man ein wenig mit einer hübschen Nachbarin, man lacht, man schwätzt, man kauft ben Ausrufern Journale ober Karikaturen ab, man durchblättert die neueste aktuelle Broschüre Les Adieux de la Reine ä ses mignons et mignonnes oberGrandes fureurs de la ci-devant Reine. Man rät unb munkelt, wessen Kopf morgen unb übermorgen hier in ben Korb fallen wirb, unb zwischenburch holt man sich ßimonabe, Brätchen ober Nüsse von ben Strahenhänblern: bie große Szene ist schon einige Gebulb wert.

lieber biefem neugierig mogenben schwarzen Gewühl erheben sich starr, bas einzig Leblose im menschenbelebten Raum, zwei Silhouetten: die schlanke Linie ber Guillotine, bieser hölzernen Brücke, bie vom Dies- eits ins Jenseits führt; von ihrem Stirnjoch blitzt in ber trüben Dttober- onne ber blanke Wegweiser, bas frisch geschliffene Beil. Leicht unb frei chneibet sie gegen ben grauen Himmel, vergessenes Spielzeug eines chaurigen Gottes, unb bie Vögel, bie nicht bie finstere Bebeutung biefes grausamen Instrumentes ahnen, spielen in unbekümmertem Flug über sie hin.

Streng aber unb ernst erhebt sich baneben, bas Tor bes Tobes stolz überragend, das riesige Standbild der Freiheit auf dem Sockel, der früher das Denkmal Ludwigs XV. getragen. Still fitzt sie da, bie unnahbare Göttin, bas Haupt gekrönt von ber phrygifchen Mütze, sinnend bas Schwert in der Hand; sie fitzt da, steinern im Stein, die Göttin ber Freiheit, unb träumt vor sich hin. Ihre weißen Augen starren hinweg über bie ewig unruhige Menge zu ihren Füßen unb weit hinaus über bie nachbarliche Mordmafchine, irgend etwas Fernem und Unsichtbarem entgegen. Sie sieht nicht bas Menschliche um sich, nicht bas Leben, nicht ben Tob, bie unbegreiflich unb ewig geliebte Göttin mit ben träumenden Augen aus Stein. Sie hört nicht die Schreie aller derer, die sie anrufen, sie spürt nicht bie Kränze, bie man um ihre steinernen Knie fegt, und nicht bas Blut, bas bie Erbe zu ihren Füßen büngt. Ein ewiger Gebanke, fremb unter ben Menschen, sitzt sie stumm unb starrt in bie Ferne, auf ihr unsichtbares Ziel. Sie fragt nicht unb weih nicht, was in ihrem Namen geschieht.

Plötzlich regt sich bie Menge, schäumt auf unb wirb mit einem Male stumm. In bieser Stille hort man jetzt roilbe Rufe von ber Rue Saint- Honore her, man sieht die vorausrückende Kavallerie, und jetzt biegt um bie Ecke ber tragische Karren mit ber gefesselten Frau, bie ein ft Herrin von Frankreich war; hinter ihr steht, ben Strick stolz in ber einen Hanb, ben Hut bemütig in ber andern, Samson, ber Henker. Völlig still wirb es aus bem riesigen Platz. Die Ausrufer rufen nicht mehr, jebes Wort ver­stummt, so still wird es, baß man bas schwere Stapfen bes Pferbes und das Aechzen ber Räber vernimmt. Die Zehntaufenbe, bie eben noch munter schwatzten unb lachten, sehen plötzlich beklommen mit einem ge­bannten Gefühl bes Grauens auf bie blasse gebundene Frau, bie keinen von ihnen anblickt. Sie weiß: nur diese letzte Probe noch! Nur fünf Minuten Sterben noch und bann Unsterblichkeit.

Der Karren hält vor bem Schafott. Ruhig unb ohne Hilfe,mit einem noch steinerneren Gesicht als beim Verlassen bes Gefängnisses", tritt bie Königin, jebe Hilfe zurückweisenb, bie bretternen Stufen bes Schaffotts empor; sie schreitet genau so leicht unb beschwingt in ihren schwarzen, hochstöckeligen Aklasschuhen biese letzten Stufen hinauf wie einst bie marmornen Treppen von Versailles. Einen verlorenen Blick jetzt noch über bas wibrige Gewühl hinweg in ben Himmel vor ihr! Erkennt sie brühen im herbstlichen Nebel bie Tuilerien, in benen sie gewohnt und Unsägliches erlitten hat? Erinnert sie sich noch, in bieser letzten, schon allerletzten Minute, bes Tages, ba eben biefelben Massen sie begeistert im gleichen Garten als Thronfolgerin begrüßten? Man weiß es nicht. Nie- manb kennt bie letzten Gebauten eines Sterbenben. Und schon ist es vorbei. Die Henker fassen sie rücklings an, ein rascher Wurf auf bas Brett, ben Kopf unter bie Schneide, ein Riß am Strang, ein Blitz des nieder- faufenben Messers, ein bumpfer Schlag, unb schon packt Samson an den Haaren ein entblutetes Haupt unb hebt es sichtbar empor über ben Platz. Mit einem Stoß rettet sich jetzt bas atemftotfenbe Grauen der Zehn- taufenbe in einen roilben Schrei.Es lebe bie Republik!" bonnert es wie aus einer von rafenbem Würgen befreiten Kehle. Dann zerstreut sich beinahe hastig bie Menge. Parbleu, es ist wirklich schon ein Viertel über zwölf geworben, hohe Zeit zum Mittagbrot, jetzt rasch nach Hause. Wozu noch länger herumstehen! Morgen unb alle bie nächsten Wochen und Monate kann man doch auf bem gleichen Platz beinahe täglich basfelhe Schauspiel nochmals unb nochmals sehen.

Es ist Mittag. Die Menge hat sich zerstreut. In einem kleinen Schub­karren fährt ber Nachrichter bie Leiche weg, ben blutigen Kopf zwilchen den Beinen. Ein paar Gendarmen bewachen noch das Schafott. Aber niemand kümmert sich um das langsam in bie Erbe fidernbe Blut, ber Platz wirb roieber leer.

Nur die Göttin ber Freiheit, in ihren weißen Stein gebannt, ist un­beweglich auf ihrem Platz geblieben unb starrt weiter und weiter auf ihr unsichtbares Ziel. Sie hat nichts gesehen, nichts gehört. Streng blickt sie über das wilde und törichte Tun der Menschen hinweg, in die ewige Ferne. Sie weiß nicht und will nicht wissen, was in ihrem Namen ge­schieht.