Jahrgang (952

Montag, den 7. November

Nummer 86

tau'

Herrschaften sind in

Gesang WeylaS.

Bon Eduard M ö r i k e.

Du bist Orplid, mein Landl

Das ferne leuchtet;

Bom Meer dampfet dein besonnter Strand Den Nebel, so der Götter Wange feuchtet.

Uralte Wasser steigen

Verjüngt um deine Hüften, Kindl

Vor deiner Gottheit beugen

Sich Könige, die deine Wärter sind.

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Arena di Verona.

Von Martin Wagenschein.

Das Geräusch des fahrenden Zuges, in dem wir uns Verona nähern, wird fast übertönt von dem Trillern unzähliger Zikaden. Ihr Konzert, im Wechsel anschwellend und verlöschend, flutet in unsere offenen Wagen­fenster aus der Dämerung der Felder. Vereinzelt liegen darin die Häuser; in jedem brennt ein Licht, um das die Menschen versammelt sitzen.

Mitten in dieser zirpenden Dämmerung, umgeben von einem Kranz dieser vereinzelten Häuser, liegt die Stadt Verona. Und mitten in ihr steht das runde alte römische Amphitheater, die Arena. Es erhebt sich hoch und fremd über die Häuser und die Piazza vor ihr, auf der die Menschen, von der Tageshitze erlöst, ihr geselliges Leben führen. Sie sitzen vor den Cafes um mehrere Musikkapellen gedrängt, davor zieht der dichte Strom lebhast und ernst plaudernd, und weiter hinten, am Helldunkel des Parks, sieht man die spielenden Kinder flitzende, barfüßige, braune Knaben und lächelnde seilspringende Mädchen, die der nächtlichen italienischen Straße den eigenartigen Hauch der Unschuld geben.

Plakate verkünden, was morgen in der Arena sein soll:L Africana soll gespielt werden, um 9 Uhr abends beginnt es; 25 000 Zuschauer können hinein; ein Orchester von 150proiessori"; Massenchöre, mit bimbi" sogar, 600 Statisten, und vor allem: Gigli kommt, Benjammo Gigli der neue Caruso. Er wird die Arie ausMartha" singen, mitten« hinein in dieAfrikanerin" scheint es. 50 Prozent Fahrpreisermäßigung

Wenn das Licht ausgeht: Wie eine Muschel, die im Weltraum schwebt, erscheint uns die Arena. Der Mond ist weitergegangen und scheint mit schiefem Kopfe zuzuhören. Hinter den Kulissen ragt ein großes gelbes Segel vor, es bewegt sich wunderbar im Wind: das Schiff des über­nächsten Aufzuges. Zu Beginn des Spieles wieder das Geschrei der Seitlichen, erst zornig, dann Bravo!, als man ihnen eine neue Lücke läßt, durch die sie auf die Bühne sehen können, wo nun ein neuer Akt beginnt. Manchmal machen die Segel einen welligen Tanz zur Musik, einzelne Worte werden verständlich (Lia Llibärtäh!!), einmal, in einer Stille, gelingt es dem Lärm der Außenwelt (Geräusch der Straße, Schrei einer fernen Lokomotive) sich über den Rand der Arena zu werfen sonst nur Musik und Himmel. Drei Sternschnuppen zählte ich in einer Arie. Der Himmel wetterleuchtet. Fledermäuse flattern vor der hellen Szene, und eine läßt sich an dem Mast des Schiffes nieder.

Das Spiel: bewegt, beteiligt, frei. Die Rückwirkung der großen Massen auf den Spieler muß hier sehr stark sein. Die Musik: Reich, süß, ernst und wechselnd.

Pause wieder: Das Licht fällt in die Schüssel der Arena. Die letzten Bravorufe vermischen sich mit den erstenGelati!. Auch hinter der Bühne ist nun alles besetzt. Es ist noch immer warm. Die Eisverkäufer verdienen. Ihr Ruf ist schon ganz abgeschlifsen und klingt wie Dschaddijh!" , _ _

Dunkelheit. Die Arena dehnt sich wieder. Fledermäuse und Stern­schnuppen. Der Mond sinkt-

Das Schiff! In einem Meer von riesigen grünen Wellen. Ein un­geheures Tuch ist dieses Meer, unter ihm bewegt es sich Auf dem Schiff, das beunruhigend schwankt, steht ein ganzer Chor und singt. Schwärme glänzend armierter Angreifer stürmen das Deck. Ihre Helme blitzen, das Meer rast.

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Wir stehen auf, um uns zu strecken und essen von den Pfirsichen, die wir mitgebracht haben. Warm sind sie und saftig. Einige hohe der Loge erschienen. Es ist nach 10.

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ungeheuer an SBeite gemonnen ju tjaben, feitbem fie con Menschen erfüllt ist. Man glaubt ein Volk zu sehen. Es scheint kein Ausweg mogllch außer in den Himmel. - Obgleich er, langsam dunkelnd unb feine ©lut oe. lierenb offen über uns ist, spürt man kaum einen frischen Hauch. Aus ben tiefsten Schichten der Steine zieht die Wärme noch heraus, die Menschen beizen selbst, und eine Wolke von Wärme scheint, wie Rebel in einem offenen Tal. in dieser Arena "^..^/'^nr^he^hes^belK Das Flirren von 10 000 Fächern begleitet d'e Unruhe des heiteren Schwatzens und der Ausrufe der Verkäufer:Gelatu rufen sie (Ge­frorenes), in einer ganz weichen Aussprache D,alattihhl. H sa) Waffelbecher, in denen gutes vielfarbiges Eis sitz werben Masten gekauft. Meistkleine Leute" sitzen hier mit Kind und Segel, sechs i.

von allen italienischen Stationen. ..

Wir gehen hin. Deffnung des Theaters 7 Uhr. Die Menschen strömen in die Eingänge wle Sandkörner in ein Sieb. Die Bühne ist am einen Ende des elliptischen Arenabodens gebaut, so daß etwa ein Drittel der Rundung unbesetzt bleiben muß.

Wir setzen uns auf die Steinstufen, weit oben, um dem Himmel unb der Luft näher zu sein. Die Sonne scheint nicht mehr hinein, aber sie hat es den ganzen Tag getan, und nun strahlen die Sterne. Diese dumpfe Wärme, die von unten in uns kriecht und die zunehmende Fül­lung des Rundes mit Menschen erzeugen ein Gefühl der Bedrängung. Zwei Stunden lang gueUen die Zuschauer ununterbrochen in me Cuy gange, lebhaft sprechend, in heiterer Erwartung, Brötchen und Fruchte unter dem Arm. Bald kommen Verkäufer, junge schone Kerle, die von Depots aus allerlei Hera,.schleppen und auf Tabletts balancierend durch Helle Ausrufe anbieten: Mineralwasser (Pellegnno! ), Limonaden aller Farben,Frutti canditi" (bas sink» Zltronenschnitten unb Pflaumen auf Hölzchen gespießt unb in flüssigen Zucker getaucht; man lutscht ste), Bon­bons, besonberscaramelle Unitä", auch Kissen, kleine graue Dinger, um nicht auf ben harten Steinen zu sitzen.

Schabe, baß wir uns keine verschafften. Denn als es losgeht ist die Lage diese: Wir sitzen auf heißen Steinen und können uns nicht anlehnen, da hinter uns Beine herunterhängen, und können unsere Leine nicht ausstrecken, ohne die tiefer Sitzenden in den Rucken zu treten und ihnen die schönen Kleidchen schmutzig zu machen. Doch haben a^e Me Laune Es sind setzt so viele, daß kein Stein mehr frei ist; auch die Treppen ^Die°Arena, auch als sie noch leer war schon groß.genug scheint

der Platz (1,30 Mark). Wir sehen nur Italiener. Es gibt auch vornehmere Plätze: Unten im Grunde der Arena, vor der Bühne, stehen Stühle, tausend vielleicht, und dann ist in unserer Nähe noch eine Art Loge ein­gerichtet, in der manchmal der König sitzen soll. Der Platz reicht nicht, unb Hunberte klettern hinter ober neben bie Bühne. Auf bem jenseitigen Ranb gehen ferne kleine Gestalten vvr oem fahlen Himmel aus unb ab.

Ein furchtbarer Gong übertönt bas Murmeln ber Masse, ein riesiges schallenbes Blech scheint es zu fein, bas sehr an bas Geräusch erinnert, das der Vesuv hören läßt, wenn man oben auf dem Krater steht. Dann geht bas Licht aus, ein weichesAh!" unterbricht eine Sekunde lang den Lärm der Stimmen, und das Auge sieht ein völlig verändertes Bild: Die Nacht ist da, ber Himmel, noch einmal ist bie Arena größer geworben, sie erscheint wie riesiges graues Gestein, In besten Furchen bie fahlen Köpfe gesät finb. Hunbert Zigarettenlichter leuchten wie Hirten­feuer auf weiter Steppe hier unb bort. Ein Klatschen wie von schweren Regentropfen übertönt bas Gemurmel.

Denn sie spielen schon. Schon lange scheint es. Man hört nichts, man sieht es. Die 150 proiessori bewegen bie Arme; ber Dirigent fuchtelt. Die Bühne ist noch unsichtbar: bas Rampenlicht blenbet sie ab, ohne baß ein Vorhang nötig wäre.

Man spricht ruhig weiter. Man zischt auch nicht Ruhe. Die Ouvertüre gilt nicht.

Im Gegenteil. Seitlich ber Bühne erhebt sich ein Geheul: Sie merken bort, baß sie nichts sehen werben, unb verlangen, baß bie Kulissen (o ver­schoben werben, baß sie etwas sehen. Sie schreien wie bie Wilben und bekommen ihren Willen.

Auf bem Rand gegenüber ist jetzt ein Strom von Menschen in Be­wegung, die sich Plätze suchen. Der Mond über ihnen. Der Himmel ist jetzt dunkel. Wir sitzen zwei Stunden.

Ganz allmählich wird die Musik hörbar und bringt burch bie Bran- bung ber Stimmen, gerade laut genug, um ihrs Süßigkeit zu zeigen, nicht mehr.

Ruhig wird es erst, wie die ersten Arien ausklingen. Da der Schau­platz so groß ist, der Schauspieler so klein und fern und noch hinter einer Wand von Unruhe seine großen Bewegungen macht, habe ich stark den Eindruck von Marionetten, das Gleichnishafte ber Oper wirb un­gewöhnlich beutlich. Ein Mann geht, eine Frau erscheint, sie zerreißt ein Papier, Unmengen von Bischöfen unb Kriegern ziehen auf. Ein ganzes Konzil von pomphaften Geistlichen erhebt sich wie ein Mann unb beginnt mit erhobenem Arm einen mächtigen Chor. Völlige Stille halten bie Zuschauer erst bei ber Schlußarie. Der Beifall, kurz unb wie ein Schrei antjebenb, fällt unqebutbig noch in ben letzten mitrcijjenben Ton bes Sängers (noch nicht Gigli!). In bas broufenbe Klatschen auch bie Schauspieler tun es, gegenseitig, flammt schon bas abblenbenbe Ram­penlicht, klingt bas Geräusch bes Umbaues und die Rufe der Ver-

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Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger