llche Stimme, und als der naturgemäß.sie Rahmen zu tonkünstlerischer Laienbetätigung kann stets nur der Volkschoc gelten. So liegt denn doch wohl die Zukunst alles Volksmusiz.erens im Zeitalter und Kulturstadium der industriellen Entwicklung bei dem allgemeinen Chorwesen. Wer j für dieses gewonnen wird, und zwar in der hoffentlich überall durchzu- | sehenden Form des bewußten Musizierens aus Grund der Notenkenntms, ; ver wird nicht mehr — wohin sonst die Entwicklung gefahrdrohend weift — in der gewohnheitsmäßigen „Berieselung durch Musikgeraufch den einzigen Daseinszweck der Musik sehen, sondern bis zu einem gewissen Grad auch für die seelischen Wirkungen einer „nicht bloß aus Klingklang bestehenden Musik" zu öffnen sein. Auch dem weniger sozial Denkenden, der Musik nur von den „großen Meistern" an rechnet, sei dies zu bedenken gegeben: fast alle bedeutenden Tonsetzer sind aus Schichten hervorgegangen, in denen ein gewisser Erbmassenanteil an Musikhaffem sich durch Volksliedgebrauch und volkstümliche Musikausübung als lebenskräftig bewährt hatte. Wollen mir also auf künftige führende Musiker rechnen, so muß in diesen kommenden Geschlechtern allgemein Las Musikmachen'lebendig erhalten werden. ... ,,
So ergeben sich von selbst zwei Gebiete als besonders wichtig für die Zukunft, und ihnen wird sich zwangsläufig ein ganz erheblicher Teil des sachlichen Stoffes zuwenden müssen: dem Chorwesen, und seiner unentbehrlichen Vorbereitungsanstalt: der Schulmusik.
Künsche Nehrung.
Von Hans Reisiger.
Kurische Nehrung — ist das nicht etwas nordöstlich Rauhes, Schwermütiges? Ein fahles und kahles Weltabseits, von Sturm und Wolken durchfegt — ein unwirtlicher Dünenstreif, schmal, kaum eine halbe Wegstunde breit, schräg von Süden nach Norden hinaus, schon von arktischer Oede angehaucht — wo ein paar arme memelländische Fischer kärglich ihr Dasein fristen, wo Krähen schreien und stelzbeinige, schwer- köpfige Elche in modrigem Dickicht traurig ihrem Aussterben entgegendösen?
Ich stehe auf der höchsten der mächtigen weißen Wanderdünen bei Nidden, die sich, gewellt, gerieft, geschwungen, am Ostrande der Nehrung, dem Haff entlang, hinstrecken wie Schneegebirge — denn jedes Grüße maß schwindet hier. .
Bin ich im hohen Nordosten? Oder im Mittelmeerbereich? In asrr- kanischer Küstentandschaft?
Ich überblicke die beiden Meere: das Haff und die offene See, zur Sinken und zur Rechten; aber es sieht aus, als umschlängen sie den schmalen Landstreifen der Nehrung, der sich nach Süden zu verliert, als ein blauglühendes Meer.
Ein Segel von der Farbe roter Erde steht im Blau des Haffs. In diesem Vicht hier könnte ein rot und gelb und blau bemalter Tempel leuchten. Hermes könnte hier auf südlichem Botenflug rasten, die Flügel- schuhe ablegen und die Füße in den heißen Sand stecken. Eine sanft- klare Bucht unten am Hass, von Dünenweiß umschlungen, von langen, schmalen, zierlich geschwungenen Wellen durchglitten, haben wir „Bucht der Galathee" getauft. Die Aussicht auf eine andere Bucht wird allgemein, auch von den Einheimischen der „Jtalienblick" genannt.
Ich stehe noch etwas höher, mehr binnenwärts, neben dem blutrot bemalten Veuchtburm: rings um mich her gebreitet ein dicker, gold- grüner Föhrenpelz, auf und ab Über den gewellten Landstrich: kräftigere Waldung in den Niederungen, buschiges Knieholz auf den Höhen; aber alles ineinander Übergehend als ein mächtiger, goldgrün leuchtender Pelz. Langhingestreckt zwischen zwei blauen Meeren. Ein Blick von vollkommen überwältigender Eigenart und Größe. Wie aus der Luft her. Von einem Flugzeug her. Urweltstimmung, Erstlingsfrische, Schöpfungszauber weht einen an; etwas von dem „Er schied das Feste vom Flüssigen". Der Erde ins Antlitz zu schauen, lockt es die Menschen allezeit. Hier ist es, als schauten wir unverhofft in einen kleinen, aber besonders ausdrucksvollen Zug dieses Antlitzes.
Die ganze Nehrung besteht eigentlich aus hügelig gehäuftem Dünensand über moorigem Untergrund. Auch dieser ganze riesige Föhrenpelz wurzelt im Sand. Wäre die Vegetation nicht, so wäre alles nur eine einzige langgezogene Wanderdüne, die unterm Druck der Seewinde immer weiter nach Osten treiben würde. Wo die Vegetation nicht ausreicht, sind die Sanddünen durch sorgliche Anpflanzungen gesichert. Nur ganz am äußersten östlichen Rande, dem Haff entlang, quillen die weihen Schwellungen nackt hervor, sich selbst überlassen.
♦
Am Ostrand, vor dem Seewind geschützt, nisten auch die Siedlungen. Die drei Hauptortschaften der Kurischen Nehrung find, von Süden nach Norden: Rossitten, Nidden, Schwarzort.
Die Westküste, der offenen See enlang, ist völlig unbesiedelt. Ein endlos ungestörter Streifen Strand. Das mag seltsam erscheinen jetzt in der blauen Stille. Aber man kommt dort an„ Strecken kahlgezausten Kiefernwaldes vorbei, dessen Stämme alle schräg nach dem Land zu starren und bei dessen Anblick man die Bedeutung des Wortes „wind- schief" so recht begreift. Das gibt eine Vorstellung von dem, was sich während der rauhen Jahreszeiten hier tut.
*
Nidden liegt mit den grauen Schilfdächern seiner Fischerhäuser und den Ziegeldächern neuerer Behausungen an seine Haffbucht geschmiegt, rotstämmigen Kiefernwald im Rücken. Der Vacksteinturm der Kirche schaut, etwas hoher gelegen, aus den Wipfeln. Die Balken der Häuser sind hie und da mit dem schonen leuchtenden Ostpreußisch-Dlau bemalt. Auch mit Grün und Weiß oder Rotbraun. Die Giebel tragen geschnitzten Zierat: blaue Pferdeköpfe oder Runenzeichen; Schutz gegen böse Geister.
Fragt man Einheimische danach, so schüttelt sie den Kopf: „Hat jarnW zu bedeuten". Sie wissen es nicht oder wollen nicht darüber reden. Sie sprechen unter sich die uralte kurische Sprache, die dem Litauisch-, verwandt ist und wie dieses dem Sanskrit noch sehr nahe sein soll. (Zoll, Post und Polizei sind jetzt litauisch. Alle Aufschriften und Bekamii- machungen stehen litauisch und deutsch zu lesen. Die Grenze des Memel gcbietes schneidet bei Nidden glattweg mitten durch die Nehrung.)
Zwischen Nidden und der unmittelbar sich daranschliehenden winzige, Siedlung die sich trutzigerweise schon wieder mit eigenem Namen „da; Purvin" nennt, steht aus einer kiefernbewachsenen Anhöhe ubenn Hais das kleine Holzhaus Thomas Manns, darin ich zu Gast bin. Es hoi ein dickes, gemütliches Schilfdach mit geschnitzten, blaubemalten Pferd«' köpfen an den Giebeln. Auch Tür und Fensterrahmen sind leuchten) blau und weih bemalt. Ebenso die Spitzen des braunen Holzzaunce, der das Grundstück einhegt. Von einer kleinen Terrasse geht der Blil weithin über die sanft geschwungenen, südlich leuchtenden Buchten int den weihen Dünen in der Ferne — über das Haff, von dessen jenseitiger . Küste man nach Nordosten zu einzelne Waldstriche wie ganz schmal! Siedlungen über dem Wasser mehr ahnt als sieht. Am Abend leudjtev die nerhi-orrten Stämme der nahestehenden Kiefern rot auf. Ihre Wipsil sind schirmartig gebreitet, wie bei Zedern und Pinien. Riesige Schwärm: einer starähnlichen Vogelart rauschen jäh aus ihnen auf, schwenke, manövrierend durch die gründämmerige Luft, fallen dann ebenso ja) wieder in die Wipfel ein. Der Mond steigt südlich über den bleiche, Dünen oder östlich übern blauen Haff „mit feuchter Glut heran". Str ferne Leuchtturm blinkt durch die Wipfel.
*
Von der Ortschaft stapft alles, was sich hier >des Sommers erfreu:, jeden Morgen durch den sandigen Waidessaal eine halbe Stunde roet zum Strand hinüber. Zwischen den Föhrenstämmen leuchten die weit», langen Strandhosen der Damen in allen Farben. Aber es verteilt sich. Jeder kann sich hier selber überlassen bleiben, wenn er will; und d:- meiften, die Herkommen, wollen es. Auch an dem stillen, urwüchsige, Strand gibt es keine Menschenansammlungen mit Strandkorb vermiete Flaggenkrieg und sonstigem „Badebetrieb". Nur Ruhe, Frische, Raun für alle. Die See spült merkwürdigerweise weder Seegras noch Alge, noch Onallen auf den Sand. Nur hie und da eine Tracht kleiner runter Steine in vielen Farben. Der bekannte, faulige Jodgestank bleibt einem erspart. Was mir fehlt, sind die Möven; man sieht nur dann und roam! ein paar.
Kommt Westwind auf, so wird die Brandung alsbald sehr stark, w t sonst eigentlich nur an der Nordsee, an der Küste von Sylt. Dabei bfeilt jedoch immer eine leuchtende Milde in Licht und Luft bestehen.
* /
Dies ist das Land des (unberufen) unzerstörbar schönen Wetter;. Gestern hat es zum ersten Mal seit vier Wochen geregnet, aber beule strahlt schon wieder der reine Himmel. Vor einiger Zeit hatte sich tu Glanz so zur Glut gesteigert, daß mir nach Grau und Regen seufzt-, und meinten, sie mußten kommen. Eines Abends lagen die Gewähr rings um den Horizont getürmt und wetterleuchteten die ganze Nach:. Aber der Sternenraum blieb klar und kühlte sich ab ohne Wolke undBb-.
Während dieser schwülen Zeit waren uns Tage und Nacht fiebr g verwandelt. Der Wind stand heiß und schwächlich vom Haff her, das |d)ci am Morgen in zäher bräunlicher Schlaffheit glänzte. Die dunstige Sonn schien erstickend nahe. Das Kieferngebüsch war von Tausenden von Kren? spinnennetzen Überglitzert. Die Frösche quarrten inbrünstig im «ch: Die ganze Welt war wie versenkt vor Glut. Sumpfige Brutwarm-t lastete. Wie im Treib hause Gottes. Die Helligkeit der beiden Nää t ließ uns nicht schlafen; denn diese Zone taucht zur Zeit der längst» Tage nicht tief genug in die Nacht; man ahnt schon die Mitternacht sonne noch nördlicherer Breiten; um zwei Uhr war es bereits fast taghell Durch das fahle Licht schrien die Krähen.
*
Wir fahren im Jagdwägelchen mit zwei zähen kleinen Pferden nh Elchrevier nördlich von Nidden. Etwa eine Stunde weit hinaus in r« Gebiet, das abermals einen ganz anderen Charakter zeigt: lichtes Birker und Erlengehölz auf weiter, sandig-mooriger Fläche. Helle, linde Wr! abgeschiedenheit. Fern das Haff als schmaler dunkelblauer Streif.
Es geht schwankend über Stock und Stein, ohne Weg und Sw) durch Busch und Schilf. Sand und Sumpf. Ein Reh schreckt auf. (h« Hase. Ein Kuckuck vom nahen Ast.
Wir kutschieren lange umher. Drei Stunden schon. Die Elche — sind ihrer an die fünftig in diesem Revier — haben wegen der Dum« offenbar einen Ausflug in wasserreicheres Gebiet unternommen. r > Zweige schlagen uns ins Gesicht. Plötzlich, ganz nahe, fünf, sechs Mer: wert, sehen wir zwei braungraue Hinterteile aus dem Gebüsch ragen Langsam, ohne Scheu drehen die hochbeinigen Tiere sich zu uns herum: ein alter Schaufler mit mächtigem Buckel und einem bärtigen Bat-..' Abrahams-Kopf und ein mächtiger stelziger Bock als junger 3|aat »'• neben. Sie glotzen uns ruhig an mit den weit auseinanderftehen».: Augen, die fast rüffelartig vornüberlapenden Nasen gesenkt. Sie stet da mit der lässigen Ruhe eines uralten Geschlechts. Aber sie wahren 0- Abstand. Als wir ausftelgen und uns noch näher an sie heranpursck wollen, stelzen sie gelassen hinters Buschwerk, wo sie wieder stehenbleivr
Wir erspähen nachher noch drei andere; auch eine Kuh mit eine wollig hellbraunen Jungen, das fast wie ein dickes kleines Lama aw- fchaut. „Nicht zu nah ran", warnt der Kutscher. Die Alte greift scr- an, mit den Vorderhufen schlagend.
Die seltsamen Urwelttiere werden geschont. Nur böse alte Hir;m> die in der Brunst jüngere Rivalen töten, werden abgeschossen.
Rosa Glut im Westen leuchtet über dem Hellgrün und den njei&t Dünenkämmen dahinter, während wir heimwärts holpern. Em rm - Seewind streicht mit leisem, abendlichem Sausen herüber. Morgen , es wieder schön.
verantwortlich: vr. Hans Thyriot. — Druck und D erlag: DrühlscheUntversitäts-Duch» und Steindruckerei, R. Lange, Gieße 1.


