allezeit mit an erster Stelle genannt werden müssen. Nicht minder be- Leutend war der wifsenschaftliche Erfolg seines Unternehmens. Das um- jfangreiche Material, mit dem er in die Heimat zurückkehrte, umfaßte micht nur Sammlungen erlesener Ethnographica und Auszeichnungen niber die Geisteskultur der von ihm besuchten Jndianerstämme, ihrer Zaubersprüche, Mythen und Legenden, sondern auch sprachliche Unter« Iuchungen, Musikphonogramme, Filmaufnahmen und eine Fülle tadel- reier Photographien. Ihren literarischen Niederschlag fanden die Ergebnisse dieser Reise in dem großangelegten Werk „Vom Roroima zum Orinoco",* einem Werk, das fast einzig in feiner Art ist und ein unvergeßliches Zeugnis deutscher Forschungsarbeit darstellt.
Kurz nach seiner Rückkehr von dieser Expedition erfolgte Koch-Grün-; fcergs Ernennung zum außerordentlichen Professor für Völkerkunde an iidcr Universität Freiburg. Schon nach zwei Jahren jedoch, 1915, gab er feine Dozententätigkeit dort auf und übernahm die Leitung des Völker- mufeums zu Stuttgart, dessen amerikanische Abteilung vor allem, die Zweitgrößte in Deutschland, er bis 1924, wenige Monate vor seinem Tod, mit der ihm eigenen Gründlichkeit und feiner reichen wissenschaftlichen Erfahrung betreute.
Freudig und begeistert folgte er dann im Frühjahr 1924 der Einladung des amerikanischen Forschers Hamilton Rice, an einer Expedition ins Orinoco-Quellgebiet teilzunehmen, zumal sich ihm die Aussicht bot, im Anschluß daran seine eigenen Forschungen weiterführen zu können. Aber das Schicksal wollte es anders. Er erkrankte noch auf der Grenze von Zivilisation und Wildnis, und seine sonst so widerstands- söhige Natur erlag in den ersten Oktobertogen der Heftigkeit des Fiebers. Auf dem Felde der wissenschaftlichen Forschung, der er fein ganzes Leben lang rastlos und ermüdlich gedient, hatte ihn der Tod ereilt und ihm Schreibstift und Kompaß aus der Hand genommen. Am Ronde des Urwalds, draußen auf der Savanne, fand er fein einsames Grab.
Wem es vergönnt war, dem Menschen Koch-Grünberg näherzutreten, der konnte sich dem seltsamen Zauber seiner Persönlichkeit, der jchon von seiner äußeren Erscheinung ausging, nicht mehr entziehen. Der Eindruck dieses prächtigen Menschen in der körperlichen Rüstigkeit ‘■einer fünfzig Jahre, als er uns verließ, war so schnell nicht wieder ju verwischen. Das Geheimnis feiner Persönlichkeit beruhte in der wunderbaren Kunst, fremde Umwelt und fremde Menschen zu erleben, irembe Wesensart schlechthin nachzuempfinden und zu verstehen, einer Runft, die ihn das Seelenleben seiner Indianer ebenso wie die Schönheit der Tropennatur schauen ließ. Mit dieser seltenen Gabe verband üch ein anderer Wesenszug Koch-Grünbergs: die seelisch-menschliche Ver- »undenheit mit seinem Arbeitsstoff. Auch die kleinsten und unscheinbarsten Dinge feiner geistigen Welt waren ihm ans Herz gewachsen. Alles und jedes bedeutete ihm einen gefühlsbetonten Wert und schloß ich zusammen zu einer Welt nicht toten Materials, sondern lebendiger Erscheinungen. Diese Welt erfüllte ihn überall und immer: in seinen Gedanken, in seinen Gesprächen, in seiner Arbeit. Er hat sich immer Dagegen verwahrt, als einseitiger Fachgelehrter zu gelten. Und wahr- ich: er war über die Enge solchen Gelehrtentums hinausgewachsen in ine allseitig gerichtete und menschlich vertiefte Geistigkeit. So waren hm auch seine Indianer nicht so sehr Gegenstand wissenschaftlichen Studiums, als vielmehr und in erster Linie Menschen, zu denen er mit dem »armen Herzen des Bruders kam, das ihm überall Freundschaft und Zutrauen erwarb und ihm dadurch den Weg zur Erschließung ihres Volksgutes frei machte. Allen, Männern wie Frauen, unter den braunen Raturkindern, war er ein gütiger, verständnisvoller Freund. Seine be- tondere Liebe aber gehörte der Jugend, für die er immer Zeit hatte zu Spiel und Belehrung. „Meine besten Freunde sind die Kinder", sagte er einmal. Er hat sich damit selber wohl das schönste Zeugnis ausgestellt.
Tiefe Herzensgüte und warme Menschlichkeit, deren unm ttelbarer llusdruck auch seine feinfühlige Liebe zur Natur und all ihren Ge- ch'pfen war, traten in Koch-Grünbergs Wesen als Grundton hervor, fuf den alles andere obgestimmt war, ein Grundton. der mit einem !te Widerwärtigkeiten des Alltags überwindenden Frohsinn in wunder- fanwm Einklang stand.
Die wissenschaftliche Bedeutung von Koch-Grünbergs Forschungsarbeit tonn in diesem Rahmen nur andeutungsweise gewürdigt werden. Als grundlegend für die zukünftige Forschung erwiesen sich namentlich seine Sprachaufnahmen zahlreicher Jndianeridiome, di« nicht nur einzeln bis '»hin gänzlich unbekannte Sprachen aufdeckten, sondern in das Dunkel ■'fr Sprach Verhältnisse Nord- und Nordweslbrasiliens helles Licht war- -n, die sprachliche Zugehörigkeit der Stämme und ihre Beziehungen ‘Atereinauder klarstellten und damit reiche Ausichlüsse brachten über "e heutige Völkerverteilung und den Vorgang ihrer Entstehung: Ausgüsse, die einen weiten Ausblick auch in rein ethnologische Zufammen- tonge eröffneten. Hier, auf dem Gebiet der eigentlichen Ethnologie, haben i,e Forschungen Koch-Grünbergs zu nicht minder wichtigen Ergebnissen »führt: besonders wertvoll sind feine Untersuchungen über das Seeten- “ben der Indianer, in dessen Tiefe er dank seinem Einfühlungsvermögen keiner vor ihm eingedrungen ist, über ihre Vorstellungen von Simonen und Geistern, Tod und Jenseits, und [eine Auszeichnungen
Mythen und Legenden. So werden die Erkenntnisse der Äod)= »rünbergschen Forschungen Ausgangspunkt aller zukünftigen Unter- W-mgen über die KulturverlMnisse im nördlichen Amazonosgebiet sein Wen. Sie bilden den Untergrund, auf dem die Slmerikamstik seit Danzig Jahren aufbaut, und werden dem Namen Koch-GrünbergsJur L? Seiten einen ehrenvollen Platz in der Geschichte der völkerkundlichen '‘üsknschaft sichern. , -----
. Der Besten einer ist mit ihm dahingegangen, viel zu früh für die s Eichung und den Kreis der Freunde. Allezeit wirb das Bild [einer -erfönlichkeit vor uns stehen: eines edlen, großen Menschen, Mr bis i«tn letzten Atemzug von dem Ethos eines hohen Pf! chtbewußrsems 'lullt, [ein Leben für die Ideale der Wissenschaft hmgab.
. * Wie alle andern Werke Koch-Grünbergs im Verlag von Strecker Schröder. Stuttgart, erschienen.
Oie Zukunst der Musik.
Don Professor Hans Joachim Moser.
Der bekannte Geschichtsschreiber der deutschen Musik bietet in seinem bei L. G. Cotta in Stuttgart erschienenen Ueberblick „Die Epochen der Musik" den reizvollen Versuch, di« Grundzüge tonkünstlerischen Schassens herauszumodellieren. Befon- bers beachtenswert ist, was er zum Schluß über die Zukunftsaussichten der Musik bemerkt.
Es spiegelt sich in der Musik das Schicksal der allgemeinen Weltgeschichte: war sie mit den Kriegszügen Napoleons I. gesamteuropäisch ge- worden, so hat sie sich mit dem Krieg von 1914 bis 1918 tellurisch erheitert, sie wird heute ebenso in Wallstreet wie in Tokio, in Moskau wie in Hongkong gemacht, und die neue „Sinfonie der Welt" kann im Zeitalter von Radio, Schallplatte und Triergonoerfahren aus der Musik Alt- europas nicht willkürlich ausgeschaltet werden. Ob man diesen Jahrmarktbudenlärm aller fünf Erdteile endgültig für die Alleinablösung der musi- kälischen Romantik braucht sorgen zu lassen, ist freilich ein ander Ding. Man wird sich dieser Losung sogar, ohne damit irgendwie in die Romantik zurückfallen zu wollen, mit höchster Kraft entgegenstemmen müssen — nicht aus „zurückgebliebenem Unverständnis" für das Neue, sondern gerade aus Zukunftswillen, weil man ein so eiliges Ende der Musik, wie es auf dem alleinigen Jazzwege voraussichtlich schon bald durch den Ausgleich aller Energiespannungen der Nationalunterschiede erfolgen müßte, für verantwortungslos Torheit erachten darf. Die Losung kann nur heißen: hinweg über die heutige, an sich notwendig gekommene Exoten- Tagesmusik zu einer neuen, gefestigteren Zukunftstonkunst.
Ein Wiederanknüpfen bei der Vorromantik, bei der Bachs und Händels, mit dem Willen, von hier aus auf neue Wege zu gelangen, hat in manchem Sinne etwas für sich gehabt, wenn man damit zunächst einmal die Romantik nicht als absoluten Irrweg, sondern nur als gegenwärtig verstopfte Gasse betrachtete, die alte Tonsprache Europas nicht als grundsätzlich erledigt, sondern als eine unumgängliche, aber auf neue Art auszuschöpfende Gegebenheit erkannte und anerkannte. Solch ein Zurückgriff wäre eine richtige, zudem nicht auf allzu fremdartige Kulturbezirke (wie die Antike) sich besinnende Renaissance. Diese würde eben bei der größten uns noch unmittelbar zugänglichen, und doch nicht (wie die Beethovensche) durch zu geringen inneren Abstand gefährlichen Klassik anknüpfen. Man' hatte ja ein naiv-großartiges Beispiel solcher Art soeben an der Barockverwandtschaft Anton Bruckners erlebt, die diesen groß, fern und wahrhaft schöpferisch ragend mitten in die „Gründerepoche" hineingestellt hatte. Lei Bach haben in der Tat, bewußt reflektierend, zwei sehr kluge Komponisten des beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts angeknüpft: August Halm und Ferruccio Busoni, indem sie nicht — wie Spohr bei Mozart, Reger bei Bach — die expressiven Seiten, sondern aus dem großen Vorbild gerade die konstruktiven Eisblumenmuster als wesentlich ins Auge faßten. Sie haben „bloß zeitlos vorzügliche Musik" zu machen unternommen. Kaum wahrscheinlich, daß diese zeitunverbundenen Kunstwerke werden leben können, das Ganze ähnelt wohl zu sehr Retortengeburten. Aber der Versuch war zweifellos heilsam, half zu Besinnung, Anhalten, Atemschöpsen. Eine ebenfalls in Bach-Bezirken beheimatete, jedoch durch Vollblütigkeit und Zeitverbundenheit höchst existenzberechtigte, auch keineswegs erklügelte, sondern durchaus „gemuhte" Musik bezeichnet demgegenüber das Schaffen von Heinrich Kaminski. In ihrer echt polyphonen Struktur, ihrer unliterarischen und unsentimentalischen Nur-Musikhastig- keit, dabei theosophisch verwurzelten und hochgesinnten Geistigkeit von wahrhaft großem Format, vermählt diese Kunst die gewaltige Vergangenheitserbschaft mit bestem Gegenwartsgeist zu fruchtbarer, zukunftgeladener Synthese. Steht man heute in einer Winternacht auf einem rheinisch- westfälischen Jndustriegelände und erlebt das Wunder, wie die flammende Stahlspeise aus einem Hochofen ausgestoßen wird, so verkriecht sich dann das Shimmygefeix der Atonalisten; aber ein Kaminski scher Hymnus erwiese auch dort noch Wert, Sinn und Bestand.
Sieht man die Gegenwartslage unter weiteren Aspekten, so können die Einzelfragen nach der künftigen „Richtung" der fachmännischen Musik als innere Angelegenheit der Künstlerkreise von der Gesamtheit aus verhältnismäßig gleichgültig betrachtet werden. Es hat schon manchmal Zeiten gegeben, wo das „Komponieren" bei weitem nicht das Wichtigste an der Tonkunst gewesen ist, und wir scheinen wieder in den Anfängen eines solchen Entwicklungsabschnittes zu stehen, ohne daß damit gleich das „Ende der musikalischen Schöpserkrast" gekommen zu fein braucht.
Vielmehr geht es um die Frage nach der Rolle und Wirkung der vorhandenen Musik auf die „Partei der Verbraucher", auf die Welt der Zuhörer und Genießer, wobei wieder zwischen den (engeren) Kreisen der eigentlichen Musikliebhaber und dem (weitesten) Becken der Zeitgenossen insgemein zu unterscheiden ist. Für erstere wird trotz Schwankungen vorab wirtschaftlicher Natur auf die Dauer kaum ernstlich zu fürchten fein; ihre lebendige Musikliebe wird mittels einer — nicht allzu schwer organisierbaren — Aufklärungsgegenwehr gegen die Musikmaschine (Radio, Schallplatte, Pianola) seitens der Musiklehrerverbände wach bleiben, schon weil es im Bürgertum immer einen gehörigen Anteil an aktiven Hoch- musikalischen geben wird. Trotz aller sozialen Umschichtungen wächst hier immer durch Bourgeoisierung von oben und unten her neuer Mittelstand nach. Die Kammermusik und Hausmusik läßt sich mit einiger Nachhilfe ganz gewiß auch künftig in irgendwelchen Formen lebendig erhalten.
Weit ernster scheint das Problem der Kunstfremdheit oder sogar wachsenden Musikentfremdung bei den großen Massen, beim heutigen Mil- lionenmenfchen, dessen besondere Deranlagung schon mehrmals erwähnt wurde. Was kann und [oll geschehen, um ihn in lebendiger Verbindung mit musikalischen Werten zu erhalten, ihm solche sogar möglichst nachdrücklich näher zu bringen? Selbstmusizieren wäre naturgemäß das ideale Ziel, um auf tiefem Umweg zu tiefer wirkendem Anhören wesenhafter Musik hinzuführen. Aber auch bei allgemeiner Einrichtung und Pflege von Schulorchestern wird das Jnstrumentalspiel in größeren Laiengrup- pen immer bald — wirtschaftlich wie begabungsmäßig — seine Grenon finden. Das geborene Volksinstrument jedoch ist und bleibt die mensch-


