Ja-", sagte der Pfarrer und wandte sich schwer um,das muß auch wohl sein! Dann schellt mal aus, daß wir mm gen in der Dämmerung um sechs Uhr einen feierlichen Trauergottesdienst abhalten wollen. Und die Kerzen, die muß di« Gemeinde extra zahlenI"

Ja, dat muh nu woll so sindl" sagte der Schulze.Der gnädige Herr, der weih auch schon Bescheid! denn der Herr Kurieroffizier ist 'naufgeritten ins Schloß. Und mit Verlaub, Herr Pfarrer, da will ich nun mal wieder an meine Arbeit gehen!"

Und so ward es in dem Dorfe Wutzow im Herzogtum Pommern be­kannt, daß im Königreich Preußen ein junger Fürst, Friedrich II., den Thron bestiegen hatte. *

Der große Pfarrer stand auf der Kanzel. Draußen hing grau die Dämmerung an den Scheiben der kleinen Kirche. Die Kerzen am Altar brannten trübe. Regen klopfte aus das Dach.

Befiehl du deine Wege! verklang das Orgelspiel, starb.

Drunten harrte die Gemeinde, aber auch die Gutsherren der Um­gegend waren gekommen. In ihrem Kirchengestühl sah die sreiherrliche Familie von Wedell. Der Pfarrer Hub an:

Predigen will ich zu euch über die Worte: Gebet dem König, was des Königs ist, und ich werde daran knüpfen eine Erinnerung an das, was das Preuhenvolk im ganzen Pommern und unsere Gemeinde im besonderen dem in Gott Heimgegangenen König verdankt, und schließen will ich damit, was wir uns von seinem Sohn, unserem jetzigen Könige, erhoffen."

Das waren gute und heilsame Worte, die von der Kanzel klangen: Unser König war heiß und hart, und er griff zum Stock, wenn er das Unrechte sah; aber steht nicht geschrieben in der Schrift: Wen der Herr lieb hat, den züchtigt er?"

Und er pries den König-Bauern, der fruchtbares Land geschaffen und den Namen Preußens geehrt und geachtet gemacht hatte. Er sprach so bewegt, daß die alten Weiber laut weinten; aber auch selbst der gestrenge Herr von Wedell griff nach dem Taschentuch und blies kräftig durch die Nase, seine Rührung zu verhehlen.

Die Predigt war beschlossen. Die Gemeinde erhob sich zu dem Trost­gesang: Ein' feste Burg ist unser Gott. Und dann drängte alles hinaus.

Der Pfarrer, der in feinem langen schwarzen Talar in seiner Riesen­größe gewaltig dahergekommen war wie ein Prophet aus dem alten Bunde, legte sein geistlich Kleid ab, näherte sich dem Chorgestühl, wo die Herren Junker der Umgegend Abschied nahmen von der Schloß- familie, dem Herrn von Wedell, seiner Frau und einem kleinen Mäd­chen. An der Kirchenpsorte blieben die Schloßherrschaften stehen; denn es regnete gewaltig, und ihre offene Kutsche, in der sie gekommen, gewährte keinen Schutz gegen solches Wetter.

Der Pfarrer bot an, die Magd mit einem großen Schirm kommen zu lassen und die Familie ins Pfarrhaus zu begleiten.

Danke Ihnen, lieber Herr Pfarrer!" ries die Freifrau lebhaft, und während sie warteten, gestand Herr von Wedell:Sie haben mein Herz bewegt mit den guten preußischen Worten, die Sie von der Kanzel zu der Gemeinde geredet haben."

Friedrich Wilhelm, der älteste Psarrerssohn, hatte sich herangewagt, während seine Geschwister sich mit dem kleinen Fräulein, ihrer Ge­spielin, im Hintergründe hielten, und fragte plötzlich laut und eifrig: Wie kann ich nun Soldat werden, wo der König Pate tot ist?"

Jst's wahr", fragte der Herr von Wedell,'daß er den König zum Paten hat?"

Es ist allerdings so, mein gnädiger Herr, aber der Naseweis soll es nicht daherreden!"

Die Pfarrerin hatte inzwischen das Mädchen mit zwei großen roten Schirmen geschickt, und gesichert ging das Häuflein hinüber zum Pfarr­haus. Im Besuchszimmer war ein einfach Leinentuch über den ovalen Tisch gedeckt, auf dem ein paar rotgesiegelte Flaschen standen, daneben ein großer Teller mit kräftigen Schnitten Schinken, Brot und goldener Butter. Der Raum erschien feierlich; denn über dem Sofa war das Bild des Heimgegangenen Königs, schön in Del gemalt, umkränzt mit schwar­zem Band, Efeu und Immergrün, und in die Wand befestigt zwei hölzerne Armleuchter, auf denen dicke Wachskerzen brannten.

Wie lebendig er herabblickt!" lobte die Freifrau.

Ja, er war streng, aber gerecht!" meinte der Herr von Wedell.

Wenn es Ihnen genehm ist, wollen wir auf sein Gedenken ein stilles Glas leeren!" sagte der Pfarrer und schenkte ein.

Sie nahmen Platz.

Wie sind Sie auf das Thema gekommen: Gebt dem König was des Königs ist?" fragte die Freifrau, indes die Kinder sich hinten in die Ecke verzogen und leise miteinander tuschelten.

Um es in Wahrheit zu gestehen: Vieles, was ich heut geredet, habe ich schon einmal gepredigt, und es war meine erste Predigt, die ich überhaupt hielt, meine gnädige Frau!"

Erzählen Sie!" drängte der Freiherr.

Der Pfarrer schaute zu seiner Frau hinüber. Die nickte.Du kannst es erzählen, und für die Kinder mag's auch gut sein, daß sie wissen, wie ihre Eltern zueinander gekommen sind durch unseres Königs Hilfe!" Die Pfarre meines Vaters war bei Stralsund, zu dessen altein- gesefsenen Geschlechtern unsere Familie Fritsch zählt. Wie mein Vater bezog ich unsere gut altlutherische Univerfität Wittenberg, um dort mich der Theologie zu widmen. Es war eine ungewisse Sache; denn mein Vater war dahingegangen, und ich war nach. Wittenberg gekommen mit nur fünfundzwanzig Talern, und waren die verzehrt, hätte ich zusehen müssen, wie ich es weiter schaffte. Nun hatte ich zwar schon vorher in Rostock vier Semester mit Vaters Hilfe verstudiert und konnte hoffen, vielleicht eine Hofmeisterstellung zu erlangen, aber wie das Studium hätte sortgesetzt werden sollen, das war verborgen in Gottes Ratschluß.

Nun, damals als junger Mensch ließ ich mir fein Trauermoos an den Ohren wachsen. Ich war leichtsinnig genug, da Pfingsten herankam, eine Fußwanderung zu unternehmen mit zwei Kommilitonen, und wir zogen aus, um den weltberühmten Garten in Wörlitz genauer zu be­sehen. Es war spät am Abend, als wir in einen Gasthof kamen, der

an einem Kreuzweg lag. Wir waren müde und durstig und traten ein. Saßen da in einer Ecke drei Herren bei einer Punschbowle, und mir, regennaß und hungrig, nahmen es gern an, daß diese Herren uns ein­luden. War eine Unvorsichtigkeit, die jedem jungen Menschen passieren kann. Und die Herren tranken uns feurig zu, mir ward der Kopf schwer, ich schlief ein, und als ich auswachte, lag ich gebunden aus einem Leiter­wagen allein, der holterdipolter dahinfuhr, daß mich der Kopf schmerzte.

Ich schrie, aber der Kutscher grienefietzte über die Schulter zu mir herunter, und da ich weiterschrie, gab er mir ein paar über nut der Peitsche. Da hielt ich wohl das Maul und ward nach Tag und Stunde ausgeladen und hineingerragen wie ein Baum in eine Wachtstube und wußte nun, daß ich in Potsdam war und was die Glocke geschlagen. Denn ein jeder wußte, daß der König sein« Werber ausschickte, um junge Kerls von besonderer Körpergröße in seine Leibgarde zu stecken. Mir wurde nicht bange, weil mich die Studentenmatrikel vor solchem Geschäft schützte. Als ich mich nun auf die Bank gesetzt hatte und mir den Rücken rieb, erklärte ich, sie hätten einen Irrtum begangen und sollten ihn wieder gutmachen. Ich sei Student der Theologie und daher nicht tauglich zur Waffe. Der Major, der hereingekommen war und meine Länge mit Wohlgefallen betrachtet«, sagte: .Zeig' Er seine Pa­piere her!'

Ich griff in die Tasche und fand nichts vor.

.Faule Ausrede!' schrie der Major. .Aber gebt dem Kerl zu essen.' Da brachten sie mir Hering und andere salzige Speisen die Menge, aber nichts zu trinken. So bekam ich einen grausamen Durst und bat dringend um einen Trunk Wasser.

(Fortsetzung folgt.)

Theodor Koch-Grünberg zum Gedächtnis.

Zu feinem Todestag am 8. Oktober, im Jahre feines 60. Geburtstages.

Von Fritz Jäger.

Acht Jahre ist es her, daß aus Manäos in Nordbrasilien die Nachricht vom Tode TheodorKoch-Grünbergs kam und all unseren Erwar­tungen und Hoffnungen, die wir an die neue Expedition dieses um die völkerkundliche Erschließung Südamerikas so verdienten Forschers ge­knüpft hatten, ein fähes Ende fetzte. Noch bevor das amerikanische Unter­nehmen, zu dessen wissenschaftlichem Leiter er bestellt war, und dessen Ziel das Parimagebirge mit den Quellen des Orinoco bildete, feine eigentliche Forschungsarbeit begonnen hatte, erlag Koch-Grünberg in dem fieberverseuchten Vista Alegre am Rio Branco, der Stätte des alten Jndianerdorfes Jnajatüba, am 8. Oktober 1924, einer schweren Malaria. Seinem heißen Wunsch, noch einmal hinausziehen zu können zu den freien Indianern, unter ihnen zu leben und sie zu studieren, um der Wissenschaft neues Material vorzulegen, war keine Erfüllung beschieden. Frohen Mutes, voller Hoffnung und Begeisterung, war er zum vierten Male nach feinem geliebten Südamerika ausgebrochen, dessen Erde ihn wenige Monate später ganz zu sich nahm.

Der äußere Lebenslauf Koch-Grünbergs zeigt erst im zweiten Haupt­abschnitt die entscheidende Wendung zur Bahn des Forschers und Ge­lehrten, auf der er so Bedeutendes leisten sollte. Als Sohn eines Pfarrers in Grünberg in Oberhessen am 9. April 1872 geboren, besucht« er das Laubacher Gymnasium und studierte in Gießen und Tübingen alte | Sprachen. Nach Ablegung des Staatsexamens, 1896 in Gießen, war er dann im Schuldienst an verschiedenen höheren Lehranstalten Hessens I tätig. Aber schon frühzeitig mochte sich in dem Heranwachsenden Menschen der Drang nach der Ferne und eine schwärmerische Neigung für fremde Länder und Völker bemerkbar gemacht haben, waren ihm doch auch während seines Studiums die südamerikanischen Jndianerdialekte weit­aus wichtiger als Griechisch und Latein. Das Jahr 1898 brachte feinen Wünschen die ersehnte Erfüllung und wurde von entscheidender Bedeu­tung für seine zukünftige Lebensgestaltung: er durst« als Teilnehmer der zweiten Schingä-Expedition Dr. Hermann Meyers ins Innere Brasi­liens hinausziehen. Er hat sich auf dieser Reise nicht nur das organisa­tionstechnische Rüstzeug für wissenschaftliche Expeditionen in unerforschten Gegenden und di« Kenntnis aller Anforderungen des Tropenlebens er­worben, sondern wurde auch mit der wissenschaftlichen Problematik der südamerikanifchen Ethnologie unmittelbar vertraut. Nach seiner Rückkehr war er zwar in Offenbach noch kurze Zeit im Lehramt beschäftigt, aber schon 1901 folgte er einem Ruf Adolf Bastians ans Berliner Pölker- mufeum, dessen Mitarbeiterkreis er bis 1909 angehörte und wo er unter Geiers und von den Steinens sachkundiger Führuna allen Fragen der Amerikanistik nähertrat. Nachdem er in Würzburg, 1902, noch promoviert hatte, unternahm er 1903 bis 1905 im Auftrag des Berliner Museums seine erste selbständige Expedition nach Südamerika, in die ! völkerkundlich noch wenig erschlossene Nordwrstecke Brasiliens. Ms Frucht | feiner gründlichen Forschungsarbeit unter den Arowaken- und Tukano- stämmen jener Gegend konnte er der Wissenschaft umfangreiche Samm­lungen und wertvollste Aufzeichnungen ethnolog'scher und linguistischer Art Heimbringen. In zahlreichen Veröffentlichungen, als deren bedeu­tendste sein köstliches ReisebuchZwei Jahre unter den In­dianern" her besonders genannt sei, hat er das Forschungsmaterial dieser Expedition niedergelegt.

Sechs Jahre später, 1911 er hatte sich inzwischen in Freiburg für Völkerkunde habilitiert trat Koch-Grünberg schon wieder eine in allen Einzelheiten sorgsam vorbereitete neue Reise nach Südamerika an, im Auftrag und mit Unterstützung des Berliner Baeßler-Jnstituts. Das Zel und Slrbeit.-gebiet dieser Expedition war Nordbrasilien und Venezue.a. Di« Reise führt« ihn zu d«n Savannenstärnmen des oberen Rio Dranco und den Gebirgsindianern des Roroirna und von dort westwärts durch das fast unerforschte Gebiet der SchirianL und Bekuanä über die Parima- tette an den Orinoco, wo er nach ungeheuren Mühen und Entbehrungen, Gefahren und Hindernissen, Fieber und Krankheit, zuletzt monate.arg für die Auhmwe't verschollen, im Januar 1013 eintraf. Untnr den Groß­taten der Forschungsgeschichte wird diese Expedition Koch-Grünberg-