So kaufte ich die „Eselspscife", für die ich anfangs drei Mark geboten, die ich für zehn Mark nicht bekommen hatte, für zwei Mark und achtundzwanzig Pfennig-
Nacht im Urwald von Sumatra.
Von Hermann Hesse.
Wir waren kurz vor Sonnenuntergang von einem Ausflug im Ruderboot zurückgekehrt, müde nach der großen Schwüle und dem stundenlangen Plätschern auf dem breiten braunen Strom zwischen den ewigen Wäldern. Wir waren dem chinesischen Dampserchen begegnet, das jede Woche auf dem Batang Hari fährt und heimwärts nach Dsambi unterwegs war. Wir hatten ein paar Tauben und einen Nashornvogel geschossen, hatten ein paar große grüne Schmetterlinge gefangen und uns zuletzt beeilen müssen, um vor der Nacht zurückzukommen.
Als wir anlegten und steif vom langen engen Sitzen über den kleinen Landesteq vor unserer Hütte stiegen, ging oben die Sonne dunstig über dem Walde unter, der Strom blinkte trüb heraus und die Ufer wurden schon finster, als bräche der Wald von beiden Seiten herein und wolle die schmale Lichtbahn erdrücken.
Ehe die Nacht und die Krokodile kamen, war eben noch Zeit, sich am Ufer zu entkleiden, ein paar Eimer voll Flußwasser über den Kopf zu gießen und die vielen Stusen zur Veranda unseres Pfahlbaues hinan- iuifteiqcn wo der dicke wohlwollende Chinese schon das Abendessen bereit hielt. Ich blickte hinaus: es war schon dunkel geworden, auf der Veranda schimmerte die kleine Oellampe, kaum hob sich noch das weiche Palmblätterdach vom schwarzen Himmel ab. Was Nacht ist, weiß man nur hier in den Tropen, in den Regenzeiten. Wie ist sie schon und sremd und feindlich, diese tiefe satte, vollkommene Dunkelheit, dieser schwarze dicke Vorhang von Samt, wie ist sie unergründlich, finster, feucht und geladen, aller guten und böfen Dinge voll!
Wir setzten uns um den großen Eisenholztisch, wir aßen Fische und Zwieback, wir trffnten dazu von den vielen schweren, guten, ungesunden
Benommen taumelte >ch zum Loch des Fensters, das m Lach. der Blitze vor mir schwankte und seine Ränder verschob. Da schaute, auf einen Schritt Entfernung, der Wald mich an, ein umgeruhrtes Meer von formen, von Astgeschlinge, Laubmassen und Fasern wogend und in M zweislung sich wehrend, von den Blitzen uberslogen und ,a bis ms zuckende dunkle Herz hinein verwundet, krachend und empört Ich stand am Fenster und starrte in das Unwesen geblendet und betäub und suhlte mit überwachen Sinnen das rasende Leben der Elemente sich c Meßen und vergeuden, und stand dazwischen, mit meinem europäisch n Gehirn und Wesen, das sich dem Toben nicht unterordnete, und sah 'N gepeinigter und doch lustooller Neugierde zu und dachte an viele Nachte und Tage meines Lebens, an alle die vielen Stunden, da ich so w,e h - irgendwo auf Erden gestanden war und sremde Erscheinungen betrachtet hatte geführt und verlockt von dem seltsamen Trieb des Zuschauens.
Es kam mir nicht sinnlos vor, daß ich hier iwi Osten des Sump- Urwaldes von Sumatra stehe und einem tropischen Nachtgewitter zuseye, ich empsand auch nichts von Gefahr, sondern ich suhlte voraus und a? mich noch hundertmal, an weit von hier entfernten Orten, einsam un° neugierig stehen und dem Unbegreiflichen mit Verwunderung zusehen, dem das° Unbegreifliche und Vernunftlose in mir selbst Antwort gab un sich verbrüderte. Genau mit dem selben Gefühl von Ergriffenheit un° doch unverantwortlicher Zuschauerschaft hatte ich als kleiner Knabe Tierfterben oder Schmetterlingsgruppen aufbrechen |ehen, mit bem |ctDin Gefühl hatte ich in die Züge von Sterbenden und m ule Kelche von Blumen gesehen — nicht mit dem Wunsche, diese Dinge zu erklären, iw mit dem Bedürsnis, dabei zu sein und ja keinen der seltenen Augenbl.ck zu versäumen, in denen die große Stimme zu mir sprach, in denen und mein Empfinden hinschwand und wertlos wurde, weil es nur ein dünner Oberton zu dem tiefen Donner oder noch tieferen Schweigen oe unbegreiflichen Geschehens wurde.
Die Stunde war da, die seltene, lang erharrte, und ich stand uni* sah im weißen Licht der taufend Blitze den Urwald fein Geheimnis vergessen und in tiefer Todesangst erfdjauern, und was da zu nur (pro®, n>ar genau dasselbe, was ich zehn- und hundertmal im Leben geyort >am- beim Blick in eine Alpenschlucht, beim Fahren durch einen Mecrsturw. beim Sausen des einbrechenden Föhns auf einem Grat in den 'Bergen-- und was ich nicht ausdrücken kann und doch immer wieder zu ericoti. trachten muh.
Und plötzlich war alles zu Ende, und das war sonderbarer und unheimlicher als der ganze Gewitterlärm. Kein Blitz, kein Donner mey, nur namenlose dicke Finsternis und das Niederstürzen eines wilden fl'1 riqen, selbstmörderisch wütenden Regens. Ringsum nichts mehr als - tiefe, wühlende Rauschen der Himmelswasser und der Geruch des au|9
“'ÄTÄ iS Ä"r HÄM Finsternis schrien ringsum die hunderttausend grohslügeligen Insekten, Mätern unb schrill ober auch tief und dunkel surrend, laut wie em Streich, orcbelter Wir halfen bem Chinefen den Tisch abraumen, nur einige al dien' blieben stehen, das schwache Lampenlicht floß matt an der ge- «r.rhtonon Wand hin und in die offene Nacht hinaus. Die Flinten lehnten ain^ Eingang uralte schwerfällige Gewehre, das Schmetterlingsnetz ba= nebemGiner Uzte sich in den Liegestuhl unter der Hängelampe und verluckite in einem Tauchnitzband zu lesen, der andre begann die jlintcn abzurAen Mit weichem Klaps stieß ein dicker Kaser .m Fluge immer wieder gegen die Pfosten, sechsmal, zehnmal.
nirüh es war kaum halb zehn Uhr, sagten wir einander Gutenacht unb^ainaen hinein Ich warf die Kleider ab, ohne Licht zu machen, und hüpfte rasch im Dunkeln unter das hohe Moskitonetz, streckte mich aus meiner guten Matratze aus und sank in ben me.«^« muben mer in bem ich seit langem alle meine Nachte hmbracyte. vis war niap nnfi'a hie Augen zu schließen, nur mit Mühe vermochte ich ba-> Bieretf des chfenen Fensterloches zu erkennen. Da draußen war es kaum um einen Sckiatken Heller als zwischen meinen Bambuswanden und Bast- ihrem nie unterbrochenen Treiben und Zeugen, nran horte viel^>ere und atmete den krautigen Geruch vom üppigen Wachstum. Das Leben ist hier wenig wert die Natur schont nicht und braucht nicht zu tparen.2lber mir Weißen haben längst ihre Fülle angezapft, wir haben unsere Bam- bushütten und unsere malayischen Waldfaller, es Hingt hier Svm erstemal seit die Welt steht, Axtschlag und Arbeitsgetose durch das Dickicht.
I Vor kurzem wurden hier noch in wilden schnöden istreiszugen d - Anwohner niedergeschossen, die dunkeln furchtbar scheuen Kubus. Die
I Seelen der Gemordeten schweben nachts überm Fluh, aber sie werben nur I von ihren Brüdern gefürchtet, und wir Weiße bemächtigen uns herrisch und räuberisch der Wildnis, erteilen Befehle in sehr verdorbenem Malayisch und sehen die alten dicken Eisenholzstamme ohne Ruh.ung fallen. Man braucht sie zum Werftenbau.
In blassen Halbgedanken dämmerte ich ein, hing müde, fdjroule otun= ben zwischen Traum und Wirklichkeit. Ich «ar ein Kind und war am Weinen und eine Mutter wiegte mich mit Gesumse, aber fie fang Malayisch und wenn ich die bleischweren Augen offnen und sie ansehcn wollte so war es das tausendjährige Angesicht des Urwaldes das über mich gebeugt hing und mir zuflüsterte. In seinen Tiefen trabte Elefant unb Jaguar lachte der Spottvogel und schlich der urweltliche Legua . Gegen deir ^Urwald norden wir noch eine gute Weile nicht anfomrnen. Darrah die Malaria unsere Leute, der Rost unsre Nagel und Flinten, ba blühte unb verweste das Leben schnell und fieberhaft.
Eine mächtige Erschütterung weckte mich plötzlich; ich sprang heftig in die Höhe unmittelbar aus bem Schlaf, fiel wieder um, stand nochmo auf und zog, nun wirklich erwacht, den Mückenschleier auseinander. U furchtbar grelles Licht schlug mir blendend weiß entgegen, und erst nad) Augenblicken erkannte ich, daß es das Licht von vielen, von Hunderten, ohne Pause aufeinanderfolgenden Blitzen war. Der Donner brach mit Gekeuche hinterher, die Lust war bewegt wie der Atem eines Keuchenden, und voll von Elektrizität, die sich auf der Haut wie Ameisenkribbeln suhlte.
Trotzdem gab ich nicht nach. Ich sagte: ,
„Sechs Mark."
»Nix zmacha", war die Antwort.*
Dee Mann setzte wiedermal den Maßkrug an die Lippen, hob ihn
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Er öffnete den Mund. Da fragte sie rasch, daß er zu feinem -tisorr vie Zeit mehr sand, energisch und scharf:
Nunaate 1 eV ni<hts, schloß wieder den Mund und schwieg. Sein Mut war schnell zusammengebrod)en. Er kniss die Lippen mit ben Zahnen, i kraftloser Erbitterung, in größtem Aerger.
Ich sah ein: fein Eigensinn wirb nun, nach dieser neuen Niederlag, ”°y etdjMum m.m« M
„Zehn Mark."
„Nix zmacha." .
^Blöder ^Aft? blöder,' was gibst sie denn Jiet her, die Pft'sn? Zehn Mar kl san a Wurt. Gibs do her, die Pseftn.
„Was hab ’i denn vo die zehn Markt? „
Legs inb Sparkassen oder kauf dir was Gscheits. „ I
”®uat. I tauf mir no a paar Maß vom Maibock. I
'qgas Gfcheits hab i gsagt, sollst dir kaufa, net an Maibock. Soll I woaßt do ch, daß'is net erlaub s Aufsahaun vom Gold fter an solchenen Lurus als a wias der Maibock is. Söll gibts net. Soll duld i net, a net£ hals net mei Göld is, a net, bals vo deiner Pfeifn herkimmt.
Die Wangen den Mannes wurden blaß, dann blau, dann grün, dann wieder blaß 9 Die Nase zitterte. Die Augen flackerten. Der Mund schwieg.
Ich sah: da ist keine Aussicht mehr, daß id) durch Geld allein mein
Ziel erreiche. *
Die Pfeise war mir zu einer quälenden fixen Idee geworden, wie sie nur aus einem Sammlerwunsch entstehen kann.
Ich stützte den Kopf auf die Hände und starrte bewegungslos auf de Tisdh Ich dachte nach, sann, grübelte, zermarterte mein Hirn. Ich fanö "^Endlich richtete ich mich wieder auf. Eben ging eine Kellnerin vorbei, mit drei Mahkrügen in einer Hand. . .in
Plötzlich tarn eine geniale Erleuchtung über mich, eine Erkenntnis, ei Plan, ein Entschluß.
^Kellnerin, bringen Sie mir drei Maß vom Maibock."
"Drei Maß auf a Mat?"
„Jo."
Als die drei Maß Maibock auf bem Tifch standen, sagte ich zu meinem N^Wollen Sie die drei Maß Maibock haben?"
'.Was sagens? Drei Maß vom Maibock? Fier mi?
„Ja, wenn Sie mir die Pfeise geben."
Er reichte mir wortlos die Pfeife.
*
Seine Augen leuchteten hell und froh, ihre Augen funkelten dunkel und giftig, meine Augen lachten, und mein Mund lachte auch, und mein Sammlerherz lachte erst recht. #


