waren so sehnsüchtig, mitten im Uebermut — er beugte sich rasch herunter und küßte sie. .
Gun sah ihn an. Sah sich um, zufällig waren sie allein.
Klas nicht traurig sein", es klang ein wenig ungeduldig. „Komm, setz 'dich her zu mir aus die Bank, es wird sich auch für uns ein Rat finden."
Sie war innerlich etwas böse auf diesen unverbesserlichen Mann, den ewigen Pesimisten, der niemals den Augenblick ergreifen konnte, ohne die kommenden Unkosten zu berechnen! Manchmal bedruckte es sie sein stetes An-die-Aunkunft-denken, und sie dachte daran, wie leicht und oe- quem sie es haben könnte, wenn sie den Chef ... nein, es war unrecht, so zu denken. Niemand war so wie Klas, so sein und so lieb.
„Sei nicht traurig", wiederholte sie und legte den Arm um seinen Hals. Sieh dir das Schloß auf meinem Ballon an, darin wirst du mit mir wohnen, und mir werden von goldenen Tellern essen wie im Märchen!"
Sie zeigte aus den Ballon über ihnen.
Solche leichte, kindische Sprache pflegte Klas gerne zu hören; oft schon hatte sie ihn damit von feinen dunklen Gedanken fortgelockt, aber heute hatte er keine Lust zu spielerischen Gesprächen.
„Ja, dies ist das einzige Schloß, das ich dir jemals geben kann, Kindchen", sagte er bitter. „Ein Spielzeugschloß auf einem Ballon für zehn Pfennig!"
Sie sah ihn an, und zum ersten Mal überfat) sie die Aussichtslosigkeit ihrer Lage. Sie ahnte, daß die unbekümmerten Tage vorbei waren, daß es zu irgendeiner Lösung zwischen ihnen kommen mußte, zu einem Beschluß und einer Handlung. Aber sie wollte ihre Märchenschlösser noch nicht lassen!
„Was macht denn das aus, Klas", sagte sie leidenschaftlich und klammerte sich an seinen Arm, „wenn ich bei dir bin, ist jede Bank am Wege ein Heim, was kümmern mich Schlösser! Laß doch andere Menschen Villen und Autos haben, wir haben das Glück, und wir sind jung, niemand kann uns das nehmen, wenn wir uns einander nur haben können."
Und ohne sich um den alten Herrn zu kümmern, der würdig an ihnen vorbeiging, zog sie seinen Kops zu sich herunter und küßte ihn. Einen Augenblick vergaßen sie ihre Umgebung im heißen Hunger ihrer Jugend.
Dabei merkten sie nicht, daß der Ballon leise an idem Faden zog, wieder und wieder, bis er endlich frei war und in den blauen, unendlichen Himmel hinausschwebte.
Eine Uhr schlug und riß sie brutal in die Wirklichkeit zurück.
„Die Zeit ist um, Klas, wir müssen gehen."
Dabei merkte sie ihren Verlust.
„O, mein Ballon, mein schöner Ballon!" rief sie klagend.
Aber der war unwiederbringlich verloren. Wie ein kleiner rosa Punkt schwebte er oben in dem klaren Blau, auf dem Weg zu neuen, unbekannten Schicksalen.
Niedergedrückt, eigentlich ohne recht zu wissen, warum, starrten sie ihm einen Augenblick lang nach, dann liefen sie wie gejagt zur Haltestelle der Straßenbahn ...
(Deutsch von Karin Reitz-Grundmann.)
Max Slevogt.
Von Dr. Paul Landau.
Vor kurzem ist der Maler Max Slevogt gestorben, einer der großen Meister des deutschen Impressionismus, den nun, nachdem Slevogt und vor einigen Jahren Corinth dahingegangen sind, die ehrwürdige Erscheinung des greifen Liebermann in einsamer Gröhe repräsentiert.
Die „unendliche Melodie" bes Ornaments ist der deutschen Kunst seit der ersten Blüte germanischen Schassens im „Völkerwanderungs-Stil" eigen. Aber die musikalische Beseelung dieser reichen und glücklichen Linienphantasie ist ihr nur in ganz wenigen Augenblicken beschieden gewesen. Ein solcher großer Moment in der Geschichte der deutschen Kunst ist die Erscheinung Max Slevog.ts, des Meisters, mit dessen Tod wir nun den Heimgang so vieler bunter Gestaltungen beklagen, die noch in diesem ewig beweglichen, unerschöpflich fruchtbaren Haupt schlummerte. Slevogts Schassens bedeutet über alle Grenzstreitigkeiten der Stile hinaus die Erweckung einer urdeutschen Gestaltenwelt, eines unendlichen Auges von Geistern und Feen, Engeln und Teufeln, Visionen und Märchen aus dem Geilte der Phantasie und des Unbewußten. Er zeigte uns den Künstler wieder einmal als den hohen Magier, der in seinen Zauberkreis alles bannt, was nie ein irdisches Auge geschaut hat.
Historisch knüpfte Slevogt wieder an die Romantiker und Idealisten des 19. Jahrhunderts an, an schwind und Böck li n, aber nachdem er vorher die ganze Eroberung der Wirklichkeit, die Entdeckung des Lichtes und der Bewegung durch den Impressionismus in sich ausgenommen hatte. Er wurde so der Romantiker des deutschen Impressionismus. Er befruchtete die kühle Klarheit des deutschen Nordens mit dem üppigen Schmuckgeist, mit der lebensfrohen Sinnlichkeit und erfinderischen Beweglichkeit des deutschen Südens. Den sicheren und sesten Strich eines Menzel umrankte er mit den bunten Grabestengirlanbe n des Neu - mannschen Barocks seiner Würzburger Heimat; die helle dünne Lust der Liebermannschen Landschaft erfüllte er mit glühender Farbigkeit. Eine wimmelnde Welt von Gestalten aus Märchen und Dichtung schuf er um sich, weil in ihm wieder einmal jene begnadete Schöpferkraft des Künstlers auferstanden, von dem Dürer verlangte, daß er „inwendig voller Figur" fei.
Den mainsränkischen Gauen, die der deutschen Kunst seit Riemen, s ch n e i b e r und Grünewald so viel geschenkt haben, entstammt sein Geschlecht; in Würzburg wuchs er auf unter dem Gewoge reichster Ornamentik an Häusern und auf Brücken, im Anblick jener glühend reichen Fresken mit denen Tiepolo die Residenz schmückte. In München erlernte er bei Diez bas Malen, von Trüb ner die reichere Tiefe des Tons ahnte in Paris das Wunder der befreiten Oberfläche bei Manet und Äonet, fühlte in Italien die Majestät höherer Formen, für deren Gestaltung ihm Böcklin Führer wurde. Aber zunächst wurde seine Leidenschaft von dem Naturalismus gefesselt, wie ihn damals etwa Uhde und Corinth vertraten. In der Wiedergabe des Häßlichen ist keiner weiter gegangen als dieser tolle Träumer, der später eine so überirdische Schou- heitswelt offenbaren sollte. Sein intimster Freund der Münchener Reit, der Kunsthistoriker Karl Voll, erzählt, daß man ihm damals den Beo namen der Schreckliche" verliehen hatte; ein anderer Freund sprach humoristisch von der Periode der „gerösteten Spanferkel". Der junge Meister schwelgte in dumpfen Fleischmassen und unreinen Tonen. Aber doch sind Werke wie die „Danae" und bas Triptychon „Der verlorene Sohn" bei aller Unschönheit der Modelle und Dvastik der Dar|tellung von einer hinreißenden malerischen Kraft, hingefegt mit einem alles Schwere und Dunkle überwindenden Temperament und zugleich von einer Innerlichkeit des Empfindens, die das Schema der „Armeleut-Malerei mit einem e wi g - m en sch li che n Gehalt erfüllt.
Slevogts Entwicklung führt aus dem dunklen Atelierton ins Helle der Freilichtmalerei, aus der Dumpfheit inbrünstiger Leidenschaft m die leichte lebt eit eines Heninlen Spieles. Aern Sübib-entjcben bringt -ocrltn, wohin" er 1901 übersiedelt, die Befreiung. Seine Palette wird immer lichter, zarter, fein Pinselstrich nervöser, geistreicher, erregter beschwingter Die Landschaften und Stilleben, die er in dieser Zeit geschaffen, gehören zu dem Reifsten und Reinsten, das der deutsche Impressionismus hervorgebracht. Aber feine drängenden Kräfte der Vision und des inneren Erlebnisses ble bie Wiebergnbe bes reinen 9büturnusibrudtes tiid)t be- friedigt, lassen ihm keine Ruhe. Der Hang zum Abenteuerlichen und Wilden zum Grausigen, ja Grausamen, der sich in feiner „schrecklichen Zeit stofflich bekundete, findet eine Läuterung und Verklarung in der Sphäre des Scheins, der Bühne. Hinzu tritt der Geist der Mugk, der die ganze Lebensarbeit dieser von innerem Wohllaut beseelten Natur immer durchdrungen hat. Es entstehen die Don-Juan-Bilder, ganz eingetaucht in die Magie des Theaters, bas Bild der tanzenden Marietta, romantische Visionen, wie der „Ritter im Frauengemach" und der »^orselberg . Aber allmählich verschwindet dieser Ton des Rausches und der Phantastik aus den Werken, die nun hauptsächlich schöne Landschaften, treffsichere Bildnisse und zarte' Stilleben bringen. Doch steigerte sich fein Schaffen ins Monumentale in jenen genialen Gestaltungen, die von den Fresken für ein Gartenhaus über die köstlichen Malereien im Bremer Ratskeller bis zu dem Schwanengesang seines Golgatha-Bildes in der Friedens-Kirche zu Ludwigshafen führen und der höchste Ausdruck feiner malerischen Phantasie sind. Unterdessen hatte er aber in der Zeichnung, in der Illustration, in der Graphik das Feld gefunden, auf dem er zum größten Gestalter seit Dürer werden sollte.
Es ist schwer zu sagen, inwieweit ein äußerer Grund, die seit mehr als 30 Jahren ihn heimsuchende Gicht, an dieser Wendung beteiligt ist. Die Krankheit hinderte ihn am Stehen an der Staffelei, an her w (amen Arbeit des Malens. Wieviel leichter tanzten Feder und Bleistift übers Papier, zauberten auf dem lithographischen Stein, auf der Radierplatte ein wimmelndes Leben hervor! Aber die Improvisation war schon von jeher seine besondere Stärke, das blitzschnelle Hinwerfen gepaart mi langem Träumen und Sinnen. So wie er sich selbst auf dem ersten Black seiner ersten graphischen Reihe, den „Schwarzen Szenen", dargestellt, erscheint er uns als Schöpfer: auf dem Sofa behaglich rauschend und in den Rauch' in gen Visionen ahnend, von einem mystischen Kätzchen umspielt, ein Visionär, ein spielendes Raubtier, das plötzlich mit einem einzigen Sprung feine Beute, das Bild, festhalten wird. Die Gesichte feiner Kmd- cheit werden in ihm wieder lebendig. Es lebt etwas vom starken und gesunden Jungen in ihm, und schon als Knabe hatte er beim Lesen seiner Indianer- und Räubergeschichten Zeichnungen entworfen. Das Wilde uns Gräßliche lockt ihn ebenso wie das Geheimnisvolle und Märchenhafte. Zu gleicher Zeit mit ben „Schwarzen Szenen", in 'denen sich diese dämonische Phantastik neben den noch großartigeren „Gesichien" am schroffsten entladet, schuf er die gemütvolle Jdyllik des „Gestiefelten Katers".
Märchen und Abenteuer sind es denn auch, die er zunächst illustriert. Mit „Ali Baba" und „Sindbad" aus Tausendundeiner Nacht wechseln die Lederstrumpfgeschichten, die in der Vermählung von Mensch und Natur fein Höchstes bieten; daneben stellen sich die homerischen Helden Ach.u und Hektor, bei denen es weniger ,/indianisch" zu geht, Tenophons tapfer« Zehntausend, die von dramatischem Geschehen explodierenden Erlebnipe von Fernando Cortez und Benvenuto Cellini. Dann aber verklärt sich die Sphäre aus Blut, Mord und Wildheit zu immer erhob eueren und seelenvolleren Reichen. Wir erleben die von Mädchenleibern umblühte Insel. Wak Wak, die aus Mozarts Noten in gleichgestimmter Schöne hervorwachsende Melodiensülle der „Jauberslöte"-Bilder, die Welt Don Juans und ihren Gegenpol, die der „Passion", schließlich als Krönung die erstaunliche bildliche Neuschöpfurg von Goethes „Faust", zweiter Teil.
Slevogt ist der ideale Illustrator, der unsere Illustrations-Kunst am eine unerreichte Höhe gehoben und unendlich anregenb gewirkt hat. Mag er ein Märchen oder Volkslied, eine Weltdichtung ober eine Fabel wi dem Ueberschwang seiner Phantasie begleiten, so verwandelt er siw hsi selbst in die Figuren, erfüllt sie mit einer ungeheueren Lebenskraft. 2 schafft er die Dichtung im Bilde noch einmal, bereichert und befreit, au den mystischen Quellen des Unbewußten gespeist, zu höchster, technycyr Vollendung durch unendliche Hebung gediehen, hat sich sein Talent einzig artiger Weise ausgelebt und der deutschen Kunst einen wahr. Ueberstuß an Schönheit geschenkt.


