SiehenerZamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang <932 Montag, den 3. Oktober Nummer 77
Die Liebende schreibt...
Bon I. W. v. Go « th «.
Ein Blick von deinen Augen in die meinen, ein Kuh von deinem Mund »uf meinem Munde — wer davon hat, wie ich, gewisse Dunde, mag dem was andres wohl erfreulich scheinen?
Entfernt von dir, entfremdet von den Meinen, führ ich stets die Gedanken in die Runde, und immer treffen sich auf jene Stunde, die einzige; — >da fang ich an zu weinen.
Die Träne trocknet wieder unversehens: er liebt ja, denk ich, her in diese Stille — und solltest du nicht in die Ferne reichen?
Vernimm das Lispeln dieses Liebewehens; mein einzig Glück auf Erden ist dein Wille, dein freundlicher zu mir — gib mir ein Zeichen!
Der Luftballon.
Ban Astrid V ä r i n g.
Die Uhr schlug eins, als sie aus dem großen Warenhaus herauslam, ein schlankes Mädchen mit einem alltäglichen, sehr blassen Gefichichen, eine von den vielen, die an den Schreibmaschinen saßen und schrieben, während ihr junges Blut einen anderen heißen Rhythmus tanzte. — Er begegnete ihr in der Drehtür. Er war ein junger, gut gewachsener Mann, ebensowenig bedeutend wie sie.
„vH Klas, da bist du ja!" rief sie freudig aus und wollte ihm die Hand reichen, mußte sie aber statt dessen über die Augen legen, so blendete die Sonne.
Der Sommer war plötzlich ohne alle Vorbereitung gekommen, nach einem recht kalten Frühling. Gun hatte zwar wenig in ihrem Bureau von allem bemerkt, wo sie nach amerikanischem Muster mit vielen in einem großen, übersichtlichen Saal zusammensaß und in dem der Lärm alles andere übertönte. Deshalb überwältigte sie wohl die Sonne so, als sie aus dem Halbdunkel ihres Bureaus herauskam.
„Rein, wie komisch, Klas", lachte sie etwas verwirrt und nervös, „ich sehe dein Gesicht nur halb, die andere Hälfte ist überhaupt nicht da. Und der Hund dahinten hat zehn Beine!" Wieder strich sie sich über die Augen. „Nun ist es wieder vorbei, Klas — du, das war aber komisch!"
Der junge Mann schien die Situation weniger komisch zu finden. Aengstlich sah er das blasse Mädchen an seiner Seite an — ihre Augen leuchteten jetzt um die Wette mit der Sonne —, aber ihm gefiel dies fieberglänzende Aussehen ganz und gar nicht.
„Willst du wirklich wieder kein Mittagessen, Gun?" fragte er vorsichtig.
„Natürlich nicht, darauf kannst du dich verlassen", antwortete sie übermütig. „Wer bekommt es wohl fertig, sich in die heiße Kantine an so einem Tag zu fetzen, an dem man während der Mittagspause Sonne haben kann? Ich habe mir ein paar Butterbrote geben lassen, komm schnell, Klas, ehe unsere Zeit um ist!"
allem...
bei
dem
des
aus-
eine
wie
„Hör einmal, Gun, ohne Mittagessen ...", versuchte er trotz
„Sei still, du, mit deiner Vernunft, kannst du wirklich Sonnenschein vernünftig bleiben?"
Sie ergriff seinen Arm, und er gab es auf, den Vormund gelassenen Mädchens zu spielen.
Hetzt standen sie im vollen Sonnenschein. Der Himmel war "mgestärzte Schale aus milchblauem Glas, aus dem das Lichi nii’Der- rann, die Luft war warm und klar. Gun hatte recht; man war nun
Er folgte ihr mit einem ungeduldigen Seufzer. Wie gerne war« er Wit ihr in ein Restaurant gegangen und hätte ihr alles ausdenkbar Schone vorsetzen lassen — aber würde er es nur wagen, mit solchem Vorschlag zu kommen, dann wäre die Antwort: du bist wohl größenwahnsinnig, Klas, denk nur, was wir für das Geld an Vergnügen haben können abends, wenn wir miteinander tanzen gehen ... Vielleicht hatte sie recht. Ein armer Ingenieur, der froh fein mußte, eine schlecht bezahlt« Anstellung zu haben, konnte sich weiß Gott keine teueren Restaurants leisten. Und daß man etwas Farbe in das graue Einerlei des Alltags bringen mußte, konnte er auch verstehen ...
einmal jung, auch wenn man arm war. Früh genug werde man alt und tauschte die Stunde Sonnenschein gegen ein gutes Mittagessen eint
„Wohin wollen wir?" fragte er also.
„So weit als irgend möglich", antwortete sie munter. „Komm, laß uns ein Stückchen die Straßenbahn nehmen, dann können wir auf ein Weilchen in den Park ... nein, sieh nur, Klas!!"
Dicht an die Häuserwand gedrückt stand eine Frau mit bunten Ballons. Wie gewaltige exotische Früchte in unnatürlich starken Farben, roia, blau und grün hoben sie sich^von der grauen Hauswand ab, wiegten sich •an Fäden wie an langen Stielen. Es war eine Zigeunerin, die die Ballons anbot, die großen schwarzen Augen wirkten in dem mageren Gesicht wie Löcher. Stumm und gleichgültig wie das Schicksal stand sie in ihren bunten Schal gehüllt, als fröre sie mitten im Sonnenschein.
„Kauf' mir einen Ballon, Klas", bat Gun.
. „Was willst du denn damit?"
„Wozu will man manches — wozu braucht man Sommer, Sonne und gestohlene Mittagsstunden, du gelehrter Ingenieur! Der du nur mit Zahlen umzugehen weißt! ... Weil der Ballon hübsch ist, KlasI"
„Na, dann such' dir einen aus."
Sie wählte lange und sorgfältig, dann nahm sie einen mattrosa, der gut zu ihrem neuen Sommerhut paßte, und trippelte froh an seiner Seite weiter. Auf dem Ballon war ein kleines Schloß gemalt in mattem Gold mit Turm und Zinnen. Er glänzte in der Sonne.
Dann standen sie auf der Plattform der vollen Straßenbahn. Ditz Hitze war fast unerträglich inmitten der z u sa m m en ged rän gte n Menschen, aber Gun schnitt Grimassen und schien nichts davon zu merken. Und über ihre Schultern hinweg flatterte der Ballon wie eine große schimmernde Seifenblase, flüchtig und vergänglich.
Eine plötziiche Weichheit ergriff Klas, eine unerklärliche Schwermut trotz Sonne und Wärme. Warum war heute das Leben für die Jugend so schwer? Warum konnte er trotz aller Bemühungen keine Stellung finden, die ihm eine Heirat ermöglichen würde? Warum hatte er nicht die Macht, Gun aus diesem Bureau herauszunehmen, das ihre Gesundheit untergrub? Er mochte Guns Chef nicht leiden. Aber das war wohl nur Eifersucht, wenn Gun ihm erzählte, daß der Chef sie gut leiden könne. Gun gehörte ihm, ihm, den sie wieder liebte, mit dem sie tanzen ging. Aber — ob sie ihn wirklich heiraten würde? Er hotte bisher nie gewagt, sie danach zu fragen ... Wer weiß, ob sie dann nicht jemand vorzog, der ihr mehr bieten konnte ...
Gun hatten die Zeiten die Hoffnung noch nicht geraubt. Siegesbewußt und strahlend stand sie da und streckte <f;re kleine Stupsnase in die Lust und hielt den schwankenden, bunten Ballon ganz fest, der im Wind schaukelte — eine billige Illusion an einem Endchen Bindfaden! Sollte er den erwartungsvollen Glanz in ihren Augen auslöschen und ihr ihre Illusion mit traurigen Zahlen zerstören — nein, lieber mochte alles bleiben, wie es war.
„Komm, Klas", sie weckte ihn aus feinen Träumen.
Sie stiegen aus und gingen zum Park. Eine Viertelstunde ihrer so kostbaren Zeit war schon vergangen. Die breiten Wege waren voller Menschen, voll von Kinderwagen und Kindern.
Gun wurde von dem Jubel der Kinder angesteckt; hastig zog sie ihn mit und zog im Laufen ein Butterbrot aus dem mitgebrachten Paket.
„Nimm auch eins, Klas, dann gewinnen wir Zeit", rief sie mit vollem Mund. Aber Klas konnte schwer von anerzogenen Begriffen los, er billigte nicht immer Guns Boheme-Manieren, ihre verschiedene Erziehung zeigte sich ab und zu, und er ertappte sich dabei, daß er rot wurde.
Aber Gun kümmerte sich nicht darum, sie schwatzte drauf los, aß mit gutem Appetit, der Ballon wippte und schaukelte über ihrer Schulter, und als das letzte Butterbrot verschlungen war, mußte Klas das Papier in die Tasche stecken. Gun ging unbekümmert über seine unausgesprochenen Vorwürfe neben ihm und sah vertrauensvoll zu ihm auf. Hoffentlich fing sie nun nicht an, von seiner Erfindung zu sprechen, er mochte heute nichts davon hören!
„Bist du traurig, Klas?"
Klas dachte an die Einschränkung des Betriebes, die bevorstand, und der er wohl zum Opfer fallen würde — davon hatte, er noch gar nicht zu ihr gesprochen. Sein Blick glitt über das satte Grün des Rasens, über das glitzernde Wasser des Sees zu ihren Füßen und streifte dann Gun, di« ebenso festlich und sommerlich aussah, wie alles ringsum. Nur er konnte nicht froh fein, hatte den Mut nicht dazu ... Ein wildes Verlangen nach Fülle des Lebens, nach Reichtum und Unabhängigkeit erfüllt« ihn. Ach — mit Gun reifen dürfen ... Sehen, wie ihr Gesichtchen sich rundet«, fonnengebräunt und gesund wurde, ihr Lebensfreude geben dürfen ... Ihr kleines schmales 'Gesicht war ihm so nah, ihre 21u<>'


