Nun galt es, sich vorzubereiten für den Dienst. An Klara schrieb er, daß er ins Feld hinaus müsse und da keine Frau bei sich gebrauchen könne, zumal es gegen die wilden Russen, Baschkiren und Kosaken ginge. Es war ein Bries, den jeder vernünftige Mensch in seiner Rechtschaffenheit verstehen muhte.
Am nächsten Tage meldete sich Heinrich beim Grafen Dohna, der im Hotel zum „König von England" sein Quartier aufgeschlagen hatte. Im Vorzimmer hörte er eine heftige Stimme: „Was? Einen Schreiber schicken sie mir, einen Stubengelehrten, einen Doktor? Soll die Armee Tinte saufen und Federn fressen? Herein mit dem Menschen!"
Heinrich sah sich einem Mann mit großem Kopf und feurigen Augen gegenüber. Der Kopf war kahl und erinnerte so an einen Römer. Ein Barbier war beschäftigt, den rechten Schenkel, in dem große Wundnarben sichtbar waren, einzureiben, lieber den Oberkörper war ein blauer Jnterimsrock gebreitet. Die Arme, in blütenweißen Hemdsärmeln, bewegten sich heftig. Der Mund knurrte einen ellenlangen Fluch: „Himmel- herrgottsakramentmordio! Hol' Euch der und jener!" Es war wohl zu erkennen, daß dieser Mann heftige Schmerzen hatte. „Was bringt Er mir?" herrschte er Heinrich an.
Den verdroß der rauhe Ton, wenn er sich der Umgänglichkeit des Feldmarschalls Schwerin erinnerte. Aber militärisch erzogen, wie er war, nahm er die Stellung des preußischen Gardegrenadiers an und berichtete.
»Papperlapapp!" fuhr der Graf ihm dazwischen. „Ich will wissen, was an bespanntem Fahrzeug da ist und was an Proviant! Um mir ein Bild zu machen, ob meine Truppen zu fressen haben oder hungern und rauben müssen!"
Heinrich wagte, geziemend zu bemerken, daß er am Abend erst den Auftrag erhalten und sich bisher nicht hätte unterrichten können.
„Dann hätte Er auch seinen neugierigen Kopf nicht hereinzustecken brauchen! Mach' Er mir sofort Bericht! — Himmelkreuzdonnerwetter, Barbier, drück' Er nicht so!"
Der Adjutant, ein Herr von Riedesel, nahm Heinrich in Empfang und entschuldigte seinen General: „Er ist viel verwundet worden. Auf dem Schlachtfeld ist er ein Heros — aber er muß es zu teuer bezahlen ... Jetzt kann er sich vor Schmerzen nicht lassen, da das Wetter wechselt: und die Tinkturen helfen nichts."
Der Herr Kriegskommissar, wie Heinrich nun genannt wurde, machte sich an die Arbeit. Er stieß auf Widerstand der Kolonnenleiter, die ihn nicht anerkennen wollten, weil er keine reguläre Uniform trug. Aber der Gouverneur schaffte bald Ordnung: Ein paar der widerspenstigen Ossi- ziere wurden zu drei und vier Tagen Arrest unter strenger Bewachung, ohne Weinzugabe und Raucherlaubnis, verurteilt: und das half.
In acht Tagen hatte Heinrich eine genaue Ueberficht über den Bestand ber Magazine, über die Anforderungen, die noch zu treffen waren, und über Wagen und Bespannung zur Hand. Da er sich mit den Adjutanten \ gut stand, wußte er auch, wohin die Marschdispositionen gingen, uni hatte einen Plan ausgearbeitet für eine Borbelieferung der Rastorte, wie er es bei Schwerin gelernt hatte.
Zum zweitenmal empfing ihn der Graf Dohna, voll ausgerüstet in Reitstiefeln. Er ließ sich vorlesen und zeigen, was Heinrich ausgearbeitet hatte, schlug dann mit der Reitpeitsche auf den Tisch: „Monsieur ist wohl ’ einer von diesen gelehrten Stubensoldaten wie Jzilius? Da laß' Er sich nur an den Stab des Königs versetzen — da kann Er mit Seinen Buch- erfindungen prahlen!" Heinrich blieb starr stehen. Der General schnaubte weiter: „Wie kommt Er dazu, sich in die Marschdispositionen einzustehlen? Wie marschiert wird, ist meine Sache! Er hat fürs Futter zu sorgen!"
Heinrich wagte zu bemerken: „Im Dienste des Feldmarschalls Grafen Schwerin--"
»Ach was!" schnaubte Dohna. „Schwerin ist tot, und Er ist nicht bei Schwerin!"
Heinrich fühlte sich seltsam unbehaglich und unangenehm, aber Riedesel tröstete ihn: Er sollte sich nicht darum scheren — es würde fchon nach diesen Dispositionen gearbeitet; er solle alles bereitstellen.
In der Tat war es so. Am fünften Marschtag ließ Dohna den stell- vertretenden Kriegskommissarius kommen: „Ich sehe. Er ist besser anstellig, als ich geglaubt! Verhalte Er sich nur mit meinem Adjutanten gut! Arbeite Er mit dem zusammen — der weiß das Militärische — und die Dispositionen gebe Er immer an den Adjutanten! Ich werde dann alles gegenzeichnen!"
Da sie nun weiter vorrückten, wurde bas Land immer ärmlicher. Es war schwierig, die Verpflegung für die Truppen zu beschaffen: die Kolonnen tarnen nicht so schnell nach, wie die Infanterie marschierte. Wo Russen gestanden hatten, war alles kahl gefressen, als sei ein Heuschreckenschwarm eingefallen. Die Dörfer waren niedergebrannt: die Einwohner hatten sich in die Wälder geflüchtet; dort lebten sie von Beeren und Kräutern. Die Soldaten hatten manchen Tag nichts anderes als das Fleisch gefallener Pferde. Suppen wurden gekocht aus Kohl, ©ros, halbreifem Getreide, oder was sich in Obftbüschen und Bäumen sand.
Heinrich mußte jeden Abend antreten, und das Hevgottsdonner- wetter des Grafen Dohna ergoß sich über ihn. „An diesem vermaledeiten Feldzug ist nur dieser Federfuchser von Kriegskommissarius schuld! schrie der Graf.
Heinrich ritt in diesen Tagen Meilen und Meilen, um wenigstens bestimmte Raftorte mit einem Zutrieb zu versorgen. Doch Riedesel konnte nicht mehr so genau angeben, wo ein Halt von zwei Tagen gemacht wurde. Die Proviantkolonnen mußten gesichert werden, da allenthalben Kosaken schweiften. Freilich waren das Kriegsvölker, die nur rauben und plündern wollten. Ihr Leben war ihnen zu lieb, um es in einem Gefecht ohne Rot zu opfern.
Die vorrückende Armee mußte vom Lande (eben. Streifzüge wurden gemacht — nur, um etwa doch verborgene Lebensrnittel aufzufinden. So ritt Heinrich eines Morgens unter der Eskorte einer Schwadron des Malachowskyschen Husarenregiments aus, um in einem großen Dorf
nach Proviant zu suchen. Da man nie vor Uebersällen der Kosaken sicher war, wurden Streifen vorausgeschickt, während di« Schwadron geschlossen über die Felder trabte.
Eine Viertelstunde mochten sie noch von dem Dorf entfernt fein, als ein Husar der Vorhut im vollem Galopp zurückgejagt kam. Auf dem Sattel hielt er vor sich einen kleinen Jungen von fünf ober sechs Jahren, der nur ein Hemdchen anhatte und laut meinte und schluchzte. Das Kind war dem Husaren entgegengelaufen und hatte unter Weinen und Schluch- zen gebeten, ins Dorf zu reiten und feinen Vater zu befreien; die Kosaken prügelten ihn tot. Der Korporal, der die Vorhut befehligte, hatte den Husaren mit dem Kind zum Rittmeister zurückgesandt, um die Meldung selbst entgegenzunehmen.
Der Rittmeister ließ sich den Jungen reichen, und der Kleine, der für sein Alter schon recht gescheit zu fein schien, erzählte: „Lieber Herr Offizier, viele, viele Kosaken sind auf den Pfarrhof hineingeritten gekommen. Alles haben sie zerhauen und zerschlagen, und Mutter und Vater haben so geschrien und die Martha und die Stina auch. Ich bin hinaus aus dem Bett und aus dem Fenster und dachte: Wenn nur einer kommt! Und der liebe Gott hat mir den guten Husaren geschickt!"
Der Rittmeister, ein alter Offizier, drehte an dem eisgrauen Schnauzbart und schimpfte: „Den Kerlen soll die Kreuzschockschwerenot auf den Hals fahren! Wir wollen ihnen die Lust am Plündern fchon gründlich austreiben!" Und er befahl einem Kornett, mit fünfundzwanzig Husaren halb links ums Dorf zu reiten und so den Kosaken in den Rücken zu kommen; die übrige Mannschaft hätte, in zwei Treffen formiert, geradeswegs ins Dorf einzurücken.
Heinrich war so voll Zorn und Ingrimm, daß er den Säbel zog, die Pistolen im Halfter lockerte und mit den Husaren ins Dors einritt. Aus den Häusern tarnen eine Menge Kosaken herausgetaumelt, die halb oder ganz betrunken waren. Sie wollten eilig auf ihre an den Zäunen angebundenen kleinen Pferde steigen, aber Gott und der Branntwein waren wider sie. Die Husarensäbel räumten auf, so daß die Kerle daoon- liefen, was sie konnten, zum anderen Ausgang des Ortes. Da aber fielen sie dem Kornett und der Korporalfchaft der Vorhut in die Hände; nur einzelnen gelang es, sich zu retten.
Heinrich selbst ritt gegen das Pfarrhaus. Da tarn ihm ein baumlanger Kosak mit branntweinrotem Gesicht entgegen; ein struppiger Fuchsbart hing ihm ums Kinn. Der Kerl hatte seine Pike ergriffen und wollte damit den Preußen vom Roß herunterholen. Heinrich konnte nur noch eine Pistole auf den Kerl ab feuern Der stürzte, in die Brust getroffen, zusammen; ein dicker Blufstrahl zischte aus der Wunde. In dem Augenblick, als der Feind lag, fühlte sich Heinrich wie ein Mörder. Dann sah er, daß der Gefallene nicht tot war, sondern sich in Schmerzen streckte. Er konnt's nicht mit ansehen, sprang ab, nahm den Verwundeten, trug ihn in ein Gehöft und gab den Leuten Geld, ihn zu pflegen.
5m ganzen Dorf sah es schrecklich aus. Diese Menschen hatten nicht nur Nahrung gesucht ober Beute machen wollen — nein, sie hatten einfach alles zerschlagen, was sie nicht brauchen konnten. Das Hous des Pfarrers war von oben bis unten verwüstet, die Bibliothek zerhauen und auf den Mist geschmissen. Der Pfarrer war mit beiden Händen an die Tür gebunden; die Kosaken hatten ihn mit ihren Kantschus geschlagen, um Geld zu erpressen. Der Rittmeister war so empört, daß er die Kosaken an die Bäume binden und durchkarbatschen ließ, und als ihr Hetman empört tat, schlug er ihm mit der flachen Klinge aufs Maul; er ließ ihn auch nicht als Offizier behandeln, sondern reihte ihn unter die Gefangenen ein.
Die Schwadron stieß weiter vor und erbeutete einen ansehnlichen Transport von Brotwagen und Schlachtvieh; nun konnte die Kolonne zunächst einmal verschnaufen. Heinrich sah nach dem verwundeten Ko- laten, den der Feldscher Iwan nannte. Dieser Mensch, der im Dorf wie eine Bestie erschienen war, dankte Heinrich mit Tränen in den Augen, küßte ihm die Hand und erklärte, er wolle ihm sein Leben lang dienen.
Das Dorf selbst erhielt auf Befehl des Grafen Dohna Hilfe, aber es starben von den gefolterten Männern noch vier und von den Frauen acht ober neun; darunter war die Pfarrerin. Heinrich und viele Offiziere schloffen sich dem Leichenbegängnis an. Graf Dohna, dem Heinrich Bericht hatte machen müssen, zeigte sich von einer neuen Seite. Als er von dem Unglück des Pfarrers vernommen und von dem tapferen Betragen des kleinen sechsjährigen Sohnes, erklärte er sich bereit, das Kind auf seine Kosten in Königsberg erziehen zu lassen. Das war für den frauenlos gewordenen kranken Mann eine große Hilfe in der Not und seelische Erleichterung.
Kurz darauf wurde Dohna abberufen, und der Generalleutnant von Wedell, den Heinrich kannte, wurde Befehlshaber der Heereskolonne. Nun war Heinrich nicht mehr abhängig von den unwirfchen Launen eines an alten Wuirden leidenden Dorgefetzten, wurde auch nicht mehr mit „Er" angcrcbet. Webell freute sich, mit ihm französisch parlieren zu können.
Am 23. Juli tarn es unweit Züllichow an ber Ober zum Tressen. Aber bie Uebermacht ber Russen war zu groß; obgleich bie Infanterie dreimal mit schlagenden Trommeln vorging, konnte sie den Feind nicht vom Schlachtfeld verjagen. Doch wenn auch bei Züllichow nicht gesiegt wurde — die Russen kamen nicht vorwärts und zogen sich zurück. So konnte Generalleutnant von Wedell den Uebergang über die Oder unternehmen
Heinrich blieb zurück, um hinter dem Flusse die Zusammenbringung von Lebensmitteln und die Nachsendung ins Heer zu besorgen. Es war eine schreckliche Arbeit. Oft mußte, um für die Truppen zu sorgen, den armen Bauern bie letzte Kuh aus bem Stall gezogen werben. Aber Not kennt kein Gebot — bie Armee mußte leben; wäre sie nicht vorn gewesen, würben bie Kosaken ja alles verdorben und geschändet haben!
(Fortsetzung folgt.)
Aerantwonttch: Dr. San« Thyriot. — Druck und Derlag: Brühl'sche Univerj itäts-Duch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.


