»Warum klatscht du nicht, du Dummkopf?"
„Du bist ja noch gar nicht gesprungen", antwortete das Publikum In oller Unschuld
„Ich bin nicht gesprungen? Mindestens einen halben Meter hoch war ich in der Luft. Wenn du blind bist, kann ich dich nicht mal als Publikum brauchen.
Da ritz dem Publikum aber die Geduld.
„Ich will dich nicht mehr rumziehen. Ich tu nicht mehr mit. Da hast du deine Blumen." Und Bübi schmitz vor Wut das Gras fort, dem Schwarzen gerade in die Augen. Der sprang los, und die edle Miß Rosa streckte die Beine in die Luft und lag, ehe sie sich's versah, mit der Nase im Gras. Das Publikum klatschte wie wild. Dann setzte er sich ruhig auf die Erde und wartete darauf, datz die Primadonna wieder ausstehen sollte. Aber Mitz Rosa stand keineswegs auf. Sie lag ganz still, und als Bübi zu chr ging, wurde ihm doch bange, denn ihre Äugen waren geschlossen, und sie war schneeweitz im Gesicht. Bübi kniff sie in den Arm. Sie puffte ihn nicht mal. Dann war sie sicher krank.
„Bist du tot? Anning, sag doch." Bübi hatte einen Klotz im Hals. Das kam alles davon, datz er den Schwarzen so erschreckt hatte. Wenn Anning nun tot war, dann war es seine Schuld. Und Mutti und Vater würden furchtbar böse aus ihn sein, und dann hatte er niemand mehr zum Spielen. Er setzte sich neben Miß Rosa und weinte und schluchzte und putzte seine Nase in Miß Rosas Kleid — er hatte niemals ein Taschentuch bei sich. Äber plötzlich schlug Miß Rosa die Augen auf. „Ach Bübi, ich glaube, ich bin beinah tot gewesen. Es rauscht so komisch in meinem Kopf."
Bübi strahlte. „Ja, ein bißchen bist du sicher tot gewesen, Anning."
Er war so glücklich. Er wollte Anning etwas Liebes sagen. „Ich will mein ganzes Leben lang Publikum sein, Anning. Und ich wollte dem schwarzen doch gar nichts in die Augen werfen. —" Nun wurde Mitz Rosa hellwach.
„Na, das hab ich mir ja gedacht, datz es deine Schuld war."
Bei diesen Worten fing das Publikum begreiflicherweise wieder an zu weinen. Und Anning mußte es trösten. „Wein man nicht, mein Kleiner. Du konntest ja nichts dafür. — Komm, wir wollen in die Johannisbeeren gehn."
Miß Rosa machte Toilette, sie zogen in die Johannisbeeren und vergaßen die Leimflasche, den Schwarzen und Miß Rosa. Nach einer Weile erschien die Köchin im Garten und rief:
„Bübi und Änning, ihr sollt schnell nach Haus kommen, es eilt."
Sie fragten nicht, was eilte. Es war ihnen ganz klar, was los war. „Die Leimflasche" dachte Bübi. „Der Schwarze" dachte Anning. Und bann liefen sie, so schnell ihre Beine sie trugen. An der Gartenpforte blieben sie stehen. Sie mußten all ihren Mut zufammennehmen, denn da stand der Schwarze, und sein Rücken und feine Flanken waren ganz weiß. Wie in aller West war der so weih geworden? Per bürstete und bürstete ihn, so toll er konnte, und Vater und Mutti standen babei und sahen zu. Die beiden Sünder faßten sich ein Herz und gingen hin. „Sie können uns deswegen doch nicht totschlagen", tröstete Anning, aber ihre Knie zitterten doch ein wenig, als Vater sagte:
„Nun ihr Unglücksraben, seht euch den Schwarzen an. So muh ich nun zur Bahn fahren und Großmutti abholen. Die Leute werden denken, daß wir von nun an mit Kühen fahren wollen. Vielleicht bequemt ihr euch, mir zu sagen, wer dieses Meisterstück vollbracht hat."
„Wir beide", antwortete Bübi ritterlich.
„Ich", sagte Anning, und stellte sich beschützend vor Bübi.
„Je mehr ich bürste, desto weißer wird er", meldete Per, der Pserde- jimge.
„Versuch mal mit warmem Wasser", meinte Mutti.
„Nein, solche Gören!"
Per warf den beiden einen wütenden Blick zu.
Der Vater wandte sich zu den Sündern:
„Wie seid ihr nur auf diesen Gedanken gekommen? Das Pferd ganz mit Leim zu beschmieren?"
„Ja, du hast doch gestern erzählt, daß sie das Pferd mit irgendwas eingeschmiert hatten, damit sie nicht herunterfällt. Aber das war man ein Dreckzeug, Anning ist trotzdem runtergefallen. — Sie war beinah tot."
„Ja, ich bin beinah gestorben, sicher eine ganze Stunde lang", sagte Anning in der Hoffnung, dadurch Muttis Herz zu rühren.
Wer Mutti blieb kühl. Sie kannte Anuings Zeitrechnung. Sie selbst hatte die ganze Situation schnell ersaßt, denn sie hatte gestern eine sehr ausführliche Beschreibung von allem bekommen. Aber Vater verstand nichts.
„Was ist das für ein Unsinn! Das ist das erste Mal, daß ich euch bei einer Tierquälerei erwischt habe, das. muß exemplarisch bestraft werden. Marsch, zu Bett, Anning. Bübi kann hier bleiben, er wird verhältnismäßig unschuldig fein."
„Ja, aber ich kann doch keine Kunstreiterin werden, wenn ich mich nicht üben kann." Anning kämpfte mit Tränen. Und sie sollte ins Bett, ausgerechnet, wenn Großmutti ankam. Mutti sah aus, als wenn sie für sie bitten wollte, aber sie tat es dann doch nicht. Wenn es die Pferde betraf, war Vater unerbittlich.
„Was sagt das Mädel? Kunstreiterin?" Vater sah Mutti an, und Mutti mußte sich plötzlich sehr umständlich die Nase putzen. Anning schlich schweren Herzens die Treppe hinauf. Und oben brach sie los. Das war gemein. Einfach gemein. Und so einen Unterschied zu machen. Dabei war es doch Bübi gewesen, der die Leimflasche geholt hatte. Jsch. Und sie schmiß die Schuhe an die eine Wand und das Kleid an die andere. Aber der Unterrock! Du liebe Zeit: der war steif wie Pappe. Den durfte Mutti heute abend nicht sehn. Sie ballte ihn zu einem harten Klumpen zusammen und schob ihn unters Bett. Das würde was geben! Anning war starr vor Entsetzen. Sie zog sich ganz schnell aus, stieg ins Bett und zog sich die Decke über den Kopf. Nun war alles einerlei. Sie konnte nie wieder froh werden. Niemand hatte sie mehr lieb. Und vielleicht brachte ihr niemand Abendbrot. Und es sollte doch Karbonade und Zuckererbsen geben, unö hinterher Erdbeeren ... uhu ... und an allem war nur die dumme Miß Ros« schuld. Sie bereute sehr, daß sie den lieben Gott
gestern darum gebeten hatte. Vielleicht konnte Gott es wieder rückgängig machen? Und sie drehte sich zur Wand und betete unter Schluchzen und Tränen das Vaterunser, dann fügte sie nach einem Augenblick des Nachdenkens hinzu: „Lieber Gott, willst du bitte nicht machen, um was ich dich gestern gebeten habe. Ich will doch nicht Miß Rosa werden."
Als Mutti und Großmutti das Abendbrot brachten, schlief Anning, aber auf ihrem Kopfkissen waren zwei große, nasse Flecken und auf ihrem braunen Backen hingen noch ein paar Tränen, die Mutti wegküßte.
Krauenleben im alten JRom.
Von Theodor Birt.
Im Verlage von Quelle & Meyer in Leipzig erschien das außerordentlich interessante Buch „Frauen der Antike" von Theodor B i r t. (307 Seiten. Leinenband 4,80 Mark.) Der vielseitigen Behandlung, die das Thema erfährt: „Die Hausfrau" — „Die Kameradin" — „Idealbilder" — „Politische Frauen" entnehmen wir das nachstehende Kapitel.
Von den echten Römerinnen lateinischen oder sabinischen Stammes besitzen wir so gut wie kein Zeugnis. Unsere Kenntnis setzt knapp erst mit dem 3. Jahrhundert v. Chr. ein, und da sind die städtischen Gesellschaftskreise schon stark griechisch dressiert.
Ohne Zweifel war die Natur der römischen Frauen animalisch mächtiger, im tierisch Gesunden sicherer verwurzelt und unnervös, dabei aber ihr Denkkreis enger, ihre Phantasie gestaltlos arm und unergiebig. Auch über alles Grübeln um Probleme jeder Art lebten diese Frauen triebhaft hinweg und taugten also auch von Hause aus wenig zur Beschäftigung mit Dingen der Staatstunft und Führung in politischen Aktionen. Patriotismus gewiß: die Freude an Kampf und Sieg der Männer war selbstverständlich; das gründete^ sich auf ein starkes Rassengefühl. Sie waren Wölfinnen und die eherne Lupa, das Wappentier Roms, das den Rornu- lus säugte, gleichsam ihre Ahne. Daher die Raublust, die Rauflust dieses Volkes.
Aber nur die Sage zeigt uns wirkliche Heldinnen wie die Cloelio, die, vom Etruskerkönig Porfenna als Geisel entführt, auf dem Roß den Tiberfluß durchschwimmend, sich nach Rom rettete. In Wirklichkeit hat diese Heldin nie existiert, und die spätere Zeit schuf solche Gestalten, ein Wunschbild dessen, was die triviale Gegenwart vermißte. Dahin gehört auch die großartige Fabel von der Veturia, die die Vaterstadt vor ihrem eigenen Sohn rettet, der zum Landesfeind überging und Rom mit Kriegsmacht bedrängte. Sie opfert ihn, auf daß Rom lebte. In Shakespeares Drama „Coriolan" ist diese antike Dichtung verewigt.
Seit im zweiten punifchen Krieg Hannibal niedergeworfen war und niemand mehr Roms Tore bedrohte, war zu solchen Leistungen der Bravour und des Edelmutes kein Anlaß. Roms dominierende Stellung befestigt sich immer mehr; es gürtet sich in Allmacht; feine Familiensöhne schleppen alljährlich nach Rom aus allen Provinzen Beute herbei. Wofür sollten die lieben Frauen sich da noch opfern? Das Wertvollste, die Pflicht, für das Gemeinwohl sich einzusetzen, war völlig überflüssig geworden, und was übrig blieb, um das Leben auszufüllen, war die Genußsucht, der klotzige Familienstolz und die Intrige, wenn ein Haus das andere beneidete.
Das klingt abschreckend, aber es gilt nur für die Häuser der Bevorzugten, der Kriegs- und Staatsgewinnler, so viele es auch waren, und es gab damals noch Familien anspruchsloserer Art genug, an bereit Hausmütter und Haustöchter wir unvoreingenommen und in Freundlichkeit gedenken können. Dürften wir uns nur von ihnen nach den heutigen Römerinnen eine Vorstellung machen! Dann wäre alles gut! War ihnen auch damals der starke Blick, der festlich wiegende Gang schon eigen, das stolze Sich - fremd - zeigen und rasche Sich - entzünden, die lachende Lebenslust und der Schrei der Wut? schmeichelnd und giftsprühend in prachtvoller Natürlichkeit? Der Frage fehlt die Antwort. Vorsicht im Urteil ist geboten; denn allzuviel sremde Menschenwellen haben seit der Zeit der Völkerwanderungunb schon vorher Italien überspült.
Der römische-italische Menschenschlag ist dem griechischen ohne Frage sehr ähnlich gewesen; denn von einem Gegensatz im Körperlichen hören wir nie. Immerhin war im Römer alles brutaler, das Schönheitssüchtige, Feinfühlige fehlte; man war selbstsicherer, überlegen und derb, gewiß sehr unmusikalisch, aber tanzlustig wie heute zur simplen Holzmusik, Zupsmusik und Kastagnette. Daß jedoch in Rom und im lateinischen Land keine originale Dichtkunst entstand (einer Salzwüste gleich, auf der kein Halm wächst), daran trägt das weibliche Geschlecht ein gutes Teil der Schuld. Die Mutter ober bie Amme konnte lala lala fingen; bas wirb uns ausdrücklich gemeldet; aber das ist wenig. Es geschah, damit das Kind schlafe oder die Brust nehme. Wenn man an den ländlichen Festen wie bei uns auf der Kirmes in Buden und Zelten zechte und dazu fang unter Beteiligung der Weiber, so mag das ein nettes Geplärre gewesen sein; jedenfalls hören wir nie, daß jemand daran seine Freude hatte.
Alles bisher Feftgestellte war leider stark negativ. Beruhigend Fber ist es zugleich, daß die jungen Mädchen nach des Horaz Zeugnis süß wie Lalage lächelten. Ein rassige Schönheit ersten Grades ist das Mädchen von Tibur mit dem Feuerblick, den Fackeln des Auges, die dem Dichter Properz das Herz versengten. Und Tanzen, das war Sache der Frauen und ihre- Passion, nicht Chortanz, auch nicht die Tarantella der heutigen Italiener zu zweien, Bursch und Dirne, sondern lediglich Solotanz. Einen Männertanz zum Dreischritt gab es nur bei den Bauern; sonst war er unter der Würde des Römers. In der eleganten Gesell- jchast tanzte dagegen die Frau des Hauses kühn und heiter zur Freude der Gäste; nicht anders das Mädchen aus bescheidenen Bürgerkreisen im engen Hof des Mietshauses mit derselben Freude und Hingabe, ^md wie der Wirbelwind und doch gewiß nicht ohne Grazie, die dem Südländer eigen.
Endlich aber und vor allem fehlt der Römerin jede politische Anspielung, und das muß unter römischen Bürgern besonders auffallen und befremden. Die Politik scheint diesen Leuten meilenfern zu Nicht einmal auf bie nufregenben Beamtenwahlen, bie boch alljährlich


