Eichener ZamilienbMer

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang <932 Freitag, den 2. Dezember Nummer 9H

Kinder singen im Rundfunk.

Von K. R. N e u b e r t.

Es sang kein Star, kein Tauber, kein Bohnen. Man wagte es, etwas Neues zu bringen.

Nach einem Vortrag überSachliches Wohnen" Fingen die Kinder an zu singen.

Ein Herr rief ärgerlich:Bitte umschalten!" Er wollte doch lieber Tanzmusik haben.

Wir saßen und ließen den Kaffee erkalten.

Wir lauschten den singenden Mädchen und Knaben.

Sie sangen erst scheu und ein wenig beklommen. Dann wurden die Stimmen voller und heller. Dann hatten sie Farbe und Wärme bekommen. Wir lauschten und ließen das Brot auf dem Teller.

Es waren verschiedene Stimmen darunter. Die würden gewiß einmal Tauber und Bohnen. Doch gehen sie sicher im Werktag unter.

Wer weiß, wo die Kinder lernen und wohnen!

Sie sangen jetzt zitternd in Senderäumen Und spürten die Herzen erwartungsvoll beben. Sie werden wohl später noch davon träumen, Wenn sie schon lange im Alltag leben...

Miß Rosa.

Von Barbra Ring.

Mutti, darf ich mal die Leimflasche haben?"

Bübilein kam in die Küche gestürzt, heiß, mit brennenden Backen und leuchtenden Augen. Er hatte nicht mal Zeit, die Tür zuzumachen. Mutti hatte eine Küchenschürze um und rührte einen gelben Teig mit lauter schwarzen Fliegen drin, es sollte sicher ein Korinthenkuchen werden.

Wer braucht denn den Leim?" fragte Mutti. Mutti war ost sehr miß­trauisch.

Anning muß ihn ganz notwendig haben", antwortete Bübilein und sah angestrengt auf den Boden. Anning hatte ihm streng eingeschärft, nicht so dumm zu sein". m

Wozu braucht Anning denn unbedingt Leim?" fragte Mutt, mit ihrer süßesten Stimme. Sie hatte mit AnningsBedürfnissen' schon die schlimm­sten Erfahrungen gemacht. Wenn Anning irgendwas besonders bedenk­lich erschien, wurde Bübilein immer vorgeschickt. Bübi antwortete nicht und sah sehr begossen aus. Mutti konnte in seinem süßen Gesichtchen ganz deutlich lesen:ich möchte es ja so gerne sagen, aber ich wage es doch nicht, denn Anning" aber plötzlich strahlten seine Augen. Er hatte einen Ausweg gefunden: , .

.Wir wollen uns auch ganz bestimmt nicht emichmieren, Mutti. Und Bübl sah Mutti sehr offen ins Gesicht. Mutti mußte em bißchen lachen. Das hatte sie ja auch nicht angenommen. Aber es war ja ganz gut, daß sie ihr aus dem Wege waren, und sich draußen amüsierten, so konnte sie doch mit dem Backen fertig sein, bevor sie Großmutti abholen mußten. Und sie ging und holte die Leimflasche. .

Wie ein Blitz fuhr ein kleiner, schmutziger Zeigefinger in den Kuchen­teig. Der Kuchen schmeckte eigentlich immer beffer ehe er gebacken war Fünfmal konnte Bübis Fingerchen in den Teig fahren, ehe Mutti wieder zurück war. .. . o , ,, ....

Nun macht aber auch keine Dummheiten mit der Leimflasche , mahnte

Aber nein, Mutti." Bübilein war mit einem Satz draußen auf dem Hof. Hinter dem Holzstall saß Anning mit aufgelöstem Haar aus einer Leiter.

,"Hwr"^sagte der Abgesandte und streckte ihr seinen Schatz entgegen.

Manchmal bist du doch zu gebrauchen" lobte Anning gnädig, »hol nun die Peitsche, und komm her." «>e schleiften die Letter zwischen sich her und zogen um den Stall auf die vorderste Koppel, wo der Sckwarze" festgebunden stand. Gestern waren Anning und Bubilein mit -Later im Zirkus in einem großen Zelt gewesen. ^"her war Anmngs heißester Wunsch Io zu werden wie Miß Rosa. Rosa stand aus einem Bei? aus dem Pferderücken und

Papier. Anning wußte ganz genau, daß ihr Wunsch e^ullt werden wurde weil sie doch abends gebetet batte:Lieber Gott, mach doch,.daß ich eine Kunstreiterin werden kann". Und der liebe Gott war doch so gut so gut, und es war so lange her, daß sie unartig gewesen mar. er hatte doch wirklich keinen Grund, ihr diesen Wunsch "tcht »u erfüll«»- .

Unb nun wollte sie mit dem Schwarzen den ersten Versuch machen. Vater Chatte ihnen erzählt, das Zirkuspferd wäre mit irgendwas ein­

geschmiert, damit Miß Rosa nicht herunterfallen könnte dazu brauchte sie die Leimflasche. Es war dem Schwarzen nichts Neues, daß die Leiter gegen seinen Bauch gestellt wurde, wenn Anning reiten wollte, aber daß Anning da endlos stehen blieb, ihm etwas Kaltes über den Rücken goß und es dann mit einem Pinsel verrieb, das hatte er doch noch nicht erlebt! Er drehte den Kopf und fing an, mit dem Schwanz um sich zu schlagen.

Halt mal seinen Schwanz fest", kommandierte Anning. Und Bübilein zog den Schwanz so fest nach hinten, daß er stramm wie eine Leine war. Plötzlich bekam es Bübilein mit der Angst:

Kann er auch nicht krank werden oder sterben? Anning? Ich hab Mutti doch versprochen, daß wir keinen Unfug machen."

Dummerchen", antwortete Anning mit der ganzen Ueberlegenheit ihrer zehn Jahre dem siebenjährigen Knirps.

Endlich hatte sie den Schwarzen genügend eingepinselk. Die Leim­flasche war leer. Wenn Mutti nur nicht böse wurde. Aber, na, das war nicht so gefährlich, heut abend sollte Großmutti ja kommen. Dann begann die Vorstellung. Miß Rosa zog ihr Kleid aus, schnellte ihre Schuhe von sich und stieg zu Pferde. Dann gab sie der Leiter einen Tritt, daß sie ins Gras flog. Miß Rosas Reitkostüm bestand aus einem gestrickten Leib­chen und einem rosa Unterrock.

Du bist also der Direktor und mußt in der Mitte stehen und kom­mandieren. Und wenn ich in die Höhe springe, bist du das Publikum und mußt klatschen. Und jetzt mußt du schrecklich ehrerbietig sein, Henn ich bin ja jetzt Miß Rosa. Und dann mußt du dich vor dem Publikum verbeugen."

Der Direktor gab sich einen Ruck, schlug die Hacken zusammen und machte erst dem Kartosselfeld und bann bem Holzschuppen eine überaus höfliche Verbeugung. Als das erledigt war, sah er sich vor einer neuen Schwierigkeit und sagte verzweifelt:

Aber ich weiß doch nicht, wie man im Zirkus spricht!"

Du darfst norwegisch sprechen", gestattete die Primadonna huldvollst.

Der Schwarze kann die Zirkussprache ja auch nicht!"

Los", sagte der Direktor und knallte mit der Peitsche. Der Schwarze stand mucksmäuschenstill. Der Direktor mußte sich wohl ober übel beque­men, seinen Platz zu verlassen, zu bem Pferd hin zu gehen und ihm einige Klapse zu versetzen. Der Schwarze tat ein paar Schritte, dann gab er sich wieder mit Behagen der angenehmen Beschäftigung des Fressens hin.

Herr Direktor, Sie müssen ihn am Zügel nehmen und ihn im Kreis herumsühren", sagte Miß Rosa.Und wenn ich mich erhebe und auf einem Bein stehe, mußt du das Publikum sein und klatschen und Blumen werfen."

Ich möchte auch ein bißchen Miß Rosa (ein", versuchte Bübi.

Du bist auch nie zufrieden, nun kannst du schon gleichzeitig der Direktor und Publikum fein. Außerdem bist du doch auch keine Dame.*

Ich kann doch der fein, der hinten rückwärts auf bem Pserb stand unb Unterhosen anhatte. Du willst immer bas fein, was am meisten Spaß macht..."

Nun quatsch mal nicht, Bübi!" sagte Miß Rosa. Da war der Direk­tor still. Er war nun mal br Sklave. Programmgemäß sollte sich Miß Rosa nun erheben. Sie machte bie merkwürdigsten Bewegungen, kam aber schließlich zu der in kläglichem Ton geäußerten Ueberzeugung:

Ich kann nicht aufstehen. Ich bin festgeklebt. Hinten bin ich fest­geklebt, Bübi."

Der Direktor mußte die Leiter holen, und mit vereinten Kräften gelang es ihnen. Miß Rosa los zu kriegen, aber bas Resultat war, daß der Schwarze ganz mit feinen, rosa Wollhaaren bedeckt war. Nun begann die Angelegenheit doch besorgniserregenden Charakter anzunehmen. Der Unterrock sah schauderhaft aus. Und hoffentlich bekamen sie den Schwar­zen wieder in Ordnung, bis Großmutti abgeholt wurde. Aber anderseits konnten sie die Vorstellung doch nicht so plötzlich abbrechen, gerade in dem Augenblick, wo Miß Rosa springen sollte. Miß Rosa erhob sich einen Daumen breit vom Rücken des Pferdes und fragte triumphierend:Bin ich nicht schrecklich hoch gesprungen?"

Das Publikum trabte tapfer in der Sonnenhitze im Kreise herum, den widerstrebenden Schwarzen hinter sich herziehend. Der Schwarze sand es abscheulich. Wenn Anning ruhig auf seinem Rücken saß, ging es noch, aber daß sie nun anfing, aus ihm spazieren zu gehen, unb rum­zuspringen, bas war wahrhaftig zu viel! Wenn bas so weiter gehen sollte, war er entschlossen zu streiken. Schließlich wollte man doch sein Futter in Ruhe und Frieden verdauen! Aus Miß Rosas Fragen antwortete das Publikum wahrheitsgemäß:

Ich hab gar nicht gesehn, daß du überhaupt gesprungen bist."

Miß Rosa war aufs tiefste empört, wie eine wirkliche Primadonna, deren Kunst nicht gebührend bewundert wird.

Jetzt paß gefälligst auf. Du mußt klatschen und Blumen werfe»."

Gehorsam bückte sich das Publikum und pflückte eine Hand voll Gras. Und Miß Rosa hüpfte abermals ein paar Zentimeter in die Höhe.