Ein Pilgrim.

Don Tonrad Ferdinand Meyer.

's ist im Sabinerland ein Kirchentor mir war ein Reisejugendtag erfüllt ich saß auf einer Bank von Stein davor, in einen langen Mantel eingehüllt, aus dem Gebirge blies ein harscher Wind vorüber schritt ein Weib mit einem Kind, das, zu der Mutter flüsternd, scheu begann: Da sitzt ein Pilgerim und Wandersmann!"

Mir blieb das Wort des Kindes eingeprägt, und wo ich neues Land und Meer erschaut, den Wanderstecken neben mich gelegt, wo das Geheimnis einer Ferne blaut, ergriff mich unersättlich Lebenslust und füllte mir die Augen und die Brust: hell in die Lüfte jubelnd rief ich dann: Ich bin ein Pilgerim und Wandersmann!"

Es war am Tomer- oder Langensee, auf schlichter Tiefe trug das Boot mich hin entgegen meinem ew'gen, stillen Schnee mit einer anderen lieben Pilgerin rasch zog mir meine Schwester aus dem Haar, dem braungelockten, eins, das silbern war, und es betrachend seufzt' ich leis und sann: Du bist ein Pilgerim und Wandersmann!"

Mit Weib und Kind an meinem eignen Herd in einer häuslich trauten Flamme Schein dünkt keine Ferne mir begehrenswert.

So ist es gut! So sollt' es ewig sein ...

Jetzt fällt das Wort mir plötzlich in den Sinn der kleinen furchtsamen Sabinerin, das Wort, das nimmer ich vergessen kann: Da sitzt ein Pilgerim und Wandersmann."

Mit dem Arzt über Land in Güdwest-Afrika.

Bericht aus dem ehemaligen deutschen Schutzgebiet.

Von T. Z. Klötzel.

Als ich vormittags Herrn Dr. Brenner, dem Vorsitzenden des Deutschen Bundes in Südwest, meinen Besuch machte, bat ich ihn, mich auf eine seiner ärztlichen Berussfahrten- in das Land mitzunehmen. Ja", meinte er ,das hat feine Schwierigkeiten. Die Sache ist nämlich die, daß der Arzt nur noch sehr selten auf entlegenere Farmen gerufen wird. Die Farmerschaft ist arm, und bei den riesigen Entfernungen, die in Frage kommen, ist der Arztbesuch selbst bei größter Rücksichtnahme eine teure Angelegenheit. Ich kann die Fälle der letzten Mo­nate, in denen ich solche Besuche gemacht habe, an den Fingern einer Hand herzählen."

Am Abend des gleichen Tages rief mich der Hotelwirt ans Telephon. Dr. Brenner war am Apparat:Ich fahre in einer halben Stunde auf eine Farm im Sandfeld, 130 Kilometer von hier. Wenn Sie mitwollen, machen Sie sich rasch fertig. Aber ziehen Sie sich so warm an wie möglich, wir müssen die Nacht durchfahren.

So kleidete ich mich zu meinem ersten afrikanischen Ausflug im August wärmer an, als zu einer weihnachtlichen Skipartie in den Harz. Als das Auto kam, brachte es die Ausrüstung einer Polar­expedition an Decken und Fellen mit. Das Staatsstück war eine riesige Decke aus Klippdachsfell etwa hundert dieser kleinen Tierchen, die die Klippen Südwests bevölkern, hatten ihre Decke dafür hergeben müssen. An wichtigem Gepäck war da ein Jagdgewehr, ein Benzintank und der große Medizinkasten. In Südwest genügt es für den Arzt nicht, sich das Hörrohr in die Brusttasche zu stecken, wenn er Krankenbesuche macht. Oft hat er keine Ahnung, was dem Patienten fehlt. Er muß darauf gefaßt sein, ein Glied zu amputieren, das ein Löwe zerfleischt hat in den letzten drei bis vier Wochen ist das zweimal vorgekommen! , wie er alles zur Hand haben muß, um ein ausgepumptes Herz durch Injektion zu stärken. Er muß damit rechnen, eventuell eine schwierige Operation aus einem wackligen Küchentisch ausführen zu müssen, beim Schein einer Petroleumlampe, vielleicht eine mitgebrachte Schwester als Narkosehilfe, vielleicht aber auch darauf angewiesen, einen Angehörigen des Kranken mit der Handhabung von Maske und Aekher- slasche zu betrauen.

Oft, sehr oft, tommt der Arzt zu spät infolge der zu überwin­denden Entfernungen. In unserem Fall, der aber keineswegs zu den ungünstigen gehört, ritt eine junge Verwaltersfrau fünfundzwanzig Kilo­meter im Galopp zu einem Nachbarn, der Besitzer eines Fordswagens ist. Dieser fuhr fast fünfzig Kilometer auf eine Regierungsfarm, die Tele- phonanschluß mit Windhuk besitzt. Um 18 Uhr erreichte die Nachricht den Arzt. Vor 21 Uhr konnte er nicht fahren. Sein eigener Wagen war in Reparatur, so nahm er das Taxi eines Thauffeurs, der dafür bekannt ist, daß ihm keinePad" zu schwer ist, und daß er fährt wie der Teufel in eigener Person. Um 3 Uhr, so versprach er uns, sollten wir aus der Farm Ojitse sein.

Die Scheinwerfer strahlen auf, die Hupe brüllt, ein Ruck wirft uns gegen die Rücklehne die Pad hat begonnen. Wir klettern den Hügel hinauf, auf dem das Gouvernementsgebäude liegt. Bis hierher gibt es

geschotterte Straßen, aber wie wir hinunter ins Tal von Klein-Windhuk saufen, mahlen die Räder schon im Sand einer echten Och^enpad. Denn so sind alle Wege hierzulande entstanden: eines Tages zuvor zog ein schwerer Treckwagen, von zwanzig oder vierundzwanzig Ochsen gezogen, die erste Radspur durch den Busch. Andere folgten, im Lause der Jahre und Jahrzehnte wurde aus der schmalen Spur die oft mehr als zwanzig Meter breitePad". Seit Kriegsende gesellten sich zu den Wagengleisen und ungezählten Hufabdrücken immer häufiger die Spuren der gerippten Autoreifen.

Uebrigens sind wir nicht die einzigen, die auf der Pad sind. In größeren Abständen begegnen wir immer wieder anderen Padgängern oder wir überholen sie. Dann schneiden unsere Scheinwerfer aus dem Dunkel ein Bild aus der Zeit desgroßen Treck", da die Buren vom Kap gen Norden zogen, um ihre Freiheit zu wahren. Ein Un­getüm von Wagen, der am hinteren Ende eine Art rechteckiges Zelt trägt, wird von einer langen Reihe langgehörnter Ochsen gezogen. Die Tiere gehen paarweise im Joch an einer langen, schweren Kette, neben­her laufen die farbigen Treiber mit derWipp", der doppelmannshohen. Bambuspeitsche, die gehandhabt sein will. So geht es Stunde um Stunde.

Ein neues Farmtor, jetzt müssen wir schon auf dem Boden von Ojitse fein. Aber wo ist das Haus? Die Pad endigt plötzlich an der Um. zäunung. Wir fahren an ihr entlang, mitten durch den Busch. Vieh liegt: widerkäuend da, manche Kuh hält es nicht für nötig aufzustehen, bis die Hupe sie anbellt. Plötzlich sehen wir das Haus, feine erleuchtete Veranda ist deutlich zu erkennen. Wir fahren darauf zu da wird der Licht­schein plötzlich drei-, viermal so lang. Kein Hausfeuer ein Gras- brand! Bei zwei Grad Kälte? Wenige Sekunden später machen mir dumme Gesichter: was Licht und Brand schien, hebt sich als blutrote, schmale Mondsichel über die Büsche.

Dann finden wir doch die richtige Pad. Zehn Minuten vor dem Ziel aber erreicht uns das Schicksal: die längst fällige Reifenpanne. Mit dem Arzt mache ich die letzte Wegstrecke zu Fuß. Ein kleines, dunkles Haus. Stimmen, Licht. Dann verschwindet der Arzt in dem kleinen Zimmer, in dem der Kranke liegt.

Wir anderen sind im Raum nebenan. Die Verwaltersfrau kocht Kaffee. Ein Farmer aus der Umgegend ist noch da. War abends aus dem Heimweg eingekehrt, eine Tasse Kaffee zu trinken. Wie er wieder aufsitzen will, scheut der Gaul vor der Laterne, zerreißt Zügel und Riemen und haut ab. Morgen früh wird der Farmer seinenMistbock' suchen müssen.

Nach einer Weile kommen der Doktor und die Farmersfrau. Die Untersuchung hat nicht gerade Erfreuliches ergeben: schwerer Herz­klaps, die übliche Krankheit derjenigen, die lange hier oben leben und schwer arbeiten. Digitalis und Kampfer haben die augenblickliche Gefahr beseitigt, aber der Mann muß längere Zeit an die Küste. Das kann die Bedrohung ihrer Existenz bedeuten, aber diese Farmersfrau ist kein Stadtweib. Sie sorgt für uns alle und duldet nicht, daß eine ge­drückte Stimmung aufkommt. Sie hat unter einer klaren Stirn Augen, in denen eine mutige Seele wohnt. In Windhuk fürchten sich die Händ­ler, sie ist den gerissensten Viehkommissionären gewachsen und haut sie übers Ort. Und ihr Händedruck ist der eines Mannes.

Am nächsten Morgen gibt's Rührei aus Straußeneiern. Es schmeckt ein bißchen streng, und an einem Ei haben fünf Mann ein reichliches Frühstück. Der Kranke bekommt eine neue Injektion, deren Wirkung der Arzt abwarten muß. Die zwei Stunden verbringt man am besten auf der Jagd.

Wir setzen uns ins Auto und fahren kreuz und quer über das Sandfeld", eine große Hochebene mit dichtem Busch und lockerem Baumbestand. Dreierlei Wild- kann man erwarten: Kudus, Springböcke und Strauße?

Die Jagd im Auto dürfte in Deutschland noch nicht als weid­gerecht gelten, aber Afrika hat auch darin feine eigenen Gesetze. Das Verhalten des Wildes dem Auto gegenüber ist recht interessant. Das lärmende Vehikel scheint bei ihm viel mehr Neugierde als Furcht auszulösen. Es bleibt oft in guter Schußweite wie gebannt stehen und äugt. Will man zum Schuß kommen, so darf man keines­wegs bett Wagen halten lassen. Sobald das Motorgeräusch verstummt, wird das Wild mißtrauisch und flüchtet. Entweder man schießt vom Auto aus, während der Motor in Gang bleibt, ober man versucht, unbemerkt vorn Wagen abzusteigen, unb läßt biefen langsam weiterfahren.

Kubus bekamen wir überhaupt nicht zu Gesicht. Springböcke kamen zweimal in erreichbare Nähe, ftanben aber so gebeckt, baß ein sicherer Schuß nicht anzubringen war. Wir mußten uns bamit begnügen, die riesigen unb boch sv zierlichen Sätze zu bewundern, mit denen dieses schöne Wild davonzvg.

Blieb noch die Hoffnung auf einen Strauß. Der Strauß war eine Zeitlang in ganz Südafrika ein kostbares und streng gehütetes Wild, mit dessen Hähnen man die zahmen Strauße auf den Farmen aufkreuzte. Das war in jenen glücklichen Zeiten, wo man in Europa und Amerika Pleureusen mit Gold aufwog, und der Straußsarmer die Federn am lebendigen Tier verkaufen konnten, wie eine Weizenernte auf dem Halm. Dann kam die Abwendung der Mode von der Straußenfeder unb der Zusammenbruch der Straußenzucht! Heute kostet ein Pfund Federn etwa 20 Mark Eiderdaunen werden um den gleichen Preis nicht zu haben fein. In Südwest haben die wilden Strauße sich so vermehrt, daß sie als schädlich gelten und der Abschuß uneingeschränkt freigegeben ist. Aber wer weiß: vielleicht bricht auch einmal wieder eine Straußenära an! Mehr als die englische Kohlenkrise hat hier und in ganz Südafrika die Meldung interessiert, die Königin von England habe jüngst bei einem Besuch in Wembley eine lange Boa aus Strauß- Federn getragen.

O, ihr Strauße! Euer Schicksal ruht in den Händen der Herren Poiret und Paquin!

Verantwortlich: Or. HanSThyriot. Druck und Verlag: Brühl'fche Universitäts-Duch-undSteindruckerei, D. Lange, Gießen.