Kleidung: Sammetjacke und Wagner-Barett. Jedem einzelnen dieser Stücke bewahrte er eine jahrelange Anhänglichkeit. Sein Arbeitszimmer ließ er sich in jeder neuen Stadt (und in wie vielen hat er nicht sein Domizil ausgeschlagen!) mit verschwenderischem Luxus ausstatten. Die Tapete aus rotem Damast, weiche Teppiche, üppige Beleuchtungskörper und Rosengirlanden an der Decke und über dem Bett schufen ihm die notwendige Atmosphäre zum Arbeiten. Exaltation nannte er selbst den gewöhnlichen Zustand seiner Natur. Während bei den meisten Komponisten der Abend und die Nacht die günstigste Schaffenszeit war, konnte er nur vom Morgen bis zum frühen Nachmittag arbeiten. Freilich war dies auch nur noch das Aufzeichnen des lange mit sich herum Getragenen. *
Beethoven brauchte und besaß auch diesen Luxus nicht. Das Bild, wie er im Frühlingssturme, brummend und in sich gewandt, durch die Gassen Wiens eilt, dann wieder stehen bleibt, um ein paar Notizen aufzuzeichnen, hat uns den echten Beethoven übermittelt. Er brauchte Natur, gleich ob Sonne oder Gewitter, Frühlingslust oder die Härte des kalten Winterwetters. Dort, wo keine Menschen waren, konnte es auch er seine Menschlichkeit vergessen. Während er an der „Missa solemnis" arbeitete, ah und trank er tagelang nichts. Er war beim Schaffen völlig außer sich. Ein Besucher überraschte ihn einmal, als er im tiefsten Neglige von seinem Waschtisch stand und Krug auf Krug kalten Wassers über seine Hände goß. Plötzlich eilte er mit rollenden Augen und fürchterlichem Gebrumm zum Schreibtisch, um rasch ein paar Notizen auszuzeichnen. Dann setzte er diese eigenartigen Waschungen und das Geheule fort, so daß sein Zimmer bald unter Wasser stand. In -seinen letzten Lebensjahren soll sich seine Wohnung dauernd im Zustand der lässigsten Unordnung, ja Liederlichkeit befunden haben. Aber wehe, wenn ihn jemand bei einer solchen Szene gestört oder auch nur angesprochen halte! Gerade dies waren die Stunden der tiefsten Meditation.
Leicht ließe sich die Reihe der Sonderlichkeiten unserer großen Komponisten fortsetzen. Einer braucht die Verlassenheit eines einsamen Felsens, ein anderer sucht die Emsigkeit einer durcheinander jagenden Menschenmenge, des dritten Phantasie bleibt träge, wenn sie nicht durch andere Aeußerlichkeiten seltsamster Art angeregt wird, alle zusammen aber bleiben uns, wie sie sich selbst, ein Rätsel. Wir müssen niederknien vor der Größe ihres Ingeniums, aber wir sollen uns nicht vermessen, sie bis in diese Absonderlichkeiten begreifen und beurteilen zu können, denn — so hat wieder Wagner einmal gesagt — „denn sie verstehen nur soviel von uns, als wir wirklich mit ihnen gemein haben, begreifen aber nicht, wie wenig, wie fast gar nichts dies von uns ist".
Blumen der Kindheit.
Von Wilhelm Scharrelmann.
E i f e n h u t.
Ein Blau wie auf den Uniformröcken meiner Zinnsoldaten. Aber es ist nicht die Farbe. Das Wunder steckt in der Blüte. Wenn man nämlich den Helm zurllckbiegt und die beiden Honigträger darin an den Tag kommen, .erkennt man, daß es zwei phantastisch schöne Pferdchen sind, die an länger Deichsel eine blaue Kutsche ziehen. Sie sehen aus wie aus zartblauem Glas geblasen, und die Kutsche ist mit blauer Seide ausgeschlagen und hat ein gelbes Sitzkissen.
In einer solchen Kutsche ist Däumelinchen gereist, als sie ins Land der Menschen suhr und niemand sie erkannte, und die Kammerjungfer der Elfenkönigin fährt noch heute darin umher.
Ich bin allerdings ein wenig ungläubig, aber Tina Feldmann versichert es, und Tina lügt nicht. Es ist nur ein Zufall, daß die Gesuchte in keiner der Blüten zu entdecken ist, als wir einer nach der andern den Helm abzupfen und einen ganzen Marstall von Pferdchen und blauen Kutschen um uns versammeln.
„Wollt ihr wohl die Blumen stehen lassen!" schilt eine Stimme aus dem Hause, in dessen kleinem Vorgärtchen wir hocken, und wir stürzen erschreckt davon und auf die andre Straßenseite. Aber dort ist es brennend heiß von der Mittagssonne des Augusttages, und selbst die Treppen- stusen zu Feldmanns Kellerwohnung sind warm wie heiße Brote.
Zu dumm, daß man uns störte. Tina und ich sind überzeugt, daß wir die Jungfer in der nächsten Blüte ganz sicher erblickt hätten. Aber hinterher ist es mir beinahe recht, daß wir sie nicht erblickten, denn wahrscheinlich hätte Tina sie für sich allein beansprucht und sie am Ende gar in den kleinen Fliegenkäsig gesperrt, den sie sich aus einem ausgehöhlten Flaschenkorken mit einem Gitter aus Stecknadeln gewacht hat.
Weide.
Ein Regennachmittag im Bauernhaus. Die Stube mit den sandbestreuten Dielen und den Binsenstühlen ist leer. Nur meine Base, wenig älter als ich selber, sitzt an dem großen Tisch aus Eichenholz, hat sich Weidenzweige geschnitten, klopft sie aus dem Tischrand weich und singt einen Kinderreim dazu:
Een, tme, dree, veer, fiv, Jk slah di up bin Liew, Ik will di up bin Liewken slahn, Dar schall bat Holt herute gähn!
Danach stößt ste mit einem dünnen Stecken das Holz aus der Rinde, schneidet ein Loch in die grüne Röhre, schiebt einen Holzspan als Zunge ein und versucht zu blasen. Aber die Flöte sperrt sich noch. „Sing noch mal!" rate ich.
Da lächelt sie und tut mir den Willen.
Gen, twe, dree, veer, fiv, Jk slah di up bin Liew, Jk will bi up bin Liewken slahn. Dar schall bat Holt herute gähn!
Ihre Flechten sind hell wie Flachs, und ihre blaßblauen Augen leuchten in Freude auf, als die ersten Töne kommen und wie ein schrilles Wunder in den grauen Nachmittag entfliehen.
Fuchsie.
Ein Augusttag unter bleichem Himmel. Meine Mutter hat mich an die Hand genommen, geht mit mir durch die Straßen zu einer Glaswarenhandlung und kaust dort nach längerem Wählen ein Milchkännchen aus Preßglas.
Es ist ihr Geburtstag heute, und das Kännchen soll noch am Nachmittag auf dem Kaffeetisch stehen. Der Tag ist immer einer der festlichsten des Jahres. Zwei Jugendfreundinnen von ihr kommen bann jedesmal zu Besuch.
Als ich ein paar Stunden später in das Wohnzimmer gerufen werde, das heute des Besuchs wegen für uns Kinder zum unbetretbaren Heiligtum geworden ist, fehe ich eine Fuchsie auf dem Tisch stehen, märchenhaft in der Fülle ihrer Blüten mit den hängenden Korallen und den langen weißen Staubfäden, die wie- zarte Fransen niederhängen. Ich habe nie eine solche Blume gesehen, und der Anblick berührt mich so, daß ich vor Staunen und Befangenheit fein Wort herausbringe.
„Sei doch nicht so blöde", mahnt mich meine Mutter leise. „Die beiden Tanten kennst du doch!"
Aber es ist die Fuchsie. Nur sie! Die Blume mit dem merkwürdigen Namen, den man mir sagt, und einer Gebärde wie ein kristallener Leuchter, ein schimmerndes Wunder, eine heitere Fülle, ein einziger leuchtender Ueberschwang.
Zypresse.
Niemand wußte noch, wie der Baum in den alten düstern Hofplatz gekommen war, und es war ein Wunder, daß er zu einer so märchenhaften Höhe emporwachsen konnte, fremd, kühl und dunkel, wie ein Heiligtum.
Eine geteerte Holzplanke umgibt den Hof, der kaum ein Dutzend Schritte im Geviert umfaßt und düster und freudlos ist wie ein Friedhof. Dazu ist der kleine Platz leer wie die Wüste. Nur in der einen Ecke steht wie ein Richtblock aus vergangenen Tagen ein alter Hackklotz. Darauf schlägt Großvater die Eisenstangen ab für die Fensterrouleaus, die er in seiner Werkstatt malt. Das schartige alte Beil nimmt er, damit er nicht im Regen verrostet, jedesmal wieder mit in seine Werkstatt hinauf.
Die Sonne scheint, aber sie bringt nicht bis in ben Hof hinab, und die Zypresse steht hoch unb büfter wie sonst. Nur baß aus ihrem bläulichen Grün ihr strenger und seltsam fremder Geruch heute noch stärker bringt als sonst.
Ich habe mich an ben Hackklotz gesetzt unb lerne mein Pensum für bie Religionsstunde am nächsten Tag.
„Unser Leben währet siebenzig Jahre, und wenn's hoch kommt, so sind es achtzig Jahre, unb wenn es köstlich gewesen ist, so ist es Mühe unb Arbeit gewesen, beim es führet schnell bahin, als flögen wir baoon."
„Herr, lehre uns bebenten, baß wir sterben müssen, auf baß wir klug werben."
Ich bin fieben Jahre alt, unb bie Zypresse buffet wie noch an keinem Tag. Es ist still um mich wie in einer Kirche, unb in ber Dachrinne lärmen bie Spatzen.
Lupine.
Es ist ein brennendheißer Tag, unb wir finb feit bem frühen Morgen auf ben Beinen. Um ben Mittag herum verschleiert sich ber Himmel, aber die Luft ist noch drückender als vorher. Endlich kommt ein Wind auf, und die Birken am Wege beginnen ihre Kronen zu schwingen, als wären sie soeben aus dem Schlaf erwacht, in den sie müde von Licht und Wärme versunken waren.
Wir sind auf einem Klassenausflug. Die Wege sind sandig, und keiner hat noch Lust, zu fingen. Ich schleppe die Füße nur noch. Eine Blase brennt bei jedem Schritt, als würde mit einem Messer in die Hacke geschnitten. Gehen, gehen ... Das Brot in dem kleinen Beutel ist zusammengetrocknet, bas Fett barauf längst zerschmolzen und ins Papier gezogen, unb ber Weg scheint kein Ende zu nehmen. Nach jeder Birke taucht eine andere auf. Brennefseln wuchern in trockenen Gräben, ein Feldhang ist ganz von Weidenröschen bedeckt, bann taucht ein Buchweizenfeld auf, als hätte es darauf geschneit. Endlich ein Stück Wald und Schatten. Im Walde plötzlich eine Lichtung, Gras, das einem bis an die Knie geht. Unb Zitronenfalter, leuchtenb wie Gold, unwirklich schön und in einer Menge, daß alles staunt. Dann wieder die Landstraße, Felder, Roggenbreiten wie leise wogende Meere. Plötzlich in aller Müdigkeit ein Ruch, süßer als Honig. Ein Lupinenfeld flammt in der Sonne! Der Duft kommt mit bem Winde' wie eine Wolke herüber ... Trotz der Blase am Fuß muß ich hin und mir ein paar der seltsam duftenden Blumen pflücken.
Der Duft berauscht mich, wie nie ein Blumenduft es tat. Es ist überhaupt die schönste Blüte, die ich jemals sah, eine flammende Kerze und ein Quell strömenden Duftes, ein richtiges Wunder! Wie glücklich muß der Bauer [ein, der ein ganzes Feld davon besitzt.
Nur fünf Minuten weiter ein neues Stück, fast noch leuchtender als das vorige. Aber hier geht ein Mann hinter einem Pflug und schält bie ganze leuchtenbe Herrlichkeit vor ihm in bie fanbige, graue (Erbe. Ein wüstes Trümmerfelb, ber .halbe Acker schon, aus dem nur hier und da noch eine gelbe Blüte ragt.
„Gründüngungspslanzen!" erklärt der Lehrer, aber meine TrKer wird darum nicht geringer.
Als wir endlich in der Eisenbahn sitzen und nach Hause fahren, .ist mir ber Strauß ber wenigen Lupinen, bie ich mir pflückte, schon welk und schlapp geworden. Aber sie duften noch im Tode!


