tragen; da zog der Rat ein Kistchen aus der Tasche, in dem eine kleine stählerne Drehbank lag, die schrob er sofort an den Tisch fest, und nun drechselte er mit unglaublicher Geschicklichkeit und Schnelligkeit aus den Hasenknochen allerlei winzig kleine Döschen und Buchschen und Kügel­chen, die die Kinder jubelnd empfingen. Im Moment des Ausstehens von der Tafel fragte des Professors Nichte:Was macht denn unsere Antonie, lieber Rat?" Krespel schnitt ein Gesicht, als wenn jemand in eine bittere Pomeranze beißt und dabei aussehn will, als wenn er Süßes genossen; aber bald verzog sich dies Gesicht zur graulichen Maske, aus der recht bitterer, grimmiger, ja, wie es mir schien, recht teuflischer Hohn herauslachte.Unsere? Unsere liebe Antonie?" frug er mit gedehntem, unangenehm singenden Tone. Der Professor kam schnell heran; in dem strafenden Blick, den er der Nichte zuwars, las ich daß sie eine Saite berührt hatte, die in Krespels Jnnerrn widrig dissonieren mußte.Wie steht es mit den Violinen?" frug der Professor recht lustig, indem er den Rat bei beiden Händen erfaßte. Da heiterte sich Krespels Gesicht auf, und er erwiderte mit feiner starken Stimme: Vortrefflich, Professor, erst heute hab' ich die treffliche Geige von Amati, von der ich neulich erzählte, welch ein Glücksfall sie mir in die Hände gespielt, erst heute habe ich sie ausgeschnitten. Ich hoffe, Antonie wird das übrige sorgfältig zerlegt haben."Antonie ist ein gutes Kind", sprach der Professor.Ja wahrhaftig, das ist sie!" schrie der Rat, indem er sich schnell umwandte und, mit einem Griff Hut und Stock erfassend, schnell zur Türe hinaussprang. Im Spiegel erblickte ich, daß ihm helle Tranen in den Augen standen.

Sobald der Rat fort war, drang ich in den Professor, mir doch nur gleich zu sagen, was es mit den Violinen und vorzüglich mit Antonien für eine Bewandtnis habe.Ach", sprach der Professor,wie denn der Rat überhaupt ein ganz wunderlicher Mensch ist, so treibt er auch das Violinenbauen auf ganz eigene tolle Weise."Wolinbauen?" fragte ich ganz erstaunt.Ja", fuhr der Professor fort,Krespel verfertigt nach dem Urteil der Kenner die herrlichsten Violinen, die man in neuerer Zeit nur finden kann; sonst ließ er manchmal, war ihm eine besonders gelungen, andere darauf spielen, das ist aber seit einiger Zeit ganz vorbei. Hat Krespel eine Violine gemacht, so spielt er selbst eine oder zwei Stunden darauf, und zwar mit höchster Kraft, mit hinreißendem Ausdruck, dann hängt er sie aber zu den übrigen, ohne sie jemals wieder zu berühren oder von andern berühren zu lassen. Ist nur irgend­eine Violine von einem alten vorzüglichen Meister aufzutreiben, fo kauft sie der Rat um jeden Preis, den man ihm stellt. Ebenso wie seine Geigen spielt er sie aber nur ein einziges Mal, bann nimmt er sie auseinander, um ihre innere Struktur genau zu untersuchen, und wirst, findet er nach seiner Einbildung nicht das, was er gerade suchte, die Stücke unmutig in einen großen Kasten, der schon voll Trümmer zerlegter Violinen ist."Wie ist es aber mit Antonien?" trug ich schnell und luftig.Das ist nun", fuhr der Professor fort,das ist nun eine Sache, die den Rat mich könnte in höchstem Grade verab­scheuen lassen, wenn ich nicht überzeugt wäre, daß bei dem im tiefsten Grunde bis zur Weichlichkeit gutmütigen Charakter des Rates es da­mit eine besondere geheime Bewandtnis haben müsse. Als vor mehreren Jahren der Rat hierher nach H. kam, lebte er wie ein Einsiedler mit einer alten Haushälterin in einem finsteren Haufe auf der ... straße. Bold erregte er durch feine Sonderbarkeiten die Neugierde der Nach­barn, und sogleich, als er dies merkte, suchte und fand er Bekannt- fchaften. Eben wie in meinem Hause gewöhnte man sich überall so an ihn, daß er unentbehrlich wurde. Seines rauhen Aeußern unerachtet liebten ihn sogar die Kinder, ohne ihn zu belästigen, denn trotz aller Freundlichkeit behielten sie eine gewisse scheue Ehrfurcht, die ihn vor allem Zudringlichen fchützte. Wie er die Kinder durch allerlei Künste zu gewinnen weiß, haben Sie heute gesehen. Wir hielten ihn alle für einen Hagestolz, und er widersprach dem nicht. Nachdem er sich einige Zeit hier aufgehalten, reifte er ab, niemand wußte wohin, und kam nach einigen Monaten wieder. Den andern Abend nach feiner Rückkehr waren Krespels Fenster ungewöhnlich erleuchtet; schon dies machte die Nachbarn aufmerksam, bald vernahm man aber die ganz wunderherrliche Stimme eines Frauenzimmers, von einem Pionaforte begleitet. Dann wachten die Töne einer Violine auf und stritten in regem feurigen Kampfe mit der Stimme. Man hörte gleich, daß es der Rat war, der spielte. Ich selbst mischte mich unter die zahlreiche Menge, die das wundervolle Konzert vor dem Hause des Rates versammelt hatte, und ich muß Ihnen gestehen, daß gegen die Stimme, gegen den ganz eigenen, tief in das Innerste dringenden Vortrag der Unbekannten mir der Ge­sang der berühmtesten Sängerinnen, die ich gehört, matt und ausdrucks­los schien. Nie hatte ich eine Ahnung von diesen lang ausgehaltenen Tönen, von diesen Nachtigallwirbeln, von diesem Auf- und Abwogen, von diesem Steigen bis zur Stärke des Orgellautes, von diesem Sinken bis zum leisesten Hauch. Nicht einer war, den der süßeste Zauber nicht umfing, und nur leise Seufzer gingen in der tiefen Sille auf, wenn die Sängerin schwieg. Es mochte schon Mitternacht sein, als man den Rat sehr heftig reden hörte; eine andere männliche Stimme schien, nach dem Tone zu Urteilen, ihm Vorwürfe zu machen, dazwischen klagte ein Mädchen in abgebrochenen Reden. Heftiger und heftiger schrie der Rat, bis er endlich in jenen gedehnten singenden Ton fiel, den Sie kennen. Ein lauter Schrei des Mädchens unterbrach ihn, bann wurde es totenstill, bis plötzlich es die Treppe herabpolterte und ein junger Mensch schluchzend hinäusstürzke, der sich in eine nahestehende Postchaise warf und rasch davonfuhr. Tags darauf erschien der Rat sehr heiter, und niemand hatte den Mut, ihn nach der Begebenheit der vorigen Nacht zu fragen. Die Haushälterin sagte aber auf Befragen, daß der Rat ein bildhübsches blutjunges Mädchen mitgebracht, die er Antonie nenne, und die eben so schön gesungen. Auch sei ein junger Mann mit­gekommen, der sehr zärtlich mit Antonien getan und wohl ihr Bräu­tigam sein müße. Der habe aber, weil es der Rat durchaus gewollt, schnell abreisen müssen. In welchem Verhältnis Antonie mit dem Rat steht, ist bis jetzt ein Geheimnis, aber fo viel ist gewiß, daß er das arme Mädchen auf die gehässigste Weise tyrannisiert. Er bewacht sie

wie der Doktor Bartolo imBarbier von Sevilla" fein Mündel; kaum darf sie sich am Fenster blicken lassen. Führt er sie auf inständiges Bitten einmal in Gesellschaft, fo verfolgt er sie mit Argusblicken und leibet durchaus nicht, daß sich irgendein musikalischer Ton Horen lasse, viel weniger, daß Antonie finge, die übrigens auch in feinem Haufe nicht mehr fingen darf. Antoniens Gesang in jener Nacht ist daher unter dem Publikum der Stadt zu einer Phantasie und Gemüt aufregenden Sage von einem herrlichen Wunder geworden, und selbst die, welche sie gar nicht hörten, sprechen oft, versucht sich eine Sängerin hier am Orte: Was ist denn das für ein gemeines Ouintelieren? Nur Antonie vermag zu fingen."

(Fortsetzung folgt.)

Merkwürdigkeiten aus der Werkstatt berühmter Komponisten.

Von FriedrichHerzfe 1 d.

Wie die Werke unserer großen Komponisten entstanden sind, bleibt ein Rätsel der gewaltig-geheimnisvollen Natur. Die sie schufen, waren aus Fleisch und Blut wie alle anderen. Sie lebten unter ihren Mit­menschen, aßen, tranken und plauderten mit ihnen. Aber zu gewissen Stunden veränderte sich ihr ganzes Wesen. Sie wurden schweigsam, reizbar und störrisch. Ein Dämon schien sie erfaßt zu haben. Mit un­aufhaltsamer Gewalt drängte etwas aus ihnen empor und es erstand: das Werk. Dann sank ihre innere Bewegtheit wieder ab, und aus dem Traum erwachend fanden sie sich zurück zu ihrer Umwelt. Wagner sagte einmal von diesen Stunden:Denn wenn ich so etwas fertig habe, ist es mir, als hätte ich eine ungeheure Angst aus dem Leibe geschwitzt".

Aber nicht allen kamen diese Stunden der Eingebung so ungerufen, fo ohne eigenes Dazutun. Manche hatten einen schweren Kampf aus­zutragen mit den Geistern, deren Nahen sie wohl spürten, die sie aber doch nicht ganz fassen konnten. So ersannen sie künstliche Mittel, um sich die Stimmung und Atmosphäre zu verschaffen, die sie zum Herauf­steigen ihrer Intuition brauchten. Ohne diese Anregungen von außen her, blieb ihr Inneres stumm und die schon herausdämmernden Ein­fälle versanken wieder.

Wie sie nun gerade auf diese und jene Mittel verfielen, bleibt wie alles Schaffen ein tiefes Geheimnis. Vielleicht war es die unbewußte Erinnerung an eine bestimmte Stunde, in der sie eben in dieser Um­gebung besonders dankbar die Gewalt der strömenden Gedanken emp­funden hatten. Aber viel öfters bilden diese kleinen Sonderlichkeiten Wesenszüge, die in gewissem Sinne bezeichnend sind für ihren Cha­rakter, für die Einmaligkeit ihrer Erscheinung und in vielen Fällen auch für den sich wandelnden Geist des Musiklebens im Laufe der Zeiten. In ihnen sprachen sich nicht immer gerade die bedeutendsten Teile ihrer Persönlichkeit aus, aber niemals waren es nur alberne Ge­wohnheiten und Schrullen überspannter Musikhirne.

Am mühelosesten haben wohl Mozart und Schubert kompo­niert. Auf lose Herumliegenden Blättern, auf die leeren Zeilen fremder Notenhefte, allein, aber noch lieber im Kreife luftiger Freunde brachten sie ihre Tonfchopfungen zu Papier. Oft entstanden gerade die begnadetsten Einfälle in diesen Stunden der äußeren Zerstreuung. Schubert schrieb während eines feucht-fröhlichen Zechgelages in einer der alten trau­lichen Kneipen des alten Wien auf die Rückseite eines Speisezettels eins (einer schönsten Lieder: Das Ständchen. Mozart komponierte besonders gern und angeregt in der ratternden und schaukelnden Postchaise. Eines seiner schönsten Trios ließ er während der einzelnen Züge einer Kegel­partie aufs Papier fließen. Daß er das duftigeVeilchen" und die Todesphantasie derMaurischen Trauermusik" an ein und demselben Tag komponieren konnte, beweist, daß der eigentliche Schöpsungsprozeß längst vorausgegangen war, daß hier nur etwas zu Papier gebracht werden mußte', was vor Zeiten und sicher unter inneren Erschütterungen ins volle Bewußtsein getreten war.

Thomas, der Schöpfer derMignon", Rossini und vor allem Paisello, dessen komische Opern von Napoleon I. geliebt wurden, hätten Mozart und Schubert um die scheinbare Mühelosigkeit ihres Produzierens beneiden können. Denn sie komponierten ausschließlich im Bett! Paisello noch dazu mit Decken und Kissen über beiden Ohren. In dieser nicht gerade fehr würdigen Vermummung erwartete er das Nahen der Muse. Nicht weniger komisch erscheint uns Meyerbeer, wenn er sich auf heimlichen Wegen zu einer berühmten Pariser Wahr- jagerin schlich, um sich dort regelmäßig das Gelingen seines Werkes prophezeien zu lassen. Vielleicht Hatto diese Madame L. ihm auch die fast krankhafte Furcht vor Katzen fuggeriert und ihn auf den Gedanken gebracht, daß er einmal scheintot beerdigt werden würde. Deshalb

wünschte er, daß er nach (einem Tode vier Tage lang mit Glöckchen

an Armen und Beinen liegen bleibe, ehe man ihn beerdigte. Joses Haydn steckte sich feierlich den Siegelring, den er von Franz II. als

Geschenk erhalten, hatte, an den Finger, ein Zeichen der fast kindlichen

Eitelkeit seines Alters, vielleicht aber noch mehr ein Beweis der Treue gegen seinen Herrn, als dessen Diener er sich stets fühlte.

Daß Musikanten abergläubisch seien, behauptet eine alte Volksweis- heit. Chopin z. B. hatte eine unüberwindliche Angst vor den Zahlen 7 und 13. Nach polnischer Sitte waren ihm die Montage und Freitage Unglückstage, an denen er zu keiner Unternehmung sähig war. Die 2lbneigung gegen den Freitag teilte er mit Cornelius,- der jeoe große Arbeit und sogar Briese mit drei geheimnisvollen Kreuzchen begann. Während Chopins Inspiration dem eleganten Salon mit Frauen, Parfüm, Seide und flackernden Kerzen entsprang, ließ sich Gluck sein Klavier in die pralle Sonnenglut bringen, und dort entstand die wie Glas durchsichtige Partitur seinerIphigenie". Dabei muhte er reia) und sorgfältig gekleidet sein. Bei Richard Wagner wuchs sich ®,e Frage der Bekleidung zu einem wahren Zeremoniell aus. Seine «chlch- röcke sind sprichwörtlich geworden. Mit ihnen hat man die Nichngkei der Wagnerschen Kunst nachweisen wollen. Er erfand sich eine eigene