Geheuer Zamilienbliitter

Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger

Jahrgang 1952

5reitag, den 2. September

Nummer 68

Abendlied.

Von Gottfried Keller.

Augen, meine lieben Fensterlein, gebt mir schon so lange holden Schein, lasset freundlich Bild um Bild herein?

Einmal werdet ihr verdunkelt seinl

Fallen einst die müden Lider zu, löscht ihr aus, dann hat die Seele Ruh': tastend streift sie ab die Wanderschuh', legt sich auch in ihre finstre Truh'.

Noch zwei Fünklein sieht sie glimmend stehn wie zwei Sternlein, innerlich zu sehn, bis sie schwanken und dann auch vergehn wie von eines Falters Flügelwehn.

Doch noch wandl' ich auf dem Abendfeld, nur dem finkenden Gestirn gesellt: trinkt, o Augen, was die Wimper hält, von dem goldnen Ueberfluß der Welt!

2Raf Krespel.

Novelle von E. T. A. Hoffmann.

Rat Krespel war einer der allerwunderlichsten Menschen, die mir jemals im Leben vorgekommen. Als ich nach H. zog, um mich einige Zeit dort aufzuhalten, sprach die ganze Stadt von ihm, weil soeben einer seiner allernärrischsten Streiche in voller Blüte stand. Krespel war berühmt als gelehrter gewandter Jurist und als tüchtiger Diplo­matiker. Ein nicht eben bedeutender regierender Fürst in Deutschland batte sich an ihn gewandt, um ein Memorial auszuarbeiten, das die Ausführung seiner rechtsbegründeten Ansprüche auf ein gewisses Terri­torium zum Gegenstand hatte, und das er dem Kaiserhofe einzureichen gedachte. Das geschah mit dem glücklichsten Erfolg, und da Krespel ein­mal geklagt hatte, daß er nie eine Wohnung seiner Bequemlichkeit gemäß finden könne, übernahm der Fürst, um ihn für jenes Me­morial zu lohnen, die Kosten eines Hauses, das Krespel ganz nach seinem Gefallen aufbauen lassen sollte. Auch den Platz dazu wollte der Fürst nach Krespels Wahl ankaufen lassen: das nahm Krespel indessen nicht an, vielmehr blieb er dabei, daß das Haus in seinem vor dem Tor in der schönsten Gegend belegenen Garten erbaut wer­den solle. Nun kaufte er alle nur mögliche Materialien zusammen und ließ sie herausfahren: dann sah man ihn, wie er tagelang in seinem sonderbaren Kleide (das er übrigens selbst angefertigt nach bestimmten eigenen Prinzipien) den Kalk löschte, den Sand siebte, die Mauersteine in regelmäßige Haufen aufsetzte usw. Mit irgendeinem Baumeister hatte er nicht gesprochen, an irgendeinen Riß nicht gedacht. An einem guten Tage ging er indessen zu einem tüchtigen Maurermeister in H. und bat ihn, sich morgen bei Anbruch des Tages mit sämtlichen Gesellen und Burschen, vielen Handlangern usw. in dem Garten einzufinden und sein Haus zu bauen. Der Baumeister fragte natürlicherweise nach dem Bauriß und erstaunte nicht wenig, als Krespel erwiderte, es bedürfe dessen gar nicht, und es werde sich schon alles, wie es fein solle, fügen. Als der Meister anderen Morgens mit seinen Leuten an Ort und Stelle kam, fand er einen im regelmäßigen Viereck gezogenen Graben, und Krespel sprach: ,^ier soll das Fundament meines Hauses gelegt werden, und dann bitte ich, die vier Mauern so lange herauf­zuführen, bis ich sage, nun ist's hoch genug."Ohne Fenster und Türen, ohne Quermauern?" fiel der Meister, wie über Krespels Wahn­sinn erschrocken, ein.So wie ich Ihnen es sage, bester Mann", er­widerte Krespel sehr ruhig,das übrige wird sich alles finden." Nur das Versprechen reicher Belohnung konnte den Meister bewegen, den unsinnigen Bau zu unternehmen; aber nie ist einer lustiger geführt worden, denn unter beständigem Lachen der Arbeiter, die die Arbeits­stätte nie verließen, da es Speis' und Trank vollauf gab, stiegen die vier Mauern unglaublich schnell in die Höhe, bis eines Tages Krespel rief:Halt!" Da schwieg Kell' und Hammer, die Arbeiter stiegen von den Gerüsten herab, und indem sie den Krespel im Kreise umgaben, sprach es aus jedem lachenden Gesicht:Aber wie nun weiter?"Platz!" tief Krespel, lief nach einem Ende des Gartens und schritt dann lang- fam auf fein Viereck los; dicht an der Mauer schüttelte er unwillig den Kopf, lief nach dem andern Ende des Gartens, schritt wieder auf das Biereck los und machte es wie zuvor. Noch einige Male wiederholte er

das Spiel, bis er endlich, mit der spitzen Nase hart an die Mauern anlaufend, laut schrie:Heran, heran, ihr Leute, schlagt mir die Tür ein, hier schlagt mir eine Tür ein!" Er gab Länge und Breite genau nach Fuß und Zoll an, und es geschah, wie er geboten. Nun schritt er hinein in das Haus und lächelte wohlgefällig, als der Meister bemerkte, die Mauern hätten gerade die Höhe eines tüchtigen zwei­stöckigen Hauses. Krespel ging in dem Innern Raum bedächtig auf und ab, hinter ihm her die Maurer mit Hammer und Hacke, und sowie er rief:Hier ein Fenster sechs Fuß hoch, vier Fuß breit! dort ein Fensterchen drei Fuß hoch, zwei Fuß breit!" so wurde es flugs ein­geschlagen. Gerade während dieser Operation kam ich nach H., und es war höchst ergötzlich anzusehen, wie Hunderte von Menschen um den Garten herumstanden und allemal laut aufjubelten, wenn die Steine herausflogen und wieder ein neues Fenster entstand, da, wo man es gar nicht vermutet hatte. Mit dem übrigen Ausbau des Hauses und mit allen Arbeiten, die dazu nötig waren, machte es Krespel auf ebendieselbe Weise, indem sie alles an Ort und Stelle nach seiner augenblicklichen Angabe verfertigen mußten. Die Possierlichkeit des ganzen Unternehmens, die gewonnene Ueberzeugung, daß alles am Ende sich besser zusammengeschickt, als zu erwarten stand, vorzüglich aber Krespels Freigebigkeit, die ihm freilich nichts kostete, erhielt aber alle bei guter Laune. So wurden die Schwierigkeiten, die die abenteuerliche Art zu bauen herbeiführen mußte, überwunden, und in kurzer Zeit stand ein völlig eingerichtetes Haus da, welches von der Außenseite den tollsten Anblick gewährte, da kein Fenster dem andern gleich war usw., dessen innere Einrichtung aber eine ganz eigene Wohlbehaglichkeit er­regte. Alle, die hineinkamen, versicherten dies, und ich selbst fühlte es, als Krespel nach näherer Bekanntschaft mich hineinführte. Bis jetzt hatte ich nämlich mit dem seltsamen Manne noch nicht gesprochen, der Bau beschäftigte ihn so sehr, daß er nicht einmal sich bei dem Professor M. Dienstags, wie er sonst pflegte, zum Mittagessen einfand, und ihm, als er ihn besonders eingeladen, sagen ließ, vor dem Einweihungsfeste seines Hauses käme er mit keinem Tritt aus der Tür. Alle Freunde und Bekannte verspitzten sich auf ein großes Mahl, Krespel hatte aber niemanden gebeten als sämtliche Meister, Gesellen, Burschen und Hand­langer, die fein Haus erbaut. Er bewirtete sie mit den feinsten Speisen; Maurerburschen fraßen rücksichtslos Rebhuhnpasteten, Tischlerjungen hobelten mit Glück an gebratenen Fasanen, und hungrige Handlanger langten diesmal sich selbst die vortrefflichsten Stücke aus dem Trüffel- fritaffee zu. Des Abends tarnen die Frauen und Töchter, und es begann ein großer Ball. Krespel walzte etwas Weniges mit den Meisterfrauen, setzte sich aber dann zu den Stadtmusitanten, nahm eine Geige und dirigierte die Tanzmusik bis zum hellen Morgen. Den Dienstag nach diesem Feste, welches den Rat Krespel als Voltsfreund darstellte, fand ich ihn endlich zu meiner nicht geringen Freude bei dem Professor M. Verwunderlicheres als Krespels Betragen tann man nicht erfinden. Steif und ungelent in der Bewegung, glaubte man jeden Augenblick, er würde irgendwo anstoßen, irgendeinen Schaden anrichten: das geschah aber nicht, und man wußte es schon, denn die Hausfrau erblaßte nicht im mindesten, als er mit gewaltigem Schritt um den mit den schönsten Tassen besetzten Tisch sich herumschwang, als er gegen den bis zum Boden reichenden Spiegel manövrierte, als er selbst einen Blumentopf von herrlich gemaltem Porzellan ergriff und in der Luft herumschwenkte, als ob er die Farben spielen lassen wolle. Ueberhaupt besah Krespel vor Tische alles in des Professors Zimmer auf das genaueste, er langte sich auch wohl, auf den gepolsterten Stuhl steigend, ein Bill> von der Wand herab und hing es wieder auf. Dabei sprach er viel und heftig, bald (bei Tische wurde es ausfallend) sprang er schnell von einer Sache auf die andere, bald tonnte er von einer Idee gar nicht lostommen; immer sie wieder ergreifend, geriet er in allerlei wunderliche Jrrgänge und konnte sich nicht wiederfinden, bis ihn etwas anders erfaßte. Sein Ton war bald rauh und heftig schreiend, bald leise gedehnt, singend, aber immer paßte er nicht zu dem, was Krespel sprach. Es war von Musik die Rede, man rühmte einen neuen Komponisten, da lächelte Krespel und sprach mit feiner leisen singenden Stimme:Wollt' ich doch, daß der schwarzgesiederte Satan den verruchten Tonverdreher zehn­tausend Millionen Klafter tief in den Abgrund der Hölle schlüge!" Dann fuhr er heftig und wild heraus:Sie ist ein Engel des Himmels, nichts als reiner, Gott geweihter Klang und Ton! Licht und Stern­bild alles Gesanges!" Und dabei standen ihm Tränen in den Augen. Man mußte sich erinnern, daß vor einer Stunde von einer berühmten Sängerin gesprochen worden. Es wurde ein Hasenbraten verzehrt; ich bemerkte, daß Krespel die Knochen auf feinem Teller vom Fleische sorglich säuberte und genaue Nachfrage nach den Hafenpfoten hielt, die ihm des Professors fünfjähriges Mädchen mit sehr freundlichem Lächeln brachte. Die Kinder hatten überhaupt den Rat schon während des Essens sehr freundlich angeblickt, jetzt standen sie auf und nahten sich ihm, jedoch in scheuer Ehrfurcht und nur auf drei Schritte.Was soll denn das werden?" dachte ich im Innern. Das Dessert wurde aufge-