Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1952
Montag, den 2. Mai
Nummer 5H
Tlachtgefühl.
Von Will Scheller.
Die Welt ist hingeschieden Mit Stadt und Land In einen milden Frieden. Der aoldne Brand Des Tages ist verglommen. Die Nacht ist nun Mit Sternen angekommen. Die Menschen ruhn.
Die Welt schloß ihre Düren. Bon Kampf und Not Ist nichts mehr zu verspüren. Der Mond ist rot.
Im Falten meiner Hände Ich warte nur. Bis mich ein Traum befände. Lang schlägt die Uhr.
Gelöst für ein« Weile Das Leben fliegt Im Dunkel sonder Eile So hingewiegt.
Durchs Fenster schweift ein Wehen, Ein holder Hauche
„Es kann dir nichts geschehen .." Und ruht nun auch.
Nie pariser.
Roman von Alfred B o <f.
I.
Im tiefen Schweigen der Nacht hörte man auf dem Kirchenplatz nur das gleichmäßige Dicken der Turmuhr. Am Himmel glitzerten die Sterne. Aus dem Halbdunkel traten die Umrisse der kleinen Zisterzienserkirche hervor, die sich als ehrwürdiger Rest eines längst entschwundenen Klosters durch die Jahrhunderte hindurch erhalten hatte. Droben in dem ungestal- ten, wehrhaften Turin, der viel später erst dem Gotteshaus hinzugefügt morden war, begann das Uhrwerk zu rasseln. Gleich danach schlug der Hammer auf die Glocke, zehnmal hintereinander. Die hellen, harten Löne flogen über das Dorf. Kaum, daß der letzte Hall verklungen war, tauchte der alte Hannbalzer auf, faßte vor der Kirchentür Posta imö blies zehnmal in sein Horn. Darauf sprach er vor sich hin:
„Teilt's euch!"
Mit diesem „Teilt's euch" hatte es seine besondere Bewandtnis. Als Nachtwächter war der Alte angewiesen, allstündlich an fünf verschiedenen Stellen des Dorfs zu hörnen. Fünfzehii Jahre lang hatte er fern« Schuldig' keit getan. Seit er die Sechzig überschritten, feit seine Augen trüb und feine Beine schwach geworden waren, beschränkte er sich auf den hoch gelegenen Kirchenplatz und ließ dem Hornruf sein „Teilt s euch folgen. Der Bürqerineister ivußte von dieser Pflichtwidrigkeit, doch druckte er ein.Auge zu, weil der Hannbalzer zu denen gehörte, die ihm zweimal bei der B'iirgermeisterwah! ihre Stimme gegeben hatten.
Es war in den ersten Tagen des Oktober. Anhaltendes trockeiies Wetter hatte die Herbstsaat verzögert. Jetzt, da der Boden von reiclstichem Regen durchfeuchtet war, drängte sich die Arbeit zusammen, 'Noch waren »oyl- rabi, Weißkraut und Dickwurzeln einzubringen, die Aecker muhten ge Zackert werden, und mancher Buckel wurde naß und wieder trotfen. Sret Helfer hat der Bauersinann in seinem mühevollen Berufe: Muskelstarke, Ausdauer und einen ausgepichten Magen. In aller Frühe steht er aus, geht mit den Hühnern zur Ruhe und schläft wie ein Murme tier.
Jin Unterdorf, wo die Pariser wohnten, hielt heute nacht das Honig kochen die Spinnstubenkameradschaft wach. Burschen und Mädchen war eil im Siedhaus der Spechtsmarie um einen mächtigen, dampfenden «ehei oersaiuinelt, und der Honigrührer ging von Hand zu Hand. Einzig der Buschur (gebildet aus bon jour) aus der Klostergasse tat nicht mit und passte vor sich hin. Als ihn das Markatchen anranzte: „Du Faulenzer seist nnserin Herrgott sein Garnaut (Garnichts)! grinste er sie an und sang:
„Ei du schöne Klapperschlange, Du hast mir mein Herz gefange, Liegst mir alssort in der Haut« Wie die Wurst im Sauerkraut."
Die Mäfchen quiekten vor Pläsier, und die Burschen lachten, daß sich die Balken bogen.
Im Oberdorf war's maiisstill und stockfinster. Rur aus der Amtsstube des Bürgerineifters Melchior Wallenfels fiel ein heller Schein auf di« Straß«. Der Dvrfgewaltige faß an seinem Schreibtisch, den Graukopf über das Grundbuch gebeugt. Der Stössel (Christoph) im Stümpcheseck hatte seinen Sohn verheiratet und wollte den jungen Leuten seiil Gut übergeben. Dem Biirgermeister als Ortsgerichtsmann lag ob, den Auszug zu fertigen. Die Sache pressierte, aber die Arbeit rückte nicht voran. Drei Bogen hatte er bereits verkratzt. Aergerlich warf er das Schreibwerk hin. Kreuzmillionendonnerwetter! Die Schrunden an seinen Händen juckten und brannten, 's war, um aus der Haut zu fahren. Seine Frau hatte die Risse mit süßem Rahm bestrichen. Danach waren die Schmerzen erträglich gewesen, jetzt plagten sie ihn aufs neue. Der Schiwwerküsper (Schieserkasparf hatte ihn, gestern empfohlen, er solle einen Maulwurf lebendig fangen und zwischen den Händen zerdrücken. Dann würden die Wunden verharsck)«n. Um ein Haar, und er hätte den Quacksalber zur Tür hinausgeworfen. Er hatte wahrhastig mehr zu tun, als sich solch dummes Zeug in die Ohren blasen zu lassen. Und die Schrunden allein waren's, offen gestanden, nicht, die ihn heut abend so zwatzelich machten. Die schweren Gedanken waren's. Die brachten ihn ganz durcheinander. Bald sollte die Entscheidung fallen, ob er nach achtzehn Jahren noch das Vertrauen der Gemeinde besaß, ob er zum drittenmal bei der Bürgermeistermahl als Sieger das Feld behaupten würde. Er hatte viele Feind«. Und am gefährlichsten waren die, die im Verborgenen gegen ihn hetzten. Im Unterdorf die Pariser hatten einen Pik aus ihn. Zuerst hatten fie dem Spechtskarl die Kandidatur angetragen. Der hatte abgelehnt, weil, er mit seiner, des Bürgermeisters, Annegret ging. Der Spechtskarl hatte eine gewichste Nase und ließ die gute Partie nicht fahren. Später hieß es, sie hätten den langen Filsinger aus der Mittelgasse aufgestellt, den Einfaltspinsel, den Zwetschenpfisser! Dann gewann's wieder den Anschein, als sei's bloß ein Strohmann, den sie vorschieben wollten. Er hatte seine Kundschafter, doch die erfuhren so gut wie nichts, denn die Pariser spielten unter einem Hütchen und hielten zusammen wie die Kletten. Manchmal fuhr's ihm durch den Kops: Sollte der Spechtskarl am Ende ein Heimduckser, ein Doppelzüngiger sein, vor dem man aus der Hut sein mußte? Dann schalt er sich selber, weil er alles durch die Angstbrille sah. Der Spechtskarl war kein Dreckkneter, durch den guckte man durch und durch. Freilich, wie die Wahl verlaufen würde, konnte niemand sagen. 'Noch hatte er Freunde genug, die auf seiner Mühle mahlten. Zweimal hatten sie ihn durchgedrückt. Warum sollt's nicht zum drittenmal geraten?
Er erhob sich und ging in der Stube aus und ab. Unter seinen schweren Schritten knarrten die Dielen. Plötzlich blieb er stehen und horchte auf. War's ihm doch als habe draußen jemand gerufen:
„Bürgermeister! Bürgermeister!"
Vergangene Nacht hatte die Scheck sich losgerissen, die erst kürzlich eingestellt worden war. Die Bläß nebenan hatte es mit ängstlichem Brüllen gemeldet. Darüber war der Knecht wach geworden. Die Scheck war ein schönes Stück Vieh, Simmentaler Kreuzung, aber merkwürdig unruhig. Vielleicht, daß im Stall etwas passiert mar. Jetzt riefe wieder. Ganz deutlich.
„Bürgermeister! Bürgermeister!" Krach auch! Das kam nicht vom Hof, das kam von der Straße her. Und war ber Stimme nach ein Weibsmensch.
Er öffnete das Fenster, das nach der Straße zu ging und rief hinaus« „Wer is da?"
„Ich, die Pfarrerin", klang's von unten herauf.
„Die Pärnerjche (die Pfarrersfrau)?" «ntfuhr's ihm.
„Ja, Biirgermeister. Ihr müßt mir helfen."
„Wann ich kann, recht gern."
„Mein Mann hat diesen Nachmittag eine Kindtaufe in Wingertshain gehabt und ist noch nicht zurück."
„!)!och net zurück? Is der Herr Parrer dann di« Chcrusse« enabber gemacht oder durch den Wald?"
„Das weiß ich nicht. Meist nimmt er den kürzeren Weg durch den Wald. Um sechs wollt er wieder hier sein. Und geht aus elf. Ich bin in Todesangst. Seit er im Frühjahr an Rheumatismus gelegen hat, macht ihm jein Herz zu schaffen. Wenn ihm nur nichts zugestoßen ist."
„Das wollen mir net hoffen. Ich komm' eraus."
Er setzte die Patschkappe auf und verließ die Stube. Gleich darauf stand er der zitternden alten Frau gegenüber, die er um Haupteslänge überragte.
„'s ist de best", sprach er ruhig, „wann die Frau Parrer heimgeht. Man muß net gleich das Schlimmste denken. Der Herr Parrer hat sich am End' verspät' oder is irr gangen in dere Dunkelung. Ich werd'» schon ausmachen."
„Großen Dank, Bürgermeister!" '
„Keine Urfad)."
„Seid so gut und schickt mir gleich Nachricht.
„Tutswitt." (Sofort, lout de suite.)


