SietzeimZamilieiibliitter
Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger
Jahrgang 193(
Freitag, den ZV. Oktober
Nummer 85
Trinklied.
Volksweise.
So trinken wir alle Diesen Wein mit Schalle! Dieser Wein für ander Wein Ist aller Wein ein Fürste; Trink, mein lieber Dieterlein, So wird dich nimmer dürsten: Trinks gar aus!
Ein Neiglein noch drin ist. Du ein fauler Zecher bist; Heb hinten über sich das Glas, So laufet es dir mehr und baß; Trink, mein lieber Dieterlein, Laß dir schmecken den kühlen Wein: Trinks gar aus!
Einladung zu Tisch.
Von Luigi P i r a n d e 11 o.
„Wird es reichen? Wird es nicht reichen?" so fragten sich die drei Schwestern Santa, Lisa und Angelika Borgianni, die seit zwei Tagen in der Küche damit beschäftigt waren, ein üppiges Mittagsmahl vorzubereiten. Alle drei Schwestern, vollbusig und breit in den Hüften, wie sie waren, wetteiferten mit ihren Brüdern an riesiger Körpergröße und herkulischer Kraft.
„Die Familie Borgianni: acht Säulen!" pflegte Mauro, der Jüngste der ganzen Familie, zu sagen.
Drei Schwestern also und dazu fünf Briider: Rosario, Nicola, Tita, Luca und Mauro, nach dem Alter geordnet.
*
Das Mittagessen schien mindestens für dreißig Gäste zu sein; eingeladen war aber nur ein einziger, und man kannte ihn nicht einmal. Man wußte nur, daß er am nächsten Tage von Comitini ankommen würde, und daß man ihm dieses Essen schuldig war als Zeichen der Dankbarkeit, denn seit vierzehn Tagen hatte sich Bruder Luca bei dem Manne
verborgen gehalten.
Hatte Luca jemanden umgebracht? Ja ... das heißt nein — aber bei
nahe. Folgendes war passiert:
Luca Borgianni hatte den Bau der Straße zwischen Favara und Naro in Pacht genommen. Eines Abends, nach Schluß der Arbeit, als er nach Hause ritt, bemerkte er an einem bestimmten Punkt des Weges einen Schatten, der sich bedrohlich von dem'mondbeschienenen Kies der Straße abhob. Kein Zweifel, dort stand jemand, in eine große Kapuze gehüllt, zum Glück hatte Luca den Mann, oder besser gesagt: die Kapuze entdeckt.
„Wer ist dort?"
Keine Antwort.
„Ich zähle bis drei! Antworte Der Schatten rührt sich nicht.
oder mach' dein Kreuz! Eins!"
„Zwei!"
Der Schatten dort regungslos. Stille. Nur das Zirpen einer Grille.
„Drei!"
Und ein Schuß. Irgend etwas war in die Luft geflogen! Luca aber auf und davon! Atemlos war er zu Hause eingetroffen. Die Brüder und Schwestern hatten ihn umringt.
„Versteckt mich! Versteckt mich! Ich habe einen umgebracht ... mit dem Gewehr ... versteckt mich!"
Nach sechzehn Tagen angstvoller Erwartung war es schließlich her- ausgekommen, daß ein Bauer, der in dieser Gegend arbeitete, einen Meilenstein an der Straße zum Aushängen seines Mantels benutzt hatte. Am Abend war er in das Dorf zurückgekehrt und hatte den Mantel
vergessen.
Für das Essen also war schon am Abend vorher alles vorbereitet. Auf der langen Tafel inmitten des Zimmers standen: in einer großen Pfanne ein zartes Schweinchen, mit Lorbeer bekränzt, mit Makkaroni gefüllt, es brauchte nur in die Röhre geschoben 311 werden; dann sieben sauber ab- gehäutete Hasen, mit Krammetsvögeln garniert —- die Jagdbeute von Mauro; zwei fettbrüftige Truthähne; Kaldaunen; Sülze von Kalbsfüßen; ein riesiger Fisch; eine ungeheure Pastete, dazu ein Regiment von Flaschen und ein Berg von Früchten.
„Wird es reichen? Oder wird es nicht reichen?"
Tita sagte: es wird reichen, Mauro sagte: nein, und er rechnete vor^ „Wir sind acht, mit dem Eingeladenen neun; der Diener und die Magd macht eit Gott sei Dank, jeder von uns ißt für vier, also ..
„Sei ohne Sorge, der Eingeladene wird schon nicht Hunger leiben", versicherte Tita.
„Musik! Musik!" rief in diesem Augenblick Angelika, als zum Glück eine Serenade von Mandolinen und Gitarren von der Straße unten ertönte, und zog die Schwestern zum Tanz. Die andern folgten ihrem Beispiel. Lisa warf sich in Titas Arme, Rosario schwenkte Nicola und Mauro, übrig geblieben, tanzte mit dem Hafen los, dessen Ohren melan» cholisch hin und her baumelten.
*
Bei der Ankunft Lucas (er war die höchste Säule der ganzen Familie) gab es ein lebhaftes Händeschütteln, Umarmen und Küssen, und keiner der Riesen achtete anfangs auf das mitgekommene kleine Männchen, das in feinem ungeheueren Mantel versank. Zwischen den acht Kolossen verschwand der Aermste ganz — denn mitsamt seinem Hut reichte er Lisa, der „Kleinsten", noch nicht einmal bis zu den Schultern.
Schließlich erinnerte sich Luca des Mitgekommenen.
„Hier stelle ich euch Don Diego Filinia vor, genannt Schiribillo", sagte er lachend und legte ihm mit Gönnermiene eine Hand auf die Schulter.
„Gott, wie klein er ist!" riefen im Chor die drei Schwestern, als sie ihn entdeckt hatten.
Alle betrachteten ihn voll tiefster Teilnahme, wie er so dastand, mit seinem kahlen, glänzenden, großen Schädel; und keiner wußte ihm ein Wort zu sagen. War das eine Enttäuschung! Das war der Eingeladene? Ja, hätte man das früher gewußt!!
Während man darauf wartete, zu Tisch gerufen zu werden, begannen Nofario und Nicola mit dem Gast ein Gespräch über die Ernteaussichten. Don Diego ergab sich dabei demütig in Gottes Hand. Aber diese Ergebung brachte Nicola ganz aus dem Häuschen. „Was heißt das! Männerarme braucht es für die Erde ... solche —", und er zeigte Don Diego feine herkulischen Arme, die gewohnt waren, die Erde zu bearbeiten.
„Und seht die hier, wenn sie auch schon alt und müde sind", sagte Rosario, und hielt ihm seine Arme unter die Nase.
Jetzt wollten auch Tita und Mauro ihre Arme zeigen und krempelten sich die Aermel hoch. Der arme Diego sah unter seiner Nase acht nervige Arme — stark genug, acht Ochsen zu fällen. „Ich sehe ... ja, ich sehe schon ...", sagte er und lächelte bewundernd und erschrocken.
»Faßt sie nur an!" luden die Brüder ein. Don Diego tupfte mit zitternden Fingern ganz schüchtern auf die Arme, während feine andere Hand das Taschentuch zur Nase führte, damit nicht etwa ein Tröpfchen daraus auf die Arme falle.
„Zu Tisch!" verkündete jetzt mit fünfter Stimme Santa.
„Schiribillo, zu Tisch!" rief Mauro. „Ihr werdet so viel essen, daß Ihr nicht mehr zur Tür herauskommt; Ihr sollt sehen, Ihr wachst noch!"
„Ich habe nur sehr wenig Appetit", beugte Don Diego vor, auf alle Fälle.
Der Gast nahm zwischen Rosario und Nicola Platz. Die acht Bor- giannis, kaum daß sie saßen, füllten die großen Wassergläser mit Wein. „Zum Kreuzemachen" sagte Rosario feierlich, und sie leerten die Gläser auf einen Zug.
„Trinkt Ihr nicht, Don Diego?" fragte Tita.
„Danke, vor dem Essen nie", entschuldigte sich schüchtern der Gast.
„Los, trinkt, das regt den Appetit an", drängte Nicola und drückte ihm das Glas in die Hand.
„Ich kann nicht ... danke, danke, ich kann wirklich nicht ..."
Jetzt erhob sich Mauro von seinem Stuhl: „Ich will ihn zur Vernunft bringen, paßt auf!" Mit einer Hand faßte er das Glas, mit der andern Don Diegos Kopf, und mit den Worten: „Zum Wohl!" schüttete er das Glas in den Mund des Aermsten, der sich verzweifelt sträubte.
„Ach mein Gott, seufzte Don Diego halb erstickt, die Augen voller Tränen, und wischte sich den Schweiß von der Stirn, während der ganze Tisch sich vor Lachen bog.
Jetzt tarn das gefüllte Schweinchen auf den Tisch. Rosario stand auf und zerlegte es. Das größte Stück bekam Don Diego.
„Zu viel ... viel zu viel", wehrte er ab.
„Ach was ... fangt nur nicht so an!" schrie Mauro und stand wieder von seinem Stuhl auf. Don Diego fuhr zusammen, beugte sich über seinen Teller und fing still zu essen an. Schweigend aßen alle diesen ersten Gang. Nur wenn der Geladene Miene machte, heimlich feine Gabel hin- zulegen, schrien die Kolosse ihm zu: „Eßt, eßt auf bis zum letzten Bissen!"
„Jetzt ist es mir aber wirklich unmöglich, noch etwas anderes herunterzubringen". erklärte Don Diego mit dem letzten Rest von Energie, nachdem er unter einem tiefen Seufzer der Erleichterung aufgegejjeii hatte.
„Wofür haltet Ihr uns denn?" ereiferte sich jetzt Tita. „Glaubt Ihr denn, wir laden für einen Gang ein? Ihr habt zu essen und Cure


