Pflicht zu tun, wir haben uns erkenntlich zu zeigen. Jetzt kommt die Jagdbeute von Mauro auf den Tisch!"
Ein Hase und fünf Krammetsvögel für mich!" rief entsetzt Don Diego, „ein Ding der Unmöglichkeit ... wo soll ich denn einen ganzen Hasen hinessen?"
„Ich habe Euch so wie so schon nur fünf Krammetsvögel aufgetan ...
„Als Beilage! Da müßt ich ja ein Wolf feinl Ich werde nur die Bögel essen!"
„Los!" schrie nun Mauro und schwang ein Hasenbein, an dem er eben nagte; „für Euch habe ich auf der Jagd meine Knochen riskiert. Wenn Ihr nicht alles aufeßt, nehme ich's als persönliche Beleidigung."
„Um Himmels Willen, regen Sie sich nur nicht auf! Ich will's ja versuchen!"
Er aß ... und in dicken Tropfen trat ihm der Angstschweiß auf die Stirn. Einen Moment wagte er es, von seinem Teller aufzusehen: da faßen die acht Dämonen der Hölle und gossen unaufhörlich Wein in sich hinein!
Und der arme Don Diego empfahl im tiefsten Innern seine Seele Gott dem Barmherzigen! ...
Das Mahl nahm kein Ende. Welch ausgesuchte Grausamkeit war das, würdig eines Nero! Am liebsten hätte Don Diego sich aus Verzweiflung auf die Erde geworfen; aber er hatte nicht einmal mehr die Kraft, [einen Teller wegzurücken. Vor feinen Augen begannen die Gedecke, Gläser, Flaschen zu tanzen; in seinen Ohren dröhnte es — die acht Borgiannis aber, schon betrunken, schrien und tobten wie die Besessenen und beschimpften sich gegenseitig. Kaum daß Don Diego den Teller ein wenig zur Seite rückte, sprangen die acht Riesen auf, die Tischmesser in den Fäusten: „Eßt! Für Euch haben wir's uns etwas kosten lassen!"
Jetzt aber drohten Don Diego die Sinne zu schwinden: vor ihm auf dem Tisch erschien etwas Riesenhaftes, so groß wie ein Mühlstein! Das war zu viel! Er wollte fliehen — vergebens! Der Schreck lähmte ihm alle Glieder. Rosario erhob sich jetzt in feiner ganzen Länge, das Tranchiermesser in der Hand, Don Diego schien es, als berührte der Riese mit dem Kopf die Decke, als hielte er ein Richtschwert in der Hand:
„Die Hälfte für Don Diego!" rief Rosario und zerteilte die ungeheure Pastete (fie war es, die dem Aermsten wie ein Mühlstein erschienen war) in zwei Hälften.
„Die andere Hälfte für die Nachbarschaft", schlug Angelika vor.
„Und wir?" fragte Mauro. „Für uns nichts? Ich will meinen Teil haben ... ich nehme mir ihn «einfach jetzt mit Gewalt!" Und Mauro stand auf und streckte die Hand nach der Pastete aus.
Aber Luca war schneller: er ergriff die Pastete und, gefolgt von der ganzen Familie, unter allgemeinem Geschrei, Hin- und Herzerren und Knuffen, wollte er die Pastete zum Fenster hinauswerfen. Eine wüste Keilerei entstand; es regnete Püffe und Ohrfeigen, sie kratzten sich, zerschlugen Stühle, zertrümmerten Flaschen, Gläser und Teller und in Strömen floß der Wein über das Tischtuch. Eine Hölle von Spektakel! Endlich sprang Rosario auf einen Stuhl und rief mit mächtiger Stimme:
„Schämen sollten wir uns! Ist das ein Benehmen? Wir haben doch einen Gast zu Tisch!" Dieser Zuruf wirkte Wunder! Er brachte die Wütenden plötzlich zur Besinnung. Der Gast! Aber wo war er? Hatte er sich verkrümelt?
Aus dem Stuhl lag der Mantel, unter dem Tisch stand ein Paar Schuhe ... auf Strümpfen hatte sich der Unglückliche auf und davon gemacht. —
„Schließlich", sagten kurz darauf die Borgiannnis, nachdem fie sich wieder gesetzt hatten, „schließlich ist doch alles ausgezeichnet gegangen ... bis auf den Gang mit den Früchten."
(Slutorifierte Übersetzung von Dr. Leonhard von Herzet.)
Oer Kollege.
Merkwürdiges Erlebnis eines deulfchen Dichters.
Von Rudolf G. Binding.
Rudolf G. Bindings Stellung in der neuen deutschen Literatur wird u. a. gekennzeichnet durch die Erzählungen „Legenden der Zeit", „Die Geige", „Unsterblichkeit", „Die Keuschheitslegende", die Gedichtbände „Stolz und Trauer" und „Tage", die Briefe und Tagebücher „Aus dem Kriege", und die Autobiographie „Erlebtes Leben". — Der Dichter ist in dem kleinen hessischen Ort Buchschlag bei Frankfurt am Main ansässig.
Ein Mann, der aussah, als wollte er mir eine Glasversicherung an- bieten, stand unlängst eines Morgens vor der Tür meines Hauses, als ich fie öffnete, um zum Bahnhof zu gehen. Ich bewohne ein kleines Landhaus in einem Vorort und wollte in die Stadt zu allerhand Zwecken.
„Kann ich wohl Herrn Binding sprechen?" fragte in gutmütigem Tonfall mit einem Anflug von Dialekt in der Stimme der Mann, wobei er mich freundlich und besitzergreifend betrachtete.
„Das können Sie leider nicht", sagte ich, während die Haustür hinter mir zufiel und ich im Innern eine Versicherung ablehnte. „Wie Sie sehen, muh ich zur Bahn." Bei diesen Warten fühlte ich mich durch einen Pack Briefe und Schriftstücke legitimiert, die ich unter dem Arm trug.
Er strahlte mich geradezu an; offenbar gefiel ich ihm. „Das ist ja großartig", sagte der Mann. „Großartig —! Da gehe ich mit! Da genn iner noch ene Dasse Kaffee hinterher drinken!" Hierbei setzte er sich sofort mit mir in Bewegung.
„Wissen Sie", begann er nach einer Anzahl von Schritten in unverminderter Freundlichkeit und Aufgeräumtheit wieder", — ich mache nämlich auch solche Sachen wie Sie —. Und da wollte ich einmal ..., nämlich Schulz ist doch so begeistert von Ihnen ... Sie kennen doch Schulz? Schulz von der Neu-I?"
„Nein!" sagte ich, „ich kenne zwar nur wenige Schulze, aber selbst unter den wenigen ist Ihrer nicht."
„Na, das macht ja nun nichts", meinte er. — „Jedenfalls wollte ich mich einmal ausgiebig ..., ich wollte mich einmal richtig mit Ihnen über die Dinge unterhalten!"
„So", sagte ich, „also über Ihre und meine Dinge? — Oder über was? — Da Sie sagen, Sie machen auch solche Sachen wie ich, kennen Sie also meine Sachen."
„Nein", sagte er. „Ich kenne nichts ... Ich kenne gar nichts ... „Ueberhaupt — na ..., Schulz war eben nur so begeistert von Ihnen. —"
„Wissen Sie — Ich will Ihnen mal etwas sagen: ich mache ja auch noch etwas anderes. Ich wohne in Z. und Schulz, der ist mit mir befreundet unii arbeitet gerade an einem Verfahren für die synthetische Herstellung des Smaragds. Großartig, sage ich Ihnen. So gut wie sicher! Wenn Sie Smaragden haben —und er schaute auf die Aufschläge meines Hemdes um meine Handgelenke, wo sich freilich keine Smaragden zeigten, und machte eine Bewegung bedenklich und wegwerfend. — „Nö, wissen Sie", sagte er bann zurückkehrend, „ich wollte mich einmal eingehend über Lyrik mit Ihnen unterhalten."
Unterdessen hatten wir den kurzen Weg zum Bahnhof zurückgelegt und standen auf dem Bahnsteig. Der Zug hatte einige Minuten Verspätung.
„Da wäre es doch am besten. Sie zeigten mir etwas von Ihren Sachen", sage ich. „Ich kenne nämlich auch nichts von Ihnen."
„I, wie sollten Sie auch", sagte er gütig; und 'zugleich zückte er ein kleines gedrucktes Büchlein auf mich, das er seinem Innersten zu entreißen schien; kompromittierend braun und von gleichem Umfang wie der deutsche Reisepaß.
Er unterbrach plötzlich diese rasche Bewegung. „Hier", sagte er und schlug höflich das Titelblatt auf, um mir bann das Heftchen wie einen Ausweis hinzuhalten. „Nein, warten Sie! Ich schlage Ihnen gleich eins auf. Da! Die Sirene!" — aus welchem Poem ich bann mit Freuben ersah, baß:
Auf einer Burg am Saalestranbe
Erschien in schöner Frühlingszeit — Wie eine Fee aus Märchenlanbe Ein Mädchen voller Lieblichkeit.
Ich fühlte mich aufs schönste angeschillert, und als
Ein schmucker Forstmann sie verehrte Und bot ihr freudig Herz und Hand. Wie fie sich auch dagegen wehrte. Das Schicksal ihn mit ihr verband, bestieg ich mit meinem Kollegen, der mir alle Zeit ließ, mich zu vertiefen, den Zug. „Dem Kobold gleich, im Pagenkleide, durchstreift die Schöne Busch und Wald, da:
... Wie in einem Höllenschlunde Verschwunden ist das Elfenkind. Sirene! hallt's vorn Waldesgrunbe, Sirene! klagt ber Abendwinb. —
Obgleich nach ber Sirene, die mich erschütterte, es vielleicht nicht nötig gewesen wäre, las ich, um nichts zu sagen, bis ber Zug in ben Bahnhof ber Stabt einfuhr. Etliche angesehene Herren hatten, wie bas Vorwort bankend verriet, die Arbeit in selbstloser Weise gefördert und unter den Mitgliedern der „Eintracht" verbreitet.
Als ich dem Dichter beim Aussteigen das Buch schweigend zurückgeben wollte, erbot er sich, mir eine Widmung hineinzuschreiben. Um das zu verhindern, steckte ich es in die Tasche. „Was sagt denn Schulz zu den Gedichten?" fragte ich, da mir nichts einfiel, was sich Überhaupt dazu hätte sagen lassen.
„Na! Der war eben so begeistert von Ihnen." (Ich begriff auf einmal Herrn Schulz.) „Haben Sie eigentlich nichts von sich da?" fuhr er fort, „ich möchte doch nun auch etwas von Ihnen lesen." — „Nein", sagte ich, „da müssen Sie schon in eine Buchhandlung gehen."
„Ach so", sagte er, „die Sachen kann man kaufen?"
Wir waren aus dem Bahnhof herausgetreten. Ich fand, baß ich mich in einer ganz ungerechtfertigten Ueberlegenheit befände und hielt ihm zum Abschied die Hand hin. „Nu, nee!" sagte er, „jetzt drinken Se doch ene Dasse Kaffee mit mir in meim Hotel!" Dabei blickte er mich freundlich und überredend an.
„Nein", sagte ich, „Kaffee um halb elf Uhr vormittags — und wenn es mit Ihnen wäre — unmöglich."
Er schien den Gedanken mit Betrübnis aufzugeben. Plötzlich aber legte er mir, obwohl er erheblich kleiner war als ich, kollegial die Hand auf die Schulter. „In vier Wochen, das sehe ich schon jetzt, sind wir die besten Freunde!" sagte er. „Ich bin sehr begierig! Oder sind Sie etwa einer von ben ganz Neuen? Denn bas will ich Ihnen sagen: bas ist Mist, bas ist Wahnsinn." Und zu meinem grenzenlosen Erstaunen zitierte mir dieser Mann, völlig fehlerfrei und ohne sich zu besinnen, ein Gedicht von Paul Zech, das er in einer der letzten Nummern der „Woche" gelesen hatte.
„Nun sagen Sie selber", fuhr er fort, „bas ist boch Wahnsinn!" Ich. kannte bas Gebicht unb gestand, daß es mir nicht gerade gefalle; aber es sei zum mindesten sehr viel eigener und phantasievoller als seine.
„Ach was", sagte er plötzlich fest und mannhaft. „Goethe, Schiller, Eichendorfs! Daran halte ich mich."
„Nun", sagte ich, „man könnte, wenn Sie so wollen, sich auch noch an andere halten; z. B. Mörike ..."
„Was", rief er aus, „Mörike hat ganz gute Sachen gemacht. — Ader anderes! z. B. Die Schwestern?" und er zitierte jene Schlußverse, wo die Liebe ber Schwestern, bie alles gemeinsam hatten, alles teilten, enbet:
O Schwestern zwei, ihr schönen, Wie hat sich bas Blättchen geroenb’t! Ihr liebtet einerlei Liebchen — Unb jetzt hat bas Liebel ein Enb


