nun bei dem Jüngern, der schon im Entwurf ganz verzagt von dem Bilde abgelassen, hätte 6er Aeltere ihn nicht unablässig ermuntert und guten Rat erteilt. Als sie nun zu malen begannen, wußte der Jüngere, ein Meister in der Kunst der Farbe, dagegen dem Aeltern manchen Wink zu geben, den dieser mit tüchtigem Erfolg benutzte, so daß der Jüngere nie ein Bild besser gezeichnet, der Aeltere nie ein Bild besser gefärbt hatte.. Als die Gemälde vollendet waren, fielen sich beide Meister in die Arme, jeder war innig erfreut, entzückt über die Arbeit des andern, jeder dem andern den wacker verdienten Preis zuerkennend. Es begab sich aber, daß der Jüngere den Preis erhielt; da rief er ganz beschämt:0 wie konnte ich denn den Preis erringen, was ist mein Verdienst gegen das meines Freundes, wie hätte ich denn nur ohne feinen Rat, ohne feinen martern Beistand etwas Tüchtiges hervorbringen können?" Da sprach aber der Aeltere:Und hast du mir denn nicht auch beigestanden mit tüchtigem Rat? Mein Gemälde ist- wohl auch nichts Schlechtes, aber du hast den Preis davongetragen, wie sich's gebührt. Nach gleichem Ziel zu streben, warter und offen, das ist recht Freundes Sache; der Lorbeer, den der Sieger erhält, ehrt auch den Besiegten; ich liebe dich nun noch mehr, Da du so tapfer gerungen und mit deinem Siege mir auch Ruhm und Ehre gebracht hast. Nicht wahr, Friedrich, der Maler hatte recht? Wacker, ohne allen türtischen Hinterhalt um gleichen Preis ringen, sollte Das wahre Freunde nicht nort) mehr, recht aus der Tiefe des Herzens einigen, statt sie zu entzweien? Sollte in edlen Gemütern wohl kleinlicher Dleiö oder gar hämischer Haß Raum finden können?"Niemals", er­widerte Friedrich,gewiß niemals. Wir sind nun recht liebende Brüder geworden, in kurzer Zeit fertigen wir beide wohl das Nürnberger Meister­stück, ein tüchtiges zweifudriges Faß, ohne Feuer getrieben, aber der Himmel mag mich davor bewahren, daß ich auch nur den kleinsten Neid ipüren sollte, wenn das deinige, lieber Bruder Reinhold, besser gerät als das meinige."Ha, ha, ha", lachte Reinhold laut auf,geh mir mit deinem Meisterstück, das wirst du schon fertigen, zur Lust aller tüch­tigen Küper. Und daß du's nur weißt, was das Berechnen der Größe, Oer Proportion, das Abzirkeln der hübschen Rundung betrifft, da findest Ou an mir deinen Mann. Auch in Ansehung des Holzes kannst du dich auf mich verlassen. Stabholz von im Winter gefällten Steineichen, ohne Wurmstich, ohne weiße oder rote Streifen, ohne Flammen, das suchen wir aus, du kannst meinem Auge trauen. Ich stehe dir in allem bei mit Rat und Tat. Und darum soll mein Meisterstück nicht geringer ausfallen." Aber du Herr im Himmelsthrone", unterbrach hier Friedrich den Freund,was schwatzen wir denn davon, wer das beste Meisterstück wachen soll? Sind wir denn im Streit deshalb? Das beste Meister­stück um Rosa zu verdienen! Wie kommen wir denn darauf? mir schwindelt's im Kopfe."Ei, Bruder", rief Reinhold immer noch lachend,an Rosa war ja gar nicht gedacht. Du bist ein Träumer. Komm nur, daß wir endlich die Stadt erreichen." Friedrich raffte sich auf und wanderte ganz verwirrten Sinnes weiter. Als sie im Wirtshaus sich wuschen und abftäubten, sprach Reinhold zu Friedrich:Eigentlich weiß ich für meinen Teil gar nicht, bei welchem Meister ich in Arbeit gehen soll, es fehlt mir hier an aller Bekanntfchaft, und da dächt' ich, du nähmst mich nur gleich mit zum Meister Martin, lieber Bruder! Vielleicht ge­lingt es mir, bei ihm anzukommen."Du nimmst mir", erwiderte Friedrich,eine schwere Last vom Herzen, denn, wenn du bei mir bleibst, wird es mir leichter werden, meine Angst, meine Beklommenheit zu be- Iiegen." So schritten nun beide junge Gesellen rüstig fort und dem Hause

>es berühmten Küpers Meister Martin. Es war gerade der Sonntag, an dem Meister Martin seinen Kerzenmeister-Schmaus g->b, und hohe Mittagszeit. So kam es, daß, als Reinhold und Fried: ; in Martins Haus hineintraten, ihnen Gläsergeklirr und das verwirrte Getöse einer luftigen Tischgesellschaft entgegentiang.Ach", sprach Friedrich ganz klein­mütig,da sind wir wohl Zur unrechten Stunde gekommen."Ich denke", erwiderte Reinhold,gerade zur rechten, denn beim frohen Mahl Ist Meister Martin gewiß guter Dinge und aufgelegt, unsere Wünsche zu erfüllen." Bald trat auch Meister Martin, dem sie hatten sich ankün- Digen lassen, in festlichen Kleidern angetan, mit nicht geringer Glut auf Naf und Wange heraus auf den Flur. Sowie er Friedrich gewahrte, rief er laut:Sieh da, Friedrich! Guter Junge, bist du wieder heimgekom­men? Das ist brav! Und hast dich auch zu dem hochherrlichen Küperhandwerk gewandt! Zwar zieht Herr Holzschuer, wenn von dir die Rede ist, verdammte Gesichter und meint, an dir sei nun gar ein großer Künstler verdorben, und du hättest wohl solche hübsche Bildlein und Geländer gießen können, wie sie in St. Sebald und an Fuggers Hause zu Augsburg zu sehen, aber das ist nur dummes Gewäsche, du haft recht getan, dich zu dem Rechten zu wenden. Sei mir tausendmal will­kommen." Und damit faßte ihn Herr Martin bei den Schultern und drückte ihn an sich, wie er zu tun pflegte, in herzlicher Freude. Friedrich lebte ganz auf bei Meister Martins freundlichem Empfang, alle Be­klommenheit war von ihm gewichen, und er trug frei und unverzagt dem Meister nicht allein sein Anliegen vor, sondern empfahl auch Rein­hold zur Aufnahme.Nun", fprall) Meister Martin,nun in der Tat, zu gelegenem Zeit hättet ihr gar nicht kommen können, als eben jetzt, da sich die Arbeit häuft und es mir an Arbeitern gebricht. Seid mir beide herz­lich willkommen! Legt nur eure Reifebündel ab und tretet hinein, die Mahlzeit ist zwar beinahe beendet, aber ihr könnt doch noch Platz nehmen an der Tafel, und Rosa soll für euch noch sorgen." Damit ging Herr Martin mit den beiden Gesellen hinein. Da saßen denn nun die ehr­samen Meister, obenan der würdige Handwerksherr Jakobus Paum- gartner, mit glühenden Gesichtern. Der Nachtisch war eben aufgetragen, und ein edlerer Wein perlte in den großen Trinkgläsern. Es war an Dem, daß jeder Meister mit lauter Stimme von etwas anderrn sprach, and doch alle meinten, sich zu verstehen, und daß bald dieser ober jener laut auflachte, er wußte nicht warum. Aber wie nun der Meister Mar­tin, beide Jünglinge an der Hand, laut verkündete, daß soeben sich ganz erwünscht die beiden mit guten HandwerkKZeugnissen versehenen Gesellen bei ihm eingefunden hätten, wurde alles still und jeder betrachtete die

schmucken Leute mit behaglichem Wohlgefallen. Reinhold schaute mit hellen Augen beinahe stolz umher, aber Friedrich schcug Die Aug.n niei.r und drehte Das Barett in den Händen. Meister Martin wies Den Jüng­lingen Plätze an Dem untersten EnDe Der Tafel an, aber das waren wohl gerade die herrlichsten, die es nur gab, denn alsbald erschien Rosa, setzte sich zwischen beiden und bediente sie sorglich mit köstlichen Spei­sen und edlem Getränk. Die holde Rosa, in hoher Anmut, in vollem Liebreiz prangend, zwischen den beiden bildschönen Jünglingen, mitten unter den alten bärtigen Meistern Das war gar lieblich anzuschauen, man mußte an ein leuchtendes Morgenwökllein denken, das einzeln am büftern Himmel heraufgezogen, ober es mochten auch wohl schöne Früh­lingsblumen sein, die ihre glänzenben Häupter aus trübem, farblosem Grase erhoben. Friebrich vermochte vor lauter Wonne unb Seligkeit kaum zu atmen, nur verstohlen blickte er bann unb wann nach der, die sein ganzes Gemüt erfüllte: er starrte vor sich hin auf den Teller wie wäre es ihm möglich gewesen, nur einen Bissen herunterzubringen? Reinhold Dagegen wandte die Augen, aus denen funkelnde Blitze strahl­ten, nicht ab von der lieblichen Jungfrau. Er fing an von feinen Reisen zu erzählen auf solch wunderbare Art, wie es Rosa noch niemals gehört hatte. Es war ihr, als wenn alles, wovon Reinhold nur sprach, lebendig anfginge in tausend wechselnden Gestalten. Sie war ganz Äug', ganz Ohr, sie wußte nicht, wie ihr geschah, wenn Reinhold in vollem Feuer der Rede ihre Hand ergriff und sie an seine Brust drückte.Aber", brach Reinhold plötzlich ab,aber Friedrich, was sitzest du da so stumm und starr? Ist dir die Rede vergangen? Komm! laß uns anstoßen auf bas Wohl der lieben, holden Jungfrau, die uns so gastlich bewirtet! Friedrich ergriff mit zitternder Hand das große Trinkglas, das Rein­hold bis an den Rand gefüllt hatte, unb bas er (Reinhold ließ nicht nach) bis auf Den letzten Tropfen leeren mußte.Nun soll unser braver Meister leben", rief Reinhold, schenkte wieder ein, und abermals muhte Friedrich das Glas austrinken. Da fuhren die Feuergeifter des Weins durch fein Inneres und regten das stockende Blut an, daß es siegend in allen Pulsen und Adern hüpfte.Ach, mir ist so unbeschreiblich wohl", lispelte er, in­dem glühende Röte in fein Antlitz stieg,ach, so gut ist es mir auch ja noch nicht geworden." Rosa, die seine Worte wohl ganz anders deuten mochte, lächelte ihn an mit unbeschreiblicher Milde. Da sprach Friedrich, befreit von aller Bangigkeit:Liebe Rosa, Ihr möget Euch meiner wohl gar nicht mehr erinnern?"Ei, lieber Friedrich", erwiderte Rosa mit niedergeschlagenen Augen,ei, wie wär's Denn möglich, daß ich Euch vergessen haben sollte in so kurzer Zeit? Bei dem alten Herrn Holzschuer damals war ich zwar noch ein Kind, aber Ihr verschmähtet es nicht, mit mir zu spielen, und wußtet immer was Hübsches, was Artiges aufs Tapet zu bringen. Und das kleine allerliebste Körblein von feinem Silber- draht, das Ihr mir damals zu Weihnachten schenktet, das habe tcfj noch und verwahre es sorglich als ein teures Andenken." Tränen glänzten in den Augen des wonnetrunkenen Jünglings, er wollte sprechen, aber nur wie ein tiefer Seufzer entquollen der Brust die Worte:O Rosa liebe, liebe Rosa!"Immer", fuhr Rosa fort,immer hab' ich recht herzlich gewünscht, Euch wiederzusehen, aber daß Ihr zum Küperhandwerk über­gehen würdet, das hab' ich nimmermehr geglaubt. Ach, wenn ich an die schönen Sachen denke, die Ihr damals bei dem Meister Holzschuer ver­fertigtet, es ist doch schade, daß Ihr nicht bei Eurer Kunst geblieben seid! Ach, Rosa", sprach Friedrich,nur um Euretwillen wurde ich ja untreu meiner Kunst." Kaurn waren diese Worte heraus, als Friedrich hätte in die Erde sinken mögen vor Angst und Scham. Das unbe­sonnenste Geständnis war auf seine Sippen gekommen. Rosa, wie alles ahnend, ma;.bte das Gesicht von ihm weg, er rang vergebens nach Wor­ten. Da schlug Herr Paumgartner mit dem Messer hart auf den Tisch und verkündete der Gesellschaft, daß Herr Vollrad, ein würdiger Meister­singer, ein Lied anstimmen werde. Herr Dollrad stand denn auch alsbald auf, räusperte sich und fang solch ein schönes Lied in der gülbnen Ion« weis Hans Vogelgesangs, daß allen das Herz von seiner schlimmen Be­drängnis. Nachdem Herr Vollrad noch mehrere schone Lieder in andern herrlichen Weisen, als da ist, der süße Ton, die Krummzinkenweis, die geblümte Paradiesweis u. a., gesungen, sprach er, daß, wenn jemand an Der Tafel was von der holdseligen Kunst der Meistersinger verstehe, er nun auch ein Lied anstimmen möge. Da stand Reinhold auf und sprach, wenn es ihm erlaubt fei, sich auf italische Weise mit der Laute zu be­gleiten, so wolle er wohl auch ein Lied anstimmen und dabei die deutsche Weis ganz beibehalten. Er holte, als niemand etwas dagegen hatte, sein Instrument herbei und Hub, nachdem er in gar lieblichen Klängen prälu­diert hatte, folgendes Lied an:

Wo steht das Brünnelein, Was sprudelt würzigen Wein? Im tiefen Grund, Da tunt

Ihr fröhlich schaun

Sein lieblich golden Rinnen. Das schone Brünnelein, Drin sprudelt goldner Wein. Wer hat's gemacht, Bedacht

Mit hoher Kunst

Und wackrem Fleiß daneben?

Das luft'ge Brünnelein, Mit hoher Kunst gar fein, Allein

Töt es der Küper machen, Erglüht von edlem Wein. Im Herzen Siebe rein; Jung Küpers Art, Gar zart

Ist das in allen Sachen."

(Fortsetzung folgt.)

verantwortlich: vr. HansThhriot.Druck undDerlag:'Lrühl'scheUniverfilä!s-Buck> undStein Druckerei. R. Lange, Gießen.