Ausgabe 
27.2.1931
 
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SietzenerZamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang Zreitag, den 27.5ebruar Nummer l?

Nachtlred.

Von Friedrich Hebbel. Quellende, schwellende Nacht, voll von Lichtern und Sternen: In den ewigen Fernen, sage, was ist da erwacht!

Herz in der Brust wird beengt, steigendes, neigendes Leben, riesenhaft fühle ich's weben, welches das meine verdrängt.

Schlaf, da nahst du dich leis, wie dem Kinde die Amme, und um die dürftige Flamme ziehst du den schützenden Kreis.

Traumerzählung.

Von Arnold U l i tz.

Würden die Menschen sich noch um Bücher kümmern, wenn sie des Träumens alle teilhaftig wären und aus den Nächten die Träume her­übernähmen in ihren Tag? Es ist gesagt worden, Träumen sei Dichten. Wer aus Träumen erwacht, hat wieder eine kindliche Seele. So er­wachte ich heute. Die Läden waren noch vor die Fenster gepflockt, durch ihre Ritzen drang unbeschreibliches glänzendes Blau. Ein Tag von un­erhörter Schönheit mußte angebrochen sein, und so trat in mein Herz, nicht wie sonst beim Erwachen, irgendeine Sachlichkeit, sondern gleich eine große Freude. Der Freude aber bleibt ein Traum gern im Gefolge, und so kommt es, daß ich heute meinen Traum erzählen kann.

Mitten durch eine Landschaft, die das Grenzgebiet einer großen Stadt mar, verlief ein schwarzer Zaun, dessen Enden ich nicht sah. Viele seiner Latten waren schon geborsten und an Stellen verspellt, aber nirgends schimmerte das Geleucht frischer Holzwunden, so uralt war der Zaun. Er zog sich mit einer verrückten Hartnäckigkeit quer durch Felder, die unbebaut und feucht wie Frühlingsäcker waren, und durch Gartenbeete und Häuserhöfe in gleicher Weise, unbeirrbar in gerader Linie. Zwar standen schon Blumen auf einigen Beeten, aber es war dennoch sichtlich eine frühe Zeit des Jahres, dampfig von Feuchte, und von der Erde wußte man, daß sie in speckigen Klumpen an den Sohlen haften und an den Absätzen sich wie Schneebälle knäulen mußte. Ich dachte, während ich am Zaun stand: das ist so traurig hier wie in London, aber ich hatte diese Stadt niemals gesehen und nur aus Dickens' Büchern war mir der Eindruck einer schmerzhaften Düsternis geblieben, in der es viele Schuh­wichsefabriken gibt und Flaschenspülanstalten und Sattlereien, wo neun­jährige, verhungerte Knaben einen zehnstündigen Arbeitstag harmvoll verbringen. Alles das war jetzt auch im Traum. Rauch ging aus Schorn­steinen, gefährlich aussehend, langsam empor, wurde von der Schwere des Himmels geduckt und zwischen die Häuser niedergeknufft, und so kam er über das glitschige Pflaster heran, widerlicher Dunst. Sonderbar war es, daß sehr viele Straßen auf dieses Ackergebiet mündeten und alle auf den großen Zaun zuliefen, in einer verdrehten Städtebauweise, die sogar im Traum als verdreht erschien. Menschen waren nirgendwo zu sehen, nur Arbeiterblusen und Frauenzimmerhemden hingen triefend an Stricken und Drähten, die um grünberußte Altanen gestrafft waren. Es war Vorstadt und war ein Geruch nach Arbeiterhüusern.

Auf einmal erscholl sehr leise noch, hoch über den Arbeiterhäusern, im dicken Rauchgewühl das Summen eines Fliegers. Jählings war mir die Bedeutung des Zaunes klar, er war die Grenze oder dieFront", und alles Jenseitige war der Feind, das Diesseitige aber waren wir, war Deutschland. Der Propeller trieb den Grauqualm in Fetzen vor sich her, schlug mit den wunderbar geschmeidigen Flügeln den Dunst her­nieder und reinigte den Himmel in einem Nu. Die Häuser standen in Klar­heit, zwischen den Zaunlatten war in prächtiger Schärse reinumknntetes Licht errichtet, und es war, als sei es ein Zaun aus Lichtstäben: Licht sei das Baumaterial, in einen finsteren Raum hineingezimmert. Nach­dem diese Verwandlung ins Lichte geschehen war, begannen auf ein Signal hin, das wie ein zackiger Glasscherben am Bauch des Flug­zeuges aufgrellte, Geschütze, die hinter London standen, ein gewaltiges Feuer gegen Deutschland. Die Flugbahnen heulten hohe Bögen über den flimmernden Zaun, hinter dem ich mich niederwarf, und wenn sich das Geheul zu einem furchtbaren Laut zusammengeballt hatte, erfolgte jedes­mal eine schreckliche Detonation. Ich lag voll Entsetzen, die linke Wange dicht an die Erde schmiegend, und so konnte ich auch sehen, daß meine

Hand gestreift war wie ein Zebrafell, was mir sehr auffiel. Drüben die Stadt blieb menschenlos, aber hinter mir meinte ich Flüstern, Weinen und Geschrei zu hören. In meiner Neugier wandte ich den Kopf, und sah eine Landschaft und eine Stadt, die gänzlich der feindlichen glich, nur daß ich sogleich empfand, wie grenzenlos ich sie liebte. Die Leute standen törichterweise auf den Straßen, und die Mütter schleppten mit furcht­baren Gebärden getötete Kinder in die Häuser. Die Kinder hingen wie Ertrunkene in ihren Armen. Ich sah auf das herabhängende Bein eines dreijährigen Knaben; es war drollig und rührend wie alle Kinderbeine sind, und es trug einen dünnen abgeschabten Lederschuh. Der erst rührte mich so, als sei er der Jnbegrisf alles unverschuldeten Leidens in der Weit, und ich war betrübt und ohne Trost.

Plötzlich sprang ich auf, und ich merkte, daß ich Offizier sei. An einem grellblau gestrichenen Briefkasten in der deutschen Straße stand ein langer schlanker Mann und telephonierte in den Schlitz des Bries- emwurfs hinein, und es war unverkennbar, daß manchmal das Geschütz innehielt, um auf ihn zu lauschen, und dann, über Irrtümer aufgeklärt, mit dreifacher Wut und betäubender Geschwindigkeit feine furchtbaren Granaten herllberwarf. Ich erbleichte, als ich vollkommen deutlich ver­stand:Hundert Meter zu kurz" Also ein Spion. Die Gaffer standen mit dicken Adamsäpfeln an gestreckten Hälsen, die Mütter sammelten noch Leichen, er aber telephonierte in der Ruhe eines abgefeimten Bureaumenschen. Er trug auch eine leichte Bureaujacke, und die linke Hand hatte er in der Hosentasche. Kein Mensch schien zu merken, daß er der feindlichen Artillerie dienstbar war. Ich ging langsam geradezu bummelig auf das Haus zu. Es trödelten einige Soldaten davor herum, in blauen Uniformen, alte über Vierzigjährige, mit aufgepflanztem Bajonett.Merkt ihr es denn nicht, ihr Esel", dachte ich ingrimmig, aber ich wußte, daß ich eine gleichgültige Miene machen mußte. Ich sprach einen an und ließ mir Feuer geben. Während ich die Zigarette schon paffend im Munde hatte, sagte ich wie ein Schmierenintrigant mit zwischen den Zähnen geknirschter Stimme:Machen Sie sich fertig, mir müssen den Mann da am Briefkasten verhaften. Haben Sie ge­laden? Gut. Folgen Sie mir unauffällig." Hierauf ging ich weiter und durch eine Nebentür ins Haus hinein. Es war ein Wachtlokal, einige Soldaten faßen da und spielten Skat.Still, still", flüsterte ich,be­setzen Sie die Ausgänge des Hauses und die Straße. Ich habe einen Spion zu verhaften." Sie gingen lautlos hinaus.

Dann trat ich auf den langen Menschen zu und sagte:Sie sind mein Arrestant!" Er fragte ruhig:Aus welchem Grunde?"

Sie haben zum Feinde telephoniert."

Suchen Sie nach einem Telephon, Sie dürften schwerlich eines finden!"

In der Tat", so mischte sich ein kleiner Herr mit grauem Spitzbart ein,ein Telephon ist im ganzen Hause nicht. Ich weiß es zufällig, ich bin der Wirt."

Ich erkannte plötzlich, daß es ein Wirtshaus war, von jener Art mit kleinen gemütlichen Hinterstuben, in denen hasardiert wird. Ledersofas, eichene Tische und Stühle und gute Kupferstiche an den Wänden, dazu ein einwandsreier alter Wein. Uebrigens ein anständiger Ton im Hause, Weiber reizten seine Gäste nicht. Diesen Gesamteindruck hatte ich jetzt sofort, als kennte ich die Kneipe seit Jahren. Dem Wirt machte ich ein hochmütiges Gesicht, obwohl er eigentlich nicht unangenehm wirkte, son­dern eher fein und gescheit, etwa wie ein Privatsekretär. Als seine Frau, eine mütterliche und gramvoll aussehende Fünfunddreißigjährige, zu sprechen begann, in einer großen Bangigkeit, der anzuhören war, daß sie sich in dieser Ehe zu einer schweren Kummerflut gestaut hatte, schüt­telte ich nur den Kopf.

Sie haben kein Telephon im Hause", sagte ich,aber Sie haben vielleicht eins im Briefkasten."

Niemand außer dem Langen lachte, aber das klang nicht dreist, sondern nur erlöst, weil das ja solch ein Unsinn war.Ach, Herr Leui- nant!" sagte die Wirtin. Ich wertete das Gelächter des Langen sofort scharfsinnig aus. Es war um eine ganze Stufe zu laut, und es war um eine Viertelnote zu höhnisch. Ich sah mich nach dem Posten um, er hielt das Gewehr schußfertig. Der Lange eilte auf den Briefkasten zu und klappte den blauen Deckel, der über dem Einwurf lag, laut auf und nieder.Hören Sie, machen Sie sich nicht lächerlich", sagte er.Ein Tele­phon im Briefkasten!" Ich lächelte auch wirklich und sagte vertraulich zu ihm:Wie kann man nur ein so plumper Psychologe [ein, mein Herr!"

Der Hohn warf ihn ganz nieder, er zitterte.

Dann hob ich, nachdem ich dem Posten noch einen Wink gegeben, mit einer gewissen Großtuerei den Deckel. Der Lange lachte, denn es wurde nur eine große Schraube sichtbar, die offenkundig harmlose Zwecke hatte, doch ich wandte mich um und sagte ruhig:Um eine halbe Note zu verzweifelt!"