Ausgabe 
26.1.1931
 
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Oie Mozartin in Kopenhagen.

Von Niels Hoyer.

Zehn Jahre hat die Mozartin in Kopenhagen verlebt. Zehn ange­nehme, sorglose Jahre. Wer weih das noch? In Kopenhagen fast niemand. Von 1810 bis 1820. Und sie war längst Witwe ihres göttlichen Wolsgang Amadeus, wie sie ihn ohne Unterlah auch in Kopenhagen nannte. Hieß sie auch nicht mehr in ihrem Paß die Mozartin. Denn sie war längst des dänischen Diplomaten und Schöngeistes Georg Nicolaus Nissen Eheweib in Wien geworden. Und dieser Nissen war ein Jahr nach Mozarts Tode als dänischer Gesandtschastssekretär nach der Kaiserstadt gekommen, wo er die Mozartin mit einem sieben und einem kaum ein Jahre alten Söhnchen traf. _

Fast zwanzig Jahre dauerte es, bis die Mozartwitwe Frau Nissen wurde. Und es war keine schlechte Partie, die sie machte. Denn 1808 kurz vor ihrer Uebersiedlung nach Kopenhagen, war er bereits Charge d' Asfai- res, und 1810 in Kopenhagen, wo er der Leiter der Zensurstelleder dänischen politischen Gazetten und Druckschriften" wurde, bekam er von seinem König Frederick VI. mit hohen Orden auch noch den Etatsrats- titel. Das ist das höchste der dänischen Gefühle.

'-it Ich erwarte mit Sehnjuckt Ihre Einwilligung, mein bester Vater' ich erwarte sie gewiß, meine Ehre und mein Ruhm liegt daran. Sparen Sie nicht zu weit das Vergnügen, Ihren Sohn mit seiner Frau bald zu umarmen ...

Wunderkind aus Salzburg.

Von Wilhelm Schäfer.

Ein Wunderkind kam nach Wien: ein Knabe aus Salzburg, Mozart geheißen, spielte der Kaiserin aus dem Klavier, und alle die Herren und Damen Maria Theresias staunten, wie solch ein Kind schon ein Zauberer wäre, mit seinen Tönen den süßen Genuß der Gefühle zu lenken.

Und wie in Wien, geschah es in London, im Haag, in Paris: überall staunte das Kerzenlicht um den Knaben aus Salzburg, der das Klavier gleich einem Großen zu meistern verstand. f

Lärmender Beifall und lockender Ruhm war um den Knaben, aber der strenge Vater lieh ihn nicht locker in der Zucht seiner Kunst: Beifall und Ruhm sollten seiner Musik nicht die Quellen verschütten.

Bor den Herren und Damen der Höfe zu spielen, war nut em Gauklergewerbe: aber den Menschenseelen Gesang und dem Wohllaut der Geigen, Flöten und Hörner harmonische Fülle zu geben, hieß ein Musikmeister der Ewigkeit fein.

So wurde das Wunderkind Mozart ein Jüngling und Mann, der seiner Musik den echten Zauberstab hielt; so wuchsen dem Rosenjahrhun- dert der Pompadour Flügel, in den Himmel der Töne zu fliegen.

Als Maria Theresia starb, rief Joseph, ihr schwärmender Sohn, Mozart nach Wien, daß er sein Kammermusikus würde; doch hatte der hitzige Schmied kühner Herrscherpläne kein Ohr, das Wunder der -töne 311 Indessen der Kaiser den Blasebalg zog, das störrische Eisen der Her­kunft zu schmieden, indessen sein Hof ein kühner Gedankenplatz war, indessen die Stadt an der Donau, unbesorgt solcher Gedanken, die fröh­lichen lockte mit reichen und rauschenden Festen, sah Mozart in mancher Bedrängnis. . .

Er hatte die schöne Konstanze gefreit, und sein Klavier stand nicht still, um die Gulden zu spielen, die seine Frau fröhlich verbrauchte: auch waren die welschen Musiker dem Neuling aus Salzburg feind, und den Höflingen galt er als eine Marotte des neuerungssüchtigen Kaisers.

Aber in blinkenden Nächten, von den Plagegeistern der Tage, von Sorgen und Süchten umlauert, riß seine Seele die Sterne vom Himmel und barg ihre ewige Tröstung in seiner Musik.

Als sie in Wien die Hochzeit des Figaro spielten, das fröhliche Stuck von dem srohen Barbier im Perlengewand Mozartscher Töne, da flog dem Zauberer aus Salzburg anderer Beifall und Ruhm zu, denn da er als Wunderkind am Klavier' die Herren und Damen der Höfe mit flinken Fingern entzückte. ,r .

Da hörte das leichtgeschürzte Jahrhundert den gläsernen -ton feiner Schalmei, da war die Marquise von Pompadour {eine schelmische Göttin geworden; der Zauberer hielt ihr das Schellenband hm, mit schlanken Beinen hinüberzuspringen.

Ihm aber, der ihr und der Zeit nut [einer Hellen Musik das Schellen­band hielt, ihm lagen schon andere Töne im Ohr: aus der Tiefe stieg 'die Vergeltung mit steinernen Schritten; der Boden barst und die Zeit versank mit ihren Lüsten und Lastern, mit ihrem Gelächter und gläsernen Glück in den Abgrund, als Mozart den Don Juan schrieb.

Nie hatte die Kühnheit Heller geprahlt, als da-der freche Versuhrer Himmel und Hölle zum Trotz sein Champagnerlied sang; nie hatte die Ewigkeit so ihren Donnermund ailfgetan, als da der steinerne Gast den Lästerer holte. .

So rief er der Zeit den Tag seines Zornes und war doch ihr eigenstes Kind; zwischen Himmel und Hölle tapfer ein Mensch zu sein, lieh Mozart zuletzt die Zauberflöte erklingen.

Da hing die irdische Liebe gläubig der eigenen Glückseligkeit an, Schuld und Bedrängnis vermochten nicht, ihren Weg zu beschatten: wie die Sonne am Mittag schritt ihre Allgewalt über die Ströme und smste- ren Wälder, über die Felsen und Abgründe in seligen Tonen hinüber.

Als Mozart der Menschheit solches schrieb, hatte der Tod sein Herz schon berührt: noch konnten die fiebernden Hände sein Requiem schreiben, dann sank er selber hinein in die einige Ruhe.

Er war ein Kind seiner Zeit wie keiner: alles, was sie zu lächeln vermochte, lächelte er, als ob die Erde ein Blühegarten der Freude, als ob der Mensch aller Blüten und Freuden Nutznieser wäre, so machte Mozart, der 'Meister des Wohllauts, Musik.

Es war ein sonderbarer Kauz, dieser Nissen, an dessen Seite die JDio- zartin fast zwanzig Jahre langdas Wort in der Ehe geführt hatte". Er machte dänische und deutsche Verse, schrieb ein gewiß mit Recht nie aufgeführtes Tragödienspiel, arbeitete seit den ersten Tagen seines Wie­ner Aufenthaltes bis zu seinem Tod an einer Mozartbiographie, mit der er nicht fertig wurde. Das holte dann aber die Mozartin nach, die ihm, 1821 wieder nach Wien zurückgekehrt, im Handumdrehen vom Kaiser in der Hofburg,wo sie halt ein und aus ging", das kleine Wörtchenvon" verschaffte.Die lieben Kopenhagener sollen doch mal sehen, wie die Witwe des göttlichen Mozart beim Kaiser angeschrieben ift! , also wetterte sie den Leuten am Oeresund nach. Denn diesetumpen Dänen" wußten damals noch nicht genug, wasunser göttlicher Wolsgang Amadeus für ein Kerl gewesen!"

Nicht, daß man sie in Kopenhagen nicht genugästimier!" hätte. Du lieber Gott, Frau Constanze Cäcilia Josepha Johanna Alsisa geborene Weber, verwitwete Mozart, nunmehrige Etatsrätin von Nissen, puffte ihren Georg Nicolaus auch in Kopenhagen fchon kräftig in den Vorder­grund, und er der vier Jahre jünger war, hatte zu parieren, und zu musizieren. Und zwar vor allem ihres Wolfgang Amadeus Musik. Das war in Kopenhagen damals eine fast revolutionäre Angelegenheit. Wer kannte damals hier oben biefehyper-moderne" Musik?

Da war der dänische Kapellmeister Claus Schall. Eins, zwei, drei hatte die Mozartin Nissen ihn zum begeisterten, überschwänglichsten Mo- zartianer eingefangen. Und in feinem Heim spielte man alle Mozartschen Streichquartette. Schall wollte von anderer Musik und anderen Kompo­nisten überhaupt nichts mehr wissen. Im Park vonGorgenfri",. der Sommerresidenz der dänischen Könige, gibt es heute noch einen Erinne­rungsstein an Mozart zu sehen, den Schall errichtet hatte. So eifrig wurdeMozart betrieben", daß eines Abends verzweifelt Schalls Ehe­hälfte ausrief:Sollen wir nun schon wieder den verfluchten Mozart hören? Spiel doch lieber etwas von dir selber!"

Aber derwaschechte Mozart" wurde damals nut beiEtatsrats" in ihrem schönen Haus an der Lavendestraedegeboten", wie die Mozartin Nissen eindringlichst nachzuweisen pflegte, dennmir haben hier das Pianosorte, auf dem Wolfgang Amadeus gespielt hat, zu unserer Ver­fügung", betonte mit heißen Augen die Etatsrätin. Und wohin sie kam, hier oben im Musik liebenden Kopenhagen rief sie im schönsten Wiener Dialekt:Aber nit wahr, jetzt fpietts halt etwas von meinem göttlichen Mozart!"

1807 hatte man in Kopenhagen bereits am Kgl. wheater denDon Juan" aufgeführt. Wie eine Offenbarung hat diese Musik nicht nur auf Musiker hier oben, sondern auch auf Dichter und Philosophen gewirkt. Weyse, der damals berühmteste dänische Komponist, erschlafft in unglück­licher Liebe und unproduktiv geworden, wurde durch Mozarts unsterb­lichste Oper wieder wach und schuf seine stärksten Kompositionen. Der Dichter Blicher verherrlichte den Eindruck dieses Musikerlebnisies in seiner NovelleVierzehn Tage in Justland",den Shakespeare unter den Tondichtern", nennt er denGöttlichen Wolfgang Amadeus", und Kirkegaard ruft in seinemEntweder-Oder" aus:Mozarts Don Juan Musik ist so malend, daß man sie am liebsten mit geschlossenen Augen anhören sollte." ,

Mozart" undMozartine", diese Vornamen erfanden Mozart begeisterte Kopenhagener für ihre Kinder. Mozart, Petersen, der berühmt gewordene Klarinettist, kam so zu seinem Rufnamen.

Dies alles war der Mozartin Werk in Kopenhagen. Entzückend Mtzlt der hiesige Organist Knud Linhard das Bild eines Musikabends in der Savenbeftraeb Kerzenglanz von Decke und Wänden. Vier Noten­ständer mit hohen Blechschirmen. Die Etatsrätin trippelt mit ihrer silber­nen Lichtschere herum und stutzt ein Talglicht nach dem anderen zurecht. Ein Mozart-Quartett soll gespielt werden. Sie summt leise bas Schema des Andante vor sich hin. Die Gäste kommen hereinspaziert. Zuerst der pünktliche Weyse. Mozarts winziges Klavier steht schon aufgeklappt da. Wie ein Altar. Mit zuckendem Kerzenlicht. Sann Schall mit Bruder. Ihre Instrumente stellen sie vorsichtig hin. Zu Fuß sind sie gekommen. Und jetzt streiten sie sich, wer den längsten Weg hatte gehen müssen. Der Herr Zensor und Etatsrat hält sein goldenes Döschen, ein Geschenk des Kaisers in Wien, jedem Gast zu kleinem, erfrischendem Prieschen hin, schnupft selber herzhaft... Und dann wird es still, und das Zauberholz singt lind draußen leuchten die Sterne und am hellsten Mozarts Stern, der Sirius. Und ist dieser Gottesdienst dann zu Ende, Tränen tieffter Ergrisfenheit bei Männern und Frauen, und der Ergriffenste unter ihnen, Weyse, er mag dies nicht zeigen, sucht schnell nach einem Witz, denn er ift ja ein echter Kopenhagener:Wißt ihr, was ich mir nach bem Tode wünsche? Auf ben Sirius zu kommen und bei Mozart, wenn er auf seiner Himmelsorgel spielt, bie Bälge zu treten...Und die Frau Etatsrätin seufzt mit blanken Augen:War er nicht der Göttlichste, mein Mozart, Nissen?" Und Nissen nimmt wieder ein Prieschen aus feinem Golddöschen...

Im Jahre 19 besucht Mozarts Jüngster, Wolfgang Amadeus, Mutter und Stiefvater in Kopenhagen, bringt jungen Ruhm mit, den er wäh­rend feiner Fahrt durch die deutschen Lande als Pianist geerntet und gibt selber im hiesigen Kgl. Theater ein Konzert: das war am 29. September, und was er spielt sind eigene Kompositionen neben unsterblichen Ton­dichtungen seines Vaters:Zauberflöte" und Cost fan Tutti.

Nun, es war kein großer Erfolg, dieses eine Konzert von Mozarts Sohn im hiesigen Kgl. Theater. Das Haus war recht leer. Keine Gazeüe erwähnte diesen Abend auch nur mit einer einzigen Zeile. Die Mo­zartin soll nicht sehr sanft von dentumben Leuten hier oben" gespro­chen haben,die halt ka richtiges Blut, sondern nur a bißt Fischblut ham!" m ,

Im Jahr darauf zog bann die Mozartin mit ihrem Nissen, der wegen etwas Zipperlein die Kur in Gastein mal probieren muß", wieder süd­wärts. In Salzburg ließ er sich dann wieder häuslich nieder,um so reckt nahe Mozarts Geist zu sein", schrieb weiter an sein->r Mozart- Biographie, bis der Tod ihm den Gänsesederkiel und den Geigenbogen aus der Hand nahm. Dort liegt er begraben,der Gatte der Witwe