Zuge zu sprechen, und da gestand sie mir, daß es ihr unheimlich geworden sei in dem Zuge, weil der Herr auf dem Gange einem verstorbenen Bruder ihrer Mutter der übrigens, wie ich nachher feststellte, nie im Kriege gewesen war so sprechend ähnlich gesehen habe. Worauf ich denn nun auch mit meiner Entdeckung, daß die vier Herren mir als gefallene Kameraden erschienen seien, nicht mehr zurückhielt.

In diesem Augenblick kam ein Bahnbeamter eilig herein und trat ans Büfett, wo er hastig etwas erzählte. Leute aus der Küche, die Kellner und einige in der Nähe fitzende Gäste liefen zusammen, und ein erregtes Sprechen begann. Der Beamte ging gleich wieder hinaus. Ein Kellner trat an unseren Tisch heran:Der Zug, mit dem Sie kamen, ist eben verunglückt."

Noch in derselben Nacht langten die paar geretteten Reisenden an. Die vier Herren waren nicht darunter. Ebensowenig waren sie unter den Verwundeten und Toten, die wir beide am nächsten Morgen alle aus dem Tunnel heraustragen sahen. Ich forschte der Sache noch weiter nach, weil ich an etwas Uebersinnliches nicht glaube, es war aber nichts fest­zustellen: von den überlebenden Reisenden wollte niemand die Reisenden gesehen haben, und der Schaffner, mit dem ich gesprochen hatte, war tot. So blieb die Angelegenheit unaufgeklärt, doch die Tatsache bestehen, daß meine jetzige Frau und ich wie durch ein Wunder gerettet waren; denn der Wagen, in dem wir gesessen hatten, war völlig in Stücke gegangen. Erwähnen möchte ich noch, daß sich in dem Zuge ein junges Hochzeits­paar befand, dessen Leichen umschlungen aus den Trümmern gezogen wurden. Dasselbe Ereignis, das zufällig ihr Leben zerstörte, begründete ebenso zufällig das unsere. Denn ohne die Ahnungsgefühle vor dem Un­glück, die wir uns beim Abendessen erzählten und die uns, als das Un­glück gleich darauf bekannt wurde, plötzlich wie mit einer dunklen Schick­salskraft verbanden, wären wir gewiß nicht miteinander bekannt ge­worden und uns nähergekommen. Seitdem ist uns nie wieder etwas be­gegnet, worin man eine übernatürliche Fügung hätte sehen können.

Geschichten vom Wiener Kongreß.

Aus allen Wälzern.

Von Heipros.

Mehr als hundert Jahre ist es her, daß Wien der Schauplatz des denkwürdigsten und prunkhafieften Kongresses war, den die Geschichte Europas kennt. Der Wiener Kongreß von 1815, dieses glanzvolle und begebenheitsreiche Rendezvous der Kaiser und Könige, Minister und Generäle jener Zeit, lebt heute noch in der Erinnerung Wiens. Durch­wandert man die alten Gassen der einstigen Kaiserstadt an der Donau, besucht man draußen vor den Toren des Wienerwalds die in Wein und Efeu versunkenen Mauern,, die traumverlorenen Häuschen in Grinzing oder Sievering, dann kann man über so mancher Haustür eine kleine Marmortafel bemerken, wo in goldenen Settern ein berühmter Name von 1815 eingemeißelt ist. Ja, hier haben sie gewohnt, die hohen und höchsten Herren, wenn sie sich ein paar Tage Ruhe gönnen wollten von den stürmischen Sitzungen oder den noch stürmischeren Ballfesten. Oder wenn sie in den Armen irgendeines goldigen Wiener Mädels die schönsten Stunden des Wiener Kongresses verbrachten. Schon damals sangen sie das Lied:Es wird a Wein fein und wir wer'n nimmer sein. Und es wird Mäderln gebn und wir roern nimmer lebn ..." Wien beim Wiener Kongreß, das war noch eine Zeit!

Die Ufa hat einen Tonfilm hergestellt, in dem dieses herrliche Wien von 1815 geschildert wird; das Wien an den grünen Tischen der Poten­taten und Minister und das Wien der Feste und Fröhlichkeiten beim Wiener Kongreß. Die Liebesgeschichte des großen russischen Kaisers Alexander I. mit einem süßen Wiener Mädel, einer simplen Putzmacherin, spielt sich im goldenen Rahmen des Wiener Kongresses ab. Ist diese Be­gebenheit wahr oder ist sie ein Märchen? Diese Frage bedarf keiner Antwort: damals war alles möglich. Und ein Blick in die alten, ver­gilbten dicken Wälzer, in die Literatur jener Zett bestätigt das.

Im Jahre 1821 zum Beispiel erschien in Wien beim Hosbuchhändler Anton Lechner ein bescheidenes Büchelchen:G'schichten vom Wiener Kongreß". Ein gewisser Ferdinand Pauspärtl hat sie geschrieben. Er ließ sich sechs Jahre Zeit um alles das niederzuschreiben, was sich so hinter den Kulissen des Kongresses gewissermaßen abgespielt hat. Sechzehn kleine, amüsante Erzählungen, deren jede einen der bedeu­tendsten Männer des Kongresses zum Helden hat. Zum Helden eines galanten Abenteuers selbstverständlich. Aus diese Avantüren beziehen sich die heute nochlebenden" Marmortaseln. Am ergötzlichsten die Geschichte eines preußischen Ministers, der jeden Tag nach der Wachau kutschierte, um ein Wäschermädel kennenzulernen. Er hatte das Mädel in den Straßen Wiens gesehen, seine Diener eruierten auch ihren Namen und wo sie wohnen sollte. Aber sieben Tage lang fuhr der Minister erfolglos in der Wachau herum. Viel später erst stellte es sich heraus, daß der Diener-Detektiv, ein braver Berliner, die Adresse falsch verstanden hatte. Das Mädel wohnte nämlich in der Praterau, wienerisch ausgesprochen Pradrau", die nicht nur ganz entgegengesetzt von der Wachau liegt, sondern geradewegs hinter dem Quartier des Ministers sich befand. Der Wiener Berichterstatter enthält sich aber nicht der Bemerkung, daß der Herr Minister am achten Tage sich mit einem anderen Wäschermädel getröstet hat.

Ein anderer, bestimmt völlig unparteiischer Beobachter, ein gewisser Olaf Langström, berichtete in einem schwedischen Heftchen überBegeg­nungen auf dem Wiener Kongreß". Auch er reserviert einen Teil seiner Druckschrift den inoffiziellenBegegnungen". Er meint, daß dieser Kon­greß keinem Fest der alten Römer nachstünde. So opulente Festessen, so ausgelassene Tanz- und Maskenfeste, und solch eine begeisterte Anteil­nahme der Bevölkerung wäre seit Neros Zeiten nicht mehr dagewesen. Er erzählte allerdings auch davon, daß sich damals mehrfach Selbstmord­versuche ereignet hatten von jungen Wienern. Weil die feschen, frem­den Herren den Wiener Mädels die Köpfe verdrehten und die Herzen «rollerten, wie es in diesem Ausmaße bisher noch nie der Fall gewesen war. Und da sich die höchsten Herrschaften höchstpersönlich bis in die ver­

stecktesten Winkel der Praterau bemühten, durfte es nachher nicht iibcl- genommen werden, wenn dero Dienstpersonal es genau so hielt.

Wassili Strogabaschow, ein russischer Student, der damals in Wien studierte, hak später in seiner Schmähschrift gegen Alexander I. dessen Wiener Aufenthalt zur Zeit des Wiener Kongresses stark kritisiert. Er schreibt, daß Alexander I. einer jener Herren war, der meistensfehlte", wenn es um wichtige Beschlüsse ging. Er wirft den russischen Anarchisten jener Zeit vor, daß sie nicht die Abwesenheit des Kaisers zu einer Revo­lution benutzt hatten. Damals, so schreibt er wörtlich, hätte der Kaiser wahrscheinlich erst etwas erfahren, wenn alles vorübergewesen wäre. Allerdings verhehlt er nicht, daß Fürst Metternich den größten Anteil an den vielen Absenzen des russischen Potentaten hatte. Strogabaschow will die Beweise dafür haben, daß Metternich das junge Mädchen, dem Alexander seineFreizeit" so ausgiebig widmete, für diesenDienst am Vaterlande" sehr nobel honorierte. Eine Behauptung, die sich später als völlig erlogen herausstellte.

In ähnlicher Weise spöttelte Hans Joachim von Gleichen, ein deutscher Adliger, dessen Rang und Heimat nicht mehr festzustellen ist, über den genialen österreichischen Minister. Seine Broschüre,Metternichs Schatten über dem Wiener Kongreß", ist eine ironische Betrachtung über die Tätig­keit Metternichs als Minister. Wenn er auch zugeben muß, daß Metter­nich alle Fäden in der Hand hielt, daß ihm alles gelang, was er wie sich später herausstellte vorher genau zu erreichen beabsichtigte, so rügt er die unfaire Art, deren sich ein Diplomat von solchem Format nicht bedienen durfte. Bei Herrn von Gleichen kommen auch die Wiener Maderln sehr schlecht weg. Ihre Leichtlebigkeit und ihr allzu offenes Herz haben es dem gestrengen Herrn angetan.Nicht einmal im Rhein­land", so schreibt er,würde man solche Frivolitäten dulden!" Es muß dazu gejagt sein, daß von Frivolität in keinem Fall die Rede sein konnte. Gerade von den Wiener Maderln behauptete man immer das Gegenteil. Wahrscheinlich hatte Herr von Gleichen persönlich unange­nehme Erfahrungen gemacht ...

Horrors de Balzac schrieb ebenfalls eine kleine Novelle über den Wiener Kongreß, die in dem BändchenAventures amoureuses" er­schienen ist. Es ist die Geschichte von dem französischen Ofizier, der seiner Wiener Braut ein Medaillon zur Erinnerung zurückließ. Viele Jahre später kommt er nach Wien zurück, um das Wiener Mädel zu heiraten. Er findet sie nicht mehr. Sucht tage- und wochenlang nach der Frau. Bis er einmal ins Theater geht. Eine Soubrette tritt auf. Sie trägt (ein Medail­lon. Und nach der Vorstellung erfährt er, daß die Soubrette (eine Tochter ist. Balzac schildert diese Liebesgeschichte, die ihren Anfang beim Wiener Kongreß nimmt, in pariserisch-amüsanter Art, nimmt die Sache mit der verlorenen Frau weniger tragisch, als sie vielleicht ist und widmet dafür dem Zusammentreffen des Vaters mit der Tochter ein paar wunderbare Zeilen. Doch das ist bei Balzac besser nachzulesen.

Croyce Hughesnew war ebenfalls Augenzuge des Wiener Kongresses. Er nennt seine Schrift einfachStories of the Wiener Kongreß"; sie er­schienen 1817 bei Lyonei Stuart in London. Um es vorweg zu nehmen: sein englisches Blut rebellierte. Wie können sich Hoheiten, Fürsten, ja Könige derart unadelig benehmen?! Wo soll da die Ehrfurcht vor der Jahrhunderte alten Tradition bleiben?! Solange die Feste in den Prunk­sälen der Schlösser abgehalten wurden, war er zufrieden. Als aber die Teilnehmer des Kongresses sich nicht scheuten, mitten im Volk zu er­scheinen, um in Weingärten ober Parkanlagen mit Handwerkertöchtern anzubandeln, da versteht der Engländer die Welt nicht mehr. Er malt seinen Landsleuten diese herrlichen Wiener Tage in den grauesten Farben vor, beschwört sie, seinen Zeilen Glauben zu schenken und nicht etwa auf ähnliche Gedanken zu kommen. Daneben schildert er dann in höchst undezenter Weise die Abenteuer verschiedener hoher Herren allerdings nur solcher, mit denen das englische Imperium auf schlechtem Fuße stand. Als Hughesnew Jahre danach einmal nach Wien tarn, wo man feine Schrift inzwischen kannte, wurde ihm ein übler Streich gespielt. Obwohl er selbst vor dem Besuch derdüsteren Weingärten" (gemeint sind die weltberühmten Wiener Heurigenschenken in den Vororten) gewarnt hatte, suchte er eine von ihnen auf. Der Gasthofbesitzer, bei dem Hughesnew wohnte, war ihm gefolgt und denunzierte ihn jetzt. Er wurde nicht etwa verprügelt oder begossen, nein, er muhte nur trinken; immer wieder wurde sein Glas gefüllt, bis er so voll war, daß er eine Fregatte vom Stephansdom nicht unterscheiden konnte. Dann packte man ihn in eine Droschke und setzte ihn am frühen Morgen vor den Toren der englischen Gesandtschaft auf die Erde. Von seinem zweiten Besuch in Wien hat er denn auch nichts mehr berichtet.

Es war eine wunderbare Zeit damals in Wien beim Kongreß. Es wurde politisiert, es wurde gekämpft, es wurde geliebt und es wurde getanzt. Es waren die herrlichsten Tage, die die Kaiserftadt an der Donau je gesehen hat. Und in dem Erich-Pommer-Film der Ufa:Der Kon­greß tanzt" wird es in Eric Charells Inszenierung noch einmal aus- erstehen, das singende, klingende Märchen von Wien.

China musiziert.

Von Anton L ü b k e.

Zu den Dingen, die dem Reisenden im fernen Osten, besonders aber im Reiche der Mitte des ehemaligen Sohnes des Himmels, beim Besuche von Tempeln, Volksbelustigungen oder beim Begegnen singender Kulis als ihm unverständliche Erscheinungen auffallen, gehören sie Musik und der sie begleitende Gesang. Diese krächzenden Geigen, diese verstimmten Lauten, Zithern und Flöten, das Rasseln von Holzklappern, das Klimpern auf allen möglichen Saiteninstrumenten, das Dröhnen von Pauken, das Anschlägen von Bronzeglocken, alles dieses ist ganz anders als das, was wir uns unter einer harmonischen, melodiösen und dynamischen Musik vorstellen. Man bekommt beim ersten Anhören dieser Musik und dieser Gesänge vielmehr den Eindruck, als ob es sich hier nur um die Freude der Beteiligten an möglichst großem Lärm handele und nicht um ein musi­kalisches System. Der Fremde, der in China weilt, wird die Musik mei|t als Begleitung von Gesängen oder als Begleitmusik der aus offenem