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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang |95( Montag, -en |9. Oktober

Nummer 82

Ernste Stunde.

Von Rainer Maria Rilke*.

Wer jetzt weint irgendwo in der Welt, ohne Grund weint in der Welt, weint über mich.

Wer jetzt lacht irgendwo in der Nacht, ohne Grund lacht in der Nacht, lacht mich aus.

Wer jetzt geht irgendwo in der Welt, ohne Grund geht in der Welt, geht zu mir.

Wer jetzt stirbt irgendwo in der Welt, ohne Grund stirbt in der Welt, sieht mich an.

Die Warnung.

Erzählung von Wilhelm v. Scholz.

Copyright 1931 by I. L. A. Wien.

Ein kleiner Bruch an der Lokomotive, der ein längeres Halten des Zuges auf freier Strecke nötig machte, führte in einem Abteil zu Ge­sprächen über Fahrtstörung, Eisenbahnunfälle, deren Verhütung, über zufällige wunderbare Errettung Reisender, von denen der eine, plötzlich ertrankt, einen darauf verunglückenden Zug sehr wider seinen Willen habe verlassen müssen, jener kurz vor einer Entgleisung aus dem ge­fährdeten Wagen in einen andern gegangen war, wo niemand verletzt wurde. Es scheine doch für manche Menschen unbewußte Ahnungen und Warnungen zu geben. Da begann ein älterer Herr, der sich bis jetzt noch nicht am Gespräch beteiligt hatte:

Lassen Sie mich einen solchen Fall erzählen, den ich selber erlebt habe: Ich war auf einer längeren Reise in Kanada. Der Zug fuhr durch einsame Gegenden, in die ich selten hinaussah. Ich hatte mich in einen Roman vertieft, der mich spannte und mich für ein paar Stunden in fremden, erdichteten Schicksalen festhielt. Es waren nicht viel Mit­reisende im Zuge. Mit mir war nur noch eine Dame im Abteil, die mich von meinem Roman nicht abzog. Sie saß ziemlich entfernt in einer Ecke und las wie ich. Da ich noch bis zum nächsten Morgen zu fahren hatte, achtete ich nicht auf die Stationen, an denen wir hielten. Die Dämme­rung brach früh herein, es war ein grauer Herbsttag. Bis der Schaffner kam, die Lampen anzuzünden, mußte ich mein Lesen unterbrechen. Ich sah ins Graue hinaus; eine dunkle nasse Böschung glitt gerade am Fenster vorbei. Da sah ich zu der Dame hinüber und begegnete ihrem Blick, der sich gleich wieder wegwandte und auf das zugeklappte Buch hinabsank. Ich merkte jetzt, daß sie jung und hübsch war, und begann mich für sie zu interessieren. Ich empfand ein Bedauern darüber, daß sie irgendwo aussteigen und sie gewiß nicht wiedersehen würde. Ich will Ihnen aber keine Liebesgeschichte erzählen, und um Ihnen jede Spannung von vorn­herein zu nehmen, erwähne ich, daß die junge Dame später meine Frau geworden ist. Das Gefühl, mit dem ich sie damals ansah, scheint mir aber schon mit zu meiner Geschichte von solch einer merkwürdigen Warnung zu gehören, von solch einer Rettung, die außerdem zwei 'Menschen fürs Leben verband.

Als ich so zu ihr hinübersah, um dann wieder in meine Gedanken zu versinken, stieg eine wehmütige Heimatlosigkeit in mir auf, der ich nicht wehren konnte und die bald die Bilder bestimmte, die vor meinem inneren Auge vorüberzogen. Ich mußte an das unstete, ruhelose Leben denken, das ich seit meiner Jugend drüben in Amerika geführt, an meine Er­lebnisse im Kriege der Nord- und Südstaaten, an meine vielen einsamen Reisen. Unmerklich kam ich immer wieder in Zukunftsbilder hinein und walte mir immer wieder sehnsüchtig ein Heim mit einer lieben Frau und Kindern aus. Ich war schon ein nicht mehr junger Kerl und wollte den Rest meines Lebens nicht ganz verlassen zubringen. Und dabei hatte ich Plötzlich ein ängstliches Gefühl, als ob dieser Rest meines Lebens vielleicht nur noch sehr kurz fein könne. Das hätte ich im Sezessionskriege öfter in unruhigen Stunden vor Gefahren gehabt, während es in drang­vollen, wirklich gefährlichen Augenblicken stets einem unerhörten zixv spannen und einem merkwürdigen Sicherheitsgefühl wich. Jetzt konnte ich es kaum abschütteln und griff deshalb, sobald die Lampen angezundet waren, wieder zu meinem Roman, zwang nach in die Lektüre hinein und schaute auch kaum auf, als auf der nächsten Station ein Herr etnftieg «nb sich nach flüchtiger Begrüßung mir gegenüber auf den Eaplatz setzte. "Beim Umblättern sah ich einmal zu ihm hinüber. Er rauchte und las m * Aus demBuch der Bilder"; Gesammelte Werke, Band II, Insel- I ^rlag, Leipzig.

mit ftarrem »lief, der immer auf dieselbe Stelle gerichtet schien, in einer Zeitung. Mir kam vor, als fei ich ihm einmal irgendwo begegnet- ich tonnte mich aber nicht besinnen, wann und wo. Es mußte wohl vor langer Zeit gewesen fein. Vielleicht, dachte ich, ist es nur eine zufällige aet)nlid)teit und las weiter, als während der Fahrt noch zwei Herren ins Abteil tarnen, die sich neben mich und mein Gegenüber fetzten so daß ich den Buchumschlag, den ich auf das Polster gelegt hatte weg- nehmen und ms Gepäcknetz legen mußte. Dabei sah ich sie an und auch fte tarnen mir bekannt vor, während ich ihnen ganz fremd und gleichgültig zu sein schien. Mir ward unbehaglich, ohne daß ich mir einen Grund wußte Die Herren machten den Eindruck, etwa zehn Jahre jünger zu jein als ich und sich untereinander zu kennen; denn einer von ihnen gab bem Zuerftgekommenen ein Zeitungsblatt hinüber, ohne etwas dazu zu sagen Der nahm es und hielt es so, daß ich den Kopf des Blattes sehen konnte. Mechanisch las ich ihn, und las erst den Namen einer hier in Äanaba fast gar nicht verbreiteten Zeitung aus den westlichen Frei­staaten las bann ein mehr als zehn Jahre zurückliegendes Datum und die Ueberschrlft eines ArtikelsSieg der Nordstaaten". Sie werden be- greiflid) finden, daß mir das merkwürdig vorkam. Da wandte einer der Wen, die noch immer kein Wort gesprochen hatten, seinen Kopf zum Gangfenster und wies mit der Hand auf den Artikel, dessen Ueberschrift ich eben gelesen hatte. Ich folgte seinem Blick und bemerkte einen Kopf ber zu Öen anderen Herren hereinsah und auf die Bewegung des Herrn mit der Zeitung flüchtig nickte.

Ich war aus meinem unbehaglichen Gefühl jetzt ganz aufmerksam geworden und glaubte im nächsten Augenblick, ich sei heute in meiner fischen Verfassung etwas gestört, daß ich fortwährend Bekannte zu sehen mir einbildete; bei dem Herrn am Gangfenster wiederholte sich dies Gefühl Aber bei ihm wußte ich allerdings sofort, daß ich mich nicht tauschte, daß ich ihm vor zehn Jahren im Sezessionskrieg begegnet war.

stand auf, um ihn zu begrüßen, von ihm zu erfahren, wer die anderen seien und dadurch aus der unbehaglichen Lag« erlöst zu werden. Wie ich auf die Ture zuging, verschwand er, und als ich auf den Gang hinaus- trat war die ganze Länge des Wagens vor- und rückwärts kein Mensch zu sehen, außer einem Schaffner, der in ber Nähe der Außentür ver­schlafen an ber Wanb lehnte. Ich fragte ihn, ob nicht eben ein Herr durch ben Gang gekommen sei; er verneinte. Während ich noch mit ihm sprach traten bie brei anderen Herren aus meinem Abteil heraus unb gingen in ben anschließenben Wogen. Jetzt hörte ich sie sprechen, verstand aber nur, ww der eine sagte:Natürlich aussteigen!" Ich besann mich währenddessen auf den Namen des Herrn, ber am Gangfenster gestanden ßatte. Da fiel mir plötzlich ein, wie ich mit ihm zufammengekommen war. Er hatte eine Meldung an unser Bataillon zu bringen und Hieb eine Rocht bei uns. Wir tranken zusammen und waren guter Dinge bis er im Morgengrauen fortreiten mußte. Ja hatte es denn nicht geheißen daß er gleich darauf gefallen fei? Während ich mich noch über das einstige Zusammentreffen mit dem vermeintlichen Toten besann kam ich darauf, daß bie anderen auch solch flüchtige Bekanntschaften aus bem Kriege sein mußten. Und wieder schreckte es in mir auf, unheimlicher und nachhaltiger: waren denn diese drei nicht auch gefallen? Ja ich wußte es bestimmt.

Ich Sing unruhig und beklommen in mein Abteil zurück wo mir sogleich die junge Dame mit der Bitte entgegentrat, daß ich ihr beim Herabheben ihres Gepäcks behilflich fein möchte. Ich fragte, ob sie schon am Ziele ihrer Reise sei? Nein, aber sie wolle beim nächsten Halten, wo es auch sei, unbedingt ausfteigen und einen Gasthof aufsuchen. Seit einer halben Stunde fühle sie sich, offenbar von bem langen Fahren, elend. Sie müsse für die Nacht ihre Reise unterbrechen. Ihr Blick war, wie sie das sagte, unstet und suchend, so daß ich auf die Vermutung kam, sie möchte noch einen anderen, schwerer wiegenden Grund haben den sie nicht sagen wolle. Mir fiel jetzt auf, wie hübsch sie war. Ich sagte, mein eigenes Unbehagen bezwingend und eigentlich froh, vor mir selbst einen Grund zum Aussteigen zu habeni ganz unbefangen zu ihr, ob ich ihr meinen Schutz anbieten dürfte; ich hätte auch etwas Unangenehmes erlebt und würde ebenfalls gern erst morgen Weiterreisen; sie möchte übrigens meinen Vorschlag, nicht mißdeuten. Sie sah mich einen Augen­blick voll an, sand mich, wie auch späterhin bei anderen Gelegenheiten, vertrauenswürdig und nahm an. Wir traten mit unseren Handgepäck­stücken auf den Gang, es dauerte etwa noch eine halbe Stunde, bann stiegen wir aus.

Ich kann Ihnen nicht sagen, wie wohl mir die kühle Herbstluft tat, wie ich aufatmete, mit welcher Befriedigung ich dem davonfahrenden un- heimlichen Zug nachfah. Er verschwand mit feinen Lichtern in einem Tunnel. Ich nahm mir vor, jetzt gar nicht mehr an die toten Be­kannten zu denken und mich ganz meiner neuen Bekanntschaft zu widmen. Wir gingen in ein nahe am Bahnhof gelegenes Hotel, wo wir uns Zimmer anweifen ließen, und trafen uns dann gleich im Speisesaal zum Abendbrot. Natürlich tarnen wir bald wieder auf unsere Flucht aus dem