Ausgabe 
4.5.1931
 
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dem König Gustav Sieg und Heer zu erhalten. Es hätte ihm im Sterben und Tod nichts genutzt. Ihm genügte und so gering kann eines Menschen Glück und Heldentum sein, daß er mit seinem treuen Tier zusammen die Nacht auf sich herabsinken sah und den Weg in die Heimat finden durste.

Die Wälder Suomis rauschten und raunten. Die hellen Nächte waren da. Nuovas Leib hob und senkte sich, als ob es der Heimatboden sei, der da atmet. Der Schrei des Bergadlers war in der Luft fo laut und gewaltig, daß nichts von dem Stöhnen und Schreien des dunkelnden Schlachtfeldes in die Sterbensträume Muoniavaras drang als der Sieges­schrei des gewaltigen Vogels, des Königs aus Mitternacht, wie Symbol und Spiel zugleich des Schicksals sein Volk und Völker und Geschlechter nach ihm den Sieger der Schlacht von Breitenfeld nannten.

Zum Löwentor von Mykenä.

Von Alfons v. Czibulka.

Das Felsennest Nauplia am verzauberten argolischen Golf, das schon der Seehafen jener machtvollen homerischen Könige Atreus und Agamem­non war, die im zweiten Jahrtausend vor Christus auf einem erhabenen und erhöhten Winkel der argivischen Ebene in ihrer Goldburg Mykenä thronten, ist, wie die Reisehandbücher versichern, unschwer zu erreichen. Und doch wird die Ruhe dieses weltfernen Hasenstädtchens nur selten von Fremden gestört. Denn die griechischen Postdampfer, die in zwölfstündiger Fahrt über ein berüchtigtes Stück Griechensee vom Piräus über Hydra nach Nauplion schaukeln, find wenig beliebt. Die Bahn über den Jsthmos von Korinth aber ist schmalspurig, ihre winzigen Wagen werden in der südlichen Glut zu Bleikammern. Und die Straße von Athen nach dem Peloponnes würde kein mitteleuropäischer Chauffeur freiwillig befahren. Es sei denn, er wäre des Lebens überdrüssig.

Oder doch nur den Teil bis Eleufis und ein Stück darüber hinaus. Soweit ergießt sich auf der einst heiligen Straße ein breiter, nur selten von Schlaglöchern gestörter Asphaltstrom. Doch weiter gegen den Jsthmos zu ist die Straße sicherlich nicht besser als zur Zeit, da die Alten sie zum Schauplatz der Sage vom Prokrustes mit seinem Streckbett wählten und auf ihr den erbarmungslosen Räuber Skiron sein Wesen treiben ließen. Woraus zu schließen ist, daß diese Wegverbindung sich schon im Alter­tum eines zweifelhaften Rufes erfreute. Was aber einen Athener Chauf­feur noch lange nicht stört.

Autofahren in der Levante ist überhaupt Magie. Durch ein Gewirr mitfahrender, entgegenflitzender, regellos kreuzender und in rasender Fahrt einbiegender Autos, wild läutender Straßenbahnen, aufgeregter Fuhrwerke, durcheinander laufender Menschen saust ein levantinischer Kraftfahrer, während sein Wagen Haken schlägt wie ein Hase und Bögen schwingt wie ein Eisläufer, mit unverminderter Geschwindigkeit durch. Ms ein flammender Protest gegen jegliche Ordnung. Einem europäischen Verkehrsschutzmann würden Helm oder Mütze auf den vor Entsetzen gesträubten Haarspitzen tanzen. Und die Bitte um langsamere Fahrt beantwortet ein solcher Fahrer, wie uns das in dem steilen Gassen­gewirr von Stamvul widerfuhr, mit der grinsend erteilten Entgegnung, daß er langsamer nicht zu fahren verstünde.

Ein solcher Magier am Steuer war auch der sicherlich noch nicht zwanzigjährige Taxi-Chauffeur, eine sympathische Lausbubengestalt mit einer unternehmend vorspringender Nase in dem schmalen Kindergesicht, den mein Athener Gastfreund für die Fahrt nach Mykenä und Nauplia verpflichtet hatte. Sein Wagen schien übrigens ausgezeichnet gepflegt. Daß dann doch die Scheinwerfer bockten, merkten wir erst in jener Nacht, in der er uns während eines flammenden Tropengewitters mit sintflut­artigem Wolkenbruch über die halsbrecherischen Jagdgründe des Pro­krustes und Skiron nach Athen zurückführte.

Nachdem dieser schwarze Griechenjüngling, spielend durch den erwa­chenden Athener Verkehr steuernd, in einem Höllentempo über die heilige Straße von Eleufis gefahren war, ließ er den Wagen in die Haarnadeln­kurven der von Sand und Schutt vermurten, von keiner Randmauer gesicherten Straße einschwingen, die, aufsteigend an der unwahrscheinlich blauen Bucht von Salamis, über Megara, dessen einstiger Handelsmacht Byzanz seine Gründung verdankte, hinüberführt zu den Farbenwundern des saronischen Golfes.

So verzaubernd ist diese nun doch durch den Zwang der wilden Straß« wohltuend verlangsamte Fahrt hoch über dem Licht- und ^arben- rausch des weiten Golfes, daß man erst wieder zum vollen Bewußtsein der Bewegung kommt, wenn der Wagen schon längst viele Hunderte von Meter hoch über dem Meere durch die Skironischen Felsabsturze klettert oder über eine Art von Sandreihen rutscht. Aus einem so schmalen Bande fahrend, daß er mit einer Seite an die Wände streift, inbes die Räder der anderen keine Spanne weit von dem jäh und ohne Mauer in den Abgrund übergehenden, bröckelnden Straßenrande sich im Kiese drehen. In den vielen engen Kurven der labyrinthisch sich windenden, bald steil ansteigenden, bald beängstigend abfallenden Straße sieht man senkrecht unter dem über der Tiefe schwebenden Kotflügel die Klippen und Pinien der Küste als winzige Zwerggebilde.

In orientalisch bildhafter Sprache nennen die Griechen dieses «trahen- stück K a k i s k a l a die schlechte Stiege. Hier ist auch die Stelle, wo der furchtbare Skiron die Wanderer mit einem Fußtritt ins Meer hmab- schleuderte, auf dessen veilchenfarbenem Spiegel goldschimmernde Inseln wie Rücken riesenhafter Urwelttiere schwimmen. Wahrend ferne über dem Jsthmos, hinter dem ragenden Kegel von Akrokormth, schon die Gebirge des Peloponnes lichtblau vor weihen und goldenen Wolkenburgen stehen.

An drei Stunden dauert es. bis diese abenteuerliche Strahe durch­fahren ist, der Wagen nahe am Meere schon und nut ihm in fnft gleicher Ebene durch Olivenpflanzungen, Maulbeerhaine, rötliche Aecker rollt und ein vom Erdbeben gefälltes Dorf durchquerend >n dem kem Stein auf dem andern blieb, das nur eine halbe Gehstunde entfernte ^fthmia erreicht, in dem nicht ein Ziegel vom Dache fiel. Zwischen den in hell­grünen Buschgärten versteckten Häusern von Isthmia verschwindet eben ein Dampfer der Deutschen Levantelinie in der Einfahrt des jrancns.

Nach wenigen Windungen der Straße schwingt sich, achtzig Meter hoch über der Kanalsohle, die Brücke hinüber nach dem Peloponnes. Als ein schnurgerades spiegelndes Band zieht in der liefe das Wasser von der saronischen Bucht zu mGolf von Korinth, der als eine lichtblaue Fläche mit silbernen Rändern unbewegt ruht zu Füßen des weißhäup- tigen, von schwarzen Tannensorsten gegürteten Parnaß. In Neu-Korinth, das immer noch einer vom Trommelfeuer vernichteten Ortschaft gleicht, errichtet man Häuser aus schmalen, schwingungsbereiten Holzlatten.

-Das Wahrzeichen der korinthischen Landschaft, der freistehende, massige Bergkegel von Akrokorinth, der seine niedrigen, mittelalterlichen Festungs­mauern wie eine Krone trägt, tritt an die Straße heran. Die, nachdem sie eine Weile wieder einer europäischen glich, in breite Sandflächen zwischen Aeckern, Pflanzungen, verstaubten Buschwäldern und geröll­besätem Weideland verläuft. Nur die Wagengeleise weisen den Weg. Hochräderige, schwerbeladene, von Maultieren gezogene Karren fahren zu Markte nach Korinth. Mit den Köpfen nach unten hängen lebend« Truthühner in Bündeln an den Karrenwänden. Unbekümmert um die vermehrte Last, hockt die ganze Familie auf der getürmten Ladung. Esel, die große Tabakballen tragen oder Wein in mächtigen Ziegenschläuchen, biegen von den Feldern ein. Große Raubvögel hocken auf einem toten Hund. Erst dicht vor dem Kühler flattern sie schwerfällig auf.

Eine schmale, langgestreckte, von einem oleandergesäumten Bergbache durchrauschte Pahschlucht führt aus der Landschaft Korinth nach Argalis. Eben noch glaubte man mitten in der bedrückenden Gebe biefes nieberen Gebirges zu fein, ba tritt bie Kulisse aus grauen Geröllhängen mit einem Schlage zurück und in gewaltiger Weite liegt vor der sich steil senkenden Straße die argolische Ebene. Non Bergen begleitet im Osten und Westen. Im Süden begrenzt von dem mit dem Horizont verschwimmenden Gold­streif des Golfes zwischen dem hohen Berghügel Larissa über Argos und dem mächtigen Kalkhut des Palamidi über Nauplia, der in dieser licht­gesättigten Atmosphäre wie eine Luftspiegelung über der Ebene schwimmt.

Zur Linken vor einem düsteren, in großen Konturen dem Meere zustreichenden Bergzuge auf rötlichgrauen Hügeln, di« den Halden eines Eisenbergwerks gleichen, als schwarze, senkrechte Striche die Schacht­eingänge der Königsgräber von Mykenä.

Auf einen Feldweg einbiegend, rollt das Auto zwischen den Puder­quasten der Baumwollfelder, an hellgrünen Tabakstauden vorüber durch ein ärmliches Dorf der Burghöhe von Mykenä zu. Sie, aus einer Fels­schlucht sich türmend, nun deutlich aus dem Winkel der gegeneinander streichenden Gipselhäng« des hohen Doppelberges Euboea hervortritt. Geröllserpentinen schrauben sich über Schutt und Trümmer, über Reste der kyklopischen Burgbrücke bis zur obersten Ringmauer. Einige Schritte vor dem Löwentor hält der Wagen.

Der Eindruck dieses berühmten Tores der Goldburg mit seinen wie in einem Wappenbilde edel aufgerichteten Steinlöwen ist groß. Aber überwältigender noch ist der Ausblick, der einen geradezu körperlich auf die Stelle bannt, wenn man das Tor durchschreitend nach kurzem Auf­stieg die Burghöhe erreicht. Denn nicht wie auf der Akropolis Athens vermag der archäologisch Ungeschulte sich hier aus Verfallenem ein Bild von dem zu gestalten, was vor nun bald vier Jahrtausenden gewesen ist. Erst in dem Blicke von dieser königlichen Fellenhöhe auf Ebene und Golf von Argos entsteht der Phantasie aller Glanz und aller Zauber dieser homerischen Burg. Obgleich es Oktober ist, glüht die Landschaft unter der Sonne, die mit ihrem Leuchten Fern« und Nähe-wie mit Goldstaub überrieselt. Als hätte alles Gold von Mykenä in diesem magischen Lichte gelöst.

Dies und die unbeschreibliche Wirkung des unterhalb der Burg in die Erde gebauten Schatzhauses des Atreus, bas man burch ein riesen­haftes, noch im Freien stehenbes Felsentor betritt, läßt ahnen, was hier einmal war. Ohne Mörtel ist aus glattbehauenen Blöcken biefes unter« irdische, bienenkorbartige, einst mit Kupfer- und Goldplatten ausgelegte Gewölbe aufgeführt, 'dessen Scheitelhöhe die Höhe eines dreistöckigen Gebäudes erreichen mag.

Vorsichtig rutscht der Wagen am Rande der auslaufenden Schlucht wieder in die Eben« hinunter und erreicht, nun dem Meere zufahrend, nach einer Strecke von zwei Gehstunden die gelben Lehmhütten der Stadt Argos. Auf dem Wege nach Nauplia, der nahe schon der Küste an den lernäischen Sümpfen vorüberführt, wo Herakles die Hydra tötete, mahlt der Wagen, baumhohe, schwefelgelbe Wolken hinter sich aufwerfend durch knietiefe Sandseen. Nur Maulbeerbäume, verstaubte Riesenkakteen, mäch­tige Eukalyptusbäume deuten den Straßenzug an. Selbst die Schatten sind aufgelöst von der blendenden Helle dieses unbegreiflichen Lichts und des gelbweißen Sands. Nur da und dort erholt sich das Auge an grün durcheinander wuchernden Mastix-, Gummi- und Pfefferbaumen, Oran­gen, Feigen und Oliven, die, wie zu Oasen vereinigt und noch von Palmen überragt, über rosafarbenen, blauen und grellweißen Häusern stehen.

Zwischen mächtigen, bis an die Wipfel verstaubten Silberpappeln, vorbei an den rötlichen Felsabstürzen des Palamidi erreichen wir nach siebenstündiger Fahrt von Athen her unser Tagesziel Nauplia. Unter dem Torbogen der Stadt hindurch, den zur-Erinnerung an den Türken­sieger Morosini, unter dem der deutsche Graf Königsmarck einst Nauplia erstürmte, der Markuslöwe schmückt, rollt der Wagen zum Hauptplatz.

In der Schenke, in der wir einkehren, steigen in der Küche, die ich zu gastronomischer Erkundung betrete, Wolken von Fliegen auf von den neben Schafgedärm und toten Fischen liegenden Fleischbrocken. Und der nach Landessitte geharzte Wein löscht nicht den Durst. Um so besser ist dann der türkische Kaffee auf der Hafenmauer, von wo man zwischen bunten, hochbordigen Fischerfahrzeugen über die Wasserweite des vom hohen Artemifiongedirge überragten Golfes sieht und auf die abenteuer­liche Silhouette der Henkersinfel, eines venezianischen Kastells, in dem vor kurzem noch angekettet die Scharfrichter saßen, die alljährlich einmal auf dem Burgberge Palamidi die Todesstrafen ganz Griechenlands vvllzogemjr t[ejne ^jiand dar Henker betreten, sieht schon der Mond

in das düstere Gemäuer der Seeburg, gegen das leise die vor einem warmen Abendwinde laufende Wellen klatschen.