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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang <951 Montag, -en 4. Mai ~ Nummer 35
Gedenkst du noch?
Von Theodor Storm.
Gedenkst du noch, wenn in der Frühlingsnacht Aus unferm Kammerfenster wir hernieder Zum Garten schauten, wo geheimnisvoll Im Dunkel dufteten Jasmin und Flieder? Der Sternenhimmel über uns so weit. Und du so jung, unmerklich geht die Zeit.
Wie still die Luft! Des Regenpfeifers Schrei Scholl klar herüber von dem Meeresstrande; Und über unsrer Bäume Wipfel sahn Wir schweigend in die dämmerigen Lande. Nun wird es wieder Frühling um uns her. Nur eine Heimat haben wir nicht mehr.
Nun horch ich oft, schlaflos in tiefer Nacht, Ob nicht der Wind zur Rückfahrt möge wehen. Wer in der Heimat erst sein Haus gebaut. Der sollte nicht mehr in die Fremde gehen! Nach drüben ist sein Auge stets gewandt: Doch eines blieb — wir gehen Hand in Hand.
Wiedersehen mit dem Talegallahuhn.
Bon H. Wolfgang Seidel.
„Ein durchdringendes Klingeln schreckte um Mitternacht den Lesenden auf“ — so heißt es ja wohl in den Romanen. Indessen war es in diesem Fall weder die Türglocke, noch der Fernsprecher, sondern es war jenes geheimnisvolle Läutewerk, mit dem unser Gedächtnis die Wiederkehr verschollener Gespenster ankündigt. Die Nachricht, in heutiges Deutsch übertragen, lautet etwa: „Direktor Heck beehrt sich zu zeigen: Das Tale- gallahuhn!" SRir abef versanken fast fünf Jahrzehnte, und ich rief aus: „Es lebt also noch!" Gespenst meiner Jugend, rätselvollstes aller Geschöpfe, halb Wirklichkeit und halb Traumgestalt — mußte ich dich nicht erwarten? Aus dem Blätterfall und Moder vergessener Zeiten hat es sich ans Licht gekratzt und begehrt Beachtung. Sie werde ihm zuteil!
Der Ort, an dem auch damals schon das Talegallahuhn seine Verehrer empfing, war der Zoologische Garten. Ein schwierig auszusprechendes Wort, und doch ließ sich kein Verständiger auf die bequeme Bezeichnung „Zoo" ein: diese überließ man stammelnden Kindern. Wir liebten damals — in den achtziger Jahren — lange und anschauliche Namen; allerdings muß ich zugeben, daß selbst Erwachsene gerne „zologisch" sagten, aber wie hätte man auf das wundervolle Wort „Garten" verzichten können! Mancher hielt den Garten sogar für wichtiger, als die Tiere, und — was ihm einen besonderen Reiz gab, — dieser Garten lag weit vor den Toren der Stadt, hinter ihm war eigentlich gar nicht mehr Berlin — sondern das Land.
Auch wir wohnten bereits in der Vorstadt, nämlich m jener Straße, die den Namen „Am Karlsbade" führte, und in deren grünen Wipfeln damals noch die Nachtigall sang. Wer sie nicht gehört hatte, wurde bedauert und galt als politisch rückständig; dagegen gab es immer noch Zweifler, die nicht an die Einwanderung der Amsel in Berlin glauben wollten. Man gab zu, daß im Tiergarten die Holztaube, der Fliegenschnäpper und drei Arten von Spechten vorkamen, man hatte eine ganze Familie von Käuzen auf einer alten Eiche hocken sehen, und selbst der Eisvogel wurde für den Winter nicht bestritten — er fischte sogar, bewundert von Wasserratten — aber Schwarzdrosseln —: nein!
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Mein Vater stand in seinem Arbeitszimmer, das von einer Atmosphäre unvergeßlicher Art erfüllt war: es roch nach Schweinslederbänden, Zigarren, Ameifeneiern und vierzehn verschiedenen Vögeln. „Wir gehen heute in den Zoologischen Garten!" sagte er und futterte dabei den Papagei mit einem Stück Rohrzucker. „Sie haben neue Tiere ...
Aber wir gingen nicht, sondern wir fuhren mit der Pferdebahn. Ich erinnere mich, daß ich vor dieser Fahrt jedesmal ein ausgesprocheneq Gefühl von Uebelteit empfand, sie erschien mir endlos und ich pflegte daran zu zweifeln, daß wir je unser Ziel erreichen wurden. Ich weiß nicht, wie die Pferdebahn das machte, sie erzeugte Trostlosigkeit und glich alles in allem einem Gefährt, das ein Dämon auf die Spur eines Sonnenumlaufs gelenkt hatte. Die Pferde — wenn biefer Slusbruct anzuwenben war auf jene Tiere, bie bie Pferbebahngesellfchaft so unb
nicht anders bezeichnete — also die Pferde trugen kleine Schellen, um ihr Herbelsaufen jedem anzukundigen, und diese eintönige Glöckchenmusik, dieses beharrliche Wimmern in der Sonnenglut tötet» die letzte Lebensfreude. Immerhin müssen wir schließlich angekommen sein.
Hier nun, im Garten aller Wunder, lebte die Seele wieder auf, und ich hatte nur eins auszusetzen, daß bie ornithologischen Gelüste meines Daters sofort ben Vogelgehegen zustrebten, unb daß wir, wie mir schien, die Saugetiere vernachlässigten. Ich legte keinen Wert auf Affen unb Baren, aber ich wünschte bem schwarzen Panther, bem rnilben Zebu, dem bakirischen Kamel, bem sinnigen Nilpferd und vor allem der Giraffe naherzutreten, ohne darum den sibirischen Wolf, das Wombat und den Tapir zu verachten. Aber nein, wir mußten uns dauernd um das gesamte Federvieh bemühen, nicht grabe heftig um ben räderschlagenben Pfau, nicht besonbers leibenschaftlich um ben Fasanenherzog, der im heißen Sanbe strahlte, bie goldgelbe Flamme auf dem Haupt, als fei er ein Gestirn unter den Vögeln — mein Vater war ein „Amateur", wie man oamals sagte, ein Liebhaber, dessen Neigung den Insektenfressern gehörte, die er selbst mit unendlicher Kunst daheim durch den Winter zu bringen verstand, und die er am Fluge erkannte und nach zwei Tonen ihres Gesanges; sie waren für ihn das Mittel, selbst in der steinernen Stadt die Landschaft zu erleben, der sie entstammten: Wälder. Kornbreiten Rohrdickicht und weites Heideland.
Aber an dem Tage, dessen ich gedenke, hatte er ein anderes Ziel. Er sagte, daß der Garten seit einigen Tagen eine ungeheure Merkwürdigkeit beherberge, nämlich das Talegallahuhn. Er nannte als feine Heimat Australien, und ich war auf das abenteuerlichste aller Geschöpfe gefaßt, denn hieß es nicht in ben „Ansieblem auf Van Siemenslanb", baß in Australien alles umgekehrt sei, als anberswo? Außerbem brauchte er in bezug auf biefes Tier bas Wort „eigentümlich", ein Wort, das ich nur bei ihm bisher gehört hatte unb bem ich bie Bebeutung aller irgenb- mie erdenklichen Vorzüge beilegte. „Eigentümlich": bas hing natürlich mit „(Eigentum zusammen, unb ich konnte es mir nicht anders vorstellen, als daß es in solchen Fällen um eine Art Privatbesitz des lieben Gottes selber handle. Ich war aufs Aeußerfte gespannt.
Meine Erwartung indessen, daß dieses so bevorzugte Wesen angemessen untergebracht sei, ward schwer enttäuscht. Zum erstenmal in meinem Leben wurde mir bewußt, daß Verehrnnaswiirbigkeit dem harten Lebenskampf nicht gewachsen ist, denn das eigentümliche Tier hauste kläglich. Kein indischer Tempel mit eingelegtem Mosaik, nicht einmal eine Bam- bushütte, wie sie der ärmste Paria besitzt, war ihm zugeteilt worden; man hatte es in ausgesprochenem Maße hingesetzt, wo eben Platz war, in einen Stall, wenn man so will, ein vergittertes Kabuff über einem Komposthaufen. Ich war plötzlich Überzeugt, daß nur mein Vater überhaupt wußte, wo es feine geheimnisvollen Tage absjpnnte. „Da ist es!" sagte er befriedigt.
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Ja, da war es! Schokolabebraun, massig, unb mit bitter Selbstgefälligkeit stand es da, prahlte mit den beiden Fahnen feines Dachschwanzes und wiegte seinen halbnackten Kopf und Hals durch die Dämmerung seiner traurigen Bezirke. Neben ihm erhob sich der schon erwähnte Haufen verwesender Blätter, drei Raummeter im Ausmaße unb offenbar von ihm selbst hergestellt, hinter ihm ragte ein gegabeltes Oebilbe in bie Höhe, von bem es zu behaupten schien, es sei ein Baum.
Mein Vater betrachtete es mit Inbrunst unb sagte bann einige Worte, bie feinem liebevollen Herzen entsprachen:
„Weißt bu, es ist sehr scheu unb fühlt sich vermutlich ziemlich unglücklich. Aber bas läßt es nicht merken, keineswegs. Siehst bu feine mächtigen Zehen? Damit kann es barbarisch kratzen! Es wohnt im Buschhoh bes Manning unb schläft nachts auf Bäumen. Nein, ein Nest baut es sich nicht, aber ben riesigen Blätterhaufen, ber so schlecht riecht, ben hat es ganz allein zusammengebracht. Bei feuchtem Wetter natürlich, denn bas Ganze ist sein Brutofen, und nasse Blätter entzünden sich schneller. Cs vergräbt seine Eier darin, und wenn die Jungen durch die Wärme glücklich ausgebrütet sind, dann kommt das Männchen angesetzt und begräbt seine eigenen Kinder: drei Tage lang müssen sie warten, bis sie herausdürfen."
Ich sagte: „Aber ihre Mutter?"
„Die kümmert sich um das Ganze sehr wenig, sie geht spazieren oder frühstückt unterdessen Beeren und fette Insekten. Nein, die Mutter ist da sehr wenig beschäftigt. Aber es ist eben ein sehr sonderbares Tier, anders als bie anbern, eigentümlich..."
Meine Gabe, zu verehren, versagte. Ich wollte so gerne begeistert sein, jebes Wort aber, bas ich über bies Geschöpf vernahm, mißfiel mir. Alles wirkte zusammen: bie unförmige Größe, bie unangenehmen Krallen, ber pestilenzialif'che Brutofen, bas Hocken auf Bäumen und die Abwesenheit zärtlicher Gefühle. — Nein, ich konnte bas Talegalla nicht schätzen.


