Hang des Blühens und Gedeihens, des Welkens und Sterbens in der Natur mit solchen Naturstimmungen verwandten musikalischen Kompositionen empfindet. Natürlich kann ein solches Naturgesllhl — wir könnten es auch auf die Dichtkunst, besonders die Lyrik, anwenden — dahin übertrieben werden, daß inan für musikalische Veranstaltungen gewissermaßen akademische Rubriken schafft für Jahreszeiten und die mit ihnen gehenden Feste. Ich möchte darum sagen, daß das Osterfest ja nicht nur ein kirchlicher Gedanke ist, vielmehr schon in ältesten Zeiten der erste Festtag des auferstehenden Frühlings, des blumenbekränzten Baldur war. So wird auch sowohl der Naive wie der geschulte Musikfreund vor allein die Musik zur Osterzeit empfinden: es ist das Frühlingslied, das Wanderlied, jede frische und aufbauende Musik, einerlei, ob sie gesungen oder instrumental ausgesührt wird. Denken wir z. B. bei der Hausmusik an die herrlichen heiteren klassischen Werke der Kammermusik, die „Frühlingssonate" für Violine und Klavier von Beethoven, die zarten und anmutigen Jnstrumentalstücke von Mozart, die schier unermeßliche Fülle der herrlichen Frühlingsgesänge von Franz Schubert — wer dächte da nicht an sein herrliches Uhlandlied „Die linden Lüfte sind erwacht" oder die stürmende „Frühlingssehnsucht" („Säuselnde Lüfte wehend so lind") — an die lieblichen Weisen von Robert Franz und Felix Mendelsohn („Leise zieht durch mein Gemüt") oder an die lenzromantischen Lieder Robert Schumanns zu den ewig herrlichen Gedichten von Eichendorfs? Und eine große Anzahl der gut und leicht gesetzten Frühlingschöre sind echte Ostermüsik für die wandernde Jugend, die vielen und ihren Ideen erfreulichen Jugendbünde, die sich nicht zum wenigsten zur Pflege musikalischen Gemcinschaftserlebens zusammenschlossen und fröhlich in die Frühlingswelt hinausziehen. Für diese findet sich reicher Stoff und Literatur in den Jödeschen Musikantenheften, für die Lautespielenden wohl das Schönste und Beste in Scherrers „Zupfgeigenhansl".
Ostermüsik für die Kinder, auch für die Kleinsten wird im Kindergarten und Schule mit Spiel, Gesang und Reigen gepflegt, ich brauche die Namen der niedlichen Kindermelodien hier kaum aufzuzählen. Für die reifere Jugend möchte ich noch zwei besonders schone Osterchöre nennen, weil ihr Sinn und Klang so recht den Gedanken von Ostern als dem Feste der Auferstehung im geistigen Sinne wie in dem des Auferstshens der blühenden Natur aus den Banden des Winters trifft; das ist einmal das wunderschöne „Osterhymnus" von G e s i u s und vor allem das unsterbliche Lied „Christ ist erstanden". Diese altehrwürdige Weise, vielleicht der Osterhymnus in der höchsten Vollendung, tritt nun auch aus in vielen Werken, in denen österliche Gedanken anklingen. Ich denke da vor allem an Goethes „F a u ft", wo der sanft anfchwellende und immer gewaltiger dröhnende'Klang der Osterglocken den großen verzweifelten Ringer wieder zur Erde zurückruft („Die Träne quillt, die Erde hat mich wieder"). Hektor Berlioz hat in seiner Oper „Die Verdammung des Faust" gerade an dieser erschütternden Stelle eine neue Komposition des Auferstehungslisdes geschaffen, die einen Höhepunkt nicht allein in der Oper, sondern in der geistlichen Opernliteratur überhaupt bedeutet. Bei den Faustaufführungen in den Schauspielhäusern hören wir mit dem Klang der Osterglocken wieder die oben erwähnte alte Weise des „Christ ist erstanden" in schönen Sätzen von Lindpaintner, Weingartner und Schillings. In dem Oratorium eines unserer neuesten und hervorragendsten Tondichter, in »Jesus aus Nazareth" von Gerhard von Keußler, bildet unser klassischer Ostergesang mit einer unendlich schwungvollen Schlußsteigerung das Finale des ganzen Werkes nach den mystisch-stillen Klängen der Grablegung. Wir sehen, es ist der Sinn jeder Musik zu Ostern: nach der Leidenszeit, nach der Winterzeit ein Auferstehen, ein Aufblühen, ein neues mutiges Aufbauen des Lebens im Scheine der wärmenden Frühlingssonne.
Lappeneier.
Von Sofie von Uhde.
Ostern ohne Lappeneier — nein, das ist nicht vollkommen! Kein noch ;o lieblicher Frühlingstag, fein noch so schöner Schokoladenhase konnte mich über ihre Abwesenheit bisher Hinwegtrösten. Aber feit ich letzte Ostern auf dem Landhaushalt meiner Freunde Ellinor und Karl-Heinz zu Gaste war und dort erfuhr was man mit Lnppenetern alles erleben kann, bin ich in meiner Begeisterung zurückhaltender geworden.
Wir saßen beim Mokka in der Diele, zu dritt in freundlicher Eintracht, und die Rede kam auf die Ostereier. Es war tüchtig gesammelt worden, ein paar hundert Eier lagen bereit, höchste Zeit war es auch, zu beginnen, denn morgen war Ostern und das Haus voller Gäste also — was sollte nun mit den Giern geschehen? Ellinor, welche die Mamsell und alle Hausmädchen In der Backstube wußte und ohne Hilfe war, sprach energisch gegen Lappeneier und war für Zwiebelfärbung, und ich als wohlerzogener Gast stimmte traurig bei. Aber da bekam mit eins Karl-Heinz seinen Koller, er wurde ganz rot vor Merger und schrie: „Diese verdammte, neumodische Welt, wo die Frauen für nichts mehr Zeit haben, was von jeher der Brauch war! Ich darf wohl erwarten, daß diese alte Tradition geachtet wird und in diesem Jahre ebenso wie in jedem anderen die Lappeneier bereite! werden." Und von seiner eigenen Energie erschreckt hüllte er sich in Rauchwolken.
Ellinor schnitt ihrem Herrn und Meister eine Grimasse, welche mit .Hochachtung nichts zu tun hatte, aber dann erhoben wir uns doch und begaben uns in die Wirtfchaftsräume. „Also Lappeneier", sagte Ellinor gefaßt, und wir gingen an die Arbeit. Aber wissen Sie denn auch welche Arbeit dies ist? Für jedes Ci muß ein Leinenlappen bereitet werden, der mit bunten Papiersetzen und gemahlenem Kaffee, mit Panamarinde, Reis und Tee, mit den Spitzen von Tannenzweigen, mit Petersilie und eigens hierfür aufbewahrten grünen Walnußschalen in buntem Durcheinander belegt wird; Man kann seiner Einbildungskraft die Zügel schießen lassen, alles ist recht, was färbt und bizarre Formen gibt, 'in die der
farblose Reis reizvolle weiße Pünktchen einstreut. In diesen Lappen wird das Ei eng eingerollt, und eine gute Weile tüchtig gekocht und dann abgewaschen. Die Wirkung ist phantastisch, man erzielt Farben und Formen, die fabelhaft find; fo ein Ei gleicht wirklich einem expressionistischen Kunstwerk. Aber man muß sich hüten, der Brühe, in welcher die Eier kochen, zu nahe zu kommen — sie färbt wie Pech und Schwefel.
Wir arbeiteten munter darauf los, schon stand die erste Wanne voll fertiger Gier auskühlend auf dem riesigen Anrichtetisch. Wir packten sie aus und begeisterten uns bei jedem einzelnen Gi, entwarfen neue Zusammenstellungen, gerieten darüber in Streit, schleppten Körbe voll Gier herbei, lachten und liefen und arbeiteten schwer. Gesellschaft hatten wir auch. Ein kleines Kücken, schwächlich schon dem Brutofen entschlüpft und von der führenden Truthenne weggebissen, verbrachte die erste Zeit seines Lebens in den warmen Küchenregionen in einem Korb voll Watte, den es aber dauernd verließ, um uns zwischen den Füßen herumzulaufen, so daß wir es, kurz entschlossen, vor uns auf den Anrichtetisch setzten, wo es alles anpickte und der Arbeit keineswegs förderlich war, besonders da wir, in Anbetracht feiner Niedlichkeit, uns genötigt sahen, es alle Augenblicke aufzunehmen und ans Herz zu drücken, was ihm noch dazu höchft- wahrfcheinlich ärgerlich war. Gut, daß Karl-Heinz uns nicht sah.
Da öffnete sich mit eins unter einem gewaltsamen Ansprung die Tür, und Treff, der braune Hühnerhund, erschien, mit Begeisterung begrüßt. Noch kein Jahr alt, war er im Vollbesitz seiner unnachahmlich schwerfälligen Gelenkigkeit der jungen Jagdhunde, die, in Verbindung mit der Anständigkeit und Gutmütigkeit seines schönen Gesichtes, ihn unwiderstehlich machte. Er gehorchte auch schon gut, aber er dachte zuweilen dabei, was nicht immer zuträglich ist. Gr dachte leider auch jetzt. Gr hob witternd die Nase und zog das Hühnchen auf dem Anrichtetisch in den Kreis seiner Betrachtungen.
Hühner zu jagen, hatte er sich durch den nicht mißzuverstehenden Ernst des Verbots mit Bedauern abgewöhnt. Nichtige, große, vernünftige Hühner, nun gut, dagegen wollte er nichts sagen. Aber was sich da auf dem Tisch herumtrieb — diese mißliche, gelbe Bagatelle —, auf die konnte fein kluger Herr unmöglich viel Wert legen. Also, wollen wir mal? Und schon sprang er mit der ganzen impulsiven Plötzlichkeit seiner Jugend auf die Anrichte.
Er landete in der Wanne mit der Farbbrühe. Eine Fontäne dunklen Saftes ergoß sich über unsere Köpfe, lief uns in die Kleider, sprühte an die Küchenwände. Die verfolgte Bagatelle flüchtete kreischend. Treff — ihr nach — sauste unter erneuten Kaskaden aus der Wanne heraus, mitten in die Eier und Schüsseln voll Material, alles in unaufhaltsames Rollen versetzend und der flüchtigen Bagatelle nachjagend, die todesmutig mit lächerlichen kleinen Flügeln vorn Tisch herabflatterte und unterm Küchenkasten verschwand. Danach setzte er mit fernen ausfegenden Hinterbeinen auch noch das letzte in Bewegung, was bisher aus irgendeiner undurchsichtigen Ursache an seinem Platze verblieben war. Und aus dimensionalen Gründen an der weiteren 'Verfolgung seines Wildes jäh gehemmt, pflanzte er sich mit wütendem Aufheulen vor dem Küchenkasten platt auf den Bauch.
Dies alles war das Werk von Sekunden. Wir halten uns in wildem Drckng, zu retten, was zu retten war, über den Tisch geworfen, aber unsere blinzelnden Augen, in die aus tropfenden Haaren die Farbenbrühe floß, unterschieden nichts mehr, und der einzige Erfolg war, daß wir mit der ganzen Länge unserer Anne in der gelben Eiersoße lagen, die von buntem Seidenpapier und allerhand Kolonialwaren dekorativ unterbrochen war. Treff, mit aufmunterndem Bellen, forderte uns auf, ihm die Bagatelle herauszugeben; ober irgend etwas in den geblendeten Blicke», die wir ihm zuwarfen, muß furchtbar gewesen sein, denn er entfernte sich sehr plötzlich mit einem wohlgezielten Sprung durchs ebenerdige Küchenfenster, l^eg war er.
Solche Katastrophen pflegen nicht lautlos von statten zu gehen, zumal wenn Frauen beteiligt sind. Und so erschien denn, angelockt durch unsere empörten Schreie, Karl-Heinz sehr eilig aus der Bildfläche. Wir standen triefend, mit Eigelb verklebt, vor ihm, über die schönen weißen Wände lief es braun, der Boden schwamm, weiße und gefärbte Eierschalen trieben auf dem gelben Strom — und unter dem Küchenkasten saß die Bagatelle unb piepte.
Ich mit meinem unausrottbaren Optimismus, hatte geglaubt, Karl- Heinz würde unsere berangierten Erscheinungen tröstend in die Arme schließen, uns reizenden Ersatz für die vernichteten Kleidchen versprechen, kurz, sich als ein Ehristenmensch erweisen. Aber er dachte gar nicht daran. Er benahm sich auf eine ganz erstaunliche Weise, welche wahrhaftig ein Hohn auf die berühmte Logik der Männer war. Er starrte uns unb das heillose Durcheinanber eine Weile entsetzt unb wortlos an; aber bann begann er, sich rot zu färben — ein untrügliches Zeichen! — Unb ohne auch nur mit einem Wort nach den Gründen dieser Sintflut zu forschen, kollerte er los: „So eine Schweinerei, aber das ist die Hohe! Und wie seht ihr denn aus? Gefärbt von oben bis unten! Ader natürlich bas kommt von biejen verfluchten Kindereien: Lappeneier! — Wozu brauchen mir denn Lappeneier!? Aber die Frauen müssen ja immer irqenbsolche Kinkerlitzchen haben unb"
Doch nun hatten wir genug! Sein unangenehm präzises: „Ich darf wohl erwarten usw." von vorhin tonte uns noch klar genug in den Ohren, geladen waren wir auch — und nun legten wir los. Kein Mann der Welt hätte sich in dieser Situation behaupten können, auch der.tapfere Karl-Heinz konnte es nicht. Er zog vor, sich zurückzuziehen, unb wenn er auch nicht, wie Treff, burchs Küchenfenster sprana. so verschwand er doch ebenfalls sehr schnell, unb wir hatten bas letzte Wort.
. Aber wir waren unfrohe Sieger und standen leidvoll vor dem Spiegel. Diese Gesichter — diese Haare — diese Hände — die Farbe hielt wir hatten keine Zweifel! Und morgen war Ostern — und Gäste kamen unb — o Gatt!
Nein, nie wieber Lappeneier!
-Derantwortlich: vr. Hans Thhriot. — Druck und Derlag; Drühl'fche Univerf itäis-Duch. und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.


