Nuova.

Von Th. Vogel.

1631 siegte Gustav Adolf bei Breitenfeld über Tilly.

Nuova hieß die Stute Muoniavnras. Wit ihr war er von den Weibeln des schwedischen Königs in den Bergen Suomis daheim angeworben und in das finnische Reiterregiment eingereiht worden, mit ihr war er unter den Bannern Gustavs über das Meer nach Deutschland gefahren, ihr Verdienst war cs, daß er bald zum Korporal vorrückte und besseren Sold erhielt.

Denn Nuova war klug, und Muoniavara liebte sic. Sie war ihm in den kalten Nächten aus dem Zug durch das sremde Jlanb Lager- und Heimatboden zugleich, in ihr Ohr raunte er von feiner Sehnsucht nach den hellen Nächten, sang von den tausend Inseln. Sie verstand ihn, redete mit ihm in der Sprache der finnischen Landschaft, soweit Mensch und Tier in i!jren Seelen einander nahekommen. Sie gehorchte ihm, sie kannte seine Worte und Zeichen, sie blieb auf der Erde kauernd, bis er sie rief von weitem, sie war das Leitpferd und die klügste Stute im ganzen Regiment, der die' anderen Pferde folgten im vertrauenden Instinkt der Tiere, die auch unter sich die Klugen erkennen und ihnen gehorsam sind. Darum wurde Muoniavara Korporal und Weibel, als es im fremden Lande galt, zu nächtlichen Ritten aufzubrechen, den Feind zu suchen und die Wege zu finden.

Und Nuova die Stute mar cs, der Gustav Adolf den Sieg über den Generalissimus'Tilly zu Breitenseld verdankte, wenn man den kleinen und unwesentlichen Dingen im großen Geschehen Gerechtigkeit und Geltung widerfahren läßt. Denn das Schicksal der Völker wird von dem der Menschen und das Geschick der Menschen von dem Spiel des Zufalls

Aber ich betrachtete es mit aufgeriffenen Augen und mit jener seltsamen Betörung, die zuweilen das Widerwärtige und Unheimliche auf uns °"^Jch'hätte dies nicht tun sollen, denn nun begann das Geschöpf meine Träume zu erfüllen. Vielleicht ist jedem aus feiner Jugend der Einbruch von Unholden in das nächtliche Reich der Befeligung und der sinnlosen Angst vertraut; ich kann nur sagen, daß das Tategallahuhn in meinem I Falle Triumphe erlebte, die es bei Tag nicht zu erreichen imstande war. Ich sah mich versetzt in verpestete Urwälder, irrte auf mondbeschienencn Pfaden und wusste, dah in allen Wipfeln das Talegalla hockte, bereit, feinen dämonisthen Halbschlaf zu unterbrechen und stuf mich herab­zustürzen. Oder es breitete sich vor mir in der Tiefe eine düstre Ebene, von feltsamen Hügeln begrenzt, die, wenn der Wind zu nur herstand, Todesqeruch ausströmten: es waren jene verwesenden Blatterhausen in denen ganze heere von Talegallas begraben waren, wartend arst den Ruf ihres teuflischen Vaters. Ich wanderte mühsam'durch die ^and- steppe und erblickte die Spuren riesiger Krallen. Einmal erwacyte ich, blickte mich um und konnte bereits alle Gegenstände meines von der Morgensonne bestrahlten Schlafzimmers deutlich erkennen, aber auf der weihen Bettdecke faß mit nacktem Hals und gebogenen Schnabel ein ungehures Buschhuhn, das sich langsam in nichts auflöste, wobei es bis I zuletzt fein starres Auge auf mich gerichtet hatte!

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Also es lebt noch!" hatte ich gesagt; ich war zugleich fest entschlossen, I dem Spuk meiner Kindheit entgegenzutreten, koste es was es wolle. Diesmal fuhr ich Untergrund ja, wir find etwas hastiger geworden feit jenen Tagen. Ich befragte die Angestellten des Gartens: Wo ...? und sie machten kein Geheimnis aus dem Wohnort des illustren Geschöpfes. I Da war es wieder! ~ , , ,

Man muh sagen: die sozialen Verhältnisse des Talegallahuhnes hatten sich gebessert; cs wohnte nicht mehr in der Finsternis, es war liebevoll versorgt. Aber: was war mit ihm selbst geschehen? Warum war es so klein? Sein dämonisches Auge blickte jetzt reichlich blöde, und seine Krallen schienen mir nicht besonders furchtbar. Aber es hatte immer noch feine Neigung für verfaulte Blätter ich dachte: na, wenn schon; man wird milder im Alter. Es stand da in feiner alten Haltung, gewisser­maßen unverfroren, um die Angst feines Inneren zu betäuben.

Aber irgendwie war doch ein neuer Geist in diese Hühnerseele ein­gekehrt, gleich, als habe das Talegalla inzwischen eine geschichtliche Recht­fertigung erfahren. Es blickte auf feine faulen Blätter und auf feinen Schlafbaum und schien anzudeuten, dah hier technische Errungenschaften vorhanden wären, die sich immerhin durchsetzten. Sollte es etwa seine traurige Art, Kinder aufzuziehen, für neue Sachlichkeit halten? Betrachtete es (eine Hockerei auf den Bäumen, seine Unfähigkeit, ein anständiges Nest herzustellen, als einen Fortschritt? Hatte es etwa inzwischen irgendwo einen Staat gegründet, so dah das Talegalla-Gewimmcl meiner frühen Träume eine Prophezeiung gewesen war?

Ich sagte: wir wollen doch keine Irrtümer aufkommen lassen. ich bin enttäuscht. Mag (ein, dah sieeigentümlich" sind; aber ich habe inzwischen gelernt, dah das nicht immer ausreicht. Von ihrem Woh­nungsbau will ich nicht reden! Ich finde ihn primitiv, vermutlich haben sie nichts Besseres gelernt. Was aber ihre Art von Kinder­erziehung betrifft, so scheint es ihnen entgangen zu sein, dah sie weiter nichts sind, als ein greulicher Atavismus. Sie glauben modern zu sein wie? Dabei sind ihre Methoden die eines Krokodils. Jeder Spatz übertrifft sie, von einer Katze ganz zu schweigen. Verzeihen Sie, aber ich habe mehr als ein Menschenalter gewartet, um ihnen das zu sagen. Ich zweifle nicht, dah sie sich entwickeln werden, wenn auch sehr langsam. Leben Sic wohl!"

Ich sürchtc, das Talegalla hat mir nicht verziehen. Es wandte mir seinen Dachschwanz zu und schien anzudeuten, ich hätte mich auf das verstimmende Feld der Politik hinausgewagt. Tat ich das? Meines Wissens habe ich weder ein europäisches noch ein asiatisches Reich erwähnt. Aber das Mißtrauen ist so allgemein in diesen Tagen...

bestimmt der freilich im letzten Grunde wiederum Gottes Werk und Wille ist So aber geschah es am Tag von Breitenfeld, da die sächsischen Hilfs- trüppen des Königs Gustav aUbcreits auf der Flucht waren, und dies schwedischen Reiterregimenter, die zum Kern der lutherischen Armada die Verbindung herstellen sollten, nicht mehr um Ehre und Sieg, sondern nur um Leben und Freiheit gegen die vielfache Uebermacht kämpften. Hilfe war keine die Sonne stand hoch im Mittag, die Masse der anderen erdrückte die Schweden, umbrandete sie, riß sie von den Gäulen, nahm f'C Nach war es in diesen Jahren des großen Krieges nicht Sitte und Gesetz geworden daß die Gefangenen getötet oder in die eigenen Rechen gestellt wurden noch hielt man sie unter Wache, wenn sie ihrer Waffen und Rüstung beraubt waren, und führte sie zur Seite. Also geschah es auch den hilflosen und überwältigten Finnen. Ihre Gäule freilich dienten also- gleich dem Feind. Denn die kaiserliche Artillerie war schlecht bespannt und konnte sie wohl gebrauchen: Stränge waren rasch geknüpft Zugel ge­schlungen und mit Heisa-Juchhei trieben die Sieger des Feldes ihre Batterien auf die nahen Hügel, um von dort auf des Schwedenkonigs schwer bedrängte Regimenter Tod und Verderben zu senden. Wenn solches geschah dann waren die jetzt noch tapfer ausharrenden Schweden nn doppelten Feuer dem sie nicht würden standhalten können. Das Schicksal des Tages und damit der ganzen schwedischen Armada hing daran, daß des kaiserlichen Generalissimus Plan gelang.

Staub und mittäglich brütende Hitze und Pulverdampf verhüllten die Hügel. Von den Schweden in der weiten Ebene konnte keiner das drohende Unheil erkennen oder ahnen. Sie hatten genug zu tun, sich Ihrer Haut vor den stürmisch drängenden Kroaten und Bayern zu wehren und die sticht mehr von den Sachsen gedeckte Flanke in Eile zu schützen. Das Schicksal des Tages und des Krieges hing an einem Faden.

Schon waren die Geschütze der Kaiserlichen auf dem Gipfelrucken angclangt, schon sprangen die Kanoniere mit Schanzkörben und Kugeln, schon riefen Tillys Offiziere Viktoria, da sie den Sieg so greifbar nahe in der Hand zu halten glaubten, schon schickten sich die Fahrer an die Stränge zu lösen und die Zügel zu zerschneiden, da nun die kleinen, zähen Finnengäule ihre Pflicht getan hatten. Nichts schien die Niederlage der Schweden aufhalten zu können.

Doch war es dem Korporal Muoniavara gelungen, sich zu befreien: In dumpfem Erstaunen hatte er mit (einen Landsleuten das Geschick der Gefangenen über sich ergehen, sich die Waffen und sein Pferd nehmen lassen war hilslos gestanden und erst nach langer Zeit aus feiner Be­nommenheit aufgewacht. Das war, als er die Kanonen auf den Gipfeln erkannte erkannte daß die eigenen Gäule sie hatten hinaufziehen und dem Feind zu Dienst fein müffen. Er fah feine Stute sich mühen unter den Peitfchenfchlägen der Feinde, und dumpfer Groll erwachte in ihm

i Er rief den neben ihm kauernden Kameraden ein Wort zu, (prang auf und traf mit der Faust den jungen deutschen Soldaten, der ihm zunächst stand Wie er taten die anderen, erwachten aus Traum zur Tapferkeit und Wildheit, bemächtigten sich der Waffen ihrer Wächter, scharten sich um den Korporal. Sie hätten sich verloren geben müssen, inmitten der siegestrunkenen Kaiserlichen, wenn nicht Nuova gewesen wäre, Muom- aoarras Stute: ihr Herr rief sie. Und das Geschrei und der Donner und Sturm und Wirbel des Tages vermochten nicht den Schrei zu ersticken,

I mit dem der Herr fein treuestes Tier mahnte.

Nuova vernahm den Befehl. Laut wieherte sie auf, stellte die Ohren, gab ihren Gefährten das Zeichen und wandte sich schreiend zurück. Nichts hielt sie und mit ihr die kleinen finnischen Gäule, weder Peitsche noch Drohschrei, noch die Gewalt der Menschen, noch die Last in den Strängen. Mit Ungetüm bahnte sie den Weg, hob die Hufe, schlug die Menschen

I nieder die sie hemmen wollten, stürmte die Hügel hinunter, nach dem rufenden Herrn hin. Und die Batterien der Kaiserlichen, die eben im Abprotzen waren, jagten und rollten mit den Gäulen der feindlichen Reiter zurück ohne Aufenthalt, ein entfesselter Sturm, Tücke des Schicksals, Macht und Schrei der vergewaltigten Natur des Tieres, das sich aus

I erwachendem Instinkt heraus zuweilen an den Menschen rächt.

Der Korporal Muoniavara stand mit blitzenden Augen. Auf ihn zu I ging die wilde Jagd. Jauchzend sah er ihr entgegen, fang bas laute Lied I feiner Berge und Ströme vermeinte in den kreisenden Wassern der I heimischen Landschaft zu stehen, wie er es oft getan in jungen Jahren, I um die Stämme zu flößen. Jauchzend empfing er feine Stute, schwang I sich im Sturm in den Sattel, beugte sich herunter zu ihrem Ohr, liebkoste I sie und raunte ihr zu, daß sie laufen sollte in das weite Feld, hemmungslos und wild, wie die Wogen daheim am Jmatra von den Bergen heruntcr- stürzen und alles zerschmettern.

Ein wildes Heer stürmte in die Rotten der Kaiserlichen. Kein Reiter­regiment sondern sagende Gäule mit den eigenen Geschützen. Da und dort stürzte ein Pferd stiegen Todesschreie sterbender Tiere zum Himmel, aber | immer mit den' Schreien der sterbenden und von ihnen begrabenen I Menschen Da und dort vermochten Beherzte den Lauf eines sinnlosen Geschehens zu hemmen und der ungeheuren Verwirrung Einhalt zu tun. I Aber erst bann gelang es, den wilden Malstrom der Gäule zu steuern, I erst bann als eine Pistolenkugel den rufenden, jauchzenden Muoniavara und sein Wrb traf, Herr und Tier in ein gemeinsames Schicksal stoßend.

Da erst standen die übrigen Tiere mit jagenden Flanken, brachen sie I zusammen, verwirrten im Sturze Stränge, Geschirre und Zügel, noch im I Zusammenbrechen Sieger über den Menschen.

Nicht dieser Sturmangriff der Finnengäule wider die Regimenter | Tillys, die von der Seite her den Schwedenkönig angreifen sollten, ent­schied die Schlacht Die Kraft des schwedischen Königs mußte mit der Kraft des kaiserlichen Generals dennoch sich messen und die schwedische Mannes­zucht die wilden Scharen Tillys dennoch besiegen. Aber, wenn Gott richten will, dann dienen ihm alle Dinge, das Schicksal zu erfüllen, und viele Helden vollbringen im kleinen ihre Tat, damit ein anderer in die Unsterv- I lichkeit eingeht. ..... ,

I Solch einer war der Korporal Muoniavara, da er über seinem G-nu I sterbend auf dem Schlachtfeld lag. Er wußte nicht, daß er bestimmt war,