sie Ingen, sic hätten in ihrem Leben schon 1. Wenn wir dann aus die Treppe hinaus-

daoon ist."

Aber wir wissen schon, was das heißen soll, und so sturmen mir an der Haushälterin vorbei aus die Haustreppe hinaus, um die Osterhexe zu sehen. Vater pflegt auch mitzukommen, aber Mutter und Tante Lovisa bleiben drinnen, denn sie sagen, sie hätten in ihrem Leben schon so sehr viele Osterhexen gesehen. Wenn wir dann aus die Treppe hinaus- kommen, sehen wir die Osterhexe da aus dem Küchenstuhle sitzen, die uns mit ihren Ruhaugen anglotzt. Dann tun wir, als ob wir uns sürchteten und glaubten, es sei eine richtige Hexe auf dem Wege nach dem Blocks­berg,'obgleich sie jetzt da auf einem Küchenstuhl vor dem Hauseingang von Marbacka ausruht. Wir haben indes nicht im geringsten Angst vor ihr, denn wir wissen, dah es nur eine Strohpuppe ist; aber es gehört

Oie Osterhexe.

Von Selma L a g e r l ö f.

Die folgende Erzählung wurde einem Erinnerungsbuch der Dichterin entnommen, das unter dem TitelAus meinen Kindertagen" bei Albert Langen in München erschienen ist.

Und wir sind vergnügt, weil es Ostersarnstag ist. Mitten am Nach­mittag schleichen sich immer zwei van den Mägden mit einem Bündel Kleider unter dem Arm zur Küche hinaus und in den Stall hinunter. Sie tun es so verstohlen wie möglich, damit wir Kinder nichts merken, aber wir wissen es schon, worum es sich handelt. Sie wollen eine Osterhexe Herrichten. . .... , _. .

Ja wir wissen so ziemlich alles, weil das Kindermädchen Main uns davon erzählt hat. Im Stall suchen die Mägde einen langen, schmalen Sack, den sie mit Heu und Stroh ausstopfen. Wenn das getan, ziehen s,e ihm einen alten, schmutzigen und zerlumpten Rock über, den schlechtesten, den sie auftreiben können, sowie^eine Jacke, die vorne ganz blankgescheuert ist und Löcher an den Ellbogen hat. Die Aermek stopfen sie mit Heu und Stroh aus, damit sie rund und natürlich aussehen. Dah aber aus den Aermeln anstatt Händen und Fingern Strohhalme hervorgucken, macht ihnen ganz und gar nichts aus. Hierauf verfertigen sie der Osterhexe aus einem groben grauen Küchenhandtuch einen Kopf. Sie knüpfen das Tuch an den vier Ecken zusammen, füllen es mit Heu, zeichnen mit einer Kohle Augen, Nase und Mund sowie ein paar Haarsträhnen daraus und binden diesen Kopf oben auf dem Strohsack fest. Dann setzen sie ihm noch das alte Hutmonstrum auf, das die Haushälterin benutzt, wenn sie einen Bienenschwarm einfangen soll.

Wenn die Osterhexe dann soweit fertig ist, wird sie vom Stall nach dem Wohnhaus getragen. In das Wohnhaus selbst wagen die Magde sich nicht mit ihr hinein, sondern sie bleiben vor der Freitreppe stehen und holen einen Küchenstuhl, auf den sie die Hexe setzen. Aus dem Brau­haus holen sie die lange Osengabel und den Kehrbesen und stellen beide schräg hinter den Küchenstuhl; denn wenn die Osterhexe nicht Osengabel und Besen bei sich hätte, würde ja kein Mensch wissen, was sie eigentlich sein soll. Zuletzt binben sie an das Schürzenband auch ein schmutziges Kuhhorn,.das ganz mit der bekannten Hexensalbe gefüllt, die die Hexen gebrauchen, wenn fie auf den Blocksberg fliegen wollen. In das Horn stecken die Mägde eine lange Feder, und ganz zuletzt hängen sie der Hexe noch eine alte Posttasche um den Hals.

Darauf gehen die Mägde wieder in die Küche, die Haushälterin aber kommt zu uns ins Kinderzimmer und verkündigt, daß eine von den abscheulichen Hexen, die am Ostersarnstag unterwegs sind, auf den Hof­platz beruntergefaUen fei.Sie sitzt draußen und ruht sich aus", sagt die Haushälterin,und sie steht wirklich so abscheulich aus, daß es besser ist, die Kinder gehen nicht eher hinaus, als bis sie wieder auf und

sich für uns, ängstlich zu tun, sonst hätten ja die beiden Mägde, die die Osterhexe hergerichtet haben, gar nichts für all ihre Arbeit.

Nachdem wir die Osterhexe eine Weile betrachtet haben, schleichen wir ganz langsam die Stufen hinunter und nähern uns ihr höchst vor- sichtig und behutsam. Die Osterhexe verhält sich mäuschenstill, wie nahe wir 'ihr auch kommen, und schließlich saht eines von uns M) em Herz und steckt die Hand in die Postiasche. Die alte abgedankte Posttasche ist immer strotzend voll, sie hat uns schon die ganze Zeit in die Augen gestochen. Und wer von uns seine Hand hineingesteckt hat, zieht sie mit einem lauten Schrei wieder heraus, doch nicht aus Schreck, sondern aus Entzücken, denn die ganze Tasche ist voller Briefe. Ganze Hande voll Briefe ziehen wir heraus, große, versiegelte Briefei Und an allen sitzen Federn, wie wenn sie dahergeflogen gekommen wären, und sie sind alle an Johann oder Anna ober Selma ober Gerda gerichtet. Alle sind an uns Kinder gerichtet, die Großen gehen leer aus. Sobald wir die Briefe eingeheimst haben, lassen wir die Osterhexe allein da draußen. Wir gehen hinein, setzen uns im Eßzimmer um den Tisch und öffnen unsere Oster- briefe. Und das ist ein Fest, denn Dfterbriefe sind nicht wie andere Briefe mit schwarzer Tinte geschrieben, sondern fie sind gemalt. Aus jedem der Briefe schimmert uns ein bunter Hexenmeister oder eine Osterhexe ent­gegen mit Kehrbesen und Dfengabeln, Hörnern und anderem Osterhexen- zubehör in den Händen...

Als es auf vier Uhr geht, kommt die Haushälterin wie gewöhnlich und sagt, draußen vor dem Hauseingang fitze eine alte Hexe, und wir sollten gewiß nicht hinausgehen, solange fie sich draußen aushalte. Aber natürlich laufen wir eiligst aus dem Kinderzimmer hinunter, um uns die Hexe anzusehen. Vater geht wie gewöhnlich mit uns hinaus und aus­nahmsweise auch Mutter und Tante Lovisa, ja sogar Onkel Wachen- seldt, der die Dftertnge bei uns zubringt, stapft auf die Hintertreppe hinaus. Es ist ein kalter, windiger Tag, und wir sagen, die Osterhexe habe wahrhaftig kein schönes Wetter auf der Herreise gehabt. Wie gewöhnlich tun wir auch, als hätten wir Angst vor ihr, und so gehen wir nur ganz sachte und vorsichtig die Stufen hinab. Die Osterhexe sieht genau so aus wie früher, deshalb können wir ja auch nicht ernstlich vor ihr erschrecken. Das Stroh guckt wie sonst aus den Jackenärmeln heraus, Augen, Nase und Mund und ein paar Haarsträhnen sind mit Kohle auf ein graues Küchenhandtuch gemalt. Das Urnfchlagetuch der Stall­magd liegt auf ihren Schultern, die Posttasche hängt ihr um den Hals, un das alte schmutzige Kuhhorn ist am Schürzenband festgebunden.

Die Tat jedoch - sie bleibt offen. Die Tat - ja, ift sie denn eigentlich in der Realität? Bleibt fie nicht irreal? Denn was du da erblickst: Feld­züge, Gesetze, Gründungen, Entdeckungen, was du dir nur vorstellen mag t: sie sind Folgen der Befehls, der die Tat ist Wirkungen der Tat, nicht sie selber. Dies ift ein Gedanke, em Entschluß, em Wille, ein Wort Das stürzt in das Element der Welt wie em Stein in den See, der sich öffnet und zu kreisen beginnt, unendlich, immerfort größere Kreise hast du je den letzten gezählt? Freilich, die Tat, die unendlich offen bleibend immer andere Taten aus stch gebiert, ste ist m WirkUch- tein kein Stein wie in meinem Vergleich, sondern ist Gedanke, Wort ein Willensgebilde aus Nichts, aufgelöst in dem Nu, mit bem ihre erste Wirkung begann. Unb bestiegen hast du noch Geduld?

Und deswegen, fuhr ich fort, ist es wahrhaftig nicht nur der Fluch ber bösen, sondern das Schicksal jeder Tat, daß sie sortzeugend Taten gebären, das heißt den Menschen zu immer neuen Taten hinreißen mutz. Sieh den andern Franzosen: Napoleon. Er jagte in das ewige Offene hinaus einer ewig vergeblichen Verwirklichung nach mit immer neuen, immer riesiger sich spannenden Taten gleich den Kreisen im See, unb seine Verwirklichung war Helena, wenn es eine war

Wenn es aber alles so wäre, wie du sagst, mußten bie Manner des Hanbelns ohne Begnadigung zur letzten Verwirklichung leben? Diese Verwirklichung heißt: Stirb unb Werbe.

Er bejahte still. Ich sagte: _ . .

Das ist es wohl... Die Verwirklichung ist es, die durch den Tod m das Leden führt; durch den Tod der Schuld in das Leben der Gerechtig­keit, oder der Läuterung, oder nur des Mistens. Auch ber Schuldbeladene bleibt, kann in ©naben weiterleben, in ber Hoffnung, bie nicht zu Schauben werben läßt. Und das ist ein Weg, der an keine Große gebunden ist, sondern nur an den Ernst; ein Weg für jeden.

Ja für jeden, sagte mein Freund und stand auf. Wir wußten beide, bas Gespräch war zu Ende, obwohl das letzte Wort noch in unseren Innern verblieben war. So sprach er es denn, den Blick gefüllt mit dem unerschöpflichen Leuchten von Himmel, Bergen und Seen; er sagte leise nur: Es ist Ostern.

Ich wußte wohl, daß er an den Einen dachte, der jenen Weg m ber Vollkommenheit ging, burch den Todeskampf in bie Auferstehung. Sein Tag war; es bedurfte weiter keines Wortes.

Diesmal bin ich es, bie vor allen andern die Hand in die Postiasche steckt. Aber kaum fühle ich die Briese zwischen den Fingern, als die Osterhexe auch schon ausspringt, die Feder ergreift und mir die Hexen­salbe ins Gesicht schmiert. Aber wie kann denn das sein? Wie ift es möglich? Ich schreie laut auf vor Entsetzen und taufe auf und davon, aber das Strohweib kann auch laufen. Mit hoch erhobener Feder ist fie hinter mir her, um mich mit der Hexensalbe noch mehr einzuschmieren. Sie patscht durch die Wasserpfützen, dah das Wasser rings um sie ""^Aber^ich habe nicht allein Angst, sondern bas furchtbar Unbegreifliche ist, daß ein Strohweib sich bewegen kann. In dem Augenblick, wo fie von dem Stuhle aufsprang, war cs mir, als hätten bie Grunbsesten der Erde gebebt. Und während ich davonlaufe, schießen mir angstvolle, ver­wirrte Gedanken durch den Kops. Wenn ein alter ausgeftopfter Sack Leben bekommen kann, dann können wohl auch bie Toten aus ihren Gräbern aufstehen, bann kann es Trolle im Walbe geben, dann gibt es nichts Unheimliches und Ungeheuerliches, das nicht möglich wäre.

Vor Angst kreischend laufe ich die Treppe hinauf; wenn ich nur die Großen erreichen kann, werden sie mich ja beschützen. Anna unb Gerba unb Johann stürzen in derselben Richtung an mir vorbei; sie haben gerade so große Angst wie ich. Doch oben auf der Freitreppe stehen die Großen unb lachen..Aber, liebe Kinder, ihr braucht doch keine Angst zu haben", sagen fie.Es ist ja nur das Kindermädchen Maja."

Und da sehe ich ein, wie dumm ich gewesen bin. Unsere Maja hatte sich als Osterhexe verkleidet! Ach, ach, daß wir das nicht gleich gemerkt haben! Es ist doch recht ärgerlich, wenn man sich so ins Bockshorn jagen läßt. Und am ärgerlichsten ist es für den, der sich seit mehreren Jahren darin geübt hat, keine Angst zu haben. Aber ich habe keine Zeit, mich über mich selbst oder über die andern zu grämen, denn jetzt kommt die Osterhexe die Treppe herauf und stürzt geradeswegs auf Onkel Wachen- fclbt der vor allen häßlichen Frauenzimmern fürchterlich Angst hat, um ihn zu küssen; er spuckt und saucht und schlägt mit seinem Stock um sich. Aber, ich bin nicht sicher, ob er mit heiler Haut baoongefommen ist; denn es sitzen wirklich ein paar Rußslecke auf feinem weißen Schnurrbart; das sehen wir Kinder nachher gut.

Die Osterhexe begnügt sich jedoch nicht mit so wenig. Sie nimmt die Osengabel zwischen die Beine und reitet auf den Kückjeneingang zu. Unsere zahmen Tauben, die da in aller Ruhe herumspazieren und Erbsen picken, flattern, erregt mit den Flügeln schlagend, auf das Dach. Die Katze läuft die Dachrinne hinauf, und Nero, ber so groß ist wie ein Bär, schleicht sich mit dem Schwanz zwischen den Beinen davon. Aber seht, bie alte Haushälterin kommt nicht aus ber Fassung. In einem Nu ist sie am Herb, reißt einen kochenben Kasseekessel an sich, und mit diesem in der Hand geht sie auf das Ungetüm los, sobald es sich auf der Küchenschwelle zeigt, um es mit kochendheißem Kaffee zu verbrühen.

Und vor dem erhobenen Kaffeekessel muh die Hexe Reißaus nehmen; in wildem Galopp reitet sie nun auf den Wirtschaftshof zu. Das erste Wesen, das sie da erblickt, ist unser guter alter Brauner. Der ist eben ausgeschirrt worden und trabt nun in aller Ruhe auf die Stalltür zu, da sieht er das Schreckgespenst eben um bie Ecke biegen. Und ber Braune besinnt sich keinen Augenblick. Er hebt bie Beine hoch unb gibt Fersen­geld Die Mähne flattert, ber Schwanz steht steif gerabe hinaus, bie Hufe schlagen auf den Boden, und so weit Weg und Gatter offen stehen, jagt er davon...

Aber das beste von allem war doch, wie Per an der Haustreppe vorbei nach der Amtsstube hinunterstürmte. Vater fragt ihn, wohin er so eilig wolle, aber der Alte nimmt sich kaum Zeit, zu antworten. Endlich