> schimmerten. Sie tat aber vor Borst so, als habe ihr der zunehmende Abendwind die Tränen in die Augen getrieben.
Borst schmiegte seine kleine runzlige Stirn diesem geliebten Wind entgegen, der Danielas Augen getroffen zu haben schien. Er hatte dabei wieder seinen kleinen schlauen Gedanken.
„Du weißt doch, Daniela, wie die Abstimmung war —'
Daniela sah ihn streng an. Wagte er es, sie zu verspotten?
„Dreiundzwanzig Stimmen sind für den da unten abgegeben worden!"
„Ja", sagte Borst leis«. „Und zwei für dich."
„Zwei!" höhnte Daniela. „Ja! Zwei für mich!"
Borst hielt den Atem an. Er muckste sich nicht auf seinem Ast, wie ein ängstlicher kleiner Fink, der sich vor dem Geier duckt.
Daniela schwieg.
Borsts Schweigen machte sie mißtrauisch.
Plötzlich sah sie ihn groß an. Aber sie sprach kein Wort mehr.
Vorst schluckte aufgeregt.
„Ich weiß nicht, wer die andere Stimme abgegeben hat."
Er betonte ,die andere'.
Daniela drehte stolz den Kopf.
„Die Wahl ist geheim. Mir ist das vollkommen gleichgültig, wer für mich gestimmt hat."
Sie strich mit der Vogelfeder nactchenklich über ihre Augenbraue.
„Hast du für Mich gestimmt?" fragte sie ganz sanft.
„Ja", flüsterte Borst beschämt.
„Lügst du auch nicht?"
Vorst sah Daniela nur an.
„Und wer war der andere?" fragte Daniela sachlich.
Borst hob die Schultern.
„Ich habe keine Ahnung."
„Aber du warst auch unter denen, die mich gebunden hgbenl"
„Daniela!" sagte Borst, und er war erschrocken über seinen eigenen Mut. „Sie haben dich doch nur gebunden, weil du nach der Wahl so getobt und Reppert gebissen und Königsmark angeschossen hast."
„So? Und warum hast du Feigling mich nicht verteidigt, wie sie mich an den Baum gebunden haben?"
„Daniela, ich bin doch der Kleinste und Schwächste in der Klasse!" Borst erinnerte sie leise daran.
Daniela aber lachte nur rauh.
„Du bist eben doch ein Feigling!"
„Was sollen sie denn machen, wenn du sie alle verhaust?" rief Borst heftig. „Da blieb doch gar nichts anderes übrig, als dich an den Baum zu binden!" Er fügte zaghaft hinzu: „Gemartert haben sie dich doch nicht. Keiner hat dann auch nur eine Hand gegen dich erhoben."
„Wer mich an den Baum bindet, muß sterben!" erklärte Daniela, ohne Borlts Einwand zu beachten. „Reppert, Lüders und Königsmarck und Hornbostel haben mich gebunden, — die müssen alle sterben — und der Große Kurfürst muß auch sterben!"
Erschrocken hörte Borst diese Todesurteile an.
„Kannst du dich besinnen, ob Otto Kirchholtes auch unter denen war, die mich angerührt haben?"
„Das weiß ich wirklich jetzt nicht mehr!" beteuerte Borst mit einem scheuen Halblick nach oben.
„So? Gib dir einmal Mühe!" befahl Daniela. „Besinne dich mal!" Borst gab sich große Mühe.
„Ich glaube ganz bestimmt nicht, Daniela! — Ich könnte schwören, daß er nicht dabei war!"
„Kannst du mir dein Ehrenwort daraufhin geben?“
„Nein!" erwiderte Borst entschlossen. „Mein Ehrenwort kann ich dir daraufhin nicht geben!"
Daniela sah zur Seite. .
„Dann muß Otto Kirchholtes auch sterben!"
Sie rief plötzlich heftig, wie sie Borsts verwunderten und fragenden Blick sah: '
„Jetzt marsch zu deinem Schülergericht! Du bist auch nur ein Verräter!"
Sie stieß ihn fast mit dem Fuß die Buche herunter. Ader Borst ließ sich nach dieser seligen Stunde so nicht verabschieden, er klammerte sich an den Zweigen des Baumes fest.
Er schwebte über einem höllischen Abgrund.
Das sah Daniela, und sie begann zu lachen.
„Setz dich da hin", befahl sie, und sie deutete mit dem schlanken langen Zeigefinger aus ihr Brett.
Sie hatte dem Gefangenen erlaubt, auf dem Brett neben ihr Platz zu nehmen!
Daniela zog ein Notizbuch mit Indianerfransen aus der Hosentasche. „Hast du einen Bleistift?" fragte sie.
„Ich habe einen Füllfederhalter", entgegnete Borst strahlend vor Stolz.
„Gib her!" befahl Daniela.
' Sie wollte schreiben, aber sie blinzelte zuvor nach der Sonne.
„Du kommst schon zu spät. Es ist mindestens Viertel nach sechs. Du bekommst eine gehörige Strafe."
Sie schien das mit Befriedigung festzustellen.
Jetzt begann Daniela etwas in ihr Notizbuch zu kritzeln.
Borst schielte herüber, was es wohl sei, denn er saß ja jetzt ganz dicht neben Daniela. Aber wie Daniela bemerkte, daß er ablesen wollte, drehte sie ihm den Rücken zu.
„So!" sagte sie, als sie fertig war. „Ich habe mein Siegel nicht hier oben, und deinetwegen klettere ich nicht noch einmal herunter."
Sie riß die beschriebenen Seiten aus dem Notizbuch, und sie faltete sie so schmal zusammen, daß es wie der Kassiber eines Sträflings aussah.
„Du gibst mir jetzt dein Ehrenwort, daß du nicht lieft, was hier steht. Du hast den Brief so zusammengeknifft zu lassen, wie er da ist, hörst du? — Also! Dein Ehrenwort!"
Borst stand 'auf, er schwankte «In wenig. Mer ein Ehrenwort mar eine große Angelegenheit, und man mußte dazu aufftehen. Er reichte Daniela die Hand hin, er machte dazu ein bitterlich ernstes Gesicht.
„Mein Ehrenwort, Daniela."
„Gut." Daniela nahm sein Ehrenwort wie einen Tribut hin. „D, gibst diese Urkunde hier dem Großen Kurfürsten, sobald du jetzt vor da» Gericht trittst."
„Ja, Daniela", sagte Borst, erbitternd vor Stolz und Freuds daß «* Borst, der Kleinste und der Schwächste, mit einer Botschaft von Danktq vor das Gericht hintreten würde.
Daniela streckte den Arm aus, als weife sie Meleager und toalanti in ihre Hütte.
„Fori mit dir! Ins Feldlager!"
Borst stürzte sich die Buche hinab, wie ein Schwimmer, der de» Kopfsprung macht. Er riß sich die Stirn blutig, denn er kletterte $em Gotterbarmen ungeschickt.
„Darf ich wiederkommen?" rief er von unten herauf.
Aus dem funkelnden Wipfelgewirr kam eine Antwort, wie das Wort Gottes aus dem brennenden Dornbusch:
„Nein!"
X.
Borst war trotz Danielas ,Nein st, trotz des Schülergerichtes und trotz der wegen seiner Unpünktlichkeit doppelt zu erwartenden Strafe in der übermütigsten Laune. Er machte einen Dauerlauf, zusammen mit Josua, ins Feldlager hinab. Ader wie er an Danielas Schild vorbei kam, blieb er stehen, nahm seinen Füllfederhalter aus der Tasche, reckte sich auf bi« Zehenspitzen und malte ein zärtliches r zu .weit« geh? hinzu. Es war der eine schwarze unter den roten Buchstaben.
Im Feldlager unten nahm ihn der Posten im Empfang, Pipps war es, der ihm die Hand auf die Schulter legte mit den Worten:
„Na warte!"
Borst aber wartete gar nicht, sondern er schritt unbekümmert vor sich hin. Er ging einen schmalen Waldweg geradeaus, und am End« dieses Weges befand sich im Feldlager ein fest in die Erde gerammter Tisch an dem der Häuptling, Reppert, Lüders, Hornbostel, Bamberger, Königsmarck und Otto Kirchholtes saßen. Ihm war es, als durchbohrten ihn von weitem vierzehn Augen, die ihm rund zu fein schienen wie Jnsektenaugen.
Tapfer schritt Borst auf die ihm streng zugewandten Augen hin, doch war ihm auch traumhaft, als ob unter ihnen zwei Augen immer freundlich und fast überirdisch schön lächelten, nur wußte er nicht, welche e» waren... Zehnmal im Verlauf des langen schmalen Weges verließ ihn der Mut, zehnmal stolperte er bann. Aber er richtete sich auch zehnmal wieder mutig auf, denn er drückte Danielas Zettel an sein Herz. Und er glaubte ganz bestimmt, daß dieser Zettel, der zusammengerollt den Umfang eines Grashalmes hatte, seinen Leib wie eine Panzerweste umgab und die Geschosse von seinem Herzen ablenkte.
Borst pflanzte sich vor den Tisch der Richter auf, während die andren Tertianer auf der Erde im Halbkreis als gemessen«, stumme Zuschauer ihn wie von einer Arena herab umgaben, um dem Kampf des armen, schwachen, kleinen Christenknaben mit den Auerochsen, Tigern und Bären beizuwohnen. Jedermann freute sich auf ein herrliches Schauspiel, dar der göttliche Cäsar der Tertia mit Borst anstellen werde. Nach unten sollte der Daumen deuten, wenn es um Vorsts Leben und Tod ginge!
Obgleich der Häuptling doch heute bereits in eigener Person die Sache der Tertia geführt hatte und also sehr müde sein mußte, so ließ er es sich zur allgemeinen Befriedigung nicht nehmen, auch hier die Verhandlung zu leiten.
Er hob eine Taschenuhr auf, die auf dem Tisch lag, und fragte mit einem unwilligen Runzeln der Princeps-Stirne:
„Du solltest pünktlich um sechs hier erscheinen. Es ist dreiundzwanzig- einhalb Minuten nach sechs. Weißt du das?"
Borst seufzte tief. Er fing mit der Zungenspitze einen Schweißtropfen auf, der ihm von der Stirn geriefelt kam.
„Ich weiß es leider."
„Da du es leider weißt, so wird das Schülergericht dich erst einmal wegen deiner unehrerbietigen Unpünktlichkeit in Strafe nehmen. Die allgemeine Ansicht nämlich ist die, daß wir alle die Sache mit dir ziemlich satt haben. Ich schlage vor" — der Große Kurfürst sah seine beisitzenden Richter an — „Borst vierzehn Tage lang wegen Unpünktlichkeit die süße Speise bei den Mahlzeiten und den Kuchen beim Tee, beziehungsweise in der Woche das Pflaumenmus zu entziehen."
Vier Hände erhoben sich zum Zeichen der Zustimmung. Nur Otto Kirchholtes und Reppert hatten ihre Hönde nicht erhoben. Reppert zeigte auf feiner ernsten Stirn das deutliche Bestreben, keine Leidenschastsurteile abzugeben.
„Hast du etwas «inzuwenden, Reppert?"
„Nach meiner Ansicht kann man das Pflaumenmus nicht der süßen Speise gleichsetzen. Das Pflaumenmus am Nachmittag macht das an sich schwer verdauliche Brot, das wir zu effen haben, bekömmlicher. Ich holte das Pflaumenmus am Nachmittag ebensowenig für einen Luxus, wie Kartoffel ober Gemüse. Man muß in allem unvoreingenommen und ordentlich denken."
„Gut", sagte der Große Kurfürst, der Repperts Rede über das Pflaumenmus langweilig fand. „Das Pflaumenmus als wertvolles Chernikal für seine Verdauung kann er meinethalben fressen."
Jetzt erhoben sich sechs Hände zustimmend. Dann schrieb es Otto Kirchholtes nieder, mit einem freundlichen Lächeln zu Borst hin: .Borst — Entzug der süßen Speise, und des Samstags- und Sonntags-Kuchens für vierzehn Tage.'
So. Das war nur der Anfang.
Jetzt sollte die Verhandlung beginnen.
(Fortsetzung folgt.)
Derantvortlich: Dr. San« Thyriot. — Druck und Derlag: Brühl'sch« Llnivers itätS^Buch- und Steindruckeiei. R. Lange, Dieben.


