fiebter so modern auszustatten, daß cs vielleicht nicht lange dauert, bis der Großgrundbesitzer von den Siedlern lernen wird.
Im August 1919 wurde das Reichssiedlungsgesetz erlassen. Bis zum Jahre 1921 waren im Deutschen Reich 6365 neue Siedlcrstellen geschaffen. In den folgenden Jahren wurden durchschnittlich knapp 3000, in den Jahren 1925 und 1926 sogar unter 2000 neue Siedler angesetzt. Dann stieg die Zai)l, 1928 waren es schon über 4000. In dem ersten Jahrzehnt nach dem Inkrafttreten des Gesetzes sind insgesamt 26 000 Siedlerstellen geschaffen worden, und dazu kamen über 57 000 sog. Anliegerstellen, denen Landzulagen gewährt werden konnten. Vergleicht man damit das Jahr 1930, so zeigt sich deutlich, wohin die Entwicklung führt. Allein in Preußen entstanden in diesem letzten Jahr 7477 neue Siedlerstellen, und im Jahre 1931 soll die Ziffer von 10 000 erreicht werden. 10 000 neue Siedler mit eigenem Häuschen! Um sich klar zu machen, was das bedeutet, muh man eine kleine Umrechnung vornehmen. Im Durchschnitt werden 48 Siedlerstellen zu einem Dorf zusammengefaht. Im Jahre 1930 sind also rund 156 neue Dörfer in Preußen entstanden, und da das Jahr 52 Wochen hat, entfallen genau drei Dörfer auf jede Woche. Im laufenden Jahr werden die Ziffern, falls das Programm durchgeführt wird, noch weit günstiger sein. 10 000 Siedlerstellen' das sind 208 Dörfer, oder in jeder Woche vier Dörfer. Die Besiedlung von Moor- und Oedland spielt dabei keine allzu große Rolle. Am wichtigsten ist sie wohl in der Provinz Hannover, wo im Jahrzehnt 1919 bis 1928 von den 1760 neuen Siedlerstellen 1300 auf solchem mühsam urbargemachten Gelände lagen.
Wenn jede Woche drei oder vier neue Dörfer entstehen, fo kann man wohl von einer fortlaufenden Erzeugung, von einer Produktion am laufenden Band sprechen. Aber damit wäre auch gesagt, daß diese Siedlungen nach den modernsten Methoden angelegt werden, unter Berücksichtigung aller technischen Fortschritte, die wir in den letzten Jahren gerade im Bauwesen und in der Siedlungsplanung gemacht haben. Es soll nicht übertrieben werden: aber es läßt fiel) doch behaupten, daß wir auf dem Wege sind, das Siedlungswesen wirklich vernünftig zu entwickeln. Manches Lehrreiche konnte man in dieser Beziehung z. B. auf der Berliner Bauausstellung sehen, manches erfuhr man auch auf der letzten Grünen Woche, deren Äusftellungsteil viele interessante Neuerungen brachte. Für das Bauen auf dem Land gelten ganz andere Grundsätze wie für die Stadt. Doch hat sich gezeigt, daß man hier wie dort neue B a u st o f f e anwenden kann, und zwar nictyt aus jenen Gründen, die in der ersten Zeit nach dem Krieg dazu zwangen, zu Ersatzstoffen überzugehen, weil es das übliche Baumaterial nur in ungenügenden Mengen gab. Das -Stahlskelett, das mit leichten Stoffen verkleidet wird, hat sich durchaus bewährt, auch Hohlblöcke aus Schlacke sind sehr gut zu brauchen gewesen, und die Vorzüge dieser neuen Baustoffe haben wiederum die Ziegelindustrie angespornt, ihre Erzeugnisse zu verbessern. Aber nicht nur im Material unterscheiden sich die neuen Siedlungsbauten von den alten. Auch der Grundriß ist anders geworden, nämlich so, daß die Siedler Wege sparen und durch den Haushalt entlastet, nicht mit neuer Arbeit belastet werden. Mit besonderer Sorgfalt hat man Bauten für gewisse moderne Formen der Landwirtschaft durchdacht, z. B. für Hühnerfarmen, die ja in den letzten Jahren in großer Zahl entstanden sind. Wer Großvieh hält, soll sich in Zukunft das Leben dadurch leichter machen, daß er die Tiere in einem Stall mit fliehendem Wasser unterbringt. Jeder Siedlungsbau muh als eine kleine Fabrik betrachtet werden und ebenso wie eine solche Jndustriewerkstatt so ausgestattet sein, daß mit geringster Arbeit der größte Nutzen erzielt wird. Denn an Arbeit fehlt es dem Siedler niemals! Es ist zu begrüßen, daß das Preußische Landwirtschafts- Ministerium in Wanderausstellungen überall auf dem flachen Land zeigen wird, wie ein moderner Landwirt besser wohnen und dabei vorteilhafter wirtschaften kann. Wir haben ja in Deutschland rund fünf Millionen selbständige ländliche Betriebe, für deren Entwicklung ^gesorgt werden muß. Deutschlands halbes Einkommen liefert die Landwirtschaft. Auch das ist wenig bekannt, da man meist annimmt, daß die Industrie die Landwirtschaft weit überflügelt habe. Aber um ein Beispiel herauszugreifen: die deutsche Steinkohlenförderung, also gewiß ein wichtiger Wirtschaftszweig, hat im Jahre 1925 nur 55 Prozent der Werte geschaffen, die die deutsche Milcherzeugung lieferte. Deutschlands Hülsenfrüchte und Hackfrüchte waren in demselben Jahr doppelt so viel wert wie die gesamte beförderte Braunkohle. Die industrielle und die landwirtschaftliche Erzeugung halten sich nach immer die Wagschale, denn jede schafft für ungefähr 11% Milliarden Werte.
In der deutschen Landwirtschaft steckt also ein gewaltiges Kapital, und die Regierung hat ja immer wieder erklärt, daß sie sich verpflichtet fühlt, an der Ueberroinbung ber landwirtschaftlichen Notlage zu helfen. Aber mit der Unterstützung von oben ist «s nicht getan, es muh vor allem ein Neuaufbau von unten erfolgen. Die Landwirtschaft muß an die Fortschritte der Technik gewöhnt werden, ste muß ihre Betriebe rationalisieren, und die neuen Siedler müssen gleich so angesetzt werden, daß sie bestehen können. Zu einer Siedlung gehören in der Hauptsache drei Faktoren: Boden zu billigen Preisen, Menschen, die zu Siedlern geeignet sind, und Selb. Grund und Boden ist in unserm entvölkerten Osten zu billigsten Preisen zu haben, und geeignete Menschen stehen in den zweitgeborenen Bauernsöhnen und aus dem Stand der Landarbeiter ebenfalls reichlich ’.ur Verfügung. Was uns fehlt, ist (Selb, und deshalb muß vor allem billig gesiedelt werden. Man muß also Kleinsiedlungen schaffen. Die Kleinsiedlung ist für den Getreidebau, das Schmerzenskind ber beut= chen Landwirtschaft, nicht geeignet In ber Landwirtschaft der ganzen Welt hat sich gerade im Getreidebau eine Revolution vollzogen, die die ngentliche Ursache der deutschen Agrarkrise ist. Unter Verwendung von Maschinen, die nur für ganz große Güter in Frage kommen, produziert man in fernen Ländern das Getreide weit billiger, als dies in Deutschland möglich ist. Für die Kleinsiedlung kommt deshalb in erster Linie, neben -em Gemüsebau, die Viehwirtschaft in jeder Form in Frage. Zu einem vernünftigen Siedlerhaus gehört ein kleiner Hühnerstall ober ein Schweinestall ober ein Bienenhaus. Die Stallungen werben nun heute wch ganz anderen Gesichtspunkten gebaut als früher. Man ist jetzt ber Unsicht, daß auch dem Vieh Reinlichkeit, Luft und Sonne nichts schaben
können. Elektrische Beleuchtung in einem Hühnerstall hat zur Folge, daß die Hühner auch im Winter Eier legen.
Jnbem man bie Sieblerstellen gut ausftattet, soweit dies bei den begrenzten Gelbmitteln, die immer knapper werden, eben möglich ist, schasst man eine einzigartige Propaganda zur Verbesserung der landwirtschaftlichen Bedingungen im ganzen Reich. Mit Recht galten die Bauern bisher als überaus konservativ in ihrer Arbeitsweise. Sie waren abgeneigt, irgend etwas anders zu machen als ihre Vorfahren, die mit der alten Methode dieselbe Scholle bebaut hatten und auch ihr Auskommen fanden. Wenn man aber über das ganze Land ein Netz von kleinen Musterwirtschaften verteilt und die Bauern sehen, daß es auch anders geht, so ist das von ganz außerordentlicher Bedeutung, und es kann auch zurückwirken auf manchen Großgrundbesitzer, der ebenfalls den Wirtschaftsmethoden unserer Zeit vor vornherein' ablehnend gegenüber steht. So kann die Siedlertätigkeit nicht nur neue Existenzmoglichkeiten für einige tausend Menschen bieten, zur Gesundung des Volkes beitragen, und für die gesamte Landwirtschaft nutzbringend werden.
Oer Kampf der Tertia.
Erzählung von Wilhelm Speyer.
Alle Rechte beim Rowohlt Verlag, Berlin W 35.
(Fortsetzung.)
„Du bist manchmal verrückt, aber feige bist du nicht", sagte sie, und sie spuckte wie ein Matrose über Borsts zärtlich an ihr Knie gelehnte Schläfe hinweg.
Borst antwortete nicht. Er hätte gar keine gute Jugend gehabt daheim, denn fein Vater war wirklich verrückt gewesen, und die Mutter hatte viel Not des Lebens zu erdulden. Jetzt aber war der erste große glückliche Augenblick feines Daseins gekommen: an Danielas Knie. Es war beschmutzt und rissig, hart und verwüstet, wie das Knie der Erde selber.
„Was will die Bande von dir?" fragte Daniela streng und geradeaus, ganz ohne Scheu. Borst war ihr zum Eigentum geworden wie Meleager und Atalante unten. So, wie sie die Pfoten der Hunde erhob, wenn sie sich einen Dorn hereingetreten hatten, und wie sie ihnen bann, wenn der Dorn herausgezogen war, ein paar Ohrfeigen gab, so wollte sie jetzt Borsts Pfote untersuchen und ihm dann an die Ohren schlagen, sobald es ihr beliebte. Und wenn er murrte, würde sie ihm die Spitze ihres Pfeiles zu schmecken geben, wie sie es mit Meleager getan hatte.
„Das ist eine lange Geschichte, Daniela", murmelte Borst schüchtern und schlau.
Daniela stieß ungeduldig seine Schläfe mit dem Knie fort.
„Dann erzähle! Los!" Sie befahl streng: „Ich will alles wissen! Aber lüge nicht!"
„Ich werde doch nicht lügen!" rief Borst vorwurfsvoll.
„Also los! Aber von vorn!"
Da begann Borst von vorn zu erzählen. Von ber Ankunft Falks angefangen bis zu bem Tumult im Schlafsaal heute nachmittag. Er erzählte manchmal etwas wirr, so baß Daniela bazwischenfahren mußte: „Was denn? — Das versteh ich nicht! — Wieso müssen denn bie Katzen —?" und dergleichen mehr.
Aber schließlich lag doch alles klar am Tage.
Daniela freilich tat, als habe sie nur obenhin zugehört. Sie schwieg eine Weile. Sie richtete das Gesicht nach oben. Die Raubvögel vtzm Horizont waren zu ihren Wäldern und Horsten zurückgekehrt. Sie flogen jetzt über dem Hochwald einher. Danielas Gesicht war ganz umflossen vom rosafarbenen Silberglanz der Sechs-Uhr-Nachmittagssonne, bie über ben Blättern strahlte.
„Ich mag keine Katzen", sagte Daniela unb weiter nichts.
Borst sah sie vorwurfsvoll an.
„Soll man die Katzen in den Säcken totschlagen?"
Daniela hob gleichmütig die Schultern.
„In Niederteufen hat es Katzen gegeben, bie haben ihre Augen hinter sich hergezogen, als ob sie mit Strippe angebunben wären."
Hierauf gab Daniela keine Antwort.
Sie wollte nicht von Katzenaugen sprechen. Sie wollte jetzt von ben Dingen sprechen, bie ihr bie wichtigsten auf ber Welt waren. Sie wußte nur nicht, wie sie an ihren Gegenstanb herankommen sollte.
Borst sagte:
„Ich muß jetzt zum Schülergericht. Aber wenn ich sage, baß ich bei bir war, Daniela, bann —"
Er vollendete nicht, was bann wäre, aber Daniela verstand ihn sehr gut. Sie wußte jetzt, was sie für die Tertia wert war. Ihre Augen flammten mit graurotem Schein, wie die Augen einer Göttin. Sie sandten eisen- graue Speerbündel in bie Lanbschaft unb in bas Felblager ber Tertia. Dort konnte Daniela eine beginnende Bewegung beobachten. Die ersten Tertianer mochten sich zum Gericht im Lager eingefunben haben.
„Euch lasse ich noch alle hier barfuß knien, — wie ber beutsche König in Italien!" sagte Daniela büfter.
Borst erschrak vor ber Leibenschaft ihres Gesichts und zumal vor diesen eisengrauen Speerbündeln.
„Ihr habt bei ber Häuptlingswahl ben Kurfürsten gewählt, — ber soll euch jetzt auch helfen! Wenn ich euer Häuptling gewesen wäre, wie es mir zukommft bann hätte ich euch keine albernen Schreibübungen an bie Häuser ber Stadt machen lassen! Ich hätte bie Stabt an einem Tage überrumpelt und gestürmt! Ich hatte schon längst alle eure Katzen und Hunde hier im Wald! Ihr habt euch überhaupt viel zu sehr mit den Tieren! Man muß nicht zu weichherzig sein, — das ist einfach albern! Ihr habt den Kurfürsten gewählt. Jetzt seht zu, wir ihr da herauskommt!" Unwillig stieß sie mit ihrem Knie Borsts zu ihr aufblickendes Gesicht hinweg. „Ich bin sehr gern hier allein in meinem Zelt, — mit meinem geliebten Meleager und Atalante!"
Daniela hatte Tränen in den salzigen Augen, — sie hatte so übermäßig stark das Wort ,geliebten* betont, daß ihr die Augen zornig


