Ms halb zwölf summt und brummt im Keller die Kreissäge, klopfen die Beile auf den Holzklötzen. Dann gibts Mittagessen und Rückgabe des mit dem Stempel der Herberge versehenen Wanderscheines. Um halb zwei werfen die Letzten den Rucksack über den Rücken und tippeln zur Stadt hinaus. Denn vor sieben Uhr müssen sie in der nächsten Wanderer- Herberge sein. Und während derVice" noch die Verpflegungsstube auf­räumt, kommen schon die ersten Gäste für die folgende Nacht.

Tag für Tag geht das so. Immer neue, iMnier andere Gesichter, die sich in ihrer Abgestumpftheit und Hoffnungslosigkeit doch alle gleichen. Ein und aus, aus und ein. Jeder Tag bringt vierzig bis fünfzig neue arbeitswillige, arbeitslose Menschen. Und feder folgende Tag speit sie wieder hinaus auf die Landstraße.

Geistige Führer des heutigen Spanien.

Von Dr. Ernst Robert Curtius, o. Prof, der Romanistik an der Universität Bonn.

Wenn wir uns darauf besinnen, wie sich Spanien in der deutschen Geistigkeit der letzten hundert Jahre wicdergespiegelt hat, werden wir auf ziemlich dürftige Ergebnisse stoßen. Unsere räumliche Entfernung von der iberischen Halbinsel und die relativ geringe Ausstrahlung des spa­nischen Geistes im 19. Jahrhundert erklären dies zur Genüge. Von der erdumspannenden Wißbegier Deutschlands, die nach dem Weltkrieg wieder in so mannigfacher Form durchgebrochen ist, hat Spanien bisher den geringsten Gewinn gezogen. Wir lassen uns mit unermüdlichem Interesse über Rußland und Nordamerika, über das durch den Faschismus wieder aktualisierte Italien und natürlich auch über unsere alten westlichen Nach­barländer Frankreich und England informieren. Aber di« Verbindung nach Madrid scheint noch heute schwieriger zu sein als die nach den Metropolen der genannten Länder. Nur für die Liebhaber der modernen Malerei var Spanien schon vor dem Kriege durch die Entdeckung von Greco und Goya und seither durch die Weltbedeutung eines Picasso wieder wesentlich geworden. Langsam und zögernd fingen wir an, auch Spaniens philosophische und dichterische Produktion wieder in den Kreis unserer Betrachtung zu ziehen. Unamuno und Ortega sind heute schon, ich will nicht sagen Gemeingut unserer Gebildeten, aber doch Namen, auf die man sich gewöhnt hat aufzumerken. Das soeben erschienene neue Buch von OrtegaDer Ausstand der Massen" wird sicher dazu bei­tragen, das Interesse an der jüngsten Form des spanischen Denkens auch in Deutschland zu verstärken. Aber das sind erst einzelne Vorstöße. Für die Mehrzahl unserer Gebildeten ist Spanien noch ein unentdecktes Land oder mindestens ein antiquierter Begriff, dessen Inhalt aus Erinnerungen anCarMen" oder an Geibelsche Spätromantik bezogen wird (Fern im Süd das schöne Spanien, Spanien ist mein Heimatland, wo die duftenden Kastanien blühen an des Ebro Strand.").

Die Revolution vom 14. April 1931 hat inzwischen aufs deutlichste bewiesen, daß Spanien lebt, sehr energisch lebt, daß es ganz anders ist, als wir uns vorstellen. Sie hat einen Vorgang in die Ebene der poli­tischen Aktualität projiziert, dessen Existenz und Bedeutsamkeit keinem aufmerksamen Beobachter verborgen bleiben konnte, die Tatsache näm­lich einer seelischen und geistigen Wiedergeburt Spaniens. Schon vor Jahren freilich hatte ein so weitsichtiger und intuitiver Intellekt wie der des Grafen Keyserling die spanische Linie in das Spektrum Euro­pas eingetragen. Derselbe' passionierte Analytiker der Völkerseelen hat uns auch neuerdings auf Grund seiner südamerikanischen Eindrücke ein« iberische Welle prophezeit. Die neuesten Ereignisse scheinen seine Prognose zu bestätigen. Um dieses Ereignis zu verstehen, muh man freilich auf Spaniens großes Unglücksjahr, auf das Jahr 1898 zurückgehen: damals verlor Spanien mit Kuba den letzten Teil seines Kolonialbesitzes. Und damals empfing die spanische Monarchie ihre Todeswunde, an der sie jetzt langsam verblutet ist. Denn ihre letzte Legitimation, die Verwaltung eines überseeischen Reiches, zu der keine andere Instanz der lethargischen Nation fähig gewesen wäre, war nunmehr hinfällig geworden. Aber eben damals erhob sich eine Generation geistiger Führer, die heute schon als dieGeneration von 1898" in den Annalen der spanischen Geschichte ihren allgemein anerkannten Ehrenplatz einnimmt, und erkannte die Aufgabe ihre politisch und geistig dahindämmernde Nation zu neuer Selbsterkennt­nis zu erwecken. Die Jahre des Weltkrieges, von dem Spanien nicht nur verschont blieb, sondern von dem es den Gewinn eines weltgeschichtlichen Anschauungsunterrichts, einer wirtschaftlichen Blüte und endlich eines erneuten, von den spanischen Republiken Südamerikas beantworteten und sie umfassenden spanischen Rassenbewußtseins bezog, haben die beharrliche Arbeit jener Generation mächtig gefördert. Das dritte Tempo in dem Vorgang der spanischen Erweckung darf man dann in der siebenjährigen Diktatur von Prirno de Rivera erblicken. Sie lockerte die letzten traditionellen Bande zwischen Thron und Nation und sie schuf der Er- weckungstätigkeit der intellektuellen Elite eine ungeahnte Resonanz. Diese Eliten sind cs, die die spanische Revolution gemacht haben. Sie verdankt ihr Dasein dem Wirken von einem Dutzend weitblickender und verant­wortungsbewußter Intellektuellen, deren Existenz nicht nur für Spanien Und für die Nation, sondern für unsere ganze Kulturwelt bedeutsam ist.

Denn eben dies ist das Neue: Spanien befindet sich an der Schwelle mes Zeitalters neuer staatlicher Selbstgestaltung und zugleich treten die Wegbereiter dieses neuen Spanien in die Front der denkenden Geister die heute in allen Landern mit den Zukunftsproblemen unseres Erdteils ringen. Dieses Ineinander von nationaler und europäischer Aktualität ist es, was im heutigen Augenblick unser Interesse an den spanischen Vorgängen so lebendig macht. Ist es nicht ein Sympton von hoher Be- deutsanikeit, daß Jo Ortega y Gasset, der Philosophieprofessor der Madrider Universität, eines seiner auch ins Deutsche übersetzten HauptwerkeDie Aufgabe unserer Zeit" betiteln konnte, "daß also Spanien beginnt, der europäischen Geistigkeit neue lebenswichtig« Fermente zuzuführen? Es gibt heute wohl kaum einen Denker, der in io kühner und fruchtbarer Weife wie Ortega das Problem des Lebens, des Bios, d. h. alles dessen, was der Biographie und der Biologie gemein­sam als Urphänomen gegeben ist, verarbeitet. Spanien hatte durch die

Ereignisse von 1898 gelernt, daß auch die Niederlage einer der Aspekte ist, unter denen das Leben sich zeigt, daß es nur darauf ankommt, auch in dieser Sage und aus diesem Gesichtswinkel die unendlichen Möglich­keiten schöpferischen Werdens ins Auge zu fassen. Leben ist Gefahr, ist Peripetie, ist Drama. Das ist eine der Lehren, die Ortega uns gibt, und die gerade uns Deutsche und gerade im gegenwärtigen Augenblick uns wohl mit besonderer Bedeutsamkeit betreffen könnte.

Es ist sinnvoll und sicherlich mehr als bloßer Zufall, daß die geistigen Führer eines nationalen neuen Werdens mit ihrer Gedankenarbeit um das Problem des Lebens kreisen, und so verstehen wir es denn auch, daß es ein Biologe und Mediziner von internationaler Bedeutung, der Madri­der Akademiker Gregorio Maranon war, der in der Geburtsstunde der jungen Republik eine entscheidende Rolle spielte. Fand doch bei ihm am Nachmittag des 14. April, zwei Tage nach den Wahlergebnissen, die für den König das Mißtrauensvotum seiner Nation bedeuteten, das ent­scheidende Zusammentreffen statt zwischen dem Grafen Romanones, dem Unterhändler der versinkenden Staatsordnung, und dem Führer der republikanischen Bewegung. Maranon, Ortega und Perez A y a l a gründeten dann gleichzeitig den republikanischen Schutzbund, hinter dem heute die besten Kräfte Spaniens stehen. Bon Maranon sind in deutscher UebersetzungAussätze über das Geschlechtsleben" zugänglich, die Graf Keyserling mit einer Einführung versehen hat. Die ehren­volle Ernennung zum spanischen Botschafter in Paris hat Maranon aus­geschlagen, weil ihm sein Wirken in der Heimat zur Zeit wichtiger dünkt.

Die junge Republik hat es im übrigen verstanden, durch die Besetzung der wichtigsten diplomatischen Posten im Ausland einen repräsentativen Eindruck des neuen Spanien zu geben. Die Botschaften zu Berlin, London und Washington sind mit prominenten Vertretern der spanischen Intelli­genz besetzt worden, die alle feit vielen Jahren an der geistigen politischen Wiedergeburt der Nation gearbeitet haben. Der neue Botschafter in Ber­lin, America Castra, ist einer der ersten Sprach- und Literatur- forscher Spaniens. Seine Ernennung bedeutet die nicht eben häufige Tat­sache, daß Diplomatie und Philologie bei Castro eine Form des Huma­nismus bilden, und er, der vor der entsagungsvollsten grammatischen Einzelforschung nicht zurückgeschreckt ist, hat doch zugleich den pro­grammatischen Satz geprägt:Der Fortschritt der Philologie hängt von der Verfeinerung und Präzisierung der Begriffe.ab: von der Art und Weise, wie wir die menschlichen Werte verstehen." Das wissenschaftliche Hauptwerk Castros ist der Weltanschauung des Cervantes gewidmet, also einem Gegenstand, der im Mittelpunkt des spanischen Kulturlebens steht, bedeutet doch derDon Quijote" für Spanien dasselbe wie für uns derFaust". Während es noch bis in die jüngste Zeit üblich war, in Cervantes ein Genie zu sehen, das unbewußt, unkritisch und unproble­matisch geschaffen habe, weist C a ft r o nach, daß der Dichter desDon Quijote" mit den großen gedanklichen Problemen der Renaissance wohl vertraut war, und daß sein Schaffen ein durchaus bewußtes gewesen ist, wobei Castro dem Cervantes-Verständnis der deutschen Romantik beson­dere Huldigung zollt. Es ist für die Selbftauffaffung Spaniens von großem Belang zu wissen, ob sein größter Genius ein ahnungsloser, ungebildeter, vom Dunkel der Gegenreformation überschatteter Reaktionär ober ein in di« Zukunft weisender Träger der modernen Geisteswelt gewesen ist. Insofern ist die literarische Fragestellung von Castro mit grundlegenden kulturpolitischen Problemen Spaniens verknüpft.

Ramon Pärez de A y a 1 a , der Vertreter Spaniens bei der englischen Regierung, genießt seit Jahrzehnten den Ruf eines der größten, wenn nicht des größten spanischen Romandichters der Gegenwart. Sein um­fassendes, vielgestaltiges gedankenreiches Werk erweist ihn als einen Europäer vom sührendem Range. Er ist in Deutschland leider noch so gut wie unbekannt. Wir hoffen, daß ein unternehmender Verleger den Mut finden wird, dieses Versäumnis gut zu machen. Ayala ist kein bloßer Sittenschilderer, sondern ein Kulturkritiker und Gestalter von hoher persönlicher Originalität.

Nennen wir endlich noch Salvador de Madariaga, den neuen spanischen Botschafter in Washington, dessen grundlegendes WerkSpo- n i e n", ein« politisch soziologische Analyse, seit wenigen Monaten deutsch Dorliegt. Auch Madariaga gehört zu dem Kreise weltbürgerlich gebildeter spanischer Intellektuellen, und hat als Verfasser zahlreicher literarischer Essais, als Beamter des Völkerbundes, später als Professor in Cambridge eine sehr vielseitige Wirksamkeit entfaltet.

Diese knappen orientierenden Hinweise dürften hinlänglich bezeugen, wie eigenartig und fruchtbar Politik und Geist in der Erneuerung Spa­niens Zusammenwirken. So viele ungeklärte Probleme auch noch über dem neuen Staatswesen lasten, so darf man ihm doch auf Grund der geistigen und sittlichen Kräfte, über die «s verfügt, eine gedeihliche und für ganz Europa produktive Entwicklung prophezeien.

Dörfer am laufenden Band.

Die Modernisierung des flachen Landes.

Don Dr. Fritz E11mann.

Es ist Zeit, einige überlieferte Ansichten über Bord zu werfen. Zu denfeststehenden Tatsachen", die ins Wanken gekommen find, gehört die, daß das große Gut unwiderstehlich die Bauernwirtschaft verdrängt, zeit­weilig schneller, zeitweilig langsamer, aber doch in stetiger Entwicklung, die keine Unterbrechung erfährt. Die Parallele zu der Industrie, die das Handwerk aufsaugt, ist oft gezogen worden, auch in der Beziehung, daß der Großgrundbesitz die einzige Möglichkeit bietet, neue bessere Methoden der Landbebauung einzuführen und dem Fortschritt, den industrielle Arbeit im Gewerbe bedeutet, nun auf dem flachen Land den Weg zu ebnen. Das alles ist, wenn nicht ganz falsch, so doch mindestens sehr einseitig. Die, Siedlungstätigkeit, die kurz nach dem Zusammenbruch begann und in wechselnden Ausmaßen durchgefuhrt wurde, hat einen großen Umfang angenommen. Die Zahl der Kleinbauern muß dadurch steigen, der Großgrundbesitz kann nicht mehr Vordringen, sondern roiro vielleicht allmählich zurückgedrängt. Und nun beginnt man, die Klein-