^nhre 1813 auf 1,83 Millionen gestiegen, die Ausgaben von 1,3 Millionen auf 2 5 die Einnahmen von 765 000 Mark auf 1,1 Millionen.

Betrachtet man die Ausgabcnpoften näher, fo zeigt sich, das es keines­wegs immer die Aufwendungen für den werbenden, nämlich künstlerischen Teil des Betriebes find, sondern datz es vielmehr der große soziale Ge­danke der Nachkriegszeit ist, der in seiner praktischen Auswirkung die außerordentliche Erhöhung aller Lasten für diejenigen Teile des Personals beansprucht, deren Lebensminimum in der herrschenden Teuerung immer weiter nach oben gedrückt wurde, deren Arbeit durch keine Aussicht auf eine glänzende Zukunft, durch keinen Applaus, durch keine Befriedigung an der subjektiven künstlerischen Leistung abgegolten werden konnte. Daher die große Zunahme der Kosten für Orchester, Chor und technisches Per­sonal. Im Vergleich dazu sind die Ausgaben für das Solopersonal in Oper und Schauspiel zurückgegangen. Legt man die Jahre 1913 und 1929 zu Grunde, jo betrugen die Ausgaben für Orchester usw. 37 bzw. 46 Prozent der Gesamtausgaben in Mannheim, während in Darmstadt für die gleichen Posten 35 bzw. 44 Prozent eingesetzt werden müssen. Der produktivste Teil des Hauses, die Solodarsteller in Oper und Schauspiel, nehmen an den Gesamtausgaben im gleichen Zeitraum mit 34 bzw. 23 Prozent in Mannheim und 30 bzw. 21 Prozent in Darmstadt teil. Für das unerhört wichtige Werbemittel der dekorativen Gestaltung werden in Darmstadt 3 Prozent der Gesamtausgaben ausgegeben, in Mannheim 51 Prozent (wobei noch Garderobe) Bibliothek und Instrumente mit» gerechnet sind). Das widerlegt am besten das Märchen von der Verschleu­derung öffentlicher Gelder auf diesem Gebiete.

Aber damit sind die Ausgabenposten nicht erschöpft. Die Aufwen­dungen für Versicherungen, Pensions- und Krankenkassen usw. betragen heute in Darmstadt 13 Prozent der Gesamtausgabe gegenüber 2 Prozent im Jahre 1913/14. In Mannheim hat man 1889 für diesen Posten ins­gesamt 139 Mark bezahlt!

Diese Zahlen sollen nur ganz kurz die Zwangsläufigkeit der Entwick­lung zeigen, der sich kein öffentlich-rechtlicher Betrieb entziehen kann. Es dürfte vielleicht notwendig sein, einmal offen auszusprechen, daß der unbedingte Wille zur Sparsamkeit, den der verantwortungsbewußte Lei­ter als Verwalter öffentlicher Gelder haben muß, heute in einem erheb­lichen Teil zerrieben wird durch die zwangsläufige Entwicklung aller mit sozialen Belangen verbundenen Ausgaben, durch ein oft feststellbares Unverständnis gerade jener dadurch geförderten Gruppen, die das Matz ihrer Forderungen nicht einzuhalten wissen, und durch die Angriffe der öfsentlichen Meinung, die geeignet sind, das Publikum dem Theater y ste- matisch zu entfremden; diese Angrisfe richten sich gegen den im toptelplan erscheinendenReißer", der die Kasse füllt, ebenso vehement w>e gegen die Erfüllung der unpopulären Pflicht des Theaters gegenüber der werdenden Begabung und gegen die künstlerischen Wagnisse, die dem Kulturthcater seinen Namen und seine Bestimmung geben.

Den erhöhten Ausgaben des Theaters stehen nicht im entfernten Maße die erhöhten Einnahmen gegenüber. Zwar ist die Zahl der Tyeatcr- besucher gewachsen, aber durch die Umschichtung des Publikums besteht finanziell ein großer Unterschied. Das Theater muß heute seine Wirkung auf die breitesten Massen ausdehnen, und diese, die in den großen Volts- bünden organisiert sind, sollen Teilhaber eines allgemeinen Kulturgutes werden. Das mächtige Aufblühen dieser Organisationen, ihre Verankerung in der Gesamtheit des Volkes ist eine der großen ideellen Sicherungen des Theaters für seine Existenz, aber gleichzeitig eine soziale Leistung des Theaters, die sich nicht selbst trägt, sondern durch «ine erhöhte Heran­ziehung des Steuerzahlers ausgeglichen werden muß.

Diese Entwicklung der Dinge ist eine gegebene Tatsache, mit der gerech­net werden muß. Sie läßt nur die Erkenntnis zu, daß das Opfer unver­meidbar ist, wenn man nicht allen Gewinn sozialer, humaner und künst­lerischer Erkenntnis, die uns die neue Zeit gebracht hat, aufgeben will Das Opfer erscheint Zwar als untragbar groß, aber es kann in einer Oett höchsten materiellen und politischen Verlustes niemals zu groß sein, uw eines der wenigen Güter zu erhalten, die als der letzte und wertvollste Besitzstand unserer Nation zu gelten haben. Das ist eine Erkenntnis d,e sich die Parteien, die politischen Führer und die Ehrerin der osfentlichen Meinung, die Presse, zu eigen machen mußten. Diese Erkenntnis schließt die Forderung in sich nach geistigem Leben, nicht imr nach einem belie­bigen Theater, sondern nach dem Theater, das die Bewegungen der Zeit spiegelt, das ernsthaft und entschlossen ist, das keinMuseum -sondern «ne Plattform für alle Auseinandersetzungen des heutigen Geistes sein will das das ungeheure Opfer der Gegenwart nur dadurch lohnt, daß es in jeder Faser, in jeder seiner Aeußerungen gegenwärtig i|t

Unsere tiefste Erkenntnis.kann nur die sein: fern Theater der Ver­gangenheit hätte in solcher Zeit ein solches Opfer verdient, nicht das Thea­ter des höfischen Prunkes oder der gesellschaftlichen Konvention und Satt­heit, auch nicht jenes Theater eines überheblichen Bildungsphilisteriums, das den Klassiker unter den Glassturz in die «itnne setzt, die explodieren­den Gestalten Shakespeares, Schillers und Aeschylos antckisch odcrbarock- haft entgiftete und mumifizierte, nur letzt und gerade letzt hat es einen Ginn, das Theater selbst mit größten Opfern zu crtüI(te"',n emem Augen­blick. wo es stärker als je zuvor die Forderung seiner beiden groß.n Meister erfüllt,Spiegel des Zeitalters -nb ;:oraW** tiefsten Sinne zu fein. Aber gerade diesemoralische Anstalt ist e be so viele Moralisten nicht vertragen können, unb ^eserSpiegA ber Zeck wirft fn arelle Silber zurück, daß wir es zu verstehen versuchen muffen, wenn vie?e nicht aus bösem Willen, sondern aus Erschrecken zu Gegnern sollen sie alle schweigen, wenn das deutsche Theater ö^uckgedrangt wer­den soll in eine Wirksamkeit, die dem literarischen. Wer: em-- Schul lesebuches entspricht? Ich bin optimistisch genug, künstlerisch interessierte Oeffentlichkeit ein solches Geschehen Zulassen wird.

Fanthippe.

Don Lise Baumann.

Alle Rechte im Rowohlt Verlag, Berlin W 50.

Xanthippe, du Vielgeschmähte, seit zweieinhalb Jahrtausenden lebst tu in der Geschichte, unb nur ganz vereinzelt ist gelegentlich einmal ein Ritter für dich arif dem Kampfplatz erschienen. Wo aber sind die grauen, die sich ihrer unverstandenen Schwester angenommen und den undank­baren Versuch dieser Mohrenwäsche unternommen hätten?

Nomen est omen. Sein Name war dein Unglück. Wenn er nicht exi­stierte man mühte ihn geradezu erfinden. Was kann aufreizender unb tneifenber klingen, als dieser unvermittelt-scharfe Vorstoß der Zunge gegen die Zähne: Ksssanthippe! Und den Rest gab dir die Klangver­wandtschaft mit derZank"-thippe, zu der du armes Opfer deines Namens unb beines berühmten Mannes im Volksmunbe würbest.

Zeitgenossen unb Nachwelt faßten bie Situation in dem Stichwort zusammen: Armer Sokrates! Es ist aber endlich an der Zeit, mit dem Rus: Arme Xanthippe! auf die Seite der Geächteten zu treten. Wie sah dies Frauenschicksal in Wirklichkeit aus?

lieber Xanthippes äußere Reize herrscht beredtes Schweigen. Gegen eine schöne ,^Zänkerin" hätte sich das Männergeschlecht erfahrungsgemäß nicht so einstimmig entschieden. Gerüchte über eine gewisse Sittenfreiheit, die sie vor und wahrend ihrer Ehe geübt haben soll, sind eben als Ge­rüchte zu werten, denn die Dankbarkeit hätte bas Urteil der Männer wohl zu ihren Gunsten beinsluht. Xanthippe war reizlos, und das war ihr Verbrechen!

Aber sie war jung, als sie den sehr viel älteren Sokrates heiratete, jung und temperamentvoll. Sie wird ihn geheiratet haben, um sich in die Obhut eines Ehemannes zu begeben, so wie vermutlich alle ihre geistig gleich armseligen Gefährtinnen. Von seiner Bedeutung hatte sie, die durchschnittlich ungebildete Griechin, keinen Schimmer. Sokrates war alt, unelegant und von abstoßender Häßlichkeit. Zu jeder Jahreszeit trug er den gleichen, groben Mantel unb ging barfüßig einher. Ob sie jemals seine saunische Häßlichkeit überwunden hat, kündet keine Kunde, wie man sich ja überhaupt mit der Psyche der Frau, wenn es nicht gerade eine Hetärenpsyche war, nicht viel desaßte. Sokrates selbst, dem nach griechi­schem Sprachgebrauch Schönheit und Zweckmäßigkeit gleichbedeutend war, rechtfertigte seine wulstigen Lippen mit ihren desto weicheren Küssen. Es sei aber daran erinnert, daß er zwar seine ehelichen Pflichten gegen Xanthippe übte, fein außereheliches Vergnügen jedoch bei Aspasia und nicht nur bei ihr suchte. Daß er bei Perikies' geistreicher Freundin mehr Interesse für seine verstandesmäßige Natur fand, beweist durchaus nichts gegen Xanthippe. Es war für die grande amoureuse gewiß reiz- voll auch einen gedankenschweren Sil en in ihrer Kollektion zu haben. Sie konnte es sich leisten, für jeden Bereich ihres Wesenskomplexes Be­friedigung zu suchen, während Xanthippes gesamte Frauen- und Men­schensehnsucht durch Sokrates saturiert werden sollte. Zugegeben, daß sie gar nicht befähigt war, dem sokratischen Fluge zu folgen, so fiel es für ihre beschränkten Kräfte doppelt ins Gewicht, daß sie durch stündlichen Verdruß und tägliche Miseren absorbiert wurden. In welchen Aengsten mag sie nach dem Gastmahl des Platon ihren Eheherrn erwartet haben, der bas Nachhausekommen einmal wieder so gründlich vergessen Halle, daß er sich erst am Abend des nächsten Tages wieder bei ihr einfanb. Daß Sokrates weder ein Amt noch ein Gewerbe ausübte und es ver­schmähte, seine verschiedenartige Begabung zum Gelderwerb zu benutzen, brauchte Aspasia nicht zu beunruhigen. Sie kannte keine Not, wahrend Xanthippe und ihre Kinder darbten. Wenn Sokrates die zweckmäßige Schönheit seiner vorstehenden Augen preist, die es ihm ermöglichen, nicht nur geradeaus, sondern auch seitwärts zu blicken, so wäre es immerhin denkbar, daß sein junges Weib gern auf diese Seitenblicke zugunsten eines einzigen zärtlichen, gütigen ober auch nur verstehenden Auges ver­zichtet hätte. Daß seine eingebogene Nasenwurzel es ihm erlaubte, mit einem Auge in bas andere zu sehen, wie er in humoristischer Selbst­erkenntnis berichtete, verführte ihn offenbar dazu, einen zu uneingefchrank- ten Gebrauch von dieser Sehergabe in sich selbst auf Kosten feiner uonuhe zu machen, fo daß er sie intausendfältiger" Armut schmachten ließ. Er selbst, der Brave, litt wett weniger unter dem Mangel, weil er Hunger unb Durst bet ben Gastereien seiner reichen Freunbe stillte und dabei wiederum fo intensiv mit Weisheitspenden beschäftigt war, daß er es vergaß, auch nur das kleinste Stückchen Kuchen oder einen Becher Weins, bem er so gern unb reichlich zusprach, seiner hungernden Familie nach Haus zu bringen. . . , ..

Wen es wahr ist, bah bie Eheleute nur em gemeinsames Dbertlcib besaßen, so lag bie Entbehrung roieber allein als einzige Hülle auf ben Schultern ber armen Xanthippe, währenb ihr Mann sich unbekümmert um ben ihr aufgezwungenen Hausarrest auf Straßen und Platzen tn Psychoanalyse versuchte unb mit jebem vorübergehenden Schuster und Schneider philosophisches Seminar abhielll

Naturgemäß fürchtete ihr kleinerer Geist die Lächerlichkeit, bie fern überlegener verachtete, wenn er als alter, mit Hängebauch begabter Mann in müllender Vorahnung, Tanzübungen anstellte, um sich beweglich zu erhalten, Musikstunden wie ein Knabe nahm und unentwegt von seiner inneren Stimme sprach, wie die Jungfrau von Orleans. Datz sie barin feinen Daimon nicht erkannte, ist ihr fo wenig zum Vorwurf zu machen, wie Wagners erster Frau, baß sie besten geradezu umsturzlen che musikalifche Kraft nicht zu erkennen vermochte. Es ist eben auch abgesehen von dem Reichtum der geistigen Veranlagung doch unend­lich viel leichter, als Aspasia unb Mathilde Wesendonck durchs Leben zu gehen, denn als Xanthippe und Minna Wagner. .

Wie ist denn überhaupt das auf uns gekommene Charakterbild der Xanthippe entstanden? Hat Sokrates die üble Meinung über sie nicht geradezu der Mit- und Nachwelt suggeriert? Er, der tn Ijaarfpaltenber Dialektik das Innerste aus den Menschen herausfragte, der geborene Psychoanalytiker, hat zweifellos einen ungeheuren suggestiven Einfluß auf die Urteilskraft feiner Mitbürger ausgeubt. Anderseits hchsie diese suggestive Krast es ihm wohl unschwer ermöglicht, aus der zänkischen