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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang <95( Freitag, den Z.Zuli Nummersj
Guter JRat
Von Theodor Fontane.
An einem Sommermorgen, da nimm den Wanderstab, es fallen deine Sorgen wie Nebel von dir ab.
Des Himmels heitere Bläue lacht dir ins Herz hinein und schließt wie Gottes Treue, mit seinem Dach dich ein.
Rings Blüten nur und Triebe und Halme von Segen schwer, dir ist, als zöge die Liebe des Weges nebenher.
So heimisch alles klinget als wie im Vaterhaus, und über die Lerche schwinget die Seele sich hinaus.
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Der Kampf der Tertia.
Erzählung von Wilhelm Speyer. Alle Rechte beim Rowohlt Verlag, Berlin W 35.
I
Die Tertianer hatten sich noch eben gewaltig gestritten. Sie waren einige Kilometer vom Schulhaus entfernt, in ihrem Feldlager. Das Feldlager war sehr geschickt ausgewählt, es befand sich auf einem mit Bäumen bestandenen Abhang des Hochwaldes. Man konnte von dort einen Teil der Eebene mit vielen Dörfern, Aeckern, Teichen und Bächen übersehe ja, an klaren Tagen ging der Blick ungehindert bis zu den ersten Häusi
der feindlichen Stadt.
Es war gut für die Tertianer, diese Stadt ein wenig im Auge zu haben.
Allerdings herrschte schon seit einigen Wochen Friede. Und dies war auch der Grund, weshalb man sich eben gestritten hatte. Man stritt sich nämlich aus Müßiggang, aus nichts und wieder nichts, sozusagen um einen Dreck. So hatten die Truppen des Hannibal in Capua und die Ostgoten in der Romagna gehadert, wenn es nichts zu erschlagen, zu stürmen und zu plündern gab ... Hier, im Feldlager der Tertia, kehrte man einander verächtlich die Rücken zu und richtete sich empört wieder auf, warf sinnlos Steine und Aeste gegen die Baumstämme oder zerrte an den Fellen und Pfoten seiner Hunde, die gespannt auf ihren Bauchen lagen und darauf warteten, ob es bald losgehen werde.
Aber es ging nicht los. Das Getöse erstarb im zitternden Schweigen des Waldes und der Ebene. Es gab hier nichts mehr zu tun. Murrend und grollend schlief man sich in leichte Juninachmittagstraume hinüber.
Der Große Kursürst übrigens, der dicke Anführer der Bande, schnarchte bereits seit langem. Er hatte sich ein einziges Mal aufgenchteß wie der Lärm übermächtig geworden war, als fei er ein homerisches Getose bei den Schiffen der Argeier. Seine Augen hatten eine gelbliche Glasur gehabt, so verschlafen waren sie und auch so unwillig, herrisch wollte sein Cäsarenkinn sich anspannen, — dann war der Fürst der Tertia zuruck- gesunken. Er war viel zu müde, den Cäsar zu spielen.
Sie (Miefen, die Tertianer und ihre Hunde. Nur der Posten wachte, obwohl es hier gar nichts zu bewachen gab. Und über ihm klopfte em Specht an einer Esche. Der Stamm erklang wie eine Violine.
Borst blinzelte zur Hexenkuppe hin. Er hatte einen mißmutig-besorgten Ausdruck, wie er sein kleines Affengesicht nach oben wandte. Denn dort stieg ein vereinzelter, höchst abgesonderter Rauch auf.
Es war der Rauch aus Danielas Zelt.
Weil Daniela, das Mädchen bf.r Tertia, seit Wochen nut ber Klasse grollte und sich an den freien Nachmittagen, zürnend wie Achill m ihrem Seite verborgen hielt, deshalb lag man untüchtig, untätig unmännlich in seinem Lager auf den Bäuchen. Ohne Daniela einen Streich^aus sichrem Man hatte es versucht. Es war daraus etwas geworden das gut genug für die Quarta war, ein kleinmütiger Ulk ohne Saft ""b Kraft, er hatte ihnen geschmeckt wie die Schellfische, bie fie an einem Tage ber Woche anstatt bes Fleisches zu essen bekamen. . . ~ .
Das waren noch große Zeiten gewesen als Daniela an de" Freinachmittagen bei ber Bande gewesen war! Man konnte „nicht sagen, daß sie die Anführerin war. Man hatte den Großen KurfuZten wie man Agamemnon hatte. Aber was den Griechen die präzise Wildhe t ) bedeutet hatte, das bedeutete den Tertianern die pfeilgrade Raserei der bogen-bewaffneten Daniela.
Borst stand auf. Pflichtvergessen trollte er sich von seinem Posten davon. •
Josua, ein struppiger Bastard, dessen Mutter eine echte Pudelin, dessen Vater aber ein unechter Schnauzer gewesen war, gesellte sich ihm zu. Er hatte als ein richtiger Tertiahund dieser faulen Zeiten auf der Seite gelegen, die vier Pfoten von sich gestreckt und ein wenig in die Sonne geblinzelt: zuweilen auch war er wie ein Mensch, ber nicht weiß, was er will, balb in den Schatten, bald in die Sonne gelahmt. Im übrigen war auch bei ihm, wie bei den meisten Tertianern, nur ein Halbschlaf zustande gekommen, der auf bessere Zeiten wartet. Kaum hatte er Borsts Bewegung in feine von der Sonnenstrahlung ausgedörrte Nase bekommen, — denn ein guter Hund riecht bie Bewegung! — als Josua aufstand, ganz langsam übrigens, wie ein alter Mann, der Rheumatismus hat. Er streckte die nach oben gebogenen Vorderpfoten aus, verschluckte gleichsam seinen eigenen Hals und gähnte. Dann war er in zwei freundlichen Sprüngen hinter Borst her.
Borst strolchte, absichtslos scheinbar, so herum. Die Hände auf den Knien, betrachtete er einen Ameisenbau. Wo ging die Straße hin? Er überlegte. Er erinnerte sich dann. Jenseits des kleinen Waldweges, der zur Hexenkuppe führte, war ein großer Ameisenhügel. Also dorthin! Er machte sich selber etwas vor. Er interessierte sich gar nicht für Ameisen. Er kannte von daheim aus den Bergwerken armes Arbeitsvolk genug. Er brauchte die Tierwelt nicht, um zu wissen, wie prächtig Grubenarbeit tut.
Nach einiger Zeit blieb er furchtsam stehen. Borst, der Kleine, fürchtete sich so ziemlich vor allen Dingen dieser Erde, aber jetzt hatte er ausnahmsweise einmal gute Gründe. Er war an einer Eiche angelangt. An ihrem untersten Aste war ein Pappdeckel angehestet, auf dem mit Bluk schrift zu lesen stand :
„Halt! Wer weiter geht, wird erschossen! Ich, Daniela!"
Borst erinnerte sich. Vor einiger Zeit war Fritz Lüders weiter gegangen. Er hatte einen Pfeilschuß von unsichtbarer Hand bekommen. Es war eine richtige Wunde im Oberschenkel daraus geworden, denn Daniela schoß nicht etwa ihren sorgfältig zugespitzten Pfeil von einem Bogen aus Weidenholz und mit Bindfaden ab, sondern von einer echten Jnbianer- waffe.
„Das muß ja ein merkwürdig spitzer Stein gewesen sein, auf den du da gefallen bist", sagte der Anstaltsarzt, und er sah zur Seite, als sei er es, der gelogen hatte, nicht Lüders. Und der Junge hatte geantwortet, indem er ebenfalls zur Seite sah: „Gehen Sie einmal an den Freinachmittagen auf bie Hexenkuppe, Herr Doktor! Da finden Sie viele solche Steine!"
Borst sah Josua und Josua sah Borst an. Dann sahen sie beide nach einer ganz bestimmten Richtung.
Aber es gab nichts zu sehen. Es war nichts zu erspähen, nur dieser streng schwebende Rauch über den Wipfeln der Tannen.
Borst wurde von einem kalten Schauder ergriffen, wie er jetzt in die Richtung von Danielas Zelt blickte. Seltsamer Wahn, der ihn hierher getrieben hatte! Konnte denn irgendein Junge im Ernst glauben, Danielas Zelt je betreten oder es auch nur von ferne anschauen zu dürfen? Nicht einmal einer von der alten Garde wie der Große Kurfürst, Reppert, Lüders, Hornbostel oder Otto Kirchholtes waren so vermessen! Selbst in den herrlichen Tagen des guten Einvernehmens mit Daniela, wer war so frech gewesen, hier einbringen zu wollen? Daniela war in den Unterrichts- und Arbeitsstunden, bei den Mahlzeiten, abends in der Kapelle, — was aber hatte bas mit Daniela im Zelt zu tun? Wir haben eine Schwester, mit ber wir das Zimmer von den ersten Tagen der Kindheit teilten, — werden wir es wagen, mit ihr zu scherzen oder zu streiten, wenn sie geschmückt zu ihrer Hochzeit schreitet?
Borst horchte sehnsüchtig und ganz heiß vor Angst auf einen Laut. Hatten bie Doggen Danielas angeschlagen, diese gelben Hunde mit den leopardähnlichen Fellen? — Nichts! Diese verschmähten es, auch nur einen Laut zu geben. Die Doggen Danielas bellten nicht, weil Borst der Kleine und ber jammervolle Bastard zu seinen Füßen vor ber Bannmeile des Zeltes ftanben. Doch wußte es ber Spähende, daß vier Tieraugen, vielleicht sogar zwei Menschenaugen ihn beobachteten.
Aufgeregt seinen Speichel hinunterschluckend und seufzend wandte Borst sich ab. Eilig trabte er zurück, mit seinem einwärtsgekehrten Jungensgang.
Da hörte er Schritte. Crwachsenenschritte! Obwohl sie ganz deutlich zu vernehmen waren, dennoch hielt es Borst für angebracht, — denn so hatte er es bei den andern gesehen! — sich platt auf die Erde zu werfen und mit dem Ohr am Boden zu lauschen. Er zuckte vor Entsetzen zusammen, denn ein Käfer kroch ihm am Rande der Ohrmuschel entlang. Borst konnte ihn nicht erwischen. Insekten sind die eigensinnigsten Tiere der Erde: was sie sich vorgenommen haben, führen sie aus. Dieser Käfer hatte es darauf abgesehen, Borst verrückt zu machen. Der Junge krümmte sich, als werde er am Bauche gekitzelt, und er schlug die Arme über seinen


