Am nächsten Mittag wartete Großmutter auf Doktor Büchner; sie wußte, gegen ein Uhr kam er von der Probe. Sie wartete mit klopfendem Herzen. So klein kam sie sich vor. Aber es mußte ja sein, dies Betteln. Der Enkelkinder wegen. Nur ihretwegen. Sie allein hätte mit ihrer Pension gut in einer Kleinstadt leben können, ohne das Hemmnis der großen Wohnung, ohne all die Berliner Nebenkosten, in einem Zimmer- chen. Oder bei einer Freundin auf dem Lande unterkriechen. Und Ruhe haben. Aber sie mußte doch an Isa und Peter denken. Ihnen das Heim erhalten. Ihnen Stütze sein und Halt. Sie mußte es. Und tat es im Grunde ihres Herzens gern, denn was wäre sie ohne die Kinder ge­wesen? Es war auch hier Geben und Nehmen Nehmen und Geben; wie alles im Leben.

Vorn klapperten die Schlüssel an der Eingangstür. Büchner kam. Großmutter ging zu ihm heraus.

Der Etntretende verbeugte sich höflich, formvollendet. Einen Augen­blick irritierte das Großmutter. Sie wünschte fast: wenn er doch ein ungebildeter Klotz wäre, dann wäre dieser Bittgang leichter gewesen, dann hätte sie gerade sprechen, hätte sie handeln können. Aber so: diesem feinnervigen, durch und durch gebildeten Manne gegenüber war sie befangen.

Dürfte ich Sie bitten, für ein paar Worte bei mir einzutreten, Herr Doktor Büchner?"

Ich stehe ganz zur Verfügung, Frau Gräfin."

Dann saßen sie sich gegenüber im kleinen Salon neben dem Eßzimmer. Auf den schweren Renaissance-Sesseln, die einst im Treutschen Schloß auf dem oberschlesischen Gut gestanden. Großmutter wieder steif auf der vordersten Kante; Büchner auch ausgerichtet, höflich, aber doch leichter, zeitgemäßer, die Knie übereinander, seitlich angelehnt. Sein Gesicht war ein wenig überwölkt; er wußte ja: jetzt gab es eine Auseinandersetzung wegen der Kündigung.Festbleiben , hatte er sich vorgenommen,fest­bleiben unter allen Umständen". Er wollte hier heraus, er mußte. Seinet­wegen. Und auch dieses klugen, schönen Mädels wegen, in dem wirklich ein Talent steckte. Ein Talent, das nicht in die Brüche gehen durfte, das er fördern wollte, aber nicht fördern konnte, wenn die Menschen um ihn und sie ein Gewäsch machten. Und dies Gewäsch war schon im Gange. Man pfiff heute auf Talente, die im Geruch einer Protektionswirtschaft standen, man suchte nach bodenständig Gewachsenem.Festbleiben also!

Die Gräfin wog ein paarmal den Kopf hin und her, ehe sie den Ansatz zu den ersten Worten fand:Sie wollen uns verlassen, Doktor Büchner, darf ich fragen: warum?"

Büchner hatte sich seine Antwort vorbereitet:Ich bin zu meinem Bedauern dazu gezwungen, -Frau Gräfin. Sie wissen, ich habe mich in Ihren Räumen sehr wohl gefühlt. Aber leider muß ich meine räumlichen Ansprüche erweitern. Mein« Stellung hat sich in letzter Zeit sehr aus­gewachsen und damit auch meine Verpflichtungen. Die dienstlichen und die gesellschaftlichen. Ich komme mit einem Wohnzimmer nicht mehr aus. 1 Ich brauche mehr Räume: für Bühnenzeichner, für Sekretärinnen, die ich stundenweise dicht bei mir haben muß, aber doch nicht im gleichen Arbeitsraum haben kann; ich muß auch Gäste bei mir sehen. Alles das verlangt eine andere Einteilung vier Zimmer zum mindesten." Er sprach schnell, aber er hatte genug Bühnenroutine, daß er dabei nicht eingelernt sprach, sondern überzeugend. Er hatte auch sein Gesicht im Zuge.

So glaubte ihm Großmutter Wort für Wort. Und so hatte sie auch schnell ihre Antwort zur Hand, aufatmend, befreit. Ein Hoffnungsschim­mer ging dabei über ihr Antlitz.Aber lieber Herr Büchner, wenn es das ist. Das können wir doch leicht lösen. Sie sind uns so ein lieber Gast, und wir haben doch Raum g«nug. Ich bitte Sie: Wann brauche , ich diesen Salon? Wann brauche ich das Eßzimmer? Einmal am Tag hier; zweimal dort. Und doch nur, weil die Räume da sind. Also wenn es Ihnen recht ist, stelle ich Ihnen die beiden Räume noch voll zur Ver­fügung."

Mit diesem Entgegenkommen hatte Büchner nicht gerechnet. Daß die alte Gräfin ihren Salon aufgeben würde, hatte er für möglich, ja für ' gewiß gehalten, aber auch das Eßzimmer? Er fühlte: jetzt war er in eine Sackgasse geraten.FestbleibenI" sagte er sich noch einmal. Und dann laut:Ich danke Ihnen sehr für Ihr Entgegenkommen, Frau Gräfin. Aber es geht so doch nicht. Einen Raum möchte ich mir büromäßig Her­richten. Und Ihre alten, schönen Möbel..."

Aber ich bitte Sie, das ist doch keine Schwierigkeit. Die Möbel kön­nen wir ja doch anderswo unterbringen."

Er sah sie an. Sah in das liebe, alte Gesicht, das ihm vertraut war und auf dem er nun die Zeichen der Angst las. Der Angst vor feiner Kündigung. Er kannte ja die Verhältnisse. Der Ausfall seiner Miete war hier ein Verhängnis, bis ein neuer Mieter gefunden. Es fiel ihm schwer, dies Festbleiben. Noch einen Ansatz machte er, laut und energisch.Auf keinen Fall, Frau Gräfin. Das kann ich nicht verlangen. Ich soll Sie aus Ihrer gewohnten Umgebung verdrängen. Ihnen Ihre Bequemlich­keiten rauben. Auf keinen Fall; unter keinen Umständen!"

Die alte Dame ließ sich nicht so schnell besiegen.Aber Sie verdrängen mich doch nicht. Und meine Bequemlichkeiten! Ich bitte Sie: Ich habe doch noch mein Boudoir. Und die Kinder haben ihre Zimmer. Sagen Sie mir nur Ihre Wünsche, ich richte alles ein." Hastig sprach sie, und Ulrich Büchner hörte es, fühlte den Unterton und deutete ihn richtig: Sorge Furcht Angst. Warm wurde ihm; wie peinlich war dies alles. Sollte er ehrlich sprechen, sagen: Es ist notwendig, Isas Weg erfordert «s! Würde dann die Lage aber nicht schief? Würde die Großmutter es begrei­fen? Und wenn sie mit der Enkeltochter sprach: würde die Ausbildung dann nicht völlig gehemmt sein? Isa war feinfühlig, sie würde sich falsche Gedanken machen. Nein, das ging nicht. Er war in einer Sackgasse. Rettungslos verfangen.

Er stand auf.Ich werde mir Ihren Vorschlag durch den Kopf gehen lassen; muh ihn durchdenken; mir kommt diese Lösung ganz unerwartet.

Es eilt ja auch alles nicht." Er verbeugte sich. Die Gräfin Treut,ch streckte ihm die Hand hin. Er küßte sie, neigte sich noch tiefer. Nur jetzt nicht ihr Gesicht sehen, nicht diese Sorgen ablesen müssen. Schnell wandte er sich und ging zur Tür.

Als er in den Vorderflur trat, stieß er auf Isa, die gerade aus der Stadt kam. Einen Augenblick standen sie sich stumm gegenüber. Jeder hatte an den anderen gedacht, ohne zu ahnen, wie nahe er war. Und nun war er da. Das verschlug die Worte.

Zuerst faßte sich Isa.Sie waren bei Großmutter, Doktor Büchner? Sie sprachen mit ihr? Sie bleiben bei uns?"

Er zögerte mit der Antwort.Ich weiß noch nicht, gnädiges Fräulein, wirklich, ich kann es noch nicht beurteilen." Und dann nach einer Pause, nach einem Blick in ihr Gesicht, das auch so voller Fragen, ängstlicher Fragen war:Aber es wird sich vielleicht machen lassen ja, es wird sich wohl machen lassen."

Dann war er fort, schnell. In sein Zimmer geflüchtet. Und Isa stand da und sah auf die Tür, die sich hinter ihm geschlossen hatte. Ein kleines Lächeln ging über ihr Gesicht. Sie eilte zur Großmutter.Ich glaube, er bleibt, Großi; ja, ich glaube, er bleibt."

*

Mit dem Abendbrot wartete man immer bei Roses auf den Vater. Wartete von sieben Uhr ab. Und oft bis neun. Die Köchin hielt in der Küche die Pfannen heiß, um in dem Augenblick, wo sie die bekannte Hupe hörte, das Fleisch in die eine, die Bratkartoffeln in die andere zu werfen. Das Hausmädchen wartete, um dem Herrn aus dem Pelz zu helfen Und auch Mutter Rose wartete. Sie saß mit der illustrierten Zeitschrift, die sie sich jeden Tag kaufte, in ihrem Salon unter der lila- beschirmten Stehlampe und sah sich geduldig die Bilder an, wenn es sein mußte, zehnmal. Bilder interessierten sie. Für Lesen war sie weniger zu haben. Und neue Bilder gab es jeden Tag: es war ja so gut in Berlin eingerichtet, daß jeden Wochentag mindestens eine frische Zeitschrift herauskam.

Auch Gerlie wartete. Oben in ihrem Jungmädelzimmer, das ganz hell und licht war. Tapeten in Pastelltönen und englischer Kreton. Sie wartete über Büchern, die ihr Studium waren. Und wartete gern. Sie wußte ja: der Vater war kein Tyrann. Nein, wirklich nicht. Er hatte nur den einen Wunsch: das gemeinsame Abendbrot.Einmal am Tag will ich doch wissen, daß ich Frau und Kind habe", sagte er. War's ihm zu verdenken bei der ewigen Arbeitshetze? Gestern Sitzung in Sachen der Schokoladenfabrik, heute ein Krach in der Großfleischerei, morgen eine Erweiterung des Weinlagers und übermorgen gab es irgend etwas mit den Stadtfilialen oder mit dem Auslandvertreter oder mit der Steuer oder mit einer Kommission. Immer war etwas los. Und dauerte statt bis sechs, bis acht ober neun. Vater deutete es ja nur an, wenn er wie immer sagte:Verzeiht, daß ich mich verspätete, aber ..." Er sprach nicht gern vorn Geschäft, wenn er endlich zu Hause war. Und Mutter hatte das Fragen aufgegeben, denn die Zeit, wo sie noch helfen konnte, war längst vorüber.

Damals, als Gertie geboren und als Grete getauft worden war, damals im Delikatessenladen in der Alten Jakobstraße, als Mutter noch hinterm Ladentisch stand und Vater die Engroseinkäufe noch selbst besorgt«. Damals, vor dem Kriege. Vorn der Laden und hinten drei Stuben und Küche. Und von sechs Uhr an fünfzig, sechzig Käufer im Geschäft, die alle von Mutter möglichst selbst bedient werden wollten. Das ging:Frau Rose, ist der Schinken auch nicht salzig?" Sind die Bücklinge auch frisch, Frau Rose?"Was raten Sie mir denn heute, Frau Rose? Rügenwalder meinen Sie, na, gut, dann geben Sie mir mal ein Viertel." Eine Goldgrube hatten die Leute das Geschäft genannt. Und doch wären Roses beinahe umgekippt. Vater hatte feinem Konservenlieferanten Geld geborgt, als der ihm von vorübergehenden Zahlungsschwierigkeiten erzählte. Viel Geld. Mehr als er eigentlich hatte. Und dann meldete der plötzlich Konkurs an und zog Rose saft mit in den Abgrund. Da hatte Mutter den erlösenden Gedanken gehabt:Kannst du die Sache nicht Übernehmen, Fritze?" Vater hatte zuerst nicht gewollt, aber es hatte leinen anderen Weg gegeben. Und dann war das Geschält größer und größer geworden: im" Krieg Heereskonserven, Heereslieferun- gen, die immer mehr anwuchsen, da Rose gut, pünktlich und billig war. Vater sah ein, daß Selbstproduzieren das Richtige war.

So kaufte er Fabriken an. Auch die Schokoladenfabrik, die Spiri­tuosenfabrik. Schneller ging das, als er selbst wollte. Aus dem einen Laden in der Alten Jakobstraße wurden zehn in allen Stadtteilen und aus den drei Zimmern mit Küche die Villa in Dahlem.

Gertie kannte Vaters Geschichte. Mutter hatte sie ihr ost genug erzählt. Er selbst nicht nein, er nicht; das lag ihm nicht, trotzdem er stolz auf seinen Aufstieg war. Und sein konnte, denn er hatte alles aus Eigenem geschaffen. Ohne Hinterwege.

Oft gingen (Berties Gedanken zurück in dies unbekannte Kindheit^ land. Dann blickte sie von ihren Büchern auf.Komisch, da stamme ich nun aus einem Wurschtladen", sie dachte richtig:Wurscht mit sch" und sitze hier über Lessing, Strinbberg und Wedekind.

Die Hupe ertönte. Gertie schlug die Minna von Barnhelm zu und lief die Treppe hinunter. Vater stand schon in der Halle, klein, rundlich- Der Cut, den er jetzt fast immer trug, klaffte ein wenig. Vater gern gut, trotzdem es der Arzt verbot. Wenn der mahnte, sagte er:Ach, Herr Sanitätsrat, bei meinem Beruf ..."

Sie gaben sich nicht nur die Hand, sie umarmten sich.

Guten Abend, Batt', endlich frei? (Babs wieder soviel zu tun?' Guten Abend, mein Mädelchen. Hast du einen schönen Tag gehabt?

Dann kam auch Mutter hinzu, trat durch die dicken Portieren, die ihren Salon von der Halle trennten.Guten Abend, Fritz. Nun wollen wir aber eflen.

(Fortsetzung folgt.) __

Verantwortlich: vr. Hans Thyriot. - Druck und Verlag: VrÜhl'fche UniversitätS-Duch- und Steindruckerei. JL Lange, Gieb-n.