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IV.
aufgefommen und ist um 1400 in Frankreich bereits gang und gäbe, wie die Chronik Froissards beweist, der zunächst noch ganz mittelalterliche Zeitangabe macht, aber seit 1389 zur neuen Stundenbezeichnung übergeht. Diese Rechnung der Stunden von Mitternacht und Mittag ist dann langsam in der ganzen zivilisierten Welt alleinherrschend geworden. Eine Jahrtausende umfassende Entwicklung war damit zum Abschluß gebracht. Der Volltag mit 12 Doppelstunden, von den Babyloniern geschaffen, von den Chinesen bis heute gepflegt, hatte gesiegt; die veränderliche antike Stunde, heute noch bei Persern und Arabern in Brauch, war unterlegen, und die stets gleiche moderne Stunde, ein Symbol der neuen exakten Zeit, hatte triumphiert.
Oer verhexte Bart.
Die Geschichte einer Wanderanekdote.
Bon Carl Graf Klinckowstroem.
I.
Im ersten Bändchen eines alten Anekdotenbuches mit dem umständlichen Titel „Historisch-literarisches Anekdoten- und Exempelbuch. Karikaturistische Züge von Witz und Aberwitz, Klugheit und Torheit, Tugend und Laster; aus dem Leben gelehrter und ungelehrter, berühmter und berüchtigter Menschen ...", Ulm 1824, findet sich eine Anekdote „Die Zwillinge", in welcher kurz die folgende Geschichte erzählt wird.
Da lebten einst in Frankreich als Rittmeister bei einem Chevauxlegers- Regiment zwei Zwillingsbrüder, der Graf L. und der Graf A., die sich zum Verwechseln ähnlich sahen. Sie hatten auch die gleiche Stimme, den gleichen Gang und die gleiche Haltung. Diese vollkommene Aehnlichkeit soll sogar die zugehörigen Ehegattinnen zuweilen in die größte Verlegenheit gebracht haben. Der Graf L. lieh nun einmal einen Bardier rufen, um sich rasieren zu lassen. Nachdem dieser den Bart auf der einen Seite des Gesichtes abgenommen hatte, verließ der Graf unter einem Vorwande das Zimmer. Im Nebenraume wartete schon der Bruder. Schnell schlüpfte dieser in des Hausherrn Schlafrock, band sich die Serviette um den Hals und fetzte sich dann in den Stuhl, den fein Bruder verlaßen hatte. Der Barbier schickte sich an, den Bart nun auch auf der anderen Seite abzunehmen; wie erschrak er aber, als er die Stoppeln unversehrt wieder stehen sah, die er doch vor einer Minute erst sorgfältig entfernt hatte! Er zweifelte keinen Augenblick, daß er einen böfen Dämon vor sich habe und fiel mit einem Schreckensschrei ohnmächtig zu Boden. Während man damit beschäftigt war, den schwachnervigen Barbier wieder zu sich zu bringen, nahm L., halb rasiert, wieder seinen alten Platz ein. Ein neues Wunder für den verdatterten Bader! Er wußte nicht, ob er träumte ober wachte und konnte den Sachverhalt erst begreifen, als er die beiden Brüder nebeneinander sah. Run beruhigte sich der gute Mann und vermochte sein Geschäft glücklich zu Ende zu führen.
II.
Als der Professor Piccard seinen waghalsigen Stratospharenflug glücklich ausgeführt hatte, da waren Anfang Juni 1931 die Zeitungen voll von allerhand Anekdoten über ihn. Auch von seinem Zwillingsbruder Jean, der ihm gleicht wie ein Ei dem anderen, war dabei die Rede. Jn jüngeren Jahren trugen die beiden Brüder lange Locken und waren, als sie in München studierten, mit ihren in lange Radmäntel gehüllten hageren Riesengestalten sogar in Schwabing auffallende Figuren. Unser Professor ließ sich einmal rasieren und schärfte dabei dem Friseur ein, den Bart ja recht sorgfältig abzunehmen, da er sonst in einer halben Stunde wieder nachwachsen würde. Der Friseur lachte und tat seine Pflicht Wie erstaunte er aber, als nach Verlauf einer halben Stunde derselbe Kunde wiedererschien und mit Vorwürfen auf die wieder nachge- wachsenen Stoppeln wies. Diesmal war es der Bruder Jean.
III.
Im Juni 1931 erschien ein heiterer Geschichtenband v°n Georg v. d. G a b e l e n tz , „Das Teufelsei und andere drollige Geschichten . Darin findet sich eine kurze Erzählung „Der Teufel im Bart'', die als „luftige Anekdote" bezeichnet ist. Die höchst verwunderliche Geschichte wird so heißt es, noch heute von den Alten in dem Städtchen, in dem fie pafften ist, mit Heiterkeit erzählt. Da trat also einst ein ansehnlich gekleideter Reisender in den Barbierladen, dem Gasthof „Zum Schwan gegenüber, und verlangte gründlichst rasiert zu werden. Besonders gründlich, denn er habe den Teufel im Bart. Es komme vor, daß er bereits nach einer halben Stunde wieder aussehe wie ein Stachelschwein, wenn er nicht sehr sorgfältig rasiert werde. Der Barbier war ungläubig. Kurz und gut e wurde eine Wette von einem Taler abgeschlossen, den der Friseur opfern wollte, wenn dem Herrn am Nachmittag die kleinste Stoppel nach- gewachsen fei. Als es zum Zahlen kam, behauptete der Kund-er habe seine Börse vergessen, er wolle sie gleich im Gasthof gegenuber hölen Sehen. Das dauerte eine Weile, aber schließlich kam der Herr suruck And in der Tat, schon war sein Gesicht wieder mit abscheulichen Stoppeln bedeckt. Aergerlich läßt er sich noch einmal rasieren von dem verdutzten Friseur, beweinen Augen nicht traut und wohl °d-r ubel den verwetteten Taler herausrücken muß. Am Nachmittag beobachtet der Barb er d,e Abreise des merkwürdigen Kunden, der den T°ufel im Bart hatte und dieser winkt ihm freundlich durch das Fenster des Reisewagens zu und deutet dabei auf feine wohlrasierten Wangen. Den barbier wurmt die verlorene Wette — aber da schaut ja noch ein Herr mit ebenso wohl- rufierten Backen aus dem anderen Wagensenster heraus, der genau o vussieht! Das geht dem Barbier doch zu weit. Sieht -r doppelt Wie der Wagen abfährt, stürzt er sogleich fjinuber und fragt benJffiirt,_ roer der Herr fei ber soeben abgereift ist. Das waren zwei $ei;ren, ert. der Wirt. Zwillingsbrüder. „Zwei? Da soll sie boch alle betbe ber unb
Ä Den Literarhistoriker, ber den Motiven 'M literarischen Schaffen der Dichter nachspürt interessiert auch die Anekdote. Er sP'-ß- auf wie -'nen Schmetterling unb untersucht ihre Herkunft ihre Wanderungen und Abwandlungen. Die Anekdote beansprucht ja nicht als geschicht.iche IM
heit genommen zu werben, aber sie ist oft für die Persönlichkeit, von ber fie erzählt wirb, kennzeichnenber in ihrer treffenben Kürze als eine lange charakterologische Schilderung bes Betreffenden. Die Anekbote ist sozusagen literarisches Gemeingut. Ungerechtfertigt ist es aber, eine persönliche Anekbote von ber einen Person, für bie sie charakteristisch ist, auf eine anbere Person zu übertragen, wie bas z. B. mit einer solchen, die von dem bekannten Bankier Fürstenberg erzählt wirb, geschehen ist, bie auf einen ebenso bekannten Münchener Schauspieler umgemünzt worben ist.
Zwei wollen zum Theater.
Roman von Hans-Caspar von Zabeltitz.
Copyright 1930 by Carl Duncker-Verlag, Berlin.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Einmal atmete Isa tief ein. Peter! Der sah wohl noch im „Union". Ober mit seinen Freunben in irgenbeinem Weinrestaurant unb ließ sich eintaben. Der arme Peter! Seine Speisefolge sah heute sicher anbers aus als hier. Es war ja eigentlich so gleichgültig. Nur immer roieber berfelbe Tisch: Die Butterbose, bie Brotscheiben, bie Wurstzipfel. Immer roieber. Abenb für Abenb. Hart war bas boch.
Sie saßen. Großmutter legte sich vor. Unb nun war bas Wunbern, wie schon so oft, bei Isa: Großmutters Hände teilten Brot unb Wurst, als ob es Delikatessen wären, fie hielten Messer unb Gabel wie bei einem Diner. Streng ausgerichtet saß sie auf ber vorbersten Kante ihres Stuhls; ben Kopf stolz auf steifem Genick. Isa bachte an ihre Worte: „Man muß in jeher Lage die Form wahren, Kind. Berlierst du die gute Form, verlierst du dich selbst."
Auch Isa aß. Schnell, unlustig. Sie sah zur Großmutter. In deren Gesicht lagen fremde Falten. War etwas geschehen? Sie versuchte ein Gespräch in Gang zu bringen. Großmutter antwortete kaum. So fragte sie: „Was ist, Großi? Du bist so stumm?"
Die alte Dame blickte zu ihr hinüber. „Nachher, Kind. Du weißt, unangenehme Dinge bespricht man nicht bei Tisch, wo jeden Augenblick die Domestiken eintreten könnten."
Fast mußte Isa lächeln: Die Domestiken — bas war Minna, Minna Petkus, mit fünfunddreißig Mark Lohn im Monat, siebzehn Jahre, unb eigentlich nur für die Vorderzimmer zur Verfügung. Isa hätte fast gelächelt, wenn es nicht so ernst gewesen wäre, so bitter. Unb wenn ihr Großmutter nicht so leib getan hätte mit ihren Sorgenfalten in ber Stirn.
Schweigsam ging bas Essen zu Enbe.
„Willst bu noch Obst, Kind?"
„Nein, danke." Isa wußte ja: eine Apfelsine tag in ber Schale.
„Dann kommst bu wohl einen Augenblick mit in mein Zimmer? Nein, nicht nach vorn. Ins Schlafzimmer. Ich möchte bort mit dir etwas besprechen."
Wieder ging es ben Flur hinab. Eine Tür weiter biesmal. In einem gleich schmalen Raum mit einer ebenso verschossenen Tapete und ebenso abgebrauchten Möbeln. „Was gibt’s denn, Großi?" Ganz weich fragte es Isa.
Die Gräfin setzte sich auf ben Rohrstuhl an ihrem Bett. Sie nestelte aus ihrem Kleid einen Brief hervor. „Da, lies."
Sofort erkannte Jfa die Handschrift: Büchner. Sie überflog die Zeilen: er kündigte bie Vorderzimmer.
Ein Schreck burchfuhr Isa. Sie wußte, bas war eine Katastrophe. Büchner zahlte einen guten Preis. Unb Zimmer waren jetzt überall jn Berlin zu haben, bessere als bie ba vorn: brei Treppen ohne Fahrstuhl, ohne Zentralheizung, im alten Westen. Wer mietet noch so?
„Was soll nun werben, Isa?"
„Ich weiß nicht." Ihr Kops sank nach vorn.
„Du mußt mit ihm sprechen; er muß bei uns wohnen bleiben."
Isa schloß bie Augen. Sie mit ihm sprechen! Sie ihn bitten! Ihn — Büchner. Nein, nur bas nicht.
„Ich kann nicht, Großi." Unb bann noch einmal: „Ich kann nicht." „Warum nicht ...?"
Isa suchte nach Worten. Sie konnte boch nicht sagen, daß sie sich vor ihm fürchtete. Vor einer Zwiesprache mit ihm. Daß sie sich scheute.
Großmutter hätte nur wieder gefragt: „Warum? Und sie hätte keine
Antwort gewußt. Endlich kam ihr ein Gedanke. „Er ist doch mein
Lehrer."
„Gerade deshalb sollst du ja mit ihm sprechen."
„Aber, Großi, mein Lehrer. Heute hat er mir bie Schlußaufgabe gestellt. Wenn ich nun zu ihm betteln gehen muß. Von ihm hängt jetzt alles ab. Er barf mich nicht weich, nicht gebrückt sehen. Dann erhält er einen ganz falschen Einbruck von mir. Das prägt sich ein. Ich kann bann nicht mehr frei vor ihm sprechen. Es geht nicht. Es geht nicht."
StA war es im Zimmer. Nur ber Atem ber beiden Frauen ging. Dann sagte die Weißhaarige: „Willst du nicht all die Schwierigkeiten endlich lösen, Isa?"
„Ich versteh' dich nicht, Großi!"
Wieder war eine Pause. Dann fiel schwer ein Wort aus dem Munde ber Großmutter, schwer unb hallenb: „Leo!"
Da stürzte Isa auf bie Knie, barg ihren Kopf in ber Alten Schoß. „Nein — nein — nein! Nur bas nicht. Ich kann nicht. Ich kann nicht." lieber bas blonde Haar glitt streichelnd eine alte Hand. „O, ihr Jungen. Immer nur: ich kann nicht. Werbet erst einmal alt, bann werdet ihr begreifen, daß man alles kann. Gewiß, es ist oft nicht leicht. Aber wenn man will, geht alles. Auch das Schwerste." Wieder streichelte sie die Hand. „Steh auf, Kind. Geh schlafen. Ich werde mit Doktor Büchner sprechen. Geh, geh."
Isa stand auf. „Sei nicht böse, Großi!"
„Nein — nein. Es ist schon gut. Geh schlafen. Gute Nacht."
Ganz still stand die Gräfin Treutsch, als sie allein war. Ganz still. Ganz aufgerichtet. „So werde ich bitten gehen. Betteln." Sie sagte es laut vor sich hin. *


