Diesmal kam eine jüngere Dame den Weg entlang, hübsch hell gekleidet und von heiterem Aussehen. Sie sah unser Paket, bückte sich un- bcsangen und hob es aus, ziemlich dicht bis vor ihre Augen, wahrscheinlich war sie kurzsichtig. Ich zog, und das Paket sprang ihr aus der Hand. Die Dams stieß einen Schrei aus und lief davon, ohne sich auch nur ein einziges Mal umzusehen. , ,
Unten hallten wieder Schritte, ach, das war em Tag nach dem Herzen Gottes! Wir verhielten uns beide, als der Herannahende deutlich in unser Blickfeld geriet, ziemlich ruhig und etwas betroffen, denn diese Erscheinung wirkte ganz anders auf uns als die vorangegangenen, und ich dachte schon daran, das Paket lieber rasch heraufzuziehen. Das konnte uns niemand verbieten, einen Gegenstand an einem Faden zum Fenster heraufzuziehen, nur fo ... einfach, weil wir grade einen Faden hatten — aber ich tot es nicht und ließ dem Schicksal seinen Lauf, obgleich Anm nachdenkliche Beachtung der Lage zeigte und etwas wie heimliche Besorgnis. ,
, Nur Mut", flüsterte sie, aber sie sagte es deutlich auch sich selbst.
Inzwischen hatte sich der Herr unten genähert. Wir sahen einen weichen, eigentlich netten Hut, die Züge darunter zeigten sich heiter und glücklich. Das Alter dieses Mannes ließ sich schwer bestimmen, sein Gesicht, glatt rasiert und fein, gefiel uns wohl. Die Hände ruhten auf dem Rücken, er spazierte ohne Eile und ging ein klein wenig gebeugt.
Jetzt sah er unser Paket, und das Schreckliche geschah: Er berührte es weder mit dem Fuß noch hob er es auf, sondern er blieb stehen, wandte sich langsam nach oben, schaute uns an und lachte.
Das war furchtbar, und wir hingen beide am Fenster, wie geblendet durch diese klaren, klugen und eindringlichen Augen; keiner von uns brachte die Kraft auf, zurückzuspringen, es kam zu unerwartet und Pt°Unb nun geschah das Wunder, daß unten das Lachen anhielt, so daß ich plötzlich das Gefühl hatte, ein sehr netter Junge zu [ein. Anni funkelte hinab wie ein kleines, helles Tier, sonderbar aufmerksam und wach. Der Herr war etwas vom Haus zurückgetreten, um unbeschwerter zu uns beiden hinaufschauen zu können, und hatte jetzt unser Paket in der Hand. Mit der andern griff er in feine Westentasche, holte etwas hervor, das blinkte, schob es in die Spalte des Päckchens, er faltete es sorgfältig in das Papier ein, dann hob er es uns entgegen und rief:
„Jetzt zieht!"
Ehe wir es wagten, fetzte er sich wieder in Bewegung, winkte zuvor gütig zu uns empor, wobei er sogar seinen Hut ein wenig lüftete und ihn leicht und fröhlich fchwenkte. Er schritt ungemein freundlich davon. So freundlich habe ich im Leben niemals wieder jemanden davongehen sehen. r .,
Wie das Paket wieder zu uns emporgekommen ist, weiß ich nicht mehr, nur, daß es sehr rasch geschah. Wir schonten es oben eigentlich nicht besonders, und aus feiner Hülle sprang ein Markstück hervor, hüpfte klingend über den Boden und legte sich am runden Fuß von Tante Eukaresties Wäscheschrank nieder, blank, still und tatsächlich.
Anni holte es, und wir beschlossen, es zu teilen.
„Siehst du!" rief Anni.
Ich verstand sie sofort, die Welt war herrlich, und in Annis hellbraunen Augen unter dem blonden Haar stand strahlend die Zuversicht, daß nichts im Leben sich besser auszahlte als das Glück.
Die Geschichte der Stunde.
Ein Stück Kulturgeschichte des Alltags.
Von Dr. Paul Landau.
Wir betrachten gern das Alltägliche als das Selbstverständliche und sind gewohnt, die überkommenen Formen, in die der regelmäßige Ablauf unseres Daseins gestellt,ist, als etwas Gegebenes hinzunehmen, das uns kein Kopfzerbrechen macht. Daß der Tag 24 gleiche Stunden hat und daß es um 12 Uhr Mittag und um 24 Uhr Mitternacht ist, das gehört zu den gleichen „angeborenen" Vorstellungen unseres Lebens, und die Welt würde für uns beinahe auf den Kopf gestellt werden, wenn uns dies festgefügte Gerüst der lautlos hinfliehenden Zeit verrückt würde, wenn wir bald längere und bald kürzere Stunden hätten und unsere so glücklich geregelte Tageseinteilung ins Schwanken geriete. Und doch hat es Epochen gegeben, die in ganz anderer Weise die einzelnen Abschnitte des Tages und der Nacht kennzeichneten, hat es viele Jahrhunderte gedauert, bis sich allmählich unsere Art der Stundenzählung herausbildete. So unendlich verschieden das Tempo und der Rhythmus der damaligen Kultur von der unjrigen waren, so völlig anders waren die Akzente des Tages verteilt, und nur ganz allmählich ist aus vielgestaltigen Versuchen unsere moderne Stunde geboren worden.
Die Völker des Altertums hatten nach dem Vorgänge der großen Slftronomen der Antike, der Babylonier und Aegypter, den Tag in zwei Perioden eingeteilt, den Lichttag von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, und die Nacht von Untergang bis Aufgang; jede dieser Perioden hatte 12 Stunden, die natürlich ungleich [ein mußten, da ja Tag und Nacht nur zweimal im Jahre gleich sind. Daneben gab es im römischen Reich eine Vierteilung von Tag und Nacht, die Horen, von denen die wichtigsten durch schallende Trompetensignale verkündigt wurden und dem gemeinen Mann als Zeitangaben dienten. Das Christentum übernahm diese heidnisch-weltliche Einteilung, die Tag und Nacht durch den den Morgen verkündeten Hahnenschrei, durch Morgen und Abend, durch die dritte, sechste, neunte Stunde (Terz, Sext, None) in ungleich große Abschnitte zerlegte, und wandelte sie dadurch in kirchlich-religiöse um, daß auf diese Zeitpunkte regelmäßig wiederkehrende Gebete gelegt wurden. Die Kirche, von der alle Bildung, alles Sein und alle Regel im Mittelalter ausging, bestimmte die Zeit durch den ehernen Klang ihrer Glocken, die nicht nur zum Gottesdienst riefen, sondern zugleich Ordnung in das bürgerliche Leben brachten. Wie die im Altertum bekannten Uhren bald für die Allgemeinheit ins Dunkel der Vergessenheit tauchten und nur in Kirchen, Klöstern von hohen Geistlichen benutzt wurden, so wurde auch die vollständige Reihe der 12 Tag- und 12 Nachtstunden mit dem Ver
schwinden antiker Bildung völlig in den Hintergrund gedrängt. Durch sieben Glockensignale machte die Kirche die sieben Horen bekannt: die Matutin im brittenn Viertel der Nacht, die Prima
mit Sonnenausgang, die Tertia in der Mitte des Vormittags, die Sexta zu Mittag, die Nona in der Mitte des Nachmittags, die Vesper eine Stunde vor Sonnenuntergang und das Completorium am Tages« [chluß. Damit waren dem Menschen des Mittelalters die Einschnitte seines täglichen Lebens gegeben, aus denen er zugleich mit einem frommen Aufblick zum Himmel im Gebet die Ordnung feines Tages erkennen konnte.
Als aber dann in den aufblühenden Städten ein tätiges Bürgertum weltlichen Handel und Wandel mehr und mehr förderte, als man den Wert einer genaueren Zeitangabe, einer größeren Pünktlichkeit zu schätzen anfing und ein geordnetes regelmäßiges 3neinanöergreifen aller Faktoren zur Grundbedingung der städtischen Organisation und ihres Gedeihens wurde, da genügten die Horen nicht mehr. Man griff auf die antike Stundeneinteilung; doch Sonnenuhr und Schattenweifer waren nur unvollkommene Zeitmesser. Noch weniger war es ausreichend, wie man dies wohl bisher getan, die Tageszeit nach der Länge des menschlichen Schattens zu bestimmen. Die wirtschaftliche Lage des Bürgertums im 15. Jahrhundert forderte eine neue Zeiteinteilung, und so entstand die moderne Stunde, deren Einführung durch den Gebrauch von Schlaguhren bedingt wurde.
Waren die Klosteruhren des Mittelalters ganz nach antikem Muster gefertigt, so treten feit dem 14. Jahrhundert moderne Rader- und Ge- wichtsuhren auf; aber sie waren noch stumm, während die Glockenfignale die Bevölkerung der mittelalterlichen Städte daran gewöhnt hatten, sich durch solche Zeichen zur Arbeit und zum Abendschoppen, zur Ratsversammlung und zur Feuersbrunst, ja selbst zum Steuerzahlen rufen zu lassen. Die neuen Uhren konnten also erst Bedeutung gewinnen, wenn sie sprachen, und so ward denn die Schlaguhr geschaffen, zuerst noch als eine Glocke neben der Uhr, die von Menschenhand zum Tönen gebracht wurde, bald als Schlagwerk in der Uhr, ein echtes Erzeugnis eines mächtig erstarkten Bürgertums. Die ersten Schlaguhren wurden um die Mitte des 14. Jahrhunderts in Italien eingerichtet, die frühste in Mailand 1336, und dieser Neuerung folgte die Einführung der modernen, stets gleichen, unveränderlichen Stunde auf dem Fuße, denn wir finden die erste derartige Angabe aus dem Jahre 1339. Dem ewigen Schwanken in der Dauer der Stunde war ein Ende gemacht. Dann beginnt der Siegeszug der neuen Uhren und der neuen Tageseinteilung; einige Jahrzehnte später treten sie in den Hauptkulturländern diesseits der Alpen, in Deutschland, Frankreich den Niederlanden, England vereinzelt auf und werden im 15. Jahrhundert immer allgemeiner, jedoch noch in keiner einheitlichen Form, sondern in mannigfachen Besonderheiten.
Goethe hat sich in seiner „Italienischen Reise" ausführlich mit der „italienischen Uhr" beschäftigt, er gibt einen „Vergleichungskreis" zwischen deutschen und italienischen Zeiten und widmet dem „Stundenmaß der Italiener" in seinem Tagebuch eine besondere Betrachtung. Die Grfifiber der Schlaguhren haben eine eigene Stundenzählung ausgebildet, die bis in die neueste Zeit bei ihnen in Geltung war und großen Einfluß ausgeübt hat. Man begann die Berechnung mit dem Dunkelwerden und zählte von 1 bis 24 die Stunden durch. Als Beginn dieses neuen Stundentages wurhe eine halbe Stunde nach Sonnenaufgang festgesetzt. Den Grund dafür hat uns Goethe in feiner wundervoll anschaulichen Weise geschildert. „In einem Lande, wo man des Tages genießt, besonders aber bes Abends sich erfreut, ist es höchst bedeutend, wenn die Nacht einbricht. Dann hört die Arbeit auf, bann kehrt der Spaziergänger zurück, der Vater will feine Tochter wieder zu Hause sehen, der Tag hat ein Ende; doch was Tag sei, wissen wir Cimmerier kaum. In ewigem Nebel und Trübe ist es uns einerlei, ob es Tag oder Nacht ist; denn wie viel Zeit können wir uns unter freiem Himmel wahrhaft ergehen und ergötzen? Wie hier die Nacht eintritt, ist der Tag entschieden vorbei, der aus Abend und Morgen bestand; vierundzwanzig Stunden find verlebt, eine neue Rechnung geht an, die Glocken läuten, der Rosenkranz wird gebetet, mit brennender Lampe tritt die Magd in das Zimmer und spricht: „Felicissima notte*!"
Die italienische Uhr war auch in Deutschland weit verbreitet; sie wirkte als „böhmische" und „türkische" Uhr fort, nur daß die Türken die ersten 12 Stunden als Nacht-, und die zweiten 12 als Tagstunden bezeichneten. In Deutschland trat ihr als eine in weitem Umkreis verbreitete Eigentümlichkeit die „Nürnberger Uhr" zur Seite, die genau zwischen Tag- und Nachtstunden unterschied und auch an den natürlichen beweglichen Anfängen des Sonnenauf- und Unterganges festhielt, also ganz dem antiken Muster folgte, mit Ausnahme der „ungleichen Stunden", die sie natürlich nicht annehmen. Die Dauer der einzelnen Tagelängen war im voraus durch Ratsverordnungen fürs ganze Jahr festgesetzt, doch dursten die Tagesstunden bis Sonnenuntergang höchstens 16, die Nachtstunden bis Sonnenaufgang höchstens 12 betragen. Eine andere Merkwürdigkeit wies die Basler Uhr auf, die allen andern Städten um eine Stunde voraus war, ein eifersüchtig gehegtes, viel verspottetes Charakteristikum Bafels, dessen Entstehung die einen aus einem Wunder erklärten, durch das Gott die Stadt vor Verrat gerettet, andere darauf zurückführten, daß die geistlichen Herren während des Basier Konzils möglichst bald aus der Sitzung zum Effen kommen wollten. In Wahrheit ist diese Basler Eigenart daraus zu erklären, daß man mit „Ein Uhr" Mittag und Mitternacht bezeichnete und damit zu zählen begann. „ . .
Während die italienische Uhr, die als „ganze Uhr" bis 24 zählte, vielfach Anklang sand, erlitt sie bei ihrer Verpflanzung über dktz Alpen ttn Westen und Norden Deutschland, in Frankreich, England und Hollano früh eine wichtige Veränderung. Man gab den natürlichen, stets veränderlichen Anfangspunkt der antiken Stunden auf und behielt nur Die eigentlich unnötige Teilung in zwei Reihen von 12 Stunden bei, von De man erst in jüngster Zeit, besonders im Eisenbahnverkehr, sich frei 8“ machen beginnt. Zu zählen begann man mit Mitternacht. Das war Die „halbe Uhr", die den ganzen Zeiger von 1 bis 24 Stunden m 3t»ei Hälften teilte. Auch sie ist fchon mit der Einführung der Schlaguhren
* Gute Nacht!


